Aufwind für Scharia-Gerichte in England

Von 19. November 2008 um 19:02 Uhr

Ich habe hier schön öfter die Meinung vertreten, dass es Irrsinn ist, die Scharia als Rechtsquelle für unsere europäische Jurisprudenz anzuerkennen und eine besondere religiöse Rechtssprechung in Europa zu akzeptieren. Europa ist säkular und muss es bleiben, gerade der Integration wegen.

England ist, nach einem Bericht der NYT, offenbar auf dem Weg dazu. Immer mehr zivilrechtliche Angelegenheit unter Muslimen landen vor den Schariagerichten – Scheidungen, Erbsachen, Familienstandsangelegenheiten.

Diese Rechtssprechung kennt keine öffentlich verifizierten Standards, keine Protokolle, keine klaren Rechtswege.

Sie folgt ethnischen Linien (zusätzlich zu den religiösen), indem somalische Geistliche Somalis betreuen, pakistanische die Pakistaner, bengalische die Bangladeschis etc. So entstehen Parallelgesellschaften in der Parallelgesellschaft.

Es werden still und heimlich die uralten islamisch-patriarchalen Gesetze über Scheidung und Erbrecht zum Gesetz in England. 

Es scheint sogar einen gewissen Tourismus aus anderen europäischen Ländern zu diesen Scharia-Gerichten zu geben. 

Grossbritanien muss diesem Treiben Einhalt gebieten. Ein Recht muss für alle gelten. Nichts im britischen Recht zwingt irgendjemanden, nicht nach etwaigen religiös begründeten Normen zu leben, wenn er es will. Aber eine zweite Rechtssprechung für eine Gruppe?

Zitat: “Some of the informal councils, as the courts are known, have been giving advice and handing down judgments to Muslims for more than two decades.

Yet the councils have expanded significantly in number and prominence in recent years, with some Islamic scholars reporting a 50 percent increase in cases since 2005.

Almost all of the cases involve women asking for divorce, and through word of mouth and an ambitious use of the Internet, courts like the small, unadorned building in London where the father stepped in to plead his daughter’s case have become magnets for Muslim women seeking to escape loveless marriages — not only from Britain but sometimes also from Denmark, Ireland, the Netherlands and Germany.

Other cases involve disputes over property, labor, inheritances and physical injury. The tribunals stay away from criminal cases that might call for the imposition of punishments like lashing or stoning.

Indeed, most of the courts’ judgments have no standing under British civil law. But for the parties who come before them, the courts offer something more important: the imprimatur of God.”

Wenn Grossbritanien das nicht geregelt bekommt, ist das ist ein Fall für den Europäischen Gerichtshof.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @Lau
    Danke für den Beitrag. Dem ist nichts hinzuzufügen. Unbeschadet meiner heutigen Grobheit gegen Sie: İch finde İhre Strategie, das Thema punktuell und dann aber deutlich aufzugreifen, genau richtig.

    OT. Sorry, sorry, sorry, aber ich kann nicht widerstehen: Heute habe ich mit einer Kollegin hier in Ankara darüber gesprochen, dass die Türken so sehr darauf achten, was sie wann wo mit wem besprechen. ‘Man sagt nicht jede Wahrheit überall.’ lautet die Redensart. Stichwort: Offene Gesellschaft. Da hat sie mir erzaehlt, dass das auch für die Studenten gelte, denn unter ihnen würden sich stets Schein-Studenten bewegen, die die Aufgabe haetten, weiterzugeben, wer sich wie geaeussert hat. Stichwort: Tiefer Staat. Das haette ich nun nicht erwartet. Meine westliche Naivitaet wird hier immer wieder aufs Neue belehrt.

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    • 19. November 2008 um 20:41 Uhr
    • Theodor
  2. 10.

    Vor kurzem hörte ich einen interessanten Vortrag über die traditionelle Verbindung von ‘Urf (lokalen Rechtstraditionen in der islamischen Welt) mit Scharia, wo ‘urf als eigenständige, sinnvolle Rechtstradition in Schariarecht inkorporieren liess. Dies ging jedoch nur dort, wo der Islam neu heimisch wurde, und das ‘urf quasi vorislamisch war.
    Nach dem Vortrag kam eine Frage, ob es für islamische Rechtstheoretiker in Europa nicht möglich sei, sozusagen jetzt in der ‘Islamisierung’ Europas (also dem sich Einleben vieler Muslime hier) das deutsche/europäische Recht quasi als Rechtskniff als ‘urf zu betiteln, um damit eine Angleichung/Harmonisierung der Scharia mit dem deutschen Recht islamisch legitimieren zu können. Interessanter Gedankengang. Allerdings glaube ich, dass eine Mehrheit der Muslime in Deutschland gar nicht so sehr an Umsetzung der trad. Scharia in Deutschland interessiert sind.

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    • 19. November 2008 um 20:43 Uhr
    • Weltbuerger
  3. 11.

    @Driss

    Es gibt sicherlich unterschiedliche Beweggründe, ein Scharia-Gericht aufzusuchen, insofern ist der Druck der Schamgesellschaft nur eine Erklärung, vielleicht von vielen.

    In Schamgesellschaften kommt es jedoch darauf an, das traditionelle Kollektiv zu beschwichtigen und das lässt sich halt am besten mithilfe traditioneller Institutionen machen. Mir fällt in diesem Zusammenhang Emel Algan ein, die Tochter des Gründers von Milli Görüs in Deutschland. Als ihr Umfeld empört auf ihre Entscheidung reagierte, das Kopftuch abzulegen, erklärte sie sich bereit, zu einem Teufelsaustreiber zu gehen, um “die Gesellschaft” davon zu überzeugen, dass sie doch nicht von einem Djinn besessen war:
    “Die noch netteste Reaktion in ihrem Bekanntenkreis lautete: Sie ist verrückt geworden, bzw. sie ist „vom Teufel besessen“! Um zu beweisen, dass letzteres nicht der Fall ist, ging Emel „freiwillig“ zu dem besten islamischen „Teufelsaustreiber“ von Berlin (im Hauptberuf Händler). Und siehe da: Kein Teufel sprach aus ihr bei der rituellen Beschwörung. Stattdessen sprach Emel: „Ich möchte einfach anders leben! Allein, eigenverantwortlich – mit einem selbstgewählten Partner.“ Fremde Töne. Der Hoca sprach, sie solle froh sein, einen Mann zu haben, der sie nicht schlage.”
    http://www.emma.de/470.html

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    • 19. November 2008 um 21:05 Uhr
    • Miriam
  4. 12.

    @ Weltbürger: Absolut richtig: Die Mehrheit der Muslime hier hat kein Interesse an sowas. Im Gegenteil, denen dreht sich der Magen um bei der Vorstellung. Warum: Nicht zuletzt, weil es meist Türken sind, die sich was zugute halten darauf, die Vormoderne hinter sich gelassen zu haben. Und die von der Trennung von Religion und Staat etwas halten.

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  5. 13.

    @ Driss: Ist das nicht bizarr, dass wir hier in Europa die Scharia akkomodieren, während viele Länder der arabischen Welt ihr Rechtssystem modernisieren.
    Das war ja ein Clou des unsäglichen Frankfurter Falls: Eine deutsche Richtern argumentiert mit der Scharia (wie sie es verstand), während etwa in Marokko längst moderneres Recht eingeführt wurde.
    http://www.zeit.de/2007/06/Marokko

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  6. 14.

    @12.
    Ja, viele, aber nicht alle, legen Wert auf diese Trennung. Doch die Vormoderne haben sie noch lange nicht hinter sich gelassen. Die lugt an allen Ecken und Enden hervor. Auch bei denen, die aus den grossen Staedten nach Deutschland gekommen sind. Auch bei den Aleviten. Vormodern ist zum Beispiel die starke Orientierung am Kollektiv, an der eigenen Ethnie. Wer erinnert sich nicht an die aufgebrachten und aeusserst aggressiven Proteste der Aleviten, als in einem Tatort ein Alevit ein İnzestverbrechen verübt hat. Modern sein heisst: Sich als İndividuum von der Tradition und dem Kollektiv distanzieren können. Diese Distanz fehlt ganz oft.

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    • 19. November 2008 um 21:27 Uhr
    • Theodor
  7. 15.

    Gemach, gemach Theodor:

    Wer erinnert sich nicht an die aufgebrachten und aeusserst aggressiven Proteste der Aleviten, als in einem Tatort ein Alevit ein İnzestverbrechen verübt hat. Modern sein heisst: Sich als İndividuum von der Tradition und dem Kollektiv distanzieren können. Diese Distanz fehlt ganz oft.
    Kommentar von Theodor

    Die Sache liegt hier etwas anders: das im Tatort den Aleviten angehängte Verbrechen (Inzest – es wurde keineswegs als “individueller Fall” behandelt, sondern durch bestimmte – religiöse- Suggestionen als “typisch” alevitisch) wurde und wird bis heute in der Türkei zur Diffamierung und Diskriminierung der Aleviten eingesetzt.

    Die Aleviten wehrten sich nicht dagegen, daß einer der ihren als der “Böse” dargestellt wurde, sondern daß die ganze Geschichte so aufgehängt war (ua. konvertierte das Opfer zum Sunnitentum!!!), wie es der traditionellen türkisch-sunnitischen Hetze gegen Aleviten entsprach -

    wir lernen daraus: nicht nur durch Scharia-Gerichte wird Europa islamisiert, sondern auch durch Tatort-Drehbücher, die sich das Weltbild der DITIB aneignen…

    Apropos religiöse Gerichte: am Freitag hab ich einen Termin beim Konsistorium – auch eine Art “religiöses” (hier: kirchliches) Gericht: der Unterschied ist halt bloß, daß dort nicht über weltliche, sondern allein geistliche Dinge entschieden wird!

    Scharia ist eben nicht gleich Scharia, meine Damen und Herren Kulturwissenschaftler….

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    • 19. November 2008 um 21:42 Uhr
    • DonQuixote
  8. 16.

    @Jörg Lau

    Vor fünf Jahren sah es aus wie ein Sieg der Frauen über die islamistischen Konservativen in Marokko. Das Familienrecht wurde geändert – aber offenbar nur auf dem Papier.

    Doch heute, fünf Jahre später, zeigt sich, dass der Kampf gegen die verkrusteten Strukturen der islamischen Gesellschaft immer noch andauert.

    http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,3726911,00.html

    Herr Lau, wäre ja schön, wenn alles so einfach ginge.
    Aber Ihr Optimismus gleich im Doppelpack 12 + 13
    Da ist der Wunsch Vater der Gedanken.

    Wie nicht anders zu erwarten manifestiert sich der Abschied von der “Vormoderne” im exponentiellen Anstieg der Moscheeneubauten, gelle Herr Lau.
    Und darum verhandelt man auch so gerne mit Leuten, die von der Trennung von Religion und Staat etwas halten (Zitat Lau)
    Gruss an die DITIB.

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    • 19. November 2008 um 21:42 Uhr
    • tati
  9. Kommentar zum Thema

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