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Ägyptischer Blogger in Einzelhaft – aus Angst vor einem Mordanschlag

 

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Abdul Karim Nabil Suleiman, genannt Karim Amer

Die große ägyptische Wochenzeitung Al-Ahram nimmt sich des Falles von Karim Amer an. Der zu vier Jahren Haft verurteilte Blogger sitze derzeit in Einzelhaft, so das Blatt. Er habe dies selbst gewünscht, aus Angst davor, von einem Mitgefangenen ermordet zu werden.

Sein eigener Vater, ein streng gläubiger Salafist, hat seine Verurteilung begrüßt. Er habe „westliche Ansichten übernommen, die ihn von der Religion weggeführt haben“. Darum verdiene er „die schwerste Bestrafung als Atheist, der den Islam zurückgewiesen hat“. In anderen Worten: Dieser Vater möchte seinen Sohn tot sehen.

Nach Angaben von Al-Ahram ist der Fall vor allen Dingen von den lokalen Polizeibehörden in Alexandira, Karims Heimatstadt, vorangetrieben worden. Die staatlichen Sicherheitsorgane  hätten den Fall zuerst nur widerwillig an sich genommen. Es waren lokale Richter und Polizisten, die zu radikalem Vorgehen gegen den Blogger drängten.

Das Gericht handelte – so Karims Anwalt  Ahmed Seif El-Islam Hammad – im Gefühl, durch die Volksmeinung gedeckt zu sein. Eine Annahme, die sich im Gericht bestätigte. Dort waren fast ausschließlich empörte Gegner Karims anwesend, deren einzige Sorge die Höhe der Strafe war, selbst bevor der Angeklagte überhaupt für schuldig befunden worden war.

Al-Ahram zitiert einen Medizinstudenten der Al-Azhar – an der auch Karim studiert hatte -, der das Urteil viel zu gering findet und sich wünscht, das man an dem Blogger ein „Exempel statuiert“.

Fast ausschließlich Mitblogger sind es, die Karim Amer zur Seite springen und sich für ihn einsetzen. Die Intellektuellen und die großen Zeitungen befinden sich in einem Zustand der Angststarre. Das Gesetz, nach dem der Blogger verurteilt wurde, ist das gleiche, das auch immer wieder gegen Journalisten angewendet wurde.

Was die staatsnahe Al-Ahram nicht sagt, ist der wahre Grund für die Bestrafung Karims: Er hatte 2005 beschrieben, wie ein von Islamisten aufgehetzter Mob auf koptische Christen losging. Und er hatte sich nicht gescheut, die Brutalität und Inhumanität des anti-christlichen Mobs auf eine extremistische Islam-Auslegung zurückzuführen, die in Ägypten immer mehr Raum greift.

Indem der ägyptische Staat ihn bestraft, kann er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er kann kritische Stimmen aus dem liberalen Lager einschüchtern – und er kann sich dabei zugleich als Verteidiger des Islams aufspielen und vergessen machen, dass das Mubarak-Regime zur Zeit auch mit äußerster Härte gegen die Muslimbruderschaft vorgeht.
p.s.: Dies ist die Selbstdarstellung Karims auf seinem Blog, das immer noch online ist:

I am down to earth Law student; I look forward to help humanity against all form of discriminations. I am currently studying Law in Al Azhar University. I am looking forward to open up my own human rights activists Law firm, which will include other lawyers who share the same views. Our main goal is to defend the rights of Muslim and Arabic women against all form of discrimination and to stop violent crimes committed on a daily basis in these countries.

41 Kommentare

  1.   lebowski

    Kommt es mir nur so vor oder geht von den sogenannten arabischen „Verbündeten“ des Westens ein größere Gefahr aus als von den erklärten Feinden des Westens.
    Der Iran mag zwar eine aggressive anti-israelische und anti-westliche Rhetorik pflegen, aber die Iraner selber scheinen mir erheblich liberaler und zivilisierter zu sein, als die sunnitischen Araber. Die Tatsache, dass sogar der Vater dieses Bloggers eine harte Strafe für seinen Sohn forderte und dass das Urteil erst auf Drängen des lokalen Mobs zustande kam, spricht Bände.
    Ein weiterer „Verbündeter“ des Westens, Saudi-Arabien, ist der weltweit größte Sponsor des islamischen Terrors und auch der größte Sponsor der Islamisierung Europas.
    Vielleicht sollte wir mal überdenken, wer unsrer wirklichen Feinde sind.


  2. @ lebowski: Eine langfristige Nahostpolitik kann an Ihren Überlegungen nicht vorbei! Aber z. Zt. läuft das Gegenteil_ Aus einer naiven Demokratieverbreitungspolitikt falle wir zurück in einen Pseudo-Realismus, der sich mit lauter falschen Freunden arrangiert, deren Regime auf Unterdrückung jeder Opposition beruhen. Am Ende werden die Muslimbrüder in Ägypten davon profitieren – als einzige legitime Opposition. Und in Saudi-Arabien die Dschihadisten.

  3.   AM

    „Ein weiterer “Verbündeter” des Westens, Saudi-Arabien, ist der weltweit größte Sponsor des islamischen Terrors und auch der größte Sponsor der Islamisierung Europas.“
    So ist es. Auf wundersame Weise ist aber dieses Saudi-Arabien selbst nach 0911 behandelt worden wie ein rohes Ei. Der ganze Zorn ist auf andere Ziele gelenkt worden, auch wenn sie offensichtlich nichts mit den Tätern zu tun hatten, die mehrheitlich aus Saudi-Arabien und Ägypten stammten. Es bleibt ein Rätsel, wie diese großangelegte Betrugsoperation in einer Gesellschaft gelingen konnte, der doch dank der Meinungs- und Pressefreiheit alle Fakten zugänglich sein müssten. Ein Rätsel und ein Menetekel.


  4. Endlich einmal vernünftige Kommentare. Glückwunsch. Übrigens, die zitierte Tageszeitung Al Ahram ist für ihre antisemitische Hetze bekannt. 2002 wurde eine ganze Reportagereihe über jüdische Gebräuche publiziert. Dabei wurde behauptet, Juden würden zum Pessachfest das Blut nichtjüdischer Kinder trinken…??!

    Was nun Saudi-Arabien betrifft, kann ich mich AM nur anschließen.
    Im direkten Vergleich zum Iran, ist das Wahabitische Regime wirklich der „letzte Dreck“. Die Saudis waren und sind wesentlich gefährlicher als die Islamische Republik Iran. Jahrzehntelang förderte das saudische Königshaus weltweit die puritanisch, fundamentalistische , sunnitische Variante des Islams, aktiv unter dem Deckmantel der USA.Das was man heute unter dem abgegriffenen Samelbegriff Al-Queida summiert, ist das direkte Frankensteinprodukt dieser Bestrebungen.In Saudi-Arabien, gibt es auch keine jüdischen Parlamentsabgeordneten, die sich gegen eine sog. Holokaustkonferenz beschweren könnten, wie im Iran.
    Allerdings gibt es in Saudi-Arabien, in jdem Hotel die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Bettlektüre, in 34 Sprachen.
    Nein, ich habe nicht vor die Islamische Republik schön zu reden. Das dortige Regime hat genug Dreck am stecken….. Gäbe es allerdings nur 2 Staaten auf der Erde, Saudi-Arabien und den heutigen Iran, würde ich sicherlich den Iran als Wohnnort vorziehen. Gott sei Dank, gibt es mehr als nur diese beiden Staaten.

  5.   AM

    @ Ramon Schack
    „In Saudi-Arabien, gibt es auch keine jüdischen Parlamentsabgeordneten, die sich gegen eine sog. Holokaustkonferenz beschweren könnten, wie im Iran.“
    Gab es das tatsächlich im Iran, als Ahmedinedschad diese Holocaustkonferenz veranstaltet hat? Zunächst: Gibt es dort jüdische Abgeordnete? Mir war klar, dass es im Iran mehr zivile und (halb)demokratische Strukturen gibt als in Saudi-Arabien, aber das verblüfft mich dann doch.

  6.   iceman

    @ AM
    Zu Ihrer Frage:
    Im iranischen Parlament (Majlis-e-Shura = Islamische Konsultative Versammlung!) sitzen 290 Abgeordnete, davon sind 5 Sitze für religiöse Minderheiten reserviert.
    Darunter vermutlich kein einziger Jude, und wenn sich doch ein Alibimann findet, dürfte das kaum zu grossen Protesten führen.
    Die Proteste kommen von Studenten, und sonst von niemandem.


  7. AM, zu Ihrer Frage:
    Es gibt einen jüdischen Abgeordneten im iranischen Parlament.
    Natürlich ist er nicht repräsentativ für alle iranischen Juden.
    Anbei ein paar Informationen zu dem betreffenden Herren.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Maurice_Motamed

    Iceman

    Die Proteste kommen nicht nur von Studenten, sondern zunehmend auch von ethnischen und religiösen Minderheiten


  8. Anbei ein interessantes Interview ,zum Thema iranische Juden, bzw. den iranisch-israelischen Beziehungen, mit Prof.David Menashri.

    http://www.nahost-politik.de/iran/juden-1.htm

  9.   J.S.

    AM und Ramon Schack wollen also das Bin Laden in Saudi Arabien die macht übernimmt.
    Sehr Interessant!

  10.   iceman

    Je nach Schätzung gibt es im Iran ca. 11.000 bis 30.000 Juden.
    Bei einer Bevölkerung von 68 Millionen sind das maximal 0,04%.
    Bei einer Vertretung von einem Abgeordneten auf 290 Leute (0,34%) sind die Juden also mit einem Faktor von 8,5 überrepräsentiert.

    Ein echter Nachweis für die Judenfreundlichkeit des Iran, oder?