Religionsfreiheit im Islam?
Jetzt muss es hier leider mal ein bisschen kompliziert und ausführlich zugehen. Aber sonst kommen wir ja auch nicht weiter…
Auf dem Orientalistentag hielt Patricia Crone aus Princeton den Hauptvortrag über “Islam and Religious Freedom”. Es war ein Erlebnis, die große Unruhestifterin der Islamwissenschaft dort zu erleben.
Crone geht darin den Deutungen nach, die der berühmte Koranvers “Kein Zwang in der Religion” (2:256) erfahren hat. Sie fragt, ob dieser Vers, wie es oft verstanden wird, einen Ansatz zur Versöhnung des Islam mit dem modernen Säkularismus bietet, ob er gar ein Fundament für ein islamisches Verständnis von Religionsfreiheit sein könnte.

Patricia Crone
Es gibt derzeit keine spannendere Frage für Orientalisten, und nicht nur für sie. Es ist die Frage, die allen Beunruhigungen über den Islam zugrunde liegt, wie sie sich in Moscheebaustreitigkeiten und Kopftuchdebatten manifestieren.
Crone verfolgt diese Frage durch das islamische Mittelalter bis zu der Debatte um die Regensburger Vorlesung des Papstes und der Antwort der 38 islamischen Theologen.
Die Vorlesung ist jetzt online abrufbar auf der Website des Orientalistentages.
So why is there so much fuss about this verse? Well, one reason is that it expresses a tolerant view that Westerners like to hear, so it is a good passage to dispel their prejudices about Islam with. But it is also a verse that you encounter in connection with the question whether Islam can coexist with a secular sphere: is Islam a belief system that you can combine with a any political order that you like — as long as they are religiously neutral? Or is it a religion that dictates its own political order? That’s a key issue today, and the “no compulsion” verse figures in the discussion.
Für die frühesten Exegeten, sagt Crone, war der Vers ein Problem: Sie lebten in einer politischen Gemeinschaft, die auf dem Islam aufgebaut war. Und für diese Gemeinschaft war der “kein-Zwang-Vers” ein Sprengsatz, weil er in der Konsequenz ihre Grundlagen gefährdete – wenn man ihn als Freibrief für das Individuum verstand, seine Religion frei zu wählen:
For if it is up to the individual to choose his own religion, then you can’t have a polity based on religion; if religion is a private matter, then the public space is secular, in the sense of based on some non-religious principle, such as territory or nationality, or whatever else a large number of people can feel they have in common. The exegetes lived in a polity based on Islam. Islam had created the public space they shared. For as you know, Islam had not grown up within a state, the way Christianity had; rather; it had created its own state. You obviously can’t have religious freedom in a community based on religion. You can’t have religious freedom in a church.
Was taten sie also, diese Exegeten? Sie entwickelten verschiedene Deutungen, nach denen dieser Vers “abrogiert” (abgeschafft, ersetzt) worden sei: er habe nur für die Frühzeit des Islam in Mekka gegolten, oder er habe sich nur auf Dhimmies (schutzbefohlene Juden, Christen, Zoroastrier) in Medina bezogen.
Dann kommen die Mutaziliten ins Spiel. Sie deuten den Vers neu im Sinn einer schlichten Feststellung: Gott zwingt niemanden zum Glauben. Glauben ist eine Sache zwischen dem einzelnen Menschen und seinem Gott.
Klingt gut? Heisst es aber auch, dass Menschen keinen Zwang in Sachen des Glaubens ausüben dürfen, wenn Gott selbst seine Macht so zurücknimmt?
Eben nicht, sagt Crone:
In short, in your inner self, your private interior, you are free vis-à-vis humans and God alike. But your external self was a different matter. You were free as a disembodied soul, not as an embodied social being. As a member of a human society you were subject to coercion in all kinds of ways. There was – still is– no way round that, in any society. And since the Muslim polity was based on religion, coercion had to be used in religious matters too. But that didn’t contradict the verse because the coercion was only applied to the external person: the inner person was free; there was no coercion in religion in the sense of inner conviction. So again, the verse was not contradicted by the duty to wage holy war or execute apostates. It was even compatible with forced conversion, which was allowed in the case of unbelievers who hadn’t become dhimmis yet or couldn’t become dhimmis, either because they were pagans rather than Christians, Jews or Zoroastrians or else because they were slaves. In fact, the Mu’tazilites said, forcing people to convert was actually a good thing, because sooner or later they or their children would acquire genuine faith: so you would have saved them from eternal hellfire.
Das ist eine erstaunliche Pointe der Mutaziliten-Deutung des Zwangs-Verses: Weil Gott keinen Zwang ausübt und es also eine religiöse Freiheit des inneren Menschen gibt, ist äußerer Zwang nicht nur nicht verwerflich, sondern geradezu geboten. Und das ist die Denkschule, auf der alle Hoffnungen der religiösen Modernisierer wie etwa Nasr Hamid Abu Zayd beruhen! Ernüchternd.
The big issue is Muslim society itself. The laws regulating modern Muslim states are mostly secular: should the civic sphere be wholly secularised? Can Muslims be fully integrated in secular societies in the West? In other words, should religion be something you have along with your citizenship rather than as part of it? And if yes, should this additional membership be wholly voluntary, so that Muslims would be free to convert to other religions, or to have no religion? … For to say that people are free to leave Islam is oficially to declare the public order to be secular, so that one could in principle be an atheist or a Buddhist or a Hindu along with being a full citizen of Egypt.
Davon sind wir ganz offenbar weit entfernt, wie etwa die Verurteilungen des ägyptischen Bloggers gezeigt hat, der halb wegen seiner Frechheiten gegenüber Präsident Mubarak und halb wegen seiner angeblichen “Apostasie” verurteilt wurde.
Aber Ägypten ist eh nicht unser Hauptproblem: Die Frage ist, ob sich die islamische Theologie auf die Situation des religiösen Pluralismus in den Ländern des Westens einstellen kann. Kann (und will) die islamische Theologie den Gläubigen eine Deutung des “kein-Zwang-Verses” an die Hand geben, die es ihnen ermöglicht, dauerhaft in einer säkularen Ordnung als eine religiöse Gruppe unter anderen zu leben – ohne den Anspruch, diese Ordnung zu transformieren oder sie in den Dienst der eigenen religiösen Agenda zu stellen. Dazu wäre es nötig, die Deutungen des Verses radikal zu historisieren, wie es Crone ansatzweise in ihrem brillanten Vortrag tut. Werden muslimische Denker ihr folgen? Skeptizismus ist angebracht:
We historians do not equate change with falsehood, but there is no way around the fact that we are secularisers: we are secularising history, because we separate the past we are studying from our own and other people’s modern convictions; we do not allow the past to be rewritten as mere support of these modern convictions. That’s a problem to all traditional believers, and perhaps Muslims more than most. Muslims tend not to have a problem with modern science: the Quran does not have a mythological account of the creation, it is not incompatible with any modern scientific views. But history is a different matter because the truths of Islam are tied to history. So whether they want to or not, historians also find themselves as actors in the debate whether, or to what extent, Islam should coexist with a secular sphere. Where will it all end? Well, there at least even the most modern of historians can give the most traditional of answers: God knows best.
@emcee
Glauben Sie bitte! Frei wie ein Vogel!
Ich möchte nicht, dass der ideologisch-politische Aspekt des Islam unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit propagiert wird. Sie tun das nicht, das weiss ich inzwischen. Sobald die Muslime als Religionsgemeinschaft verbindlich ansprechbar, kritisierbar und dialogfähig, also zumindest schon mal rechtlich in die Gesellschaft integriert sind (was auch Sie befürworten), kann ich mir ja ein differenziertes Bild machen und diejenigen Moscheen freudig begrüßen, in denen ein Glaube gelebt wird, der meinen atheistischen Bruder als Mensch mit dem gleichen Wert in der Gesellschaft (der einen Gesellschaft – keine Mehrheitsgesellschaft mehr!) wie den Muslim ansieht und das auch dann tun wird, wenn er in der Mehrheit ist. Ein islamischer Staat, in dem so ein Islam gelebt wird, würde ziemlich hilfreich sein. Ähnliches hat auch uns Katholiken sehr geholfen.
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“Mir ist übrigens neu, dass Vers 256 der Sura al-Baqara ein abrogierter Vers ist.” (emcee)
Mir nicht. Alle vier sunnitischen Schulen sind dieser Meinung. Schon immer. Die Schii ebenfalls. Nur einige Sekten (Ahmadi u.ä.) weichen hier ab.
Ibn Kathir (ich unterstelle, Sie wissen wer das ist) zu diesem Thema:
“But, this verse [2:256] is abrogated by the verse of ‘Fighting’: ‘You shall be called to fight against a people given to great warfare, then you shall fight them, or they shall surrender’ (sura 48:16). Allah also says: ‘O Prophet! Strive hard against the disbelieves and the hypocrites, and be harsh against them’ (9:73), and He says, ‘O you who believe! Fight those of the disbelievers who are close to you, and let them find harshness in you, and know that Allah is with those who are the Pious, (9:123).’ Quelle: Tafsir Ibn Kathir, S. 38
Ebenso Ibn al-Jawazi, al-Bagdadi, al-Zuhri, etc. pp. Siehe auch den Artikel “Naskh” (Abrogation) in der Encyclopaedia of Islam 2
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Scheiß Seite
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Hallo sehr schöne Seite mit viele Beiträgen .Der islam hat natürlich viele Facetten und auslegungen wie sie auch auf meiner seite http://www.kaufkiel.de und http://www.pinnwandvz.de nachlesen können.Die Frage ist einfach ob es weiterhin möglich sein wird diejenigen auszuschließen die einen radikalen Kurs einschlagen.
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DARF DAS SEIN!!!! http://antimensch.wordpress.com/2010/01/02/ich-bin-grad-lebensmude/
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http://www.akte-islam.de/3.html
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Was ist zu diesem Artikel zu sagen ?
Jede Menge!
Für einen Nichtmuslim klingt vieles einfach und zu logisch ,aber jemand der etwas in die Tiefe geht , sitzt da und fragt sich :Was die Leute bloss gestochen ?
Denn der Vers “Es gibt keinen Zwang im Glauben” bezieht sich laut den Offenbarungsgründen (arab. asab al nuzul)auf das in der islamischen Geschichte sehr berühmte Ereignis , dass die nichtmuslimischen Arabern, welche noch einem rudimentärem Glauben an den Monotheismus anhangen , dass immer wenn sie eine Epidemie ausbrach sie ihre Kinder zur jeweiligen Religion zu zwingen und dass sie zum Islam übertreten sollten , was der arabische Prophet verbot laut der Quelle von Martin Lings.
Auch der Sakulärismus/Laizismus ist auch wiederum mehreren Definitionsebenen unterworfen,der selbst in den europäischen Ländern verschieden interpretiert wird und in keinem europäischen Land entsprechend der sakulären Idee praktiziert wird.
Die Kirchensteuer wird als Beispiel vom Staat erhoben und gewährt der Kirche sowie der jüdischen Glaubensgemeinschaft einen “Staatsvertrag” an .
Aber die Muslime sollen erstmals den Sakulärismus akzeptieren, was eine Verschleierung der existierenden Verhältnisse im jüdisch-christlichen Abendland bedeutet, denn in dem man jene europäischen monotheistischen Religionen bevorzugt und andere monotheistische Religion (Islam) ausschliesst , da wackelt der Hund mit dem Schwanz und ist leider Extrem -Nonsens.
Weil man gerade den Islam in politische Sichtweisen zwängt , werden andere Aspekte des Islams bewusst oder unbewusst relativiert und dabei vergisst , dass meist eigentlich mehr unser Unwissen über den Islam schuld ist als der Islam selbst.
Ich sage dies , weil mich diese vereinfachenden Formeln und Denkweisen bezüglich der Islamwissenschaftler und deren ideologischen Handlanger
Die Offenbarungsgründe wurde auch in der späteren Zeit als Korankommentar gegen Missionierungsversuche seitens der christlichen Missionare ausgeweitet, was den pakistanischen-indischen Gelehrten Rahmatullah Kairnavi im 18. Jhrdt. unserer Zeitrechnung zur Provokation der Kolonialisten “Verrat an Christus” schrieben liess.
Man sollte sich gerade in unserer Zeit davor hüten sich eine andere Religion “zurecht zu biegen”,indem man ihnen die eigenen Wertvorstellungen “überbrät”, jene Vorstellungen nicht so verstehen wie wir es wünschen und dann sich wundert, dass jene dies ablehnen .
Wie würden wir reagieren und dies akzeptieren, wenn man uns so behandelt ?
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