Ein Blog über Religion und Politik

Die Gefahr des “populistischen Chic”

Von 11. November 2008 um 18:56 Uhr

Mark Lilla, Professor an der Columbia Universität, besichtigt im Wall Street Journal die Überbleibsel einer einstmals erfrischenden konservativen Denktradition. Mark Lilla tut dies mit einer gewissen Trauer, denn er hat seinerzeit selber von der neokonservativen Wende profitiert. (Ein früherer Post zu ihm hier.)

Mark Lilla

Wie konnte es passieren, dass Intellektuelle einer ernstzunehmenden Denktradition schließlich eine populistische, geist- und ahnungslose Kandidatin wie Sarah Palin unterstützten? Dazu muss man ein wenig zurückgehen. (Der ganze Text hier. Wer nicht durch den englischen Text forsten will, kann eine Übersetzung in der ZEIT am Donnerstag finden.)

“Conservative politics mattered less to me than the sober comportment of conservative intellectuals at that time; I admired their maturity and seriousness, their historical perspective, their sense of proportion. In a country susceptible to political hucksters and demagogues, they studied the passions of democratic life without succumbing to them. They were unapologetic elites, but elites who loved democracy and wanted to help it.

Back in the ’70s, conservative intellectuals loved to talk about “radical chic,” the well-known tendency of educated, often wealthy liberals to project their political fantasies onto brutal revolutionaries and street thugs, and romanticize their “struggles.” But “populist chic” is just the inversion of “radical chic,” and is no less absurd, comical or ominous. Traditional conservatives were always suspicious of populism, and they were right to be. They saw elites as a fact of political life, even of democratic life. What matters in democracy is that those elites acquire their positions through talent and experience, and that they be educated to serve the public good. But it also matters that they own up to their elite status and defend the need for elites. They must be friends of democracy while protecting it, and themselves, from the leveling and vulgarization all democracy tends toward.

Writing recently in the New York Times, David Brooks noted correctly (if belatedly) that conservatives’ “disdain for liberal intellectuals” had slipped into “disdain for the educated class as a whole,” and worried that the Republican Party was alienating educated voters. I couldn’t care less about the future of the Republican Party, but I do care about the quality of political thinking and judgment in the country as a whole. There was a time when conservative intellectuals raised the level of American public debate and helped to keep it sober. Those days are gone. As for political judgment, the promotion of Sarah Palin as a possible world leader speaks for itself. The Republican Party and the political right will survive, but the conservative intellectual tradition is already dead. And all of us, even liberals like myself, are poorer for it.”

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Haben sie ihr Palin-Trauma immer noch nicht überwunden, Herr Lau ?

    • 11. November 2008 um 19:18 Uhr
    • PBUH
  2. 2.

    @ PBUH: Warum Trauma? Ich habe von der neokonservativen Tradition profitiert. Lionel Trilling, der nicht ngaz hineinpasst, aber ein Inspirator war, ist einer meiner ewigen Helden. 1991 (!) habe ich ihn im Merkur vorgestellt. (http://www.biblioman.de/info/AntiquariatThoma5224/artikel_63089.htm)
    Nathan Glazer, Daniel Bell, Kristol der Ältere, sogar Podhoretz (auch der Ältere) habe ich mit grossem Gewinn gelesen. Schauen Sie sich mal den Film “Arguing the world” an, können Sie bei Amazon bestellen. Da sehen Sie eine faszinierende Bewegung ernstzunehmender Intellektueller.
    Es ist eine Schande, wie das alles vor die Hunde gegangen ist.
    Wenn Sie kein Interesse an ernsthaften Debatten haben, lassen Sie’s doch bleiben.
    Immer diese dämlichen Versuche, alles auf ein Links-Rechts Reiz-Reaktionsschema zu verkürzen.

  3. 3.

    Jörg Lau: “Es ist eine Schande, wie das alles vor die Hunde gegangen ist.”

    _Wie_ ist es denn vor die Hunde gegangen. Und _wie_ sind Sie (evtl.) daran beteiligt.

    • 11. November 2008 um 20:44 Uhr
    • xNWO
  4. 4.

    @ xNWO: Lesen Sie doch mal obigen Artikel. Ich kann mich nicht rühmen, Einfluss auf die amerikanischen Neocons der 2. Generation zu haben.
    Mea culpa besteht vor allem darin, irakischen Oppositionellen gefolgt zu sein in ihrer Befürwortung des Irakkrieges. Meine veröffentlichten Sachen sind zum Glück gar nicht so bellizistisch wie ich damals gedacht habe. (Interview mit K. Makiya, Übersetzung seiner Sachen aus der New Republic im Zeit-Feuilleton)
    Mark Lilla, den ich schon länger kenne, hat damals für uns eine weitsichtige Ablehnung des Krieges geschrieben. Ich hätte schon damals auf ihn hören sollen.
    http://www.zeit.de/2003/07/Umfrage

  5. 5.

    Klasse Artikel den Sie da verlinkt haben, Herr Lau. Nicht nur in den USA besteht ein Mangel an kühl abwägenden Denkern, die genügend Abstand genommen haben, von der alltäglichen Demagogie und den stets gärenden Emotionen in der politischen Arena.
    Auch in Deutschland haben wir unter der mangelnden Weitsicht der intellektuellen Elite zu leiden.
    Die Debatte um Ypsilanti und die hessische SPD hat diesen Missstand klar zu Tage gefördert. Nicht ein ruhiger, sachlicher Artikel, dafür umsomehr Polemik auf allen Seiten. Zählte Heribert Prantl nicht einst zu den grossen Journalisten dieses Landes? Sein Artikel in der SZ über die Vorgänge in Hessen (http://www.sueddeutsche.de/politik/603/316485/text/) ist ein moralin gesäuertes Machwerk; so voller Wut, dass man meint, seinen Autor mit den Zähnen knirschen zu hören. Es ist ein Urteil, keine Analyse.
    Selbstverständlich gehört Polemik auch in die politische Debatte, aber sie darf nicht den allgemeinen Ton angeben, sonst leidet die politische Kultur. Wenn die zahlreichen Polemiker sich auch nur annähernd so eloquent ausdrücken könnten wie der scharfzüngige Heine – dann wäre das Alles wenigstens amüsant zu lesen.
    Auch das ist leider nicht der Fall. Stattdessen wird leidenschaftlich Holz gehackt. Und die Journalisten scheinen sich immer mehr dem Niveau der zahllosen Internetforen anzugleichen. Dort ist man schon immer seinen Impulsen gefolgt. “Wie geschissen so gedacht”, um es mal salopp zu formulieren.

    Was also bleibt unterm Strich übrig? Welche Intellektuellen sind noch imstande, nüchterne Analysen zu verfassen?
    über Hinweise würde ich mich freuen.

    • 11. November 2008 um 22:12 Uhr
    • A. Schatz aka Eipott
  6. 6.

    @ Alle: Hier noch einmal Mark Lilla aus der ZEIT Nr. 7, 2003. Für mich der beste Beitrag zur Irakkriegsdebatte ünerhaupt:
    “Gezeitenwechsel

    Alles in allem bin ich gegen den drohenden Krieg im Irak. Aber ich bin ebenso, und sogar noch stärker, gegen diejenigen in Westeuropa und Amerika, die diesen Krieg aus Gründen ablehnen, die ich verächtlich finde. Der am häufigsten geäußerte Vorwurf besagt, der Krieg gebe auf eine zynische Weise dem wirtschaftlichen und politischen Imperialismus Amerikas Deckung: Öl und Land. Meine Antwort lautet: Wenn dies nur wahr wäre! Alle Nationen haben legitime Bedürfnisse, unter anderem nach Energie und Verbündeten. Es ist weder eine Schande, wenn solche Bedürfnisse die Außenpolitik bestimmen, noch ist es unvorstellbar, dass man in Extremfällen einen Krieg führen muss, um sie zu befriedigen. Aber abgesehen von diesem Extremfall führt gewöhnlich die berechtigte Sorge um nationale Bedürfnisse und Interessen dazu, die Außenpolitik zu mäßigen und realistische Gründe zur Vermeidung eines Krieges anzubieten. Wäre die Bush-Regierung hauptsächlich um die Sicherung der Ölreserven bemüht, dann würde sie wohl zögern, den Weltmarkt in Unruhe zu versetzen oder jene Länder zu destabilisieren, die sich wie Saudi-Arabien als verlässliche Lieferanten erwiesen haben. Und wäre die Regierung nur auf ihren langfristigen Einfluss im Nahen Osten bedacht, so würde sie tunlichst jeden Konflikt mit dem radikalen Islam vermeiden.

    Das ist nicht die Strategie der Bush-Regierung. Ihr Ansatz, um es in theologischer Sprache zu sagen, ist eschatologisch und messianisch. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der erfolgreichen Demokratisierung Osteuropas ist unter den Republikanern ein neues außenpolitisches Establishment herangewachsen, das die realistische Schule ersetzt hat, die einst von Henry Kissinger geführt wurde. Dieses neue Establishment, das mit dem 11. September die Oberhand in der Bush-Regierung erlangt hat, glaubt, die amerikanische Macht müsse aggressiver in der Welt auftreten, und zwar aus außen- wie innenpolitischen Gründen. Aber – und dies ist das Neue daran – sie glaubt ferner, dass man den amerikanischen Interessen am besten dient, indem man sich der historischen Mission Amerikas verschreibt, unter der nicht weniger zu verstehen sei als globale Demokratisierung. Das neue Establishment will den Tyrannen Saddam beseitigen, weil er Amerika feindlich gesinnt ist; aber es will auch eines Tages das befreundete Saudi-Arabien demokratisieren, wozu sich die Kissinger-Schule niemals verstiegen hätte.

    Dieser Gezeitenwechsel in der republikanischen Strategie ist von der Linken nicht bemerkt worden. Man weigert sich zu erkennen, dass die amerikanische Rechte heute von Ideen, nicht von Interessen getrieben wird. Aus dem gleichen Grund ist dies den Westeuropäern entgangen, die zwar die Vereinigten Staaten mit dem Greyhoundbus durchkreuzen, ansonsten aber ihre Ignoranz im Hinblick auf die ideologischen Debatten in Amerika pflegen.

    Zwei messianische Grundannnahmen bestimmen die Bush-Politik: dass Demokratie in der arabischen Welt möglich sei und dass sie auch wünschenswert wäre. Ein demokratischer Naher Osten sei möglich, sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz , denn jede andere Annahme wäre rassistisch. Er ist wünschenswert, argumentieren die neuen Republikaner, denn Demokratien im Nahen Osten werden natürliche Alliierte der demokratischen Vereinigten Staaten sein.

    Meiner Ansicht nach sind dies Wunschfantasien. Es gibt auf der ganzen Welt kein einziges Beispiel für nicht- oder halbmoderne Kulturen, die sich plötzlich als fruchtbarer Boden für eine liberal-demokratische Regierungsform erweisen. Und die Beispiele Iran und Algerien sollten uns die Frage nahe legen, ob Nationen mit starken islamistischen Tendenzen demokratisch und amerikafreundlich bleiben würden, wenn das formale Drum und Dran der Demokratie, wie etwa Wahlen, eingerichtet würde, bevor diese Nationen modernisiert sind. Fragen wie diese wären dem alten, realistischen republikanischen Establishment in den Sinn gekommen. Sie werden von dem neuen Establishment für unzulässig erklärt, weil sie defätistisch erscheinen und – schlimmer noch – undemokratisch.

    Wenn der Krieg als eine begrenzte Operation verstanden würde, um einen illegitimen Diktator zu beseitigen, der eine klare Bedrohung darstellt, dann würde ich ihn befürworten. Was ich ablehne, ist die Strategie hinter diesem Krieg, deren letztes Ziel nichts anderes ist als die Neuausrichtung der amerikanischen Außenpolitik und die Vorbereitung eines neuen demokratischen Millenniums im Nahen Osten. Dies ist eine Torheit. Aber immerhin ist es eine demokratische Torheit. Und aus diesem Grund empfinde ich dennoch Sympathie mit dem dahinter liegenden tieferen Streben. Dieses Streben ist, wie verdreht auch immer, von nobler Art. Ich finde nichts Nobles an der kritischen Haltung der westeuropäischen Intellektuellen und Politiker, die auf Zynismus und Gleichgültigkeit beruht. Wie naiv und provinziell auch immer die Annahmen sein mögen, die die Bush-Regierung antreiben, sie beruhen auf einer Hoffnung – Hoffnung auf Demokratie, Selbstbestimmung, Freiheit. Und diese Hoffnung, wie fehl am Platze sie auch manchmal sein mag, findet in der Welt ein Echo und wird mit der Idee Amerikas assoziiert, nicht mit der von Westeuropa. Als Reagan in Berlin rief: „Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder“, da lachten die Westeuropäer und rollten mit den Augen; die Polen und Tschechen taten das nicht, und heute unterstützen sie den Krieg gegen den Irak, weil sie immer noch Reagans Glauben an die Demokratie teilen.

    Woran glauben die Westeuropäer? Nach ihrem Handeln zu urteilen – oder eher nach ihrem Nichthandeln –, glauben sie an Geld, sicher mehr als es Amerikaner tun. Sie glauben an eine Europäische Union mit starker Wirtschaft und kleinen Verteidigungsetats, damit ihre Renten schön dick bleiben können. Ja, sie glauben an Entwicklungshilfe, die Arbeit von NGOs, den Strafgerichtshof, und all dies sind bewundernswerte Dinge. Solch eine Politik kann das Leiden der Völker vermindern, aber sie kann nichts tun, um das Leiden zu verhindern; sie kann sicherlich die Tyrannei nicht herausfordern oder der Hoffnung Vorschub leisten, dass Völker ihr eigenes Geschick selbst bestimmen können. Dafür zu kämpfen kostet mehr als Geld; es erfordert Ideen, Engagement und vielleicht sogar Blutvergießen.

    Hier werden die Westeuropäer nun für sich beanspruchen, aus ihrer eigenen blutigen Geschichte gelernt zu haben, dass man Krieg um jeden Preis verhindern müsse; die Wahrheit ist, dass sie sich heute hinter dieser Geschichte verstecken. Wie Westeuropa auf dem Balkan zu seiner ewigen Schande gezeigt hat, ist es nicht bereit, irgendeinen Preis für jemand anderes politische Freiheit zu bezahlen. Und so betrachte ich diesen Krieg mit gemischten Gefühlen. Ich bin dagegen, aber ohne Zorn. Und ich muss gestehen, dass mir das Paradox gefällt, dass die wahren Erben von Ernst Bloch, dem Erfinder des „Prinzips Hoffnung“, heute nicht auf dem amerikanischen Campus oder in Frankfurt am Main gefunden werden können, sondern in Washington, D. C.

    Mark Lilla ist Professor am Committee on Social Thought an der Universität von Chicago.
    Aus dem Englischen von Jörg Lau”

  7. 7.

    >Wenn Sie kein Interesse an ernsthaften Debatten haben, lassen Sie’s doch bleiben.

    Intellektuelle leiden oft an Selbstüberschätzung und pflegen eine Hassliebe zu den “Machern” dieser Welt.

    Als würden linke/linksliberale “Intellektuelle” Populismus als Machtmittel grunsätzlich ablehnen.

    Wer sich als Intellektueller nicht versündigen will, der sollte sich von der parteipolitischen Auseinandersetzung fernhalten.

    @Eipott

    >Zählte Heribert Prantl nicht einst zu den grossen Journalisten dieses Landes?

    Nein, Prantl ist Jurist und war schon immer einer der grössten Hetzer im Land.

    • 11. November 2008 um 23:37 Uhr
    • PBUH
  8. 8.

    @ PBUH: Was den Linkspopulismus angeht, suchen Sie doch mal den Titel “Oskar Haider”.

  9. Kommentar zum Thema

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