Massenmorde an Arabern und Muslimen

Von 12. Januar 2009 um 15:51 Uhr

Aus gegebenem Anlass: Da wir dieser Tage viel über die zivilen Opfer der israelischen Angriffe hören, sind folgende Zahlen vielleich interessant. Das folgende habe ich vor zwei Jahren bereits hier gepostet, noch unter dem Eindruck des Libanonkrieges.

Der israelische Journalist Ben Dror Yemini hat dieser Tage in der Zeitung Ma’ariv eine Serie veröffentlicht, die weit über Israel hinaus Aufsehen erregen sollte. Der Titel der drei Aufsätze lautet “Und die Welt schweigt” - über das Leiden der Muslime und Araber. Wenn in unseren Debatten über Terrorismus und Islamismus davon die Rede ist, man müsse endlich “die Ursachen” der islamischen Wut gegen den Westen bekämpfen, dann wird dabei meist an die Situation der Palästinenser unter der Besatzung gedacht.

Ben Dror Yeminis Forschungen erlauben es, das Leiden der Palästinenser in den Zusammenhang der muslimisch-arabischen Leidensgeschichte der letzten Jahrzehnte zu stellen. Der hoch respektierte Journalist hat etwas sehr naheliegendes getan: Er hat – so weit es die Zahlen von amnesty, der VN und anderer vetrauensvoller Quellen zulassen – einfach mal zusammengerechnet, in welchen Konflikten die meisten Araber getötet wurden. Seine Zahlen – er hat sich an die jeweils konservativste Schätzung gehalten, sind erschütternd:

  1. Algerien – ca. 600.000 Getötete, vor allem durch die französische Armee zwischen 1954-1962
  2. Sudan – zwischen 2.6 und 3 Millionen Tote in mehreren Bürgerkriegen und Völkermorden, die seit Mitte der fünfziger Jahre von arabischen Muslimen an schwarzafrikanischen Bewohnern des Südens begangen wurden, auch unter ihnen viele Muslime
  3. Afghanistan – 2 bis 2.5 Millionen Tote, davon mehr als die Hälfte durch die sowjetische Invasion, der Rest durch den anschließenden Bürgerkrieg
  4. Somalia – 400.000 bis 550.000 Tote in dem seit 1977 andauernden Bürgerkrieg
  5. Bangladesh – 1.4 bis 2 Millionen, nachdem das Land 1971 die Unabhängigkeit von Pakistan suchte. Nach einem Regierungsbericht Bangladeshs werden 1.247 Millionen Tote den systematischen Massakern der pakistanischen Armee zugeschrieben
  6. Indonesien – 400.000 Tote durch Massaker der Suharto-Armee in den Jahren 1965-1966
  7. Irak – 450.000 – 670.000 Tote im Krieg mit dem Iran zwischen 1980-88. (Auf Seiten des Iran starben 450.000 bis 670.000 Menschen.) Bis zu einer halben Million Toten durch “Säuberungen” aller Art unter Saddam Hussein. Bis zu 200.000 Schiiten wurden 1991-92 während des Aufstands durch die irakische Regierung getötet. Zwischen 200.000 und 300.000 Kurden wurden vom Bath-Regime ermordet. Eine halbe Million Iraker ging an den Folgen der UN-Sanktionen zugrunde. Täglich sterben sunnitische und schiitische Muslime im Bürgerkrieg nach der Besatzung des Irak. Etwa 100.000 Opfer soll die Besatzung nach manchen Schätzungen gekostet haben.
  8. Libanon – 130.000 Menschen, vor allem durch Landsleute anderer Religion und Ethnie getötet zwischen 1975 und 1990. 18.000 Opfer des libanesischen Bürgerkriegs gehen auf israelische Einmischung zurück.
  9. Jemen – 150.000 Tote im Bürgerkrieg zwischen 1962 und 1970
  10. Tschetschenien – 80.000 bis 300.000 Opfer zwischen 1994 und 2001
  11. Jordanien – 10.000 bis 25.000 Ermordete in den Massakern des “Schwarzen September” (palästinensische Schätzung), bei denen die jordanische Armee palästinensische Flüchtlinge tötete
  12. Kosovo – ca. 10.000 tote Muslime zwischen 1998 und 2000
  13. Syrien – ca. 20.000 Tote bei dem Massaker von Hama (1982), dem Gipfelpunkt der systematischen Verfolgung der Muslimbruderschaft durch Hafis El Assad
  14. Iran – zehntausende Tote nach der Revolution von 1978. Bis zu einer Million Toten im Krieg mit dem Irak
  15. Palästina – ca. 60.000 Tote im arabisch-israelischen Konflikt, die Mehrzahl davon nicht palästinensisch, sondern aus den umliegenden arabischen Staaten. 1378 Palästinenser wurden während der ersten Intifada getötet, 3700 seit Beginn der zweiten

Ben Dror Yemini schreibt, nachdem er diese furchtbaren Zahlen ausgebreitet hat, mit einiger Plausibilität, daß die Muslime und die Araber selber am meisten unter der Fixierung der Weltöffentlichkeit auf den Palästina-Konflikt leiden. Die wahren Ursachen ihres Leidens werden nicht thematisiert.

 

There are those that claim that Arab and Muslim states are immune from criticism, because they are not democratic, but Israel is more worthy of criticism because it has democratic pretences. Claims like this are Orientalism at its worst. The covert assumption is that the Arabs and the Muslims are the retarded child of the world. They are allowed. It is not only Orientalism. It is racism.

The Arabs and the Muslims are not children and they are not retarded. Many Arabs and Muslims know this and write about it. They know that only an end to the self-deception and a taking of responsibility will lead to change. They know that as long as the west treats them as unequal and irresponsible it is lending a hand not only to a racist attitude, but also, and mainly, to a continuation of their mass murder.

The genocide that Israel is not committing, that is completely libelous, hides the real genocide, the silenced genocide that Arabs and Muslims are committing mainly against themselves. The libel has to stop so as to look at reality. It is in the interest of the Arabs and the Muslims. Israel pays in image. They pay in blood. If there is any morality left in the world, this should be in the interest of whoever has a remaining drop of it in him. And should it happen, it will be small news for Israel, and great news, far greater news, for Arabs and Muslims.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    In der Aufzählung fehlt Syrien bzw. das Massaker von Hama.

    Das Massaker von Hama sollte insofern in diesem Zusammenhang aufgeführt werden, als Martin van Crefveld es als Beispiel für eine der beiden Möglichkeiten nennt, Terrorismus effektiv zu bekämpfen.

    Antworten

    • 12. Januar 2009 um 16:36 Uhr
    • xNWO
  2. 10.

    @ JS

    Sind bedenklich.
    Zwei gründe:

    a.) “Die sudanesische Zentralregierung sei viel zu weit vom Geschehen entfernt und viel zu schlecht bewaffnet, um in diesen Konflikt ernsthaft eingreifen zu können.”

    Das hätte die Sudaniesische regierung aber nicht hindern können, andere dort intervenieren zu lassen – was sie aber verhindert haben.

    b.) es gibt keine konflikte aus rein ökonomichen oder wie hier: ökologischen Ursachen.
    Ein alter Fehler im Denken: *man* glaubt, die Dinge, hier: Umstände, so erkennen zu können, wie sie sind – und das ist unsinn seit über 200 Jahren, ja, spätestens seit dem strukturalismus & dekonstruktuivismus sollte dies jedem klar sein.
    Die Dinge sind so, wie wir sie bewerten – und wir handeln so, wie wir den so bewerteten Dingen gemäß sinnvoll nach unseren Wertmaßstäben handeln zu müssen meinen.

    ES mag sein, dass in dafur 8aus unseren Augen) z. b. das Grundwasser zurückgeht und eine Dürre herrscht aufgrund ökologischer Ursachen. Die rivalisierenden gruppen nehmen das aber weder so wahr noch begründen sie ihre Handlungen damit. Was sie wahrnehmen ist wohl: es herrscht Dürre – der regen bleibt aus, die burunnen versanden usw… – Warum geschieht dies? – und nun kommen die jeweiligen Begründungen dafür, die diese Menschen anbringen. Welche auch immer sie anbringen stellt zugleich eine palette an sinnvollen Handlungen zur verfügung. SDagt eine Begründung, das der Nachbarstamm der X schuld sei, weil die schon immer schlecht waren udn Gott sie nun strafen will – dann hat man einen Grund für die Dürre – und daraus kann nun eine sinnvolle Handlung resuldieren wie z. b. “man hilft Gott einmal etwas” oder “man sühnt dafür, dass Gott einem dafür bestraft, weil man zusah, wie die Bösen X gegen Gott sündigten, indem man sie nun mal bestraft….”
    Diese Erklärungsmuster sagen , was die Dinge sind für diese Menschen, nicht wir aus unserr sicht und kenntnis heraus – wir sagen anderes meist, würden aber auch anders handeln dann.

    Antworten

    • 12. Januar 2009 um 16:37 Uhr
    • Zagreus
  3. 11.

    Korrektur: Statt “Martin van Crefveld” muss es heißen: “Martin van Creveld” (ohne “f”)

    Antworten

    • 12. Januar 2009 um 16:38 Uhr
    • xNWO
  4. 12.

    @ Joachim S.
    “Was halten die werten Mitkommentatoren von diesen Aussagen, die ich persönlich – … – für ziemlich bedenklich halte.”
    Scholl-Latour tut gut daran, Zweifel an der Darfur-Propaganda zu streuen. Es ist kein Zufall, dass das Klagen über Darfur international genau in dem Moment laut wurde, als das Märchen von Massenvernichtungswaffen im Irak und der erfolgreichen Befreiung sauer wurde. Da kam eine konkurrierende Gräuelgeschichte gerade recht, was natürlich nicht bedeutet, dass in Darfur alles gut ist. Es ist aber ein Märchen, dass Khartum das alles steuert und verantwortet.
    Und PSL ist da gar nicht originell (wie könnte er auch?), denn ähnliche Thesen haben andere vor ihm vertreten:
    http://oe1.orf.at/inforadio/73094.html?filter=5
    http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2008/nr41-vom-6102008/darfur-zurueck-in-die-wirklichkeit/

    Antworten

    • 12. Januar 2009 um 16:41 Uhr
    • AM
  5. 13.

    ad 9

    Hama fehlt nicht.

    Antworten

    • 12. Januar 2009 um 16:57 Uhr
    • Joachim S.
  6. 14.

    Was aber z.B. fehlt, sind der Westsahara-Konflikt und der Sezessionskrieg im West-Oman.

    Antworten

    • 12. Januar 2009 um 16:58 Uhr
    • Joachim S.
  7. 15.

    @ zagreus
    “… hier genau ein beispiel und suggerieren dabei, dass die grundaussage damit auch falsch wäre.”
    Da habe ich also mit dem Kosovo (#5) schneller ein 2. Beispiel geliefert, als Sie meckern konnten. Bei Tschetschenien liegt der Fall ähnlich (Inzwischen fühlen ja sogar die Amerikaner wieder ein bisschen mit den Tschetschenen. Nach 9/11 haben sie eher mit Putin gefühlt). Arne anka (#8) hat auch nochmals gepunktet, und bei Darfur stimmt die These auch nicht, denn die ganze Welt regt sich ja darüber auf, ohne dass sie wirklich weiss, was dort los ist.
    Wohin man auch genauer schaut: die Liste ist zwar schlimm, bestätigt aber irgendwie die These nicht so ganz.

    Antworten

    • 12. Januar 2009 um 17:07 Uhr
    • AM
  8. 16.

    @AM

    aus Ihrem link von Kröpelin

    #Seit 1996 stellt sich der keineswegs radikal-islamisch ausgerichtete Bashir erfolgreich den Präsidentenwahlen. Er gehört dem Stamm der Jaaliyin an, die im Sudan wegen ihrer Tüchtigkeit und Tapferkeit hohes Ansehen geniessen. In Anerkennung der einen und zum Bedauern anderer hat sich der bescheiden lebende sudanesische Präsident als nicht korrumpierbar erwiesen und pragmatisch die Verbesserung der Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten vorangetrieben.#

    Bashir = keineswegs radikal-islamisch ???
    Tüchtig und Tapfer ???

    Da ist der ICC ganz anderer Ansicht:

    #ICC Prosecutor presents case against Sudanese President, Hassan Ahmad AL BASHIR, for genocide, crimes against humanity and war crimes in Darfur.#

    http://www.icc-cpi.int/press/pressreleases/406.html

    Antworten

    • 12. Januar 2009 um 17:11 Uhr
    • tati
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)