Von Kairo nach Buchenwald und Dresden

Von 4. Juni 2009 um 20:10 Uhr

Bei seiner großen Rede in Kairo hat Obama deutlich gemacht, warum er das KZ Buchenwald besuchen wird. Er wird in dem Lager bekräftigen, dass der Holocaust eine unleugbare Tatsache ist.
Es war atemberaubend, wie entschieden und deutlich der amerikanische Präsident sich dem Antisemitismus und der Leugnung der Shoah entgegenstellte – im Herzen der arabischen Welt, in der Judenhass – oft im Gewand der Israelkritik – leider längst Teil der offiziell geduldeten Populärkultur geworden ist.
Natürlich ist der Buchenwald-Besuch auch eine Geste gegenüber dem Iran, dessen Präsident nur einen Tag zuvor wieder einmal vom Holocaust als einem „Betrug“ gesprochen hatte.
Die fast 3000 Studenten und Würdenträger in der Kairoer Universität haben sich wohl noch nie in so klaren Worten anhören müssen, dass die Judenvernichtung durch das NS-Regime eine legitime Quelle des israelischen Wunsches nach einem jüdischen Staat darstellt. Mehr als 6 Millionen Juden wurden ermordet, führte Obama in Kairo aus – mehr Menschen als heute in Israel leben.

Obama sparte nicht mit Kritik an der israelischen Siedlungspolitik, die die Möglichkeit eines palästinensischen Staates – das Ziel des Roadmap-Prozesses – untergräbt. Und er nannte die Situation der palästinensischen Flüchtlinge „unterträglich“. Er bot sich durch die Klarheit seiner Worte zu beiden Seiten als ehrlicher Makler an, der die Parteien in ihren legitimen Ansprüchen akzeptiert.
Bei manchen Israelis löst die neue Balance der amerikanischen Nahostpolitik Ängste aus: Denn nun wird nicht nur mit den „moderaten“ Kräften in der Region verhandelt, sondern früher oder später auch mit denen, die Israels Existenzrecht bestreiten oder dem Staat seine Anerkennung verweigern wie  Hamas, Hisbollah und ihre Paten Syrien und Iran. Heißt das nicht jenen nachgeben, die Israel von der Landkarte tilgen wollen?
Nein. Obama macht in Kairo und Buchenwald klar, dass dem keineswegs so ist: Voraussetzung für solche Verhandlungen ist, dass jüdisches Leiden unter den Nazis und die Legtimität des israelischen Staates anerkannt werden. Erst dann kann man sinnvoller Weise Zugeständnisse erwarten. (Natürlich gilt die gleiche Logik auch für palästinensisches Leiden und den Wunsch nach einem palästinensischen Staat.)

In Deutschland waren im Vorfeld dieses Besuchs kleinliche Stimmen zu vernehmen, die sich darüber beklagten, dass Obama Deutschland durch diesen Besuch selektiv wahrnehme und auf die  Vergangenheit reduziere. Auch war zu hören, er komme hauptsächlich aus taktischen Überlegungen hierher. Obama besucht nämlich bei diesem Nahost-Trip Israel nicht. Und da kann es nicht schaden, so wurde insinuiert, in Buchenwald Zeugnis abzulegen, um die jüdische Öffentlichkeit zu beruhigen. Wenn schon nicht Israel, so wenigstens ein KZ – das war die zynische Logik dieser Unterstellung.
Das ist alles viel zu kurz gedacht: Denn der Präsident bezeugt in Buchenwald zwar zuerst den Opfern seinen Respekt – aber damit eben auch der deutschen Vergangenheitsbewältigung, der Basis für das wiedergewonnene Vertrauen der Welt nach dem Kriege. Dass Obama in Buchenwald – zusammen mit dem Überlebenden Elie Wiesel und der deutschen Kanzlerin – ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen will, gereicht Deutschland zur Ehre.
Und zweitens ist es mehr als bloss PR-Taktik Obamas, das KZ aufzusuchen, an dessen Befreiung sein Großonkel Charlie Payne beteiligt war. Obama zieht in Buchenwald einen geschichstpolitischen Strich und stellt seine neue Nahostpolitik auf ein festes Podest. Er sendet die Botschaft in den Nahen Osten: Dass wir jetzt mit (fast allen) reden, bedeutet nicht, dass wir uns mit Relativierern und Leugnern gemein machen werden.
Dass er – nebenher – auch noch ein wenig von Dresden zu sehen bekommen wird, passt übrigens auch in die Logik seiner Argumente, die er in Kairo ausführte. Dort riet er den Palästinensern, sich vom „gewalttätigen Extremismus“ zu distanzieren. Gewalt führe immer in die Sackgasse.
Und dann kam ein sehr geschickter und kluger Schachzug: Obama empfahl den Palästinensern den Kampf der Schwarzen in Amerika als Vorbild, den friedlichen Aufstand gegen die Apartheid, die  friedliche Revolution in Osteuropa gegen den Kommunismus. Allesamt erfolgreiche Kämpfe aus aus mindestens ebenso schwieriger Lage wie heute im Westjordanland und in Gaza.
Guter Punkt. Daran wird Obama in Dresden anknüpfen können, wenn er der Ereignisse in Ostdeutschland vor 20 Jahren gedenkt.

Leser-Kommentare
  1. 105.

    Obama findet übrigens Zakat gut:

    “For instance, in the United States, rules on charitable giving have made it harder for Muslims to fulfill their religious obligation. That is why I am committed to working with American Muslims to ensure that they can fulfill zakat. ”

    Das Scharia-Kompendium “Reliance of the Traveller”, von der al-Azhar – „Universität“ zertifiziert, nennt im Kapitel zum Zakat als Empfänger erst mal Arme, dann diejenigen, die vom Imam zum Einziehen der Zakat ausgeschickt werden, weiter Leute, die dem Islam gewogen gestimmt werden sollten, ausserdem Sklaven, die man freikaufen will, dann Leute, die vorübergehend blank sind, und schliesslich Personen, die den Islam mit Gewalt ausbreiten wollen:

    .. diejeinigen die für Allah kämpfen, das heisst Leute, die in islamischen militärischen Aktionen engagiert sind. [..] Sie erhalten ausreichend für die Operationen, auch wenn sie reich sind – Waffen, Ausrüstung, Bekleidung und Spesen.

    Ausgerechnet Al-Azhar….

    Auch Yusuf al-Qaradawi, der Prediger und Experte auf Al-Jazeera, von der NZZ als “moderat” bezeichnet, referiert die Sache in seinem Werk über Zakat (Fiqh az-Zakat), und er referiert die Meinungen der verschiedenen Rechtsschulen. Am deutlichsten formuliert er den Sachverhalt bei der Besprechung der Ausführungen von Jamal al-Din al Qasimi, einem Rechtsgelehrten des Islams in Syrien (1866-1914). Nach Al-Qaradawi erklärt Al-Qasimi

    .. die Sache Allahs deckt alle legitimen öffentlichen Interessen, mit denen Religion und Staat aufrecht erhalten werden. Zweifellos sind Waffenkauf und Ausgaben für Soldaten zuoberst auf der Liste. Der Kampf der hier gemeint ist, ist derjenige, der gefochten wird, um Allahs Wort in der Welt zur Herrschaft über alles zu bringen.

    Obama findet das gut.

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    • 7. Juni 2009 um 17:10 Uhr
    • FreeSpeech
  2. 106.

    LOL, die SPD lässt sich mit standing ovations feiern, minutenlanger Beifall.

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    • 7. Juni 2009 um 18:20 Uhr
    • PBUH
  3. 107.

    @ PBUH # 95

    “>Der Unterschied zwischen Ihrer und meiner Sichtweise ist u.a. der, dass ich al-Qaida und die anderen Terroristen niemals als wirklich “islamisch” empfunden habe

    Mit der Meinung stehen sie gerade unter Muslimen ziemlich alleine da.”

    Nein, keineswegs. Die meisten Moslems, die ich kannte, waren vor allem deshalb nicht bereit, sich von al-Qaida zu distanzieren, weil sie deren Taten als zutiefst unislamisch empfanden.

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    • 7. Juni 2009 um 19:13 Uhr
    • Joachim_S
  4. 108.

    @ Neumann # 104

    Sie haben recht. Nur: Sowohl von liberalen/säkularen wie von konservativen Moslems werden sowohl die Wahhabiten als auch erst recht die Qaida-Terroristen als Leute angesehen, die den Islam zutiefst pervertieren. Daher betrachtet man sie zumindest als Irregeleitete.

    Antworten

    • 7. Juni 2009 um 19:19 Uhr
    • Joachim_S
  5. 109.

    Nein, keineswegs. Die meisten Moslems, die ich kannte, waren vor allem deshalb nicht bereit, sich von al-Qaida zu distanzieren, weil sie deren Taten als zutiefst unislamisch empfanden.

    Na und?
    Der Punkt ist doch wirklich nicht: die moslime, die sie kennen – wir sprechen hier doch wiedermal von 1.3 milliarden menschen, die unter ‘muslime’ gezählt werden.

    Schauen sie – das spiel geht so:

    a-b
    b-c
    c-d
    d-e

    a findet die position von e völlig gaga , lehnt sie absolut ab und schämd sich vielleicht auch noch dafür, dass es e überhaupt gibt…
    a versteht sich als X
    a aber stimmt b zu, aner nicht in allem, aber grundsätzlich, wenn b sagt: ich bin ebenfalls X.
    b wiederum stimmt c zu, wiederum nicht in allem, aber grundsätzlich, wenn c sagt, ich bin wie du X.
    Und so geht es fort, außer, es gibt eine grunsätzliche abgrenzung.
    Im islam heisst das: gehört in bestimmten bereichen einer anderen – auch namendlich genau abgetrennten gruppe an – wie z. b. Sunnithen und alevithen oder schiiten…
    oder: es ist keine grenze da.
    nur weil ein sehr friedfertiger a die aus seinen augen radikale und im grunde unislamische position von einem e ablehnt, heisst es eben nicht, dass er die orthodoxere position eines b ablehnt, der hat einfach strenger seinen glauben lebt . und b wiederum eines c….
    Das problem heisst: fundamentalistische Position wie sie al quida unter anderen vertreten sind nur magrinal verschieden, wie die von den Talibans, und diese wiederum von orthodoxen afganischen oder pakistanischen oder saudi-arabischen positionen, was die weltliche geltung des islams, z. b. in form der scharia, anbelangt.
    Es ist keine systematische trennung da, die allsetig anerkannt wird – und das ist auch der große hacken an der sache.
    Schauen sie: die meisten evangelische religiöse Positionen unterscheiden sich nur marginal hier in deutschland von den von katholiken.
    Trotzdem würde niemand katholiken und prodestanten in einem topf werfen.
    Aber man wirft ine inen topf positionen von aufgeklärten katholiken und denen von ultraorthodoxen wie der der pius-gemeinschaft – beides läuft unter katholisch.
    Da ist keine systematische trennung dabei, obwohl die gegensätze viel, viel größer sogar sind von vielen UNS wichtigen bereichen.

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    • 7. Juni 2009 um 19:27 Uhr
    • Zagreus
  6. 110.

    *nixversteh*

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    • 8. Juni 2009 um 11:13 Uhr
    • Joachim S.
  7. 111.

    [...] in der Kairoer Rede fällt Muravchik besonders stark die merkwürdige Betonung des Kopftuchs [...]

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  8. Kommentar zum Thema

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