Sorgen eines Wechselwählers (1)
Meine Kolumne aus der ZEIT Nr. 35 (S.3) von morgen. Ab jetzt wöchentlich bis zur Wahl.
Fast hätten sie mich gehabt. Erst das 67-Seiten-Papier mit seinen drögen, vernünftigen Vorschlägen. Nicht alles toll, aber immerhin Inhalte! Steinmeiers »Deutschland-Plan« gefiel mir umso besser, je lustvoller darauf eingedroschen wurde. Dann kamen die Umfragen, in denen die SPD knapp über zwanzig Prozent lag, hart verfolgt von Horst Schlämmer. Das hat die Partei nicht verdient! Ich müsste wohl, dachte es in mir, SPD wählen, aus einer Mischung von Respekt und Gerechtigkeitsgefühl. Die Sozis sind krass unterbewertet – nach einem Jahrzehnt schmerzhafter Reformen. Allerdings weiß ich nicht, ob dieses Gefühl noch eine Runde Urlaubsbilder von Ulla Schmidt übersteht – und Münteferings verzweifelt lachhafte Angriffe auf die Kanzlerin, sie interessiere sich nicht für Arbeitsplätze und solle besser schon mal »die Umzugskisten packen«.
Ich bin Wechselwähler – und ich bin diesmal unglücklicher denn je. Vielen aus unserer beargwöhnten Spezies geht es genauso. Wir werden immer wichtiger – genießen können wir es nicht. Wir sind das schmutzige kleine Geheimnis der Demokratie. Ohne uns geht nichts. Wir stürzen Regierungen, wir zwingen Große Koalitionen herbei, um sie anschließend zu hassen. Und uns selbst ein bisschen mit. Die Politiker zittern heute mehr denn je vor uns. Unsere Stimmen zählen doppelt, verglichen mit denen der Stammwähler (wir waren mal welche), weil wir sie den einen entziehen und den anderen geben. Wer uns gewinnt, lobt unsere Rationalität. Wer uns verliert, verflucht unsere Wankelmütigkeit. Leider stimmt beides.
Die Demoskopen kennen seit Jahren das Problem, uns zu fassen zu bekommen: Wir neigen dazu, uns nachträglich konsistenter und konsequenter darzustellen, als wir in Wahrheit sind. Wir wollen (auch uns selbst gegenüber) oft nicht zugeben, hin- und hergesprungen zu sein. Ein Ruch von Verrat und Beliebigkeit hängt uns an. Nicht zu Unrecht: Wir sind politisiert und gut informiert – und doch sprunghaft und launisch bis zur Zickigkeit. Letztes Mal haben viele von uns am Sonntag anders gestimmt, als sie noch am Samstag dachten. Die Demoskopen hassen uns seither und leben doch gut von uns.
Ich möchte jetzt eigentlich schon gern wissen, wie es weitergehen würde mit Merkel. Nicht aus Begeisterung, sondern weil ich mir nach vier Jahren kein Urteil machen kann. Es war keine schlechte Zeit. Aber war das schon alles? Ich bin irgendwie noch nicht fertig mit der Kanzlerin – genau wie all jene, die ihr in Umfragen tolle Noten geben und ihrer Partei die kalte Schulter zeigen. Das ist kein hehres Motiv, und ich weiß auch nicht, ob es noch lange tragen wird. Denn wenn die Kanzlerin mit ihrem »präsidialen Wahlkampf« weitermacht, wird sich meine Neugier auf ihre zweite Amtszeit in Grenzen halten. Immer die andere Seite vorpreschen lassen und dann sagen, das alles könne man übrigens auch bei der Union haben – das Ökologische, den aktiven Staat, die gesellschaftliche Modernisierung, die Regulierung der Finanzmärkte – ist schon ziemlich mau. Kommt ein Konzept doch an die Oberfläche, wird es gleich als »obsolete Ideensammlung« in die Tonne getreten.
Seit Monaten Rekordwerte beim Wechselwunsch: Fast zwei Drittel wollen eine andere Regierung. Doch nur jeder Dritte möchte, dass sich dadurch viel verändert. Mir geht es auch so: Ich bin prinzipiell unglücklich mit der Großen Koalition, weil sie schlecht ist fürs System, weil sie Langeweile und Mutlosigkeit befördert. Andererseits: Die beiden Großen haben uns zusammen nicht schlecht durch die Krise gebracht. Also, ich will einen Wechsel, aber keinen Bruch. Und ich habe keine Ahnung, wie ich das wählen soll. Ob ich wohl mal bei den Grünen vorbeischaue? Ich bin mir ziemlich sicher, die schon mal gewählt zu haben.
Bis zur Bundestagswahl wird Jörg Lau in der ZEIT den
Wahlkampf aus Sicht eines Wechselwählers kommentieren
@ Palmolive: Ist das Satire? Oder sind sie wirklich so vernagelt?
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@ PBUH: Wenn Sie wissen wollen, was eine “schlimme Krise” ist, empfehle ich ein bisschen Reisen.
Deutschland ist eine Insel der Seligen, auch was sein politisches System und sein Personal angeht.
Fast das beste Land der Welt. Nein, das beste.
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@ PHUB
Naja, das mit den eigentumsrechten im Netzs ist einfach so noch nicht geklärt – darüber wird ja gestritten.
Und ohne die Piraten verteidigen zu wollen, andere parteien kann oder will ich nicht wählen.
NPD (& co.) und die LINKS sind beide für mich unwählbar – einfach aus, wie soll man es sagen: Verfassungstreue-gründen. Das ist auch der Unterschied zur SPD von den Linken her – die einen distanzieren sich on radikalen erkennbar und haben das Godesberger programm, die anderen ncht, sondern schicken sogar Verfassungsfeinde (Kommunisten) ins EU-Parlament. Dabei tweile ich viele ansichten mit den Linken im Grunde – aber das ist für mich eine unzuläsige grenzüberschreitung, die mir persönlich es unmöglich macht, sie trotz aller übereinstimmung in vielem, zu wählen.
SPD, hat seit Schröder – dem Genossen der Bosse – und solchen Figuren wie Lügi-landi und den anbieterungen an Islamisten (so sehe ich es) zu viel vertrauen verspielt.
Grün, meine erste partei – und für die ich auch ehrenamtlich aktiv war bis hin zum plakatieren – hat nichts mehr mit dem zu tun, was sich seit ein paar jahren als Grün bezeichnet. Das Klientel hat sich gewechselt und ihr uunsachliches eintreten für religionsfanatiker des Islams ist so als wenn sie nun für die pieusbruderschaft kämpfen würden…. nicht mehr möglich – schäme mich für die scheiße sogar, die die verzapfen. FDP ist ebenfalls nicht besser – neben dem, das FDP schon lange nur noch Wirtschafts-liberale sind, und die ganze andere tradition der Liberalität marginalisiert oder über bord geschmissen haben, hat die FDP ebenfalls des längeren schon auf die Islam-Karte gesetzt und versucht dort wahlpotential abzugreifen mit Figuren wie Möllemann oder Ayyup Kühler & Co. – zudem ihre Frontfrau mit ihren fehlzeiten im EU-Parlament???? Ich wähle doch nicht leute, die dann sich einen schönen lenz machen und erstmal in den mutterschaftsurlaub gehen.
CDU & CSU sind und waren noch nie drinnen, obwohl mir gerade gauweilers EU-Aktion extrem gut gefallen hat – denn EU nur ja, wenn es dabei gleichviel oder mehr demokratisches Mitbestimmungsrecht für den Bürger gibt – und dieser nicht mal praktisch ‘abgeschafft’ wird – auch ein grund, warum nicht GRÜN; FDP; SPD & CDU/CSU.
Zur wahl gehe ich – trotz schönen wetters, trotz frust – bin schon immer gegangen und gehe auch zu jedem Bürgerbegehren – es ist einfach meine Pflicht als Bürger – als, wenn auch kleinen, Entscheidungsträger für unser Gemeinwesen. ES geht nicht an, nicht wählen zu gehen, wenn man sein schicksal und das seiner Gemeinschaft mit bestimmen möchte – wählen gehen zu können ist der Unterschied zwischen Untertan und Bürger einfach.
Also was bleibt mir? Nun: Piratenpartei – wissend, das es wohl nichts bringt und das was sie vertreten bzl. Internet – jede Stimme zählt, dass die Großen mal aufhorchen vielleicht und nicht ganz die interessen des Bürgers vergessen zwischen all den beratern und Lobby-vertretern.
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Sorgen eines Wechselwählers
Mann, Herr Lau! In den letzten Monaten finde ich ja Ihre Frau attraktiver als Sie. Aber Sie holen auf!
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@ xnwo: Nein, meine Frau bleibt attraktiver als ich.
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@ xnwo: Klarnamen bitte, siehe Joachim S.!
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@Jörg Lau
Klarnamen finde ich ok, wenn der Kommentator das freiwillig machen will.
Es kann sehr unterschiedliche Gründe haben, warum man sich für eine gewisse Anonymität entscheidet.
Was micht betrifft, ziehe ich diese Anonymität vor.
Sie Herr Lau haben meine email Adresse mit Klarnamen, das sollte genügen.
P.S.: Ausserdem bin ich abgesehen von Martin Riexinger (link) und Ihnen selbst der einzige, der bisher ein Foto von sich in den blog gestellt hat.
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