Ein Blog über Religion und Politik

Amerikanisches Krisentagebuch X

Von 26. November 2008 um 18:22 Uhr

Jetzt fängt die Krise an, auch ganz oben weh zu tun. New York Magazine hat die Restaurantkritikerin Gael Greene herausgeschmissen, weil man sich die ca.  50.000 Dollar Autorenhonorar im Jahr nicht mehr leisten kann. Gael Greene hat über 40 Jahre für das Blatt gearbeitet und die moderne amerikanische Verehrung des “Chefs” (Meisterkochs) begründet. Sie ist ein Original, das als Vorlage für die Heldinnen von Sex and the City hätte dienen können. Sie war nicht nur eine begnadete Schreiberin über Gaumenfreuden, sondern auch allen anderen sinnlichen Genüssen zugetan. Die beiden großen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts, hat sie einmal treffend beobachtet, sind “Küchenkunst und Klitoris”.

*

Der neue ökonomische Chef-Berater des kommenden Präsidenten, Larry Summers, war bis vor zwei Jahren Präsident von Harvard. Dort mußte der seinen Hut nehmen, weil er etwas Inkorrektes über die mangelnde Häufigkeit von Frauen in den harten Wissenschaften gesagt hatte. Nun kommt er zurück, und zwar mit Macht: Er wird ein entscheidender Einflüsterer des Präsidenten sein, und zwar beim wichtigsten Thema. Summers galt als ein wirtschaftlich eher liberaler Demokrat. Er war an der Deregulierung unter Clinton in den 90ern beteiligt. Unterdessen ist er nach links gerückt und hat die Ungleichheit als das große Thema entdeckt. Um zu erläutern, wie sich die amerikanische Gesellschaft auseinanderentwickelt hat, erzählt er gerne folgendes Gedankenexperiment:

 To undo the rise in income inequality since the late ’70s, every household in the top 1 percent of the distribution, which makes $1.7 million on average, would need to write a check for $800,000. This money could then be pooled and used to send out a $10,000 check to every household in the bottom 80 percent of the distribution, those making less than $120,000. Only then would the country be as economically equal as it was three decades ago.

(Jeder Haushalt aus dem oberen 1 Prozent (durchschnittlich 1,7 Mio $ Jahreseinkommen) müßte einen Scheck über 800.000 $ schreiben. Dann könnten die unteren 80% der Bevölkerung je 10.000 $ davon bekommen. Und dann wäre man bei der selben Einkommenverteilung, die vor dreißig Jahren herrschte.)

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Harvard hat einen Einstellungsstopp in der Fakultät für Künste und Wissenschaften verkündet. Harvard finanziert sich zum wesentlichen Teil (ausser durch Gebühren von ca. 50.000 $ pro akademischem Jahr) durch seine Stiftung. Letztes Jahr betrug das Stiftungsvermögen 36,9 Mrd. $. Nun sind allerdings bei amerikanischen Universitäten bis zu 35 % des Stiftunsgvermögens in riskanten Investments angelegt – Hedge Fonds, Immobilienfonds, Risikokapitalanlagen und Aktien. Und diese Werte sind rapide gefallen. Die Universitäten versuchen, einige dieser Werte zu verkaufen, doch zur Zeit gibt es keinen Markt dafür. Das nächste Jahr wird hart, selbst für Harvard.

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Das Paradox der jetzigen Lage: Amerika hat sich selbst und die Welt durch einen Zusammenbruch von Verantwortlichkeit auf allen Ebenen des (Witschafts-)Lebens in die Krise gerissen: Menschen, die dazu niemals ausreichende Mittel hatten, haben Häuser gekauft; andere Menschen haben ihnen sehenden Auges Kredite gegeben, die niemals eine Chance hatten, zurückgezahlt zu werden; wieder andere Menschen haben diese Schulden in attraktive Obligationen verwandelt, mit denen wiederum andere Menschen weltweit Handel trieben; wieder andere Menschen haben diese Schrottpapiere bewertet als seien sie bombensicher, um damit Geld zu machen; und schließlich haben wieder andere diese Papiere gekauft und damit spekuliert, als käme es nicht darauf an, dass der ganzen Wertschöpfungskette kein einziger Wert zugrunde lag. Und nachdem dieses Pyramidenspiel der Unverantwortlichkeit aufgeflogen ist, erwartet Amerika erstens, dass die Welt den Schaden finanziert, indem sie weiter Dollars kauft. Und zweitens hat die neue Regierung keine Wahl, als zu versuchen, den Kredit wieder zum Laufen zu bringen – in anderen Worten: die Leute zum Leichtsinn zu verführen. Warum macht mich das nervös?

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Jörg Lau: Das Paradox der jetzigen Lage: … Warum macht mich das nervös?

    Mann, Mann! Wollen Sie wieder zur taz zurück?

    • 26. November 2008 um 18:34 Uhr
    • xNWO
  2. 2.

    “Warum macht mich das nervös?”

    Weil das derzeitige Verhalten der Regierungen und Notenbanken, nämlich noch mehr Geld ins System zu pumpen, die nächste Blase produziert.

    Nur: welche Alternativen gibt es? Sparprogramme aufzulegen hat zuletzt in den 30er-Jahren in die Katastrophe geführt – auch in den USA.

    • 26. November 2008 um 18:39 Uhr
    • Joachim S.
  3. 3.

    @ Joachim S.: Es gibt keine Alternativen. Und das macht mich nervös. Ausserdem glaube ich, dass es nicht funktionieren wird, weil der Zusammenbruch des Vertrauens sehr weit geht. Die Menschen werden genigt sein, zu sparen – wenn etwa Nachrichten wie die über die Universitäten ihnen signalisieren, dass harte Zeiten kommen, mit weniger Förderprogrammen, weniger staatlicher Hilfe etc.

  4. 4.

    “Warum macht mich das nervös?”
    Kein Grund zur Nervosität, das ist ganz normal bei Alkoholismus: wenn der Nachschub ausbleibt, kommt das große Zittern. Es gibt nur zwei mögliche Ausgänge: eine Rosskur oder den Tod des Patienten. Langfristig aber eh nur einen.

    • 26. November 2008 um 18:51 Uhr
    • AM
  5. 5.

    Jörg Lau: weil der Zusammenbruch des Vertrauens sehr weit geht. Die Menschen werden genigt sein, zu sparen

    Das scheint die amerikanische Haltung zu sein. Hier ist es eher so, dass die Krise etwas Unwirkliches an sich hat. Im täglichen Leben findet sie (noch) gar nicht statt. Das vorher so heftig kritisierte hiesige System ist offenbar geeignet, vor manchem abzuschirmen. Unser anderes System bringt es auch mit sich, dass man hier kein solches Vertrauen in den (Finanz-)Markt haben musste, dass die Ereignisse jetzt einen Vertrauensverlust mit dramatischen Folgen erzeugen könnten.

    Soll heißen: Sofern im Schnitt die Krise tatsächlich mit zunehmender Entfernung von den USA immer schwächer ausfällt und nur mit zeitlicher Verzögerung kommt, haben, in dieser globalen Einbettung, auch die USA womöglich eine Chance. Wenn sie schnell handeln. Worin solches schnelle – auch und nicht zuletzt symbolische – Handeln bestehen könnte, hat Jan Ross ganz gut dargestellt:
    http://www.zeit.de/2008/48/Roosevelt

    • 26. November 2008 um 19:25 Uhr
    • xNWO
  6. 6.

    Ausserdem glaube ich, dass es nicht funktionieren wird, weil der Zusammenbruch des Vertrauens sehr weit geht. Die Menschen werden genigt sein, zu sparen – wenn etwa Nachrichten wie die über die Universitäten ihnen signalisieren, dass harte Zeiten kommen, mit weniger Förderprogrammen, weniger staatlicher Hilfe etc.

    @ Jörg Lau

    Dann können Sie ja beruhigt sein.

    Und zweitens hat die neue Regierung keine Wahl, als zu versuchen, den Kredit wieder zum Laufen zu bringen – in anderen Worten: die Leute zum Leichtsinn zu verführen.

    Man ist weder Optimist noch Pessimist, wenn man es für wahrscheinlich hält, dass die Risikobereitschaft von Wirtschaftssubjekten auf dem amerikanischen Kreditmärkten sinken wird.

    Wobei es sehr unwahrscheinlich ist, dass Konsumenten und Unternehmen mittelfristig weitgehend auf die Inanspruchnahme von Krediten verzichten werden.

    • 26. November 2008 um 19:26 Uhr
    • N. Neumann
  7. 7.

    @ xNWO

    “Unser anderes System bringt es auch mit sich, dass man hier kein solches Vertrauen in den (Finanz-)Markt haben musste, dass die Ereignisse jetzt einen Vertrauensverlust mit dramatischen Folgen erzeugen könnten.”

    Warten Sie’s ab: wenn die Krise voll auf unseren Arbeitsmarkt und damit auf die Portemonnaies der Verbraucher durchschlägt, wird auch bei uns Heulen und Zähneklappern sein. Der Deutsche neigt sowieso schon zum Jammern. Und zur Sparsamkeit erst recht.

    Ich halte es für einen großen Fehler, dass die Regierung weiter sparen will, anstatt Geld ins System zu pumpen, z.B. mit der Abschaffung des Soli oder einer Senkung der Umsatzsteuer. Dann käme die steigende Staatsverschuldung auch den einfachen Bürgern spürbar zugute und nicht nur den Banken und Großunternehmen – was derzeit für eine enorme Politikverdrossenheit sorgt.

    • 26. November 2008 um 19:30 Uhr
    • Joachim S.
  8. 8.

    Hier ist es eher so, dass die Krise etwas Unwirkliches an sich hat. Im täglichen Leben findet sie (noch) gar nicht statt.

    Weil deutsche Verbraucher ohnehin eher zum Pessimismus neigen, kann sie die Konjunkturkrise wenig schocken.

    • 26. November 2008 um 19:36 Uhr
    • N. Neumann
  9. Kommentar zum Thema

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