Scharia zulassen – Kopftuch verbieten?

Von 8. Februar 2008 um 18:09 Uhr

Zwei Beispiele für die europäische Ratlosigkeit im Umgang mit der neuen Religion Islam:
Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, will das Schariarecht (oder jedenfalls einige Aspekte davon) in Grossbrittanien akzeptieren.
Die spanischen Konservativen wollen im Falle eines Sieges bei der Parlamentswahl in einem Monat ein Kopftuchverbot an Schulen durchsetzen. Ausnahmen solle es nur an Lehranstalten geben, in denen die muslimischen Schülerinnen in der Mehrheit seien, berichtete die Zeitung «El Mundo» am Freitag. Dies könne etwa in den nordafrikanischen Exklaven Ceuta und Melilla der Fall sein.
Das sind zwei Beispiele für die europäische Selbstzerstörung – und zwar einmal unter eher linkem, einmal unter rechtem Vorzeichen.
Der Bischof glaubt die Kohärenz der Gesellschaft stärken zu können, indem er das religiöse Recht einer Teilgruppe anerkennt.
Die spanischen Konservativen glauben die spanische Identität zu stärken, indem sie eine Teilgruppe der Gesellschaft zur Assimilation zwingen und ihre religiösen Symbole aus dem öffentlichen Leben verbannen. Wie inkohärent der Vorschlag ist, zeigt sich, wenn die Konservativen bei muslimischer Mehrheit bereit sind, das Kopftuchverbot aufzuheben. Wieso eigentlich? Darin steckt die Desintegrations- Botschaft: Bleibt unter Euch, dann könnt ihr machen, was ihr wollt.
Die Scharia anerkennen und das Kopftuch verbieten – das ist zusammengenommen ein Rezept fürs Desaster.

Umgekehrt wäre es richtig: Es gilt e i n Recht für alle, und jeder ist gleich vor diesem Gesetz. In diesem Rahmen können religiöse Symbole nach Belieben getragen werden. Die Nicht-Anerkennung der Scharia als Rechtsquelle, die Verweigerung rechtlicher Sonderzonen – ist die Voraussetzung für die Freiheit der Religionsausübung. Wer rechtliche Sonderzonen (man denke an den Frankfurter Fall!) akzeptiert, zerstört den freiheitlichen Rechtsstaat. Wer mit dem Recht gegen die religiösen Symbole einer bestimmten Gruppe vorgeht, ebenfalls.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Jörg Lau, you got it (again)!

    Mal wieder volle Zustimmung.

    Antworten

    • 8. Februar 2008 um 18:13 Uhr
    • Joachim S.
  2. 2.

    Der Erzbischof von Canterbury hat nur konsequent den Multi-Kulturalismus zu Ende gedacht.

    Im übrigen: was dort praktisch vorgeschlagen wird, ist nichts anderes als die Wiedereinführung des Stände-Staates.

    DAMALS konnte man eben auch religiöse Sonderrechte und Pflichten akzeptieren (ganz ähnlich wie im osmanischen Millet-System), eben weil die Menschen NICHT GLEICH (im Staate und vor dem Gesetz) waren…..

    Multikulturalismus und EU passen übrigens wunderbar zusammen – das gemeinsame Ziel besteht in der Zerstörung des demokratischen Nationalstaats…..

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    • 8. Februar 2008 um 18:44 Uhr
    • Molinocampo
  3. 3.

    “Der Erzbischof von Canterbury hat nur konsequent den Multi-Kulturalismus zu Ende gedacht.”

    In seiner britischen Version, ja.

    Sein Vorstoß ist ein Anschlag auf das höchste Gut der Aufklärung: die Gleichheit aller vor dem Gesetz.
    Insofern bin ich mit Molinocampo ausnahmsweise einer Meinung.

    “Multikulturalismus und EU passen übrigens wunderbar zusammen – das gemeinsame Ziel besteht in der Zerstörung des demokratischen Nationalstaats….”

    Ach Gottchen! Die pöhse, pöhse EU!
    Molinocampo, das ist NPD-Ideologie, und zwar ungefiltert!

    Antworten

    • 8. Februar 2008 um 18:49 Uhr
    • Joachim S.
  4. 4.

    SO musses gemacht werden:

    Interview mit Rasmussen:

    Seit wir, im Jahre 2001, die Regierungsverantwortung übernahmen, haben wir den Ausländern, die hier arbeiten wollen, die Zuzugs- und Niederlassungsmöglichkeiten erheblich erleichtert. Auf der anderen Seite haben wir in der Tat die Bestimmungen zur Familienzusammenführung verschärft: Wer auf diesem Wege nach Dänemark kommen will, muss das 24. Lebensjahr erreicht haben. Wir haben das nicht getan, um Ausländern die Einwanderung zu erschweren, sondern weil wir junge Migrantinnen schützen wollen. Denn viele von ihnen sollten und sollen wider ihren Willen zwangsverheiratet werden. Es gibt viele junge Migrantinnen, die hier die Schule durchlaufen und eine Ausbildung hinter sich gebracht haben. Danach wollen sie auf den Arbeitsmarkt – werden dann aber gezwungen, irgendeinen wildfremden Mann zu heiraten, der gerade aus seinem Heimatdorf nach Dänemark gekommen ist. Es hat früher ja solche Fälle gegeben: Da kommt ein junger Mann nach Dänemark, der das Land nicht kennt, oft auch gar nicht kennen will und keine Fähigkeiten besitzt, sich hier selbstverantwortlich zu behaupten. Der heiratet nun gegen deren Willen eine junge, ganz integrierte Frau, der er dann auch noch befiehlt, fortan zu Hause zu bleiben. Das können wir in Westeuropa einfach nicht dulden. Unserer Werte wegen nicht, aber auch, weil es unsere Integrationsbemühungen untergräbt.
    Wie haben Migranten auf die Erschwerung des Familiennachzugs reagiert?
    Die jungen Frauen, die davon betroffen sind, haben sich in überwältigender Mehrheit für diese Bestimmung ausgesprochen. Uns ist Illiberalität in der Einwanderungsfrage vorgeworfen worden. Das ist Unsinn. Was die Chancen für Migranten betrifft, Zugang nach Dänemark zu finden, sind wir sehr liberal. Für Bürger aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten gibt es keinerlei Restriktionen. Wir haben Greencards, Jobcards (Speicherung von Daten zu Arbeitslosengeld und allen Sozialleistungen bei einer Behörde und auf Chipkarte, d. Red.) und anderes eingeführt, um sicherzustellen, dass Menschen, die wirklich hier arbeiten wollen, auch kommen können. Aber wir haben im Gegenzug die Gesetze zur Familienzusammenführung verschärft. Aus den genannten Gründen. Und um zu verhindern, dass eine Einwanderung in unser Sozialsystem stattfindet. Eingewandert wird in Dänemark in erster Linie in den Arbeitsmarkt.

    http://www.welt.de/welt_print/article1646810/Kampf_fuer_die_freie_Meinung.html

    Antworten

    • 8. Februar 2008 um 19:08 Uhr
    • Molinocampo
  5. 5.

    @molinocampo

    Hier noch das neueste von Broder

    Scharia ist für alle da!

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,534022,00.html

    Ich gehe jetzt ins Kino.
    Muss mal abschalten…..

    Antworten

    • 8. Februar 2008 um 19:32 Uhr
    • tati
  6. 6.

    Ginge es nicht, dass wir gesetzlich festschreiben, dass in unserer Gesellschaft das Kopftuchtragen keine religiöse Achtung zu erwarten hat, im übrigen aber die Frauen ihre Kopftücher tragen läßt?
    Ich meine eine Veränderung der Gewohnheiten kommt über langfristiges Zusammenleben, Klima und Essen.
    Bin mal gespannt wie sich die Chinesen verändern werden, wenn sie soviel Kuhmilch trinken.
    Wenn ich das richtig sehe plädiere ich für eine negative Festschreibung, damit der tatsächliche Prozess des Zusammenwachsens so unberüht wie möglich bleibt.
    Mir kommt das alles schon ganz unwirklich vor.
    Wirklich habe ich Verwandte und Bekannte usw.:)

    Antworten

    • 8. Februar 2008 um 20:24 Uhr
    • Och
  7. 7.

    @ Jörg Lau

    Sie reden von Freiheit, Herr Lau, von Religionsfreiheit, und kritisieren das geplante Kopftuchverbot in Spanien.
    Aber das Ziel der spanischen Konservativen ist nicht die Unterdrückung von religiösen Minderheiten, und ein Kopftuchverbot an Schulen hat nichts mit Zwang zur Assimilation zu tun.
    Das Gegenteil ist richtig, denn hinter dem geplanten Gesetz steht die Absicht, Kindern die Möglichkeit auf eine freiere Entfaltung zu ermöglichen.
    Das ist alles.
    Wäre es anders, würde man das Kopftuchverbot auch auf Erwachsene (oder Studenten) ausweiten wollen, oder eine kollektive Zwangschristianisierung der Muslime ins Auge fassen.
    Davon kann nicht die Rede sein.
    Tatsache ist aber, dass wir alle schon sehr früh geprägt werden durch unser soziales Umfeld, vor allem durch unsere Eltern.
    Je enger der Spielraum ist, der einem Kind in seiner Entwicklung zugestanden wird, desto geringer sind die Optionen zur Persönlichkeitsentfaltung, die ein Kind hat.
    Bei muslimischen Eltern, die ihre Kinder schon mit Kopftuch in die Schule schicken, kann man i.d.R. ein hohes Mass an geistiger Enge voraussetzen.
    Wie soll sich eine muslimische Frau bewusst für oder gegen das Kopftuchtragen entscheiden können, wenn sie schon so frühzeitig im Leben daran gewöhnt wurde, dass sie das Kopftuch als Teil des eigenen Körpers empfindet?
    Würden Sie freiwillig ein Beinchen oder Ärmchen abgeben, Herr Lau?
    Selbst wenn Sie es täten, dann wären Sie hinterher nicht frei von Phantomschmerzen, da können Sie sicher sein.
    Und ebenso ist es mit unmündigen Kindern, die in das stählerne Korsett der Ganzkörperverhüllung hinein gezwungen werden.
    Wie soll ein solcher Mensch zum kreativen Gestalter seines eigenen “Ichs” werden können, lebenslang neugierig, und mehr oder minder erfolgreich als Organisator eines eigenen patchwork-Lebensstils, bei dem er selbstbewusst entscheidet über das Milieu, in dem er lebt, über die Freunde, die er hat, oder über die kulturellen oder philosophischen Einflüsse, die er nutzt?

    Ich denke, der Mensch ist nur die Summe dessen, was sich in seinem Gehirn abspielt, und nach dieser – weniger körperbezogenen – Anschauung halte ich jeden, der die psychische Deformation von Kindern billigend in Kauf nimmt – und sei es auch nur eines hehren abstrakten Ideals wegen (“Religionsfreiheit”) – bloss ein psychischer Krüppel, ein selbstsüchtiger, eitler und mitleidloser Kinderschänder.
    Vor allem aber eines: dumm!

    Antworten

    • 8. Februar 2008 um 21:39 Uhr
    • iceman
  8. 8.

    danke ice!
    wieder sehr gut ausgedrueckt , 100% zustimmung meinerseits

    Antworten

    • 8. Februar 2008 um 21:52 Uhr
    • mathilde
  9. Kommentar zum Thema

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