Das ist das Abu Ghraib des Vatikans

Von 2. Februar 2009 um 12:44 Uhr

So nennt der amerikanische Konservative Christopher Buckley den Skandal um die Pius-Brüder und den Antisemitismus von Bischof Williamson. Die Analogie bezieht sich auf den moralischen Bankrott der Amtszeit Benedikts (so wie Bush mit Abu Ghraib in seinem moralischen Anspruch finished war), und darin ist sie korrekt.

Man lese den Text von Buckley, um sich zu überzeugen, dass es noch anständige Konservative mit den richtigen moralischen Reflexen gibt.

Mir ist immer noch schlecht, wenn ich an den Kurs des deutschen Papstes denke. 

Er hat kein Problem damit, das Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken zu verwerfen, aber die Heimholung der Pius-Brüder in die Abendmahlsgemeinschaft ist ihm so wichtig, dass alle kirchenpolitischen und kirchendiplomatischen Bedenken über Bord geworfen werden. 

Welch ein Rückschritt gegenüber dem polnischen Papst, der das Verhältnis zum Judentum normalisiert hatte! 

Ich bin in der  katholischen Kirche aufgewachsen, die mit dem jungen polnischen Papst (58) einen neuen Vitalitäts-Schub bekam. Ich war 13, als er geweiht wurde, und begeisterter Messdiener. Das menschenfreundliche, offene Wesen dieses Mannes hat uns selbst noch in unserer Dorfgemeinde im Rheinland bewegt. Ich habe diesen Papst von ganz nahe gesehen, als Pilger auf dem Petersplatz  in Rom, noch vor dem Attentat, nachdem dann das “Papamobil” angeschafft wurde. Zu Zeiten der Solidarnosc sammelten wir Hilfsgüter und schickten sie nach Polen.

Dieser Mann war unmißverständlich konservativ in seiner Theologie, er war ein glühender Antikommunist, und doch war er ein einnehmender, großzügiger Mensch mit einem klaren politisch-moralischen Kompass. Das hatte sicher damit zu tun, dass er ein Mann des Widerstands gegen den Totalitarismus war (erst gegen den der Nazis im besetzten Polen, dann der Kommunisten). Er war ein Zeuge des Jahrhunderts, ein wahrer Fels.

Obwohl ich nun lange schon nicht mehr der katholischen Kirche angehöre, sondern der evangelischen “Religionsgemeinschaft” (die wir in den Augen von Prof. Ratzinger bloss sein dürfen), schmerzt mich die Verengung der kirchlichen Lehre unter dem Amtsverständnis des deutschen Papstes. 

Leichtfertig wird die moralische Autorität der Kirche verpulvert für die kleinsten Dinge (jedenfalls dann, wenn man die Einheit der Kirche mit den Pius-Brüdern nicht so erstrebenswert findet). 1982 hatte ein Lefebvre-Anhänger versucht, Johannes Paul II zu ermorden, um die Kirche vor den Folgen des Vaticanums II zu “retten”. Und die Einheit mit diesen Leuten ist nun wichtiger als der Dialog mit den Juden? Oder mit den deutschen Protestanten?

Nun wird die Öffnung der Kirche zur Welt und zu den anderen Religionsgemeinschaften, die mit dem Vaticanum erreicht worden war, vom Papst selbst in Frage gestellt. Der deutsche Papst ist zu ängstlich, zu kleinlich, zu engherzig  um zu verstehen, dass der Schub aus dem Vaticanum II massgeblich zum Appeal des Westens in der modernen Welt beigetragen hat: Kennedy, Wohlfahrtsstaat, die Beatles, die Mondfahrt, und dazu eine Kirche, die ihren fanatischen Kampf gegen Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte (jawohl!) aufgegeben hatte, und sich nun sogar ganz auf deren Seite schlug und zu entdecken begann, wie ihr eigenes Erbe die Entwicklung dieser westlichen Werte sogar befördert hatte. Eine Kirche, die nicht mehr Angst hatte und Angst predigte, sondern Versöhnung, Respekt und Menschenrecht und Liebe. 

Der deutsche Papst aber kann in dieser Wende offenbar nur Dekadenz und Verfall sehen, und das macht ihn anfällig für die Extremisten in den eigenen Reihen.

Es tut mir leid um die Kirche, der ich vieles verdanke.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Dass er die Sache mit dem Holocaustleugner nicht vorher bereinigt hat, habe ich nicht begriffen.

    Naja, 34,1 % der Deutschen sind Atheisten. Kommen die nun in die katholische Hölle oder in die Lefevre’sche Hölle?

    Antworten

  2. 2.

    Herr Lau, weder sie noch Herr Buckley sind irgendwie legitimiert dem Papst gute Ratschläge zu geben.

    Geit it!

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    • 2. Februar 2009 um 13:07 Uhr
    • PBUH
  3. 3.

    Eine Meinung zu haben ist doch erlaubt, PBUH?

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  4. 4.

    Sorry, JL, aber sie liegen etwas arg daneben – wohl ihren Gefühlen geschultet und ihren persönlichen Lebensweg.

    Sie stellen aber in meinen Augen völlig falsche Fragen hier und nehmen die falschen Dinge ins Auge.

    Es ist z. b. falsch, dass sie sich selbst als massstab für Moralität und Richtig/falsch setzten. Sie sind einfach der falsche Mann dafür – einfach deshalb, weil sie, wenn sie sich einmal nicht als ‘nur’ individuum nehmen, sondern als ein Repräsentant eines Habitus im Bourdieu-schen Sinne sie jemand sind, der aufgrund irgendwelcher wohl mit (u. a.) morlaischer Überlegungen aus der kath. Kirche ausgetreten sind. Also jemand, dessen Denken derartig war/ist, dass ein Austritt aus der Kath. Kirche (hin zum Protestanttismus) gerechtfertigt ihm erschien.
    Damit sind sie nicht nur Persönlich, sondern als Vertreter einer gruppe von Menschen, die ähnlich denkt, einfach der falsche Ansprechpartner.
    An einer Stelle haben sie dabei sogar einmal kurz eine (in meinen Augen) richtige Fragestellung in der Richtung geäußert:
    “Leichtfertig wird die moralische Autorität der Kirche verpulvert für die kleinsten Dinge (jedenfalls dann, wenn man die Einheit der Kirche mit den Pius-Brüdern nicht so erstrebenswert findet).”
    –> genau: …jedenfalls dann, wenn… – er stößt eine Gruppe vor dem Kopf, einer anderen Gruppe macht er es recht und diese wird auch wohl darin einen ‘Erweis der moralischen Überlegenheit oder Autorität sehen’ – und vielen anderen gruppen/menschen wird es einfach egal sein.

    ” Der deutsche Papst ist zu ängstlich, zu kleinlich, zu engherzig um zu verstehen, dass der Schub aus dem Vaticanum II massgeblich zum Appeal des Westens in der modernen Welt beigetragen hat: Kennedy, Wohlfahrtsstaat, die Beatles, die Mondfahrt, und dazu eine Kirche, die ihren fanatischen Kampf gegen Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte (jawohl!) aufgegeben hatte, und sich nun sogar ganz auf deren Seite schlug und zu entdecken begann, wie ihr eigenes Erbe die Entwicklung dieser westlichen Werte sogar befördert hatte. Eine Kirche, die nicht mehr Angst hatte und Angst predigte, sondern Versöhnung, Respekt und Menschenrecht und Liebe. ”

    Schöne Worte haben sie dabei gefunden – aufgefallen ist ihnen aber schon, dass die Kirchen immer leerer werten, zumindest hier in Europa?
    Wenn man als eigentliches Ziel und Aufgabe (im einenverständnis der kath. Kirche) die Seelsorge als Geleit des Menschen hin zu Gott auf einen ganz bestimmten, nämlich als richtig postulierten Weg ansieht, muss man wohl erst einmal trocken sagen: irgendwas ist da schief gegangen – aus kirchlicher Sicht.

    ” Und die Einheit mit diesen Leuten ist nun wichtiger als der Dialog mit den Juden? Oder mit den deutschen Protestanten?”

    Eine rekonzilierung, ein Zusammenfassen und neuausrichten – und zwar ein ultrakonservatives, mag da aus den Augen eines menschen, der absolut davon überzeugt ist, das sein Weg, seine Wahrheit die Wahrheit schlechthin ist, richtig sein. Da ist wirklich- gerade in einem Weltweiten bezug – die Frage nach dem Dialog mit den Juden oder gar den deutschen Protestanten (warum sollen den deutsche wichtig sein – die massenmäßigen zentren des katholizismus liegen nicht mehr in europa) relativ unwichtig.

    Erinnern sie sich an das Gespräch zwischen Habermas und Ratzinger noch? Da ging es um die Frage nach der Möglichkeit einer Letztausrichtung in Moralischer Hinsicht und darum, dass Freiheitswerte in letzter Instanz eben keine Produkte der vernunft seien – ein Standpunkt von Ratzinger, aus dem er die Notwendigkeit der religion (hier mit einem meta-vernünftigen Duktus versehen) herleitet. Dies wird auch von habermas nicht bestritten, der wohl die (sittliche) Normativität des kommunikaristischen handelns betont, aber auch in letzter Instanz auf eine nicht weiter durch diskurs einholbaren kern auf baut.

    Wenn sie das setzen und zugleich postulieren, dass ein Gläubiger eben dasjenige, was er glaubt, als diesen letztkern als unbezweifelbaren setzt (dogmatische Intoleranz), dann wird im Angesicht vom glauben, dass mit Aufklärung, Reformation und zuletzt Modernität/Säkularismus (siehe dazu seine regensburger rede) die Hinwendung zu orthodoxie als Heilslehre der katholischen Kirche selbst, verständlich.
    Auch sollter man dabei im Blick behalten, dass ratzinger nicht so sehr an Europa als vielmehr an vielen dritt-weltländern interessiert sein dürfte, da sich dort die meisten seiner Anhänger tummeln -. die sehr wohl ein starkes interesse an eine autoriären Kirche mit entsprechend orthodoxen Botschaften haben.
    Nicht Europa oder gar Deutschland, sondern Afrika und Lateinamerika sind im Mittelpunkt für ihn.

    Und für Europa/Westen dürfte ebenfalls die ‘fundamentalistenkarte’ gelten – verlassen doch viele auch die Kirche um zu exotischen udn zum teil fundamentalistischen Religionsauffassungen sich zuzuwenden.

    Ich selbst bin Agnostiker und habe von meinen Überzeugungen nichts am Hut mit einem Gott oder sonstigen höheren lebewesen etc…
    Für mich stellt sich die Frage vielmehr, was nützt es ihm , wenn cih eine entsprechende Sichtweise zugrunde lege – und nicht mit meiner und meinen moralischen Vorstellungen an ihn herantrete, um seine handlungen und Aussagen zu verstehen.

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    • 2. Februar 2009 um 13:51 Uhr
    • Zagreus
  5. 5.

    Hat die Heiligsprechung von JP2 schon begonnen?
    Ich fand den letzten Papst genauso mies wie den hier.
    Die üble Tradition, Erzreaktionäre zu begnadigen, selig zu sprechen oder in den Schoß der Kirche zurück zu holen, hat übrigens JP2 begonnen. Ratzinger führt diese Linie nur konsequent fort.
    Und was der Vatikan an Milde und Nachsicht gegenüber diesen Reaktionären zeigt, das zeigt er an Härte und Unnachgiebigkeit gegenüber linken Theologen, wobei “links” in diesem Fall nur bedeutet, dass diese Leute sich geweigert haben, mit irgendwelchen Großgrundbesitzern gemeinsame Sache gegen die Armen zu machen. Auch das eine schöne Tradition, die unter JP2 begonnen wurde.

    Und der Schub aus dem Vaticanum 2 hat die Kirche etwas orientierungslos zurück gelassen. Seit Vaticanum 2 schafft es die katholische Kirche, jedem Zeitgeist hinterher zu laufen und trotzdem als Zeitgeistkritiker zu posieren.

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  6. 6.

    @ PBUH: Ich gebe keine guten Ratschläge, sondern meiner Trauer und meinem Entsetzen Ausdruck.

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  7. 7.

    @ PBUH
    Herr Lau und Herr Buckley haben jedes Recht, dem Papst Ratschläge zu erteilen. Schließlich ist der olle Ratzi auch nur ein Mensch.

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    • 2. Februar 2009 um 13:57 Uhr
    • Samuel
  8. 8.

    “1982 hatte ein Lefebvre-Anhänger versucht, Johannes Paul II zu ermorden, um die Kirche vor den Folgen des Vaticanums II zu “retten”.”

    Wau. Agape kennt keine Einschränkung.

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  9. Kommentar zum Thema

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