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Chinas rätselhaftes Gesprächangebot an den Dalai Lama

Von 29. April 2008 um 16:53 Uhr

Ich habe mit den Kollegen Georg Blume (Peking) und Jochen Bittner (Brüssel) ein Stück zur Wende im Tibet-Streit geschrieben. Auszug:

Peking/Berlin/Brüssel
Ist es nur ein Propagandatrick oder doch ein ernst gemeintes Verhandlungsangebot? Chinas Kommunisten haben der Welt ein Rätsel aufgegeben. Eben noch nannten sie den Dalai Lama einen »bösen Geist mit menschlichem Antlitz und dem Herzen einer Bestie«. Jetzt wollen sie mit der Bestie reden, sogar schon in den nächsten Tagen. Wer hätte das vor den Olympischen Spielen im August noch für möglich gehalten?
Ist das ein »Triumph der europäischen Diplomatie«, wie die New York Times bemerkt? Die Pekinger Wende wurde immerhin in Anwesenheit des EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso verkündet, der gerade zu einem Gipfeltreffen mit Premierminister Wen Jiabao in der chinesischen Hauptstadt weilte. Brüssel aber übt sich in geradezu buddhis­ti­scher Bescheidenheit. Niemand glaubt, die EU könne das chinesische Einlenken allein für sich verbuchen. Schließlich pflegten die großen Mitgliedsländer den Dialog mit China auf eigene Rechnung und mit verteilten Rollen – Frankreich und England bis hin zur Boykottdrohung, Deutschland neuerdings wieder eher diplomatisch-verbindlich.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat seit Beginn der Tibetkrise drei Mal ausführlich mit dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi gesprochen. Die Berliner Diplomaten waren denn auch nicht überrascht von der chinesischen Wende: Schon im zweiten Gespräch Steinmeiers mit Yang zeichnete sich ab, dass die freundlich-bestimmte Mahnung zum Dialog mit dem Dalai Lama von den Chinesen nicht mehr nur als Demütigung durch den Westen, sondern auch als Chance gesehen wurde, selbst wieder handlungs­fähig zu werden. Am 15. April telefonierte Steinmeier zum dritten Mal mit Yang, zu dem er einen guten Draht hat, seit beide die deutsche Dalai-Lama-Krise vom Herbst vergangenen Jahres bei­gelegt hatten. Und am 16. April erhielt der gegenwärtige EU-Ratspräsident, der Slowene Janez Jansa, in Brüssel einen Brief aus Peking. Darin teilte ihm der chinesische Premierminister mit, Vertreter des Dalai Lama empfangen zu wollen. Es wurde vereinbart, die Neuigkeit bis zum Gipfeltreffen von Wen Jiabao und Manuel Barroso in der vergangenen Woche geheim zu halten. Barroso, berichtet ein EU-Diplomat, der die Verhandlungen in Peking begleitet hat, habe Wen gesagt, europäische Regierungen würden ebenfalls die ganze Zeit kritisiert. Was sei daran so schlimm? Kritik sei nicht als Beleidigung, sondern als Möglichkeit zu betrachten, die Dinge zu verbessern. Und siehe da: Der prinzipienfeste Pragmatismus kam nicht schlecht an.
Europa soll den Dalai Lama drängen, der Politik abzuschwören
Zum Feiern ist gleichwohl noch niemandem zumute. Denn die freundlichen Mahnungen der Eu­ro­päer allein hätten wohl kaum die Wende gebracht. Das Pekinger Politbüro unter Hu Jintaos Führung sah angesichts des Fackellauf-Desasters offenbar keinen anderen Ausweg mehr. Der Weg zum Verhandlungstisch sei darum eher ein »taktischer Kompromiss«, meint Zhu Feng, Professor für Internationale Beziehungen an der Peking-Universität. Nun aber müssten China und der Westen gemeinsam nach Möglichkeiten der Deeskalation suchen, so Zhu.
Peking will den Westen mit an Bord nehmen und hat ihm dabei eine überaus knifflige Aufgabe zugedacht. Es klingt harmlos, wenn es nun heißt, die Regierungen in Europa und den USA sollten »Mitverantwortung für den Verhandlungsprozess übernehmen«. In anderen Worten bedeutet dies: Sie sollen den Dalai Lama drängen, seine politischen Forderungen aufzugeben…

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Kategorien: Außenpolitik, China
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Der diplomatische Druck, der auf die Chinesen ausgeübt wird, ist wirklich sehr ehrenwert, sehr intensiv und glaubwürdig, aber einen hohen Einsatz für die tibetische Sache gab es auch schon in der Vergangenheit, mit der Folge, dass in sechs Jahren sechs Scheinverhandlungen stattfanden, die alle ergebnislos verlaufen sind.
    Leider gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sich das jetzt ändern sollte, weil eine vernünftige Lösung nicht in der derzeitigen Logik der Chinesen liegt.
    Wäre es anders, hätte es längst eine Einigung gegeben, weil weitergehende Angebote, als sie der Dalai Lama gemacht hat (bis hin zum Rücktritt von allen politischen Ämtern und einem Verbleib im Exil), gar nicht mehr möglich sind, weshalb sich auch die Frage stellt, worüber überhaupt noch verhandelt werden kann.
    Die Chinesen wollen die Olympischen Spiele bloss in trockene Tücher bringen, sie wollen möglichst viele Staatschefs bei der Eröffnung, und möglichst wenige Proteste während der Veranstaltung haben, das ist alles.

    • 29. April 2008 um 20:17 Uhr
    • iceman
  2. 2.

    “Beat him to death!”

    Koreans were initially surprised and awed when thousands of Chinese flags spread across central Seoul, wondering what in the world brought those young Chinese people out in force. At first it seemed a show of patriotic enthusiasm – but that impression soured when, the next morning, video clips of Chinese students beating up anti-Chinese protesters and Korean police officers surfaced online. The clips show some 100 Chinese crowding in on several Koreans protesting against China’s repression in Tibet in the lobby of the Seoul Plaza Hotel in the heart of the capital, beating them with flagpoles and fists, and kicking them. Riot police were sandwiched in the middle, and some of them were also beaten.

    The Chinese students kept shouting, “Beat him to death!” and “Apologize!” Those who were beaten up by the Chinese mob were later revealed to have been three members of civil rights groups who had protested against China’s handling of the Tibet issue in front of the Deoksu Palace on Sunday afternoon. They escaped into the hotel after being chased by over 400 China supporters. One riot police officer had to have six stitches in the head after being beaten by the mob.

    There was also footage of a reporter bleeding from the head after being hit by a piece of wood thrown by the Chinese, and a leading member of a civil rights group hurt by a metal cutter hurled by the Chinese demonstrator. One clip shows four American high school students wearing “Free Tibet” T-shirts surrounded by 300 Chinese people. They were later rescued by the police.

    Chinese students studying in Korea posted messages like “Let’s smash them with eggs” and arranging to meet at the Olympic Park on Sunday. The response has been a surge in anti-Chinese sentiment here, the anger of Korean posters directed at violence by Chinese people in the capital of their host country. “If a Korean beat Chinese police officer, he would have been killed,” one irate Internet user wrote.

    http://english.chosun.com/w21data/html/news/200804/200804290016.html

    • 29. April 2008 um 20:32 Uhr
    • PBUH
  3. 3.

    Der Tibet-Konflikt ist ein NON-Event

    Die Chinesen betreiben alles andere, nur keinen kulturellen Völkermord.
    Der Dalai Lama betreibt alles andere, nur keinen Separatismus.

    Würde der Dalai Lama nicht dauernd in westlichen Ländern herumgeistern, und eine Riesen-Show abziehen, hätte sich der Konflikt gar nicht so weit entwickelt. Es gibt bei Gott wichtigere Konfliktherde auf der Welt.

    Die Chinesen dagegen müssen was internationale PR betrifft wohl noch einiges dazulernen. Zumindest aus unserer Sicht. Kann sein, daß die chinesische Politik außerhalb des Westens viel mehr Eindruck macht.

    Es ist also im Prinzip nichts passiert, deswegen konnten die Europäer auch helfen. Durch Quatschen und Nichts-Tun.

    • 29. April 2008 um 21:11 Uhr
    • Black
    • 1. Mai 2008 um 16:34 Uhr
    • PBUH
  4. Kommentar zum Thema

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