Ein Blog über Religion und Politik

Eine Komödie über den Afghanistankrieg

Von 30. Januar 2008 um 17:46 Uhr

Aus meiner Rezension des neuen Films “Der Krieg des Charlie Wilson”:

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“Diese drei Personen, in denen sich Lebenslust, Sendungsbewusstsein und laxe Sitten auf vitale und politisch folgenreiche Weise mischen, werden die Weltgeschichte verändern. Wenn ihr Ränkespiel vollendet ist, wird das Budget der US-Regierung für geheime Operationen in Afghanistan von 5 Millionen Dollar auf eine Milliarde gestiegen sein. Tausende Flugabwehrraketen werden auf geheimen Wegen an den Hindukusch gelangt sein. Die allmächtige Sowjetarmee sieht sich schließlich gedemütigt durch eine Horde frommer Bauern mit seltsamen Wollmützen, die zwar keine Panzer und Düsenjäger haben, aber einen unbeugsamen Glauben – und natürlich besitzen sie die neuesten Stinger- und Milan-Raketen, mit einem schönen Gruß von Charlie Wilson und dem Kongressunterausschuss für geheime Operationen.

Wir sehen den Triumph der drei Verschwörer, als die Russen 1988 gedemütigt aus Afghanistan abziehen. Doch der Jubel der Kalten Krieger klingt hohl, weil wir schon wissen, dass die asymmetrische Form der Kriegsführung, die die Mudschahedin gegen die Russen entwickelt haben, sich heute gegen den Westen richtet, vor allem in Afghanistan und im Irak. Ein junger Mann namens Osama Bin Laden war unter jenen, die durch Charlie Wilsons Schule gingen. Das vom Westen nach dem Abzug der Russen fallen gelassene Afghanistan wurde ihm zum Rückzugsraum.

Das Großartige an diesem Film ist, dass er sich dennoch nicht in rückwärtsgewandter Besserwisserei ergeht. Die Kalten Krieger, die hier die Strippen ziehen, sind keine antiamerikanischen Abziehbilder. Charlie, Joanne und Gust sind alles andere als böse Imperialisten. Es geht ihnen nicht um die amerikanische Macht per se – wie später den Neocons, die sie beerben.

Die drei Akteure gehören zur untergegangenen Spezies der cold war liberals, der Antikommunisten aus dem Lager der Demokraten, die aus genuinem Freiheitssinn für eine harte Haltung gegen das Sowjetimperium waren. Kongressmann Charlie Wilson fand es unerträglich, dem Gemetzel der sowjetischen Armee an afghanischen Zivilisten zuzuschauen. Hatte er damit etwa nicht recht? Hätte man dabei zusehen sollen? Der historische Wilson war immer dagegen, das Land einfach den Warlords zu überlassen, nachdem die Sowjets abgezogen waren. Man hat ihn nicht gehört.

Mike Nichols bricht nicht den Stab über ihn, und Tom Hanks’ wunderbare Leichtigkeit macht es uns schwer, uns über Wilson zu erheben. Das ist gut so: Denn die Bush-Regierung hat es der Welt allzu leicht gemacht, sich in der Opposition gegen die amerikanische Politik auf der sicheren Seite einzurichten. Charlie Wilson nimmt uns diese falsche Selbstgewissheit. Er führt uns zurück in eine politische Welt vor der großen Spaltung, die Bush, Cheney und Rumsfeld mit ihren Kriegen bewirkten. Der Krieg des Charlie Wilson ist mehr als ein Film über die Fehler der achtziger Jahre: Er legt uns Fragen vor, die wir uns auch nach dem Abgang Bushs wieder stellen müssen. In dieser Welt kann sich niemand davor drücken, zu beantworten, wann Nichteinmischung zum Verbrechen wird und wann Einmischung zur Dummheit, wann ein Rückzug politisch geboten und wann er moralisch verwerflich ist.”

Der Rest hier.

Kategorien: Medienkritik
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Nur kurz und nach Lektüre des gesamten Textes: chapeau!

    • 30. Januar 2008 um 18:09 Uhr
    • hcl
  2. 2.

    Etwas Off-Topic, aber bei dieser Gelegenheit vielen Dank an die Zeit Onlineredaktion, die den “Diesen Artikel auf einer Seite lesen” Link offen so bezeichnet und ihn nicht verschämt hinter dem Wort “Drucken” versteckt.

    • 30. Januar 2008 um 18:33 Uhr
    • nrq
  3. 3.

    Liest sich edel. Mich regt der Text zum Insichgehen an. Er löst somit seine eigene Forderung ein.

    • 30. Januar 2008 um 19:28 Uhr
    • Sebastian Ryll
  4. 4.

    …aber es hat eine nostalgische Schwere.

    • 30. Januar 2008 um 20:40 Uhr
    • Sebastian Ryll
  5. 5.

    Warum muss das Thema immer von der moralischen Seite her betrachtet werden? Gemessen an liberalen Standards haette der Kommunismus fuer Afghanistan vermutlich sogar eine Verbesserung dargestellt. Man hat dort nicht interveniert, um den Menschen zu helfen (die ohnehin mehrheitlich lieber im Mittelalter leben), sondern um die Ausbreitung sowjetischen Einflusses Richtung Persischer Golf und Indischer Ozean einzudaemmen. Man war dabei erfolgreich und hat nebenbei die Sowjetunion naeher an den Zusammenbruch gebracht. Ein grossartiger Erfolg also, der durch die folgenden Entwicklungen allenfalls relativiert, aber nicht aufgehoben wird.

    • 31. Januar 2008 um 08:43 Uhr
    • Wachtmeister
  6. 6.

    @ Wachtmeister
    “Man war dabei erfolgreich und hat nebenbei die Sowjetunion naeher an den Zusammenbruch gebracht.”
    Ein toller Erfolg, der möglicherweise bald am selben Ort nochmals stattfindet.

    • 1. Februar 2008 um 18:14 Uhr
    • AM
  7. 7.

    @AM:
    Ja, ein toller Erfolg! Erinnern Sie sich noch wie es war in den 80ern, die staendige Drohung mit nuklearer Vernichtung? Ich bin froh, dass das vorbei ist, und die sowjetische Niederlage in Afghanistan hat dazu beigetragen.

    • 1. Februar 2008 um 18:24 Uhr
    • Wachtmeister
  8. 8.

    @ Wachtmeister
    “Erinnern Sie sich noch wie es war in den 80ern, die staendige Drohung mit nuklearer Vernichtung?”
    Ich wurde damals ein großer Anhänger der Drohung mit gegenseitiger nuklearer Vernichtung. Das ist eine ausserordentlich zivilisierende Sache. Im Grunde das einzige wirksame Instrument gegen die Kriegsbegeisterung einer Heimatfront, die sonst glaubt, sie müsse die Rechnung nicht bezahlen.

    • 3. Februar 2008 um 01:21 Uhr
    • AM
  9. Kommentar zum Thema

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