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Der Papst über die Vernunft der Religion

 

Die italienischen Studenten haben den Papst nicht an der Universität La Sapienza sprechen lassen. Das war dumm. Was sie verpaßt haben, stand heute im Wortlaut in der WELT. Der Papst wollte eine Rede über Theologie und Philosophie halten, über den Wahrheitsanspruch der Religion und den der Wissenschaft, die „unvermischt und ungetrennt“ miteinander leben müssen.
Eine tolle Sache, so einen Papst zu haben, sage ich neidlos aus der Warte einer Kirche, die er nicht einmal als solche anerkennen mag (Evangelische sind nur „Religionsgemeinschaft“ für ihn).
Ein Ausschnitt:

„Thomas wirkte in einem privilegierten Zeitpunkt: Die philosophischen Schriften des Aristoteles waren erstmals in ihrer Ganzheit zugänglich geworden; die jüdischen und arabischen Philosophien als je eigene Anverwandlungen und Weiterführungen der griechischen Philosophie standen im Raum.
Das Christentum musste so in einem neuen Dialog mit der ihm begegnenden Vernunft der anderen um seine eigene Vernünftigkeit ringen. Die philosophische Fakultät, die als sogenannte Artisten-Fakultät bisher nur eine Vorschule für die Theologie gewesen war, wurde zur eigentlichen Fakultät, zum eigenständigen Partner der Theologie und des von ihr reflektierten Glaubens. Über das spannende Ringen, das sich dabei ergab, kann hier nicht gehandelt werden.
Ich würde sagen, dass die Vorstellung des heiligen Thomas über das Verhältnis von Philosophie und Theologie sich in der Formel ausdrücken lasse, die das Konzil von Chalzedon für die Christologie gefunden hatte: Philosophie und Theologie müssen zueinander im Verhältnis des „Unvermischt und Ungetrennt“ stehen. Unvermischt, das will sagen, dass jede der beiden ihre eigene Identität bewahren muss.
Die Philosophie muss wirklich Suche der Vernunft in ihrer Freiheit und ihrer eigenen Verantwortung bleiben; sie muss ihre Grenze und gerade so auch ihre eigene Größe und Weite sehen. Die Theologie muss dabei bleiben, dass sie aus einem Schatz von Erkenntnis schöpft, den sie nicht selbst erfunden hat und der ihr vorausbleibt, nie ganz von ihrem Bedenken eingeholt wird und gerade so das Denken immer neu auf den Weg bringt.
Mit diesem „Unvermischt“ gilt auch zugleich das „Ungetrennt“: Die Philosophie beginnt nicht immer neu vom Nullpunkt des einsam denkenden Subjekts her, sondern sie steht im großen Dialog der geschichtlichen Weisheit, die sie kritisch und zugleich hörbereit immer neu aufnimmt und weiterführt; sie darf sich aber auch nicht demgegenüber verschließen, was die Religionen und was besonders der christliche Glaube empfangen und der Menschheit als Wegweisung geschenkt haben.
Manches, was von Theologen im Laufe der Geschichte gesagt oder auch von kirchlicher Autorität praktiziert wurde, ist von der Geschichte falsifiziert worden und beschämt uns heute. Aber zugleich gilt, dass die Geschichte der Heiligen, die Geschichte der vom christlichen Glauben her gewachsenen Menschlichkeit diesen Glauben in seinem wesentlichen Kern verifiziert und damit auch zu einer Instanz für die öffentliche Vernunft macht.
Gewiss, vieles von dem, was Theologie und Glaube sagen, kann nur im Inneren des Glaubens angeeignet werden und darf daher nicht als Anspruch an diejenigen auftreten, denen dieser Glaube unzugänglich bleibt. Aber zugleich gilt, dass die Botschaft des christlichen Glaubens nie nur eine „compre- hensive religious doctrine“ im Sinn von Rawls ist, sondern eine reinigende Kraft für die Vernunft selbst, die ihr hilft, mehr sie selbst zu sein. Die christliche Botschaft sollte von ihrem Ursprung her immer Ermutigung zur Wahrheit und so eine Kraft gegen den Druck von Macht und Interessen sein.
Nun, ich habe bisher nur von der mittelalterlichen Universität gesprochen, dabei freilich versucht, das bleibende Wesen der Universität und ihres Auftrags durchscheinen zu lassen. In der Neuzeit haben sich neue Dimensionen des Wissens eröffnet, die in der Universität vor allem in zwei großen Bereichen zur Geltung kommen: in der Naturwissenschaft, die aus der Verbindung von Experiment und vorausgesetzter Rationalität der Materie sich gebildet hat; in den Geschichts- und Humanwissenschaften, in denen der Mensch sich im Spiegel seiner Geschichte und im Ausleuchten der Dimensionen seines Wesens besser zu verstehen sucht.
Bei dieser Entwicklung hat sich der Menschheit nicht nur ein ungeheures Maß von Wissen und Können erschlossen; auch Erkenntnis und Anerkenntnis von Menschenrechten und Menschenwürde sind gewachsen, und dafür können wir nur dankbar sein. Aber der Weg des Menschen ist nie einfach zu Ende, und die Gefahr des Absturzes in die Unmenschlichkeit nie einfach gebannt: Wie sehr erleben wir das im Panorama der gegenwärtigen Geschichte: Die Gefahr der westlichen Welt – um nur davon zu sprechen – ist es heute, dass der Mensch gerade angesichts der Größe seines Wissens und Könnens vor der Wahrheitsfrage kapituliert. Und das bedeutet zugleich, dass die Vernunft sich dann letztlich dem Druck der Interessen und der Frage der Nützlichkeit beugt, sie als letztes Kriterium anerkennen muss.“

69 Kommentare

  1.   Robert Peters-Gehrke

    Lieber Jörg Lau,

    ich weiß nicht, warum Sie als evangelischer Christ auf einmal auf uns Katholiken neidisch sind, weil wir angeblich so einen tollen Papst haben. Ich hätte sehr gerne einen anderen. Einen, der Homosexuelle nicht ausschließt, die Aids-Prävention in Afrika, Asien und Lateinamerika nicht behindert, das Frauenpriestertum zulässt, die Befreiungstheologie nicht knebelt, und den evangelischen Christen, also Ihnen, nicht immer wieder unter die Nase reibt, dass Ihre Kirche gar keine ist, weil es nur eine Kirche geben kann, und die ist katholisch. Worauf Sie da neidisch sind, weiß ich nicht. Vielleicht finden Sie den Mann einfach nur cool, weil er so intellektuell ist. Aber reicht das aus?

    Gruß
    Robert Peters-Gehrke


  2. @RPG
    Wieso gehen Sie nicht zuden Alt-Katholiken? Die bieten -soweit ich weiß- alles, was Sie fordern.

  3.   Robert Peters-Gehrke

    Wegen unserem Pfarrer. Das ist ein wunderbar charismatischer Mensch. Die Kirche ist voll, die Gemeinde lebendig, viele soziale Dinge werden angestoßen und durchgeführt. Mir persönlich ist das wesentlich wichtiger als die Kirchen-Chefetage, die mir suspekt bis schnuppe ist (und den meisten aktiven Katholiken, die ich kenne, auch).


  4. Der Protest gegen den Auftritt des Papstes ist ein Skandal und ein Schlag gegen die Meinungsfreiheit. Was für ein Jammer. Eine amerikanische Uni lässt Ahmadineschad auftreten und zeigt uns damit, was Meinungsfreiheit wirklich bedeuten kann, und eine italienische Uni mobbt den Papst raus. Europa macht sich klein.

    Der Inhalt des Textes spricht mich nicht an. Die Rolle, die der Papst der Theologie zuspricht, bleibt für mich mehr als nebulös.

  5.   Eipott

    @Lebowski
    Das kann ich nachvollziehen. Folgenden Satz des Papstes finde ich aber brillant und würde ihn jederzeit unterschreiben:

    „Die Gefahr der westlichen Welt – um nur davon zu sprechen – ist es heute, dass der Mensch gerade angesichts der Größe seines Wissens und Könnens vor der Wahrheitsfrage kapituliert. Und das bedeutet zugleich, dass die Vernunft sich dann letztlich dem Druck der Interessen und der Frage der Nützlichkeit beugt, sie als letztes Kriterium anerkennen muss.”

  6.   Joachim S.

    @ Eipott

    Zustimmung! Der zentrale und wichtigste Satz des Vortrags. Auch wenn ihn der Papst vermutlich anders meint als ich ihn interpretiere.

  7.   Robert Peters-Gehrke

    Liebe Leute!

    Einspruch. Ich kann das nicht mehr hören, dieses Insistieren auf dem Begriff Wahrheit – und wer hat dann diese Wahrheit? Der eigene Verein, die eigene Kirche, die anderen nicht, die müssen erst erleuchtet werden etc. Dieses Beharren auf dem Besitz der Wahrheit, den Religionen und Weltanschauungen demonstrieren, ist eine Quelle von Gewalt. Das ist traurig, denn Religion ist eine Angelegenheit großer Schönheit: die Pflege spirituellen Bewusstseins ohne genauer Kenntnis des Numinosen. Mönche und Mystiker verschiedener Richtungen meditieren und singen gemeinsam, die Priester streiten sich (und die Hohepriester des Atheismus und der Naturwissenschaft sind keinen Deut besser).

    Gruß
    Robert Peters-Gehrke

  8.   Joachim S.

    Natürlich meint der Papst die „Wahrheit“, die seine Kirche vertritt. Darin liegt auch der Dissenz zwischen ihm und meiner Wenigkeit, auf den ich hinzuweisen versucht habe.

    Ich beharre jedoch darauf, dass es eine ewig gültige und unwandelbare Wahrheit gibt. Man möge sie Gott nennen oder Dharma oder wie auch immer.
    Denn wenn es eine solche Wahrheit nicht gibt, und darauf weist der Papst ja ausdrücklich hin, wird alles beliebig und jegliche Ethik wird auf Macht-, Interessen- und Nützlichkeitserwägungen fußen. Das ist etwas, wo ich bestimmt nicht hin will, auch wenn einige hier (iceman) das mit Engelszungen als der Weisheit letzten Schluss verkünden.

  9.   Robert Peters-Gehrke

    Lieber Joachim,

    kann ich alles unterschreiben. Ohne Spiritualität geht der Mensch zugrunde. Das Problem ist halt, dass viele Religionen und -ismen denken, sie hätten „die“ Wahrheit endgültig identifiziert und müssten nun die anderen missionieren. Ich bin praktizierender katholischer Christ, aber ich fühle mich nicht besser oder klüger als andere Christen, Moslems, Hindus, Buddhisten, Aufklärer etc. Das Wahrheits-Gerede der katholischen (und auch protestantischen) Hierarchie finde ich gruselig.

    Gruß
    Robert Peters-Gehrke

  10.   Sebastian Ryll

    Der Text macht nochmal klar, daß Jesus im Grab nicht gleich Schrödingers Katze in der Black Box ist.
    Ganz banal anspruchsvoll.