Der prominenteste iranische Blogger verhaftet

Von 20. November 2008 um 01:23 Uhr

Hossein Derakhshan, genannt Hoder, ist in Teheran verhaftet worden. Man wirft ihm nach einem Bericht der Londoner Times vor, er habe “für Israel” spioniert. Was das heißt, weiß man: Hochverrat.

Hossein ist ein Freund, mit dem ich mich in den letzten Jahren zwar oft gestritten habe. Er war nach meiner Meinung politisch auf Abwegen. In den letzten Jahren hat er immer mehr die Position des Regimes verteidigt.

Gerade darum kommt die Nachricht von seiner Verhaftung als ein niederschmetternder Schock. Nach Auskunft einer regimenahen Website soll Hossein “zugegeben” haben, für Israel spioniert zu haben.

Das läßt nur einen Schluß zu: Er ist gefoltert worden. Oder man erpreßt ihn, wie schon andere Unangepaßte in den letzten Jahren, über seine Familie.

2005 habe ich ihn in der ZEIT vorgestellt. Hossein hat das Bloggen im Iran populär gemacht. Er hat das Land verlassen müssen und einige Jahre in Kanada gelebt. Dann war er als globaler Netz-Nomade unterwegs, lebte eine Weile in London und ging vor einigen Wochen in den Iran zurück. Er schrieb in seinem Blog, er sei glücklich, wieder in seiner Heimat zu leben. 

Hossein Derakhshan letztes Jahr in Berlin  Foto: J.Lau

Nun haben ihn die Machthaber verhaften lassen, wie schon so viele kritische Intellektuelle. 

Die grausame Ironie: In den letzten Jahren hatte sich Hossein immer mehr zu einem Verteidiger des Regimes gegen andere kritische Dissidenten und (in seiner Sicht) masslose Angriffe von außen entwickelt.

Es hat ihm nichts genützt. Die Machthaber interessieren sich scheinbar nicht für solche feinen Unterschiede. Sie verhaften alle, die nicht zu kontrollieren und einzuschüchtern sind. 

Und Hossein hat etwas getan, das als die größte Frechheit von allen gilt. 2006 fuhr er für einige Zeit nach Israel, als selbst ernannter Botschafter der Verständigung zwischen den beiden Ländern.

Er wollte den Israelis zeigen, dass nicht alle Iraner (in Wahrheit die wenigsten) von Judenhass getrieben sind. Und er schrieb in seinem iranischen Blog seine Eindrücke aus Israel auf, einem widersprüchlichen, aber alles in allem liebenswerten Land. (Ein Bericht der Jerusalem Post hier.)

Wer das tut, kann offenbar nicht vom Regime kontrolliert werden. Er hatte damit die rote Linie überschritten. Und so haben Hosseins sehr israelkritischen Kommentare aus der letzten Zeit offenbar nichts mehr zu seinem Schutz im Iran beigetragen. Und selbst die Verteidigung des iranischen Rechts auf Atomwaffen (das ja noch nicht einmal das Regime selbst offiziell für sich in Anspruch nimmt) hat ihm keine mildernden Umstände gebracht. 

Auch hat es ihm nichts genutzt, andere Intellektuelle, wie etwa Ramin Jahanbegloo (als der ebenfalls verhaftet worden war unter vorgeschobenen Spionage-Vorwürfen) anzugreifen. Hossein hatte über Ramin gesagt, dessen offenbar erpreßtes Geständnis (er habe für ausländische Kräfte gearbeitet und eine “samtene Revolution” geplant) müsse man für bare Münze nehmen. Ich habe mich über diese Deutung mit ihm zerstritten. 

Nun ist er selbst in die Mühle gekommen und hat “gestanden”. 

Es ist menschenverachtend und unerträglich, wie der Iran seine besten, freiesten Köpfe zerstört.

Die Bundesregierung und die Europäische Union müssen gegen diesen Terror protestieren.

Keine Gespräche mit Iran, ohne dass dieser Vorgang auf den Tisch kommt.

(Gobal Voices)

(Dank an y.p.)

Kategorien: Iran, Menschenrechte
Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ word: Steinmeier sagt immer etwas. Nur nicht öffentlich, aber auch das zunehmend (empfiehlt sich nur nich bei Verhafteten, da macht man das hinter verschlossenen Türen).

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  2. 10.

    @ zagreus: Wenn Sie mir bitte die Wortwahl verzeihen: Sie sind ein Arschloch.

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  3. 11.

    by the way, mr. js ist da nicht mehr ganz auf dem laufenden, wenn er Frau Momeni als Gefangene bezeichnet.
    @Driss

    Na klaro, jetzt hat Sie ein paar Tage auf “Bewährung” im Tausch für Haus und Hof ihres Vaters.
    Driss, ich wusste gar nicht das Sie so sarkastisch sind (-:)

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    • 20. November 2008 um 17:09 Uhr
    • tati
  4. 12.

    @ tati ich bin nicht sarkastisch sondern nur ab und zu etwas penibel. Wenn jemand nicht inhaftiert ist, ist er kein Gefangener, mit dem “umgegangen wird”.

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    • 20. November 2008 um 17:16 Uhr
    • Driss
  5. 13.

    @Jörg Lau

    Hoder wusste doch genau, in welche Gefahr er sich begibt, wenn er wieder in den Iran einreist.
    Oder etwa nicht? Ist er wirklich so naiv?
    Sie kennen Ihn doch.
    Außerdem kann ich, was Sie sicherlich nicht verwundert, die Argumentation von Zagreus nachvollziehen.
    Warum sollte gerade Hoder mehr Mitleid erfahren als die unzähligen anderen Opfer dieses perversen Regimes.
    Weil er sich bei seinen (eventuellen) Henkern vorher verbal eingeschleimt hat?
    Oder etwa weil er den Vorteil geniesst, im Westen bekannt zu sein?
    Verdammt nochmal, unterstellen Sie doch Zagreus nicht, daß er sich über diesen Vorfall freut.

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    • 20. November 2008 um 17:29 Uhr
    • tati
  6. 14.

    Ich muss diesmal Zagreus zustimmen: Der Mann ist offenbar sehenden Auges in sein Verderben gelaufen. Ohne dem Abscheulichkeiten und die Bigotterie des Mullahregimes jetzt irgendwie Recht geben zu wollen – das kann ich nicht aufrechten Gewissens tun – aber anscheinend ist Herr Derakhshan ist sein eigenes Messer gelaufen. Insofern kann ich den Spott Zagreus’ nachvollziehen.

    Ja, das Menschenrecht auf Unversehrtheit von Leib und Leben, auf Meinungsfreiheit, auf Religionsfreiheit gilt für jeden, auch wenn er anderer Meinung ist als ich, wie Herr Derakhshan. Insofern sollte man protestieren. Aber eben noch mehr für die tausenden anderen politischen, religiösen Gefangenen und Folteropfer in Iran, die wenigstens von Anfang an ihre Opposition zum Regime bekundet haben.

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    • 20. November 2008 um 17:37 Uhr
    • Weltbuerger
  7. 15.

    @Driss

    Lesen Sie einfach nochmal G E N A U, was J.S. geschrieben hat.

    Er schreibt erstens:
    Die amerikanische Studentin Esha Momeni wird weiter im Iran fest gehalten!

    Das ist völlig korrekt

    Er schreibt zweitens:
    Wenn man sich erinnert wie die Ayathollas mit weiblichen Gefangenen aus dem Westen umgehen…..

    Das ist ebenfalls korrekt

    Antworten

    • 20. November 2008 um 17:39 Uhr
    • tati
  8. 16.

    lieber tati, Sie könne mir glauben, dass ich den Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Satz schon richtig aufgefasst habe. Oder meinen Sie, da besteht keiner?

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    • 20. November 2008 um 17:44 Uhr
    • Driss
  9. Kommentar zum Thema

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