Ein Blog über Religion und Politik

W.H.Auden 100

Von 20. Februar 2007 um 01:26 Uhr

Isherwoodauden.jpg
Christopher Isherwood und WH Auden (rechts),1939
Foto: Carl Van Vechten

Der grosse Wystan Hugh Auden würde morgen 100 Jahre alt.

Aus “Sept. 1, 1939″:

All I have is a voice

To undo the folded lie,

The romantic lie in the brain

Of the sensual man-in-the-street

And the lie of Authority

Whose buildings grope the sky:

There is no such thing as the State

And no one exists alone;

Hunger allows no choice

To the citizen or the police;

We must love one another or die.

Defenceless under the night

Our world in stupor lies;

Yet, dotted everywhere,

Ironic points of light

Flash out wherever the Just

Exchange their messages:

May I, composed like them

Of Eros and of dust,

Beleaguered by the same

Negation and despair,

Show an affirming flame.

Kategorien: Dichtung
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Große Dichter sagen die Wahrheit, sehr häufig malgré eux. Ein bekanntes propagandistisches Gedicht von Auden (‘Spain 1937′) endet so:

    To-day the inevitable increase in the chances of death;
    the conscious acceptance of guilt in the face of murder*;
    to-day the expending of powers
    on the flat ephemeral pamphlet and the boring meeting.

    To-day the makeshift consolations; the shared cigarette;
    the cards in the candle-lit barn and the scraping concert,
    the masculine jokes; to-day the
    fumbled and unsatisfactory embrace before hurting.

    The stars are dead; the animals will not look;
    we are let alone with our day, and the time is short and
    history to the defeated
    may say Alas but cannot help or pardon.

    *Ursprünglich “the conscious acceptance of necessary murder”.

    Die Frage sei erlaubt: Auf wen oder was mag man heute Audens Hymne auf die kämpfende, mordende Linke im spanischen Bürgerkrieg beziehen?

    • 20. Februar 2007 um 14:20 Uhr
    • augs
  2. 2.

    Ein sehr schönes Gedicht, das eine andere Weltsicht als die vorhandene einfordert.
    Das ist der alte Traum von der Vereinigung, der gar nicht unrealistisch ist, im Gegenteil, die Menschheit entwickelt sich da hin, da kann man durchaus optimistisch sein.
    Bewegungen erzeugen Energie, und Energie erzeugt Wärme, und nur zu schnelle Bewegungen und Verschiebungen erzeugen Verbrennungen, und das Ergebnis sind dann traumatisierte Menschen, die mit geplatzten Trommelfeldern über Trümmerfelder laufen, oder japanische Obdachlose, die in überdimensionierten Pappkartons leben, um sich einen Rest an Privatsphäre zu erhalten.
    Wir wissen das.

    Aber neben dieser grundsätzlich richtigen Anschauung, die am humansten und vernünftigsten ist (und die auch im Westen zu wenig kultiviert wird), gibt es leider noch parallel existierende Zivilisationsgrade, die mit “unserer” Anschauung in Konflikt geraten.
    Gefahrenherde laufen heiss, wenn es einen Mangel an Gemeinsamkeiten unter den Beteiligten gibt, und eine Abkühlung der Gemüter über Kommunikation nicht mehr möglich ist.
    Solange das Gegenüber sich nicht zu einer akuten Bedrohung entwickelt, ist es deshalb gut, nach einer gemeinsamen Plattform zu suchen.
    Das schadet nicht.
    Aber wenn die beiden Basislager zu weit voneinander entfernt sind, und sich gegenseitig nur durch Atomraketen erreichen können, dann scheitert die Diplomatie an der Realität.

    Die kleinste Basis ist der Mensch, der Einzelne, so meinen viele, und ziehen daraus den falschen Schluss, dass Frieden nur von innen möglich ist.
    Aber jeder Mensch ist eingebettet in alles andere Existierende, und universelle Menschenrechte lassen sich nicht verlinken mit Ideologien, deren Lebensnerv in elitärem Nationalismus oder religiösem Fanatismus liegt.
    Auf die einfachen Mitglieder in der Hamas – meist nur sehr arme Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind – trifft das ganz sicher nicht zu.
    Es trifft auf die allerwenigsten Menschen zu, unabhängig von Glaube, Ethnie oder Bildungsstandard.
    Aber es trifft auf Taliban und iranische Mullahs zu, die ganze Völker in Zwangsjacken stecken, unter denen sie erstarren, schwitzen und leiden, unter denen sie nicht mehr frei atmen können.
    Ein einfaches Zuwarten reicht nicht aus, wenn drei Dutzend Verblendeter den Weltfrieden – oder als mindestes die Stabilität eines halben Kontinents – bedrohen.
    Ideologen, das sind nicht nur die “Anderen”, das sind auch wir selbst, mit unserem Anspruch auf universelle Menschenrechte.
    Aber können wir deshalb, nur um nicht dogmatisch zu wirken, auf ihre Ausbreitung verzichten wollen?

    Die Idee von “Parallelgesellschaften” bietet keinen Ausweg aus dem Dilemma, weil das keine gemeinsame Plattform schafft, weder im Inneren noch nach aussen, und hinter der Forderung nach Koexistenz steckt oft nur soziale Kälte und Gleichgültigkeit – oder Verzweiflung und Selbstbetrug.
    Solche geistigen Konstrukte sind wie russische Matroschken, diese bemalten Schachtelpuppen aus Holz.
    Wenn man versucht, einen inneren Kern zu finden, findet man stets das gleiche, und am Ende nur einen Hohlraum.
    In H. G. Wells´ “Zeitmaschine”, das wohl jeder in seiner Jugend gelesen hat, wird dieses Paradoxon sehr gut in Form der Eloys dargestellt.
    Auch Franz Werfel hat das Problem der Überzivilisierung in seinem Utopie-Roman “Stern der Ungeborenen” (geschrieben übrigens auch in den Dreissigern) gut herausgearbeitet.
    Eine Gesellschaft, deren Friedfertigkeit sich nur noch als äussere Etikette oder Nettiquette zeigt, aber nicht mehr beseelt ist von Leidenschaft, Hingabe und Liebe, kann nicht bestehen bleiben, und das westliche Modell ist wohl schon etwas angeschimmelt davon.
    Und genau das ist der Grund, warum viele Linke während des Kosovokonfliktes nur in abstrakten völkerrechtlichen Kategorien gedacht haben.

    Andererseits, was die reine Liberalität, die plumpe ökonomistische Globalisierung angeht:
    Wenn Werte nur noch kommerziell vermittelt und verstanden werden, dann wird die Rolltreppe im Kaufhaus schnell zum Fahrstuhl zum Schafott.

    Die Wahrheit, falls es so etwas gibt, liegt irgendwo dazwischen, oder besser: auf mehreren Ebenen gleichzeitig, und sie ist umzingelt von lauter ideellen Widersprüchen.

    Diese Widersprüche erzeugen ihrerseits Leid, und Menschen die glaubten, den inneren Frieden schon gefunden zu haben, werden daraus herausgerissen.
    Buddhisten finden sich dann in grotesken Träumen wieder, in einem futuristischen amerikanischen Sci-Fi-Thinktank mit Power-Point-Präsentationen und Strategie-Holos, und begegnen einem George Bush in Frauengestalt mit dem strengen Blick und den gelben Augen einer Schneeeule, und nehmen mit viel Überzeugungsarbeit erfogreich Einfluss auf die Kriegsstrategie, damit unnötiges Leid vermieden wird.
    Um solche Absurditäten und Beunruhigungen, nicht nur in einem selber, sondern in Millionen und Milliarden von Menschen, genügt das verbale Werfen von rosa Wattebäuschchen nicht mehr, und auch nicht die Unterstützung iranischer Oppositioneller, die einfach zu schwach sind, um das Regime in der noch verbleibenden Zeit zu stürzen.

    Erst wenn man eine ausreichend breite Plattform hat, kann man einen Zivilisationsprozess verfeinern, und deshalb debattieren wir in unseren Demokratien auch über die Höhe von sozialen Leistungen oder Walfangquoten.
    Wo diese Grundlage von vornherein fehlt, da muss man sie eben schaffen – solange man dazu noch in der Lage ist.
    Vielleicht ist dieses Denken nicht neu, und sogar primitiv (so etwa auf dem Niveau von Bauklötzchen stapeln) – aber mir fällt in der konkreten Situation einfach nichts Besseres ein.

    • 20. Februar 2007 um 17:07 Uhr
    • iceman
  3. 3.

    @ Iceman: Man muss sich klarmachen, dass dieses Gedicht als Reaktion auf den dt. Überfall auf Polen geschrieben wurde. Auden mag sich zeitweilig durch die Identifikation mit dem spanischen Widerstand in gefährliches Wasser begeben haben – dies hier ist die humanste Reaktion auf Barbarei, die ich mir vorstellen kann.

  4. 4.

    @ Jörg Lau
    Es ist doch völlig egal, vor welchem konkreten Hintergrund dieses wunderbare Gedicht geschrieben wurde.
    Dahinter steckt mehr als eine politische Anklageschrift.

    • 20. Februar 2007 um 18:59 Uhr
    • iceman
  5. Kommentar zum Thema

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