Ein Blog über Religion und Politik

Pakistan: Anschlag gegen den Sufismus

Von 6. März 2009 um 12:40 Uhr

In Peshawar, der Hauptstadt der Nordwestprovinz, ist das Mausoleum des berühmten Sufi-Mystikers Rahman Baba einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen.

Rahman Baba, der im 17. Jahrhundert lebte, gilt als ein Heiliger unter den Sufi-Poeten, die in Paschto schreiben. Paschto ist für weite Teile Afghanistans und Westpakistans die führende Sprache.

Der zerstörte Schrein in Peshawar. Foto: AP

Der Wächter des Mausoleums wurde drei Tage vor dem Anschlag gewarnt. Die Attentäter scheinen sich besonders daran zu stören, dass auch Frauen zu dem Wallfahrtsort dieses Heiligen pilgern.

Überall in Pakistan gibt es die Schreine der heiligen Männer, die von der lokalen Bevölerkung verehrt werden. Diese Orte eines populären Volksislam sind den Taliban und den wahhabitisch munitionierten Moscheen (finanziert mit arabischem Geld) ein Dorn im Auge. Sie stehen der “Reinigung” des traditionellen Islam im Wege. 

Rahman Baba ist ein populärer Dichter, dessen Werke unter Paschtunen sehr verbreitet sind. Seine Gedichte handeln von Liebe (irdischer und göttlicher), vom menschlichen Streben nach Erleuchtung und Glück und Gott, von der Unterdückung der Paschtunen zu Zeiten der Mogul-Herrschaft.

Der Akt der Kulturbarbarei passt sich ein in Bild der Taliban-Offensive zur Destabilisierung und Terrorisierung Pakistans. Der menschenfreundliche und schwer kontrollierbare sufistische Volks-Islam soll zurückgedrängt werden zugunsten des Terrorregimes der Pakistanischen Taliban, die sich seit dem Deal über das Swat-Tal im Aufwind sehen.

Die New York Times berichtet, dass im Swat-Tal eine Terrorherrschaft begonnen hat, die bereits weitere Opfer gekostet hat. Rahmat Ali, ein Taliban-Gegner, hatte sich auf die Zusage der Regierung verlassen, es sei sicher, nach hause zurückzukehren. Er wurde von Militaten entführt, tagelang gefangen gehalten und ermordet. Seine Leiche hatte auf dem Rücken keine Haut mehr, als sie vorgestern gefunden wurde. 

Nach einem Deal der lokalen Regierung mit den Militanten ist nun Musik verboten, Geschäfte müssen während der Gebetszeiten schliessen, und es werden “Beschwerdekästen” für unislamisches Verhalten eingerichtet (eine Aufforderung zur Denunziation). Für die Wiedereröffnung der Hunderte von durch die Taliban niedergebrannten Mädchenschulen in Swat sieht es schlecht aus.

Hier eine Kostprobe der Dichtung Rahman Babas (“Sow Flowers” aus seinem “Diwan”):

Sow flowers so your surroundings become a garden
Don’t sow thorns; for they will prick your feet

If you shoot arrows at others,
Know that the same arrow will come back to hit you.

Don’t dig a well in another’s path,
In case you come to the well’s edge

You look at everyone with hungry eyes
But you will be first to become mere dirt.

Humans are all one body,
Whoever tortures another, wounds himself.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Es wird hierzulande nur selten zur Kenntnis genommen, dass die Taliban auch unter Paschtunen keinesfalls einstimmige Unterstützung genießen. Es wird nicht nur versucht, die traditionelle paschtunische Kultur durch einen saudisch-beeinflussten Islam zu ersetzen. Die Taliban haben in Pakistan und Afghanistan in den vergangenen Jahren auch mehrere hundert Stammesführer getötet, die ihnen im Weg standen. Regelmäßig werden Menschen zur Einschüchterung getötet oder mißhandelt, auch in Afghanistan.

    Ich behaupte daher: Am Ende werden die Extremisten in Pakistan und Afghanistan genauso scheitern, wie sie im Irak scheiterten. Die Menschen werden sich diesen Terror nicht ewig gefallen lassen.

    http://weblog-sicherheitspolitik.info/2009/03/05/pakistan-taliban-vernichten-sufi-schrein/

  2. 2.

    Ich behaupte daher: Am Ende werden die Extremisten in Pakistan und Afghanistan genauso scheitern, wie sie im Irak scheiterten. Die Menschen werden sich diesen Terror nicht ewig gefallen lassen.

    Ich bin mir sicher, es wird so geschehen –< nur: das ‘Ende’ kan noch weit entfernt sein.
    Im Moment zumindest sind die extremen islamistischen Varianten gerade stark im kommen.
    Diese Menschen legen en Koran & die Hadithen wortwörtlich aus und erhoffen sich eine bessere Welt, wenn denn nur ihr konzept durchgesetzt würde. Prinzipiell erst einmal ein idealistisch-heeres Ziel. Eines, für das es machen Menschen zu lebens und zu sterben lohnt. Und solche konzepte haben wir schon mehrmals gehabt ja in der geschichte.
    Viele wurden erst überwunden, als all die versprechungen immer nie eingetreten sind, die sie sich erhofften von der durchsetzung ihrer konzepte – und es dafür zu diktaturen *der reinen* kam. Siehe kommunismus z. B.
    Aber soetwas kann dauern – vor allem,d a ein teil, der hauptteil, nicht für das diesseits, sondern für das jenseits versprochen wird – und nunmal selten einer von dort zurückkommt ^^ um zu erzählen, wie tolle doch alles dort wäre.

    • 6. März 2009 um 14:35 Uhr
    • Zagreus
  3. 3.

    @ Weblog (Wachtmeister?)

    “Am Ende werden die Extremisten in Pakistan und Afghanistan genauso scheitern, wie sie im Irak scheiterten. Die Menschen werden sich diesen Terror nicht ewig gefallen lassen.”

    Ihr Wort in Gottes Ohr! (Ich bin der selben Meinung – aber das kann dauern. Die Sowjetbürger haben den Stalin-Terror lange geduldig ertragen. Genauso die Bürger Chinas den Terror Maos und seiner Gefolgsleute.)

    • 6. März 2009 um 14:49 Uhr
    • Joachim S.
  4. 4.

    @ Zagreus

    “Diese Menschen legen en Koran & die Hadithen wortwörtlich aus und erhoffen sich eine bessere Welt, wenn denn nur ihr konzept durchgesetzt würde. Prinzipiell erst einmal ein idealistisch-heeres Ziel”

    Sie haben schlichtweg einen an der Waffel.

    • 6. März 2009 um 14:50 Uhr
    • Joachim S.
  5. 5.

    Im Talibangebiet Pakistans beginnt nun wieder genau der gleiche Horror, der 10 Jahre zuvor in Afghanistan begann.
    Kein Muslim auf dieser Welt wird diesen Horror stoppen – ich sehe keine wutentbrannten Muslime demonstrieren, die ihre Religion durch die Taliban verunglimpft sehen.
    Nein, verunglimpfen kann man den Islam nur mit Karikaturen und Literatur.
    Ich bin sehr skeptisch, ob diesesmal eine Allianz der “Ungläubigen” im Westen bereit ist, gegen die Taliban militärisch vorzugehen. Ich denke eher nicht, denn der Aufwand lohnt sich nicht. Der Nordwesten Pakistans ist eine hochalpine Landschaft und somit praktisch nicht eroberbar und erst recht nicht kontrollierbar.
    Der Talibanismus ist eine Hydra, am abgeschlagenen Haupt wachsen drei Köpfe nach.
    Die Pakistanis kriegen jetzt, was sie verdienen. Jeder Staat schafft sich seine eigene Sorte von Radikalen.
    Ich bin auch für die Verweigerung jeder Art von Asyl, da die Flüchtlinge aus diesen Gebieten bei uns nichts besseres zu tun wissen, als ihre althergebrachten “failed traditions” fortzusetzen. Diese Traditionen sind der Nährboden der Taliban.
    Ich gebe zu – mir fällt keine Lösung ein, um diesen Horror zu beenden. Damit möchte ich sagen, meine Ethik verbietet mir eine Lösung vorzuschlagen, die mittelfristig effizient wäre.

    • 6. März 2009 um 15:17 Uhr
    • tati
  6. 6.

    @tati

    “meine Ethik verbietet mir eine Lösung vorzuschlagen, die mittelfristig effizient wäre”

    Geht mir genau so.
    Hoffen wir mal das wir nicht alle eines Tages aufwachen und feststellen das unsere Ethik Umstände vorfindet unter denen sie es erlauben muss…

    • 6. März 2009 um 17:24 Uhr
    • Mattes
  7. 7.

    @Mattes

    Zuerst werden wir wieder mit den Bildern konfrontiert, die wir seinerzeit aus Kabul geliefert bekamen.
    Moderate Steinigungen und dergleichen.
    Warten Sie noch ein paar Wochen, dann kommen die ersten Bilder.

    • 6. März 2009 um 17:43 Uhr
    • tati
  8. 8.

    Neulich kam die Diskussionsrunde im Deutschlandfunk zum Thema Afghanistan zu dem Ergebnis am Anfang hätte man der Bevölkerung ein europäisches Kulturverständnis aufoktruiert.

    Das kann man dann ja anders machen, da würden sich vielfältige Möglichkeiten bieten.
    Zum Beispiel die Entwicklung eines Normsteins für Steinigungen, DIN666 sozusagen, oder Kurse für den Scharfrichter zum Handabhacken nach neuesten Erkenntnissen.

    • 6. März 2009 um 17:55 Uhr
    • Mattes
  9. Kommentar zum Thema

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