Ströme von Gift ?

Von 29. September 2007 um 23:59 Uhr

“Ströme von Gift” – ein nachdenklicher Artikel zum Thema Kommentarfreiheit im Internet von Heribert Seifert in der NZZ. Ausgangspunkst ist ein schäumender “islamkritischer” Kommentar, den ich hier hatte stehen lassen, weil er mich schockiert hatte. Dieser und andere Kommentare hatten mich bewegt, die Kritik der Islamkritik ernster zu nehmen. Etwas läuft da gewaltig schief, und die Frage ist, wie man scharfe, auch einmal betont polemische Kritik ermöglicht und zugleich das Abgleiten ind Stammtischdumpfheit und Hass verhindert.

Nicht nur wir hier haben das Problem, wie der Artikel zeigt:

Viele Zeitungen bieten auf ihren Online-Ausgaben dem Publikum die Möglichkeit an, Kommentare zu placieren. Oft sind diese Meinungen allerdings kaum durch argumentative Vernunft geleitet.

«Islam ist faschistisch. Wer meint, hierzulande zum Terror-Gott Allah beten zu müssen, sollte schleunigst das Land verlassen. Der islamische Terror-Gott Allah ist eine Geisteskrankheit, die zwangsläufig zu Unterdrückung, Steinigung, Terror, Gewalt usw. führt.» Dies schrieb ein Nutzer namens Claudius Valentin zu einem Kommentar des «Zeit»-Redaktors Jörg Lau zum Streit um den Bau einer Kölner Zentralmoschee. Eine ganze Seite lang wütete der aufgebrachte Islam-Gegner gegen die Muslime als die «neuen Nazis». Hier schrieb jemand mit Schaum vor dem Mund und einem ganzen Holzlager vor dem Kopf, überwältigt von rasendem Ausdruckszwang. Mit ein paar Mausklicks konnte er die Gelegenheit nutzen, seine Ansichten auf der Website des seriösen Hamburger Wochenblatts einem grossen Publikum bekanntzumachen. Autor Jörg Lau setzte darunter: «Ich lasse diesen Kommentar hier so stehen, aus dokumentarischen Gründen. Es soll nicht heissen, dass hier etwas geschönt wird.»

Ist es das, was Jürgen Habermas im Juni 2006 mit einer Fussnote im Manuskript seines Dresdner Vortrags über «Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft» gemeint hat?

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Kategorien: Debatte
Leser-Kommentare
  1. 18.

    Es gibt hier eine interessante Untersuchung:
    >>Zur Wahrnehmung des Islams und zur
    sozio-kulturellen Teilhabe der Muslime in Deutschland
    Projektleitung: Dirk Halm
    Essen 2006<<

    Hier heißt es in der Zusammenfassung:
    >>5.4 Zwischenfazit
    Der öffentliche Diskurs in Deutschland über den Islam vor und nach dem 11. September 2001 lässt sich wie folgt beschreiben: Der Islam wird sowohl in den Medien als auch im politischen Diskurs als eine andere, als eine fremde Religion empfunden. Die Behauptung “die Muslime sind anders“ ist ein häufig gebrauchter Modus der Auseinandersetzung mit dem Islam vor und nach dem 11. September. Oft wird eine semantische Verbindung zwischen
    Muslimen und Bedrohungsszenarien aufgebaut. Dies bezieht sich auf alle Diskurse und betrifft auch die Zeit vor dem 11. September. Die Angst vor dem Islam wurzelt also nicht ausschließlich in den Anschlägen vom 11. September – Auch vor den Anschlägen sind islamphobe Tendenzen in den analysierten öffentlichen Diskursen nachweisbar.
    Auch das Bild der “muslimischen Terroristen“ existiert in der deutschen Öffentlichkeit längst vor dem 11. September. Aber das Bild der Muslime als Terroristen wird nach den Anschlägen zum am stärksten ausgeprägten Item überhaupt.
    Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wächst die Ablehnung des Islams in den öffentlichen Diskursen indessen deutlich. In den Medien wie in der Politik wird der Islam noch stärker als Gefahr empfunden als zuvor.
    Zugleich kann festgehalten werden, dass Politiker wie Medien auch für den Dialog mit dem Islam werben. Es existiert durchaus das Bild der Muslime als Opfer von Krieg, Terror oder Vernachlässigung durch die deutsche Gesellschaft und Politik. Dennoch ist – und dies gilt für die Berichterstattung im Spiegel noch in besonderem Maße – ein merkliches Durchschlagen der Ausgrenzung des Islams auf die Auseinandersetzung um das Zusammenleben mit den Muslimen in Deutschland und die Integration festzustellen. Insbesondere ist deutlich, dass weniger Selbstkritik an eigenen Versäumnissen bei der Zuwandererintegration geübt wird. Im Großen und Ganzen verbleibt die (wachsende) Bedrohungswahrnehmung des Islams im Kontext der Bedrohung durch den islamischen Terrorismus.
    http://kunde6.juli.bimetal.de/UserFiles/File/Endbericht.pdf

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    • 30. September 2007 um 19:14 Uhr
    • lebeding
  2. 19.

    “@ N.Neumann: Aber sicher bedeutet egalitär, daß ein abgegebener Kommentar auch veröffentlicht wird. Alles andere wäre Zensur.”

    Nein, dass jeder jeden anderen, wenn Sie so wollen: zensieren kann, ist egalitär.

    Jeden dazu zu verdammen, jede verdammte Meinung, die nicht die seine ist, zu veröffentlichen, ist schlicht bekloppt.

    Jeder ist in diesem unseren Lande glücklicherweise dazu verdammt, Meinungen, die ihm absolut nicht passen, auszuhalten. Man kann und sollte ihn jedoch nicht dazu zwingen, diese zu veröffentlichen.

    Was wäre das für eine Freiheit, die mir oder jeder x-beliebigen Zeitung auferlegen würde, in meinem Kommentarbereich zwingend die Meinung von Antisemiten, Islamisten, PIlern, Anhängern der Neuen Medizin, Nazis, radikalen Veganern, Linksextremisten, LaRouchies oder Volltrollen etc. zu veröffentlichen?

    Ausnahmen sind im Presserecht (Gegendarstellung) oder im Strafrecht (Volksverhetzung, Beleidigung) geregelt.

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    • 30. September 2007 um 19:15 Uhr
    • N. Neumann
  3. 20.

    @neumann

    zu den Lügen Wehners im Deutschlandradio kommt man auf der Site steinbergrecherche.com wo es auch einen Link zu dem Kommentar von Herrn Leusch gibt.

    @lebowski

    Heute ist in der Zeit in dem Artikel zur katholischen Kirche zu Lesen, wie durchgeknallte Deutsche einen Pfarrer (der einen Moschee befürwortenden Gottesdienst abgehalten hat) in gleicher Weise bedroht haben. Moslems haben kein Monopol darauf.
    Abgesehen davon ging es in den Karikaturem in Dänemark um Volkverhetzung. Da ist es nur natürlich, dass sich anständige Menschen mit sowas nicht verbrüdern. Die unanstämdigen haben ja dann auch mit dem auftauchen von Popetown gezeigt, was sie von der Meinungsfreiheit halten.

    @ricardo

    Richtiges Lesen verhindert manchmal Verstänislosigkeit. Seifert rät auch den Reportern kritische Kommentare als Anregung zur Überprüfung ihrer politische Korrektheit nicht zu ignorieren. Damit kann eigentlich nur die Nah-Ost-Berichterstattung sein, die in der NZZ weitaus ehrlicher ausgeübt wird.

    Ansonsten finde ich es recht putzig, wie sich manche gerade hier gerieren.

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    • 30. September 2007 um 19:51 Uhr
    • Erol Bulut
  4. 21.

    @N.Neumann: Niemand will hier irgendjemandem etwas auferlegen, schon gar nicht per Gesetz. Es ist aber ein Gebot der Glaubwürdigkeit, Kommentare innerhalb eines zivilisierten Rahmens grundsätzlich zu veröffentlichen. Natürlich kann eine Zeitung dies aus einsichtigen Gründen nicht leisten, aber im Online-Bereich kann und muß eine Gleichbehandlung aller Kommentatoren möglich sein. Daß Sie selbst das nicht aushalten zeigt eigentlich nur, daß Sie sich Redefreiheit vorstellen können nur für sich selbst bzw. Leute, die ähnlich denken wie Sie. Sie wollen festlegen, wann einer ein Spinner, Rechtsradikaler oder sonstwas ist. Das ist glatte Zensur, Euer Ehren.

    Antworten

    • 30. September 2007 um 20:00 Uhr
    • Riccardo
  5. 22.

    “@N.Neumann: Niemand will hier irgendjemandem etwas auferlegen, schon gar nicht per Gesetz. Es ist aber ein Gebot der Glaubwürdigkeit, Kommentare innerhalb eines zivilisierten Rahmens grundsätzlich zu veröffentlichen.”

    Was meinen Sie mit (in) zivilisiertem Rahmen? Die Plattform desjenigen, bei dem die Kommentare veröffentlicht werden oder die Kommentare selber?

    “Natürlich kann eine Zeitung dies aus einsichtigen Gründen nicht leisten, aber im Online-Bereich kann und muß eine Gleichbehandlung aller Kommentatoren möglich sein.”

    Muss überhaupt nicht. Es steht jedem Blogger, egal ob beruflich oder rein privat, vollkommen frei, die Kommentarfunktion auszuschalten oder Gäste, deren Kommentare ihm als unzivilisiert erscheinen, rauszuwerfen. Presserechtlich Verantwortliche oder deren Angestellte sind keine Richter, die jeden vor dem Gesetz gleich zu behandeln haben. Entsprechend sind auch die Folgen von Kommentieren/Nicht-Kommentieren vergleichsweise sehr gering.

    Und möglich kaum, weil weder ein Privatblogger noch ein bloggender Journalist den Aufwand betreiben können, den ein Gericht betreibt, wenn es die Forderungen oder Taten eines Klägers oder Beklagten beurteilt.

    Der Blogger ist eher vergleichbar mit einem Wirt, der im für ihn günstigen Fall vom Inhaber der Gastronomie für sein Bloggen bezahlt wird. Für die Gäste (nicht: Kläger oder Beklagte) ist alles frei haus.

    Und wenn dem Wirt die Reden eines Gastes vollkommen gegen den Strich gehen, dann ist es sein gutes Recht, ihm die Tür zu weisen. Dem Gast steht es sowieso völlig frei, eine andere Gastronomie aufzusuchen oder seine eigene zu eröffnen.

    “Daß Sie selbst das nicht aushalten zeigt eigentlich nur, daß Sie sich Redefreiheit vorstellen können nur für sich selbst bzw. Leute, die ähnlich denken wie Sie.”

    Lieber guter Mann, wenn ich mir Redefreiheit nur für mich und Leute, die politisch ähnlich denken wie ich, vorstellen (wollen) könnte, dann würde ich mich bestimmt nicht in diesem Kommentarbereich hier aufhalten. Jetzt kommen Sie mir bloß nicht und behaupten auch noch, dass ich in dieser Hinsicht nicht strapazierfähig sei, sonst fordere ich Genugtuung.

    “Sie wollen festlegen, wann einer ein Spinner, Rechtsradikaler oder sonstwas ist. Das ist glatte Zensur, Euer Ehren.”

    Und wenn ich das wirklich festlegen wollte, dann würde ich mein eigenes Blog aufmachen oder zumindest Jörg Lau Mails schreiben, in denen ich ihm konkrete Vorschläge unterbreiten würde, welche Gäste seines Blogs er vor die Tür setzen sollte.

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    • 30. September 2007 um 21:31 Uhr
    • N. Neumann
  6. 23.

    @Riccardo

    Die Medienmacher verstehen zu wenig von Psychologie und setzen in der Regel ihre schlechtesten Leute auf den Zensorstuhl. Das Ergebnis kann man überall sehen, wo am stärksten zensiert wird geht es den Leuten nur noch um Gegenpropaganda und darum die Leser auf andere Seiten umzulenken. Auch nehmen viele Leute (die teilweise sehr viel Zeit und Persönlichkeitsstörungen haben) Sperrungen und Löschungen sehr persönlich, so schaffen sich die Medien jede Menge unangenehmer und gefährlicher Feinde.

    So kommt es halt wenn man der Gier nach Page-Impressions und höheren Werbeeinnahmen nachgibt ohne selbst mehr Arbeit leisten zu wollen.

    Herrn Lau muss man in dieser Beziehung sehr loben, ihm geht es offenbar nicht nur darum hier seine Sachen abzuladen.

    Antworten

    • 30. September 2007 um 21:34 Uhr
    • Tuotrams
  7. 24.

    “@neumann

    zu den Lügen Wehners im Deutschlandradio kommt man auf der Site steinbergrecherche.com wo es auch einen Link zu dem Kommentar von Herrn Leusch gibt.”

    @Bulut

    Was kommt als nächstes? Der Vorschlag, doch mal den Blog von Matthias Bröckers oder das Muslim-Markt-Forum mit Kommentaren von Fritzfernando (oder wie er momentan heißt) zu besuchen?

    Antworten

    • 30. September 2007 um 21:49 Uhr
    • N. Neumann
  8. Kommentar zum Thema

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