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Karsai – so illegitim wie Ahmadinedschad?

 

Und noch einmal eine Frage, der wir uns in den kommenden Wochen  stellen müssen, wenn die afghanische Regierung gebildet wird.

Karsai hat nach der bisherigen Auszählung der Stimmen eine absolute Mehrheit in Aussicht. Zugleich ist massiver Wahlbetrug festzustellen, wie ihn  zuerst – chapeau! – mein Kollege Ulrich Ladurner in dieser Zeitung dargestellt hat.

Was machen wir denn jetzt? Wir isolieren Ahmadinedschad, weil er durch eine manipulierte Wahl ins Amt gekommen ist und arbeiten mit der neuen Regierung Karsai einvernehmlich zusammen? Wir legen die Zukunft eines Landes, für das unsere Soldaten sterben (und töten) in die Hand eines Wahlbetrügers?

Wie gehen wir damit um, dass wir einen zweiten Iran (was die Legitimität der Wahlen betrifft) unter den Augen der Bundeswehr entstehen sehen?

Das ist das wahre Desaster in Afghanistan, über das gestern im Bundestag kein einziges Wort gefallen ist.


15 Kommentare

  1.   AM

    Sie können davon ausgehen, dass mit dem Wahlbetrüger Karsai zusammengearbeitet werden wird. Was und mit wem denn sonst? Wenn es den eigenen Interessen dient, kann man sich und dem Volk das immer schönreden. Zur Not weiht man halt noch ein paar Mädchenschulen mehr ein und lobt die Fortschritte im Land.
    Was macht daneben schon ein kleiner Wahlbetrug aus? So richtig fürchterlich und unverzeihlich ist der nur dann, wenn es auch sonst nicht passt.

  2.   AM

    Zu Ladurners Beitrag:
    Der erwähnte Gouvernör von Kunduz ist nicht zufällig derselbe, der gerade unserem Verteidigungsminister mit Lob für die Bomben zu Hilfe geeilt ist?
    Es wäre interessant zu erfahren, was er dafür gefordert und bekommen hat. Ungestörte Geschäfte? Eine Hand wäscht schließlich die andere.

  3.   Hans Joachim Sauer

    In einem failed State wie Afghanistan, mit einer nur in Ansätzen existierenden Zivilgesellschaft, ist Stabilität wichtiger als Wahlen.
    Ich möchte in diesem Zusammenhang an die Wahlen im Kongo vor 2 Jahren erinnern, die der Regierung Kabila eine Legitimität verleihen, die die nun wirklich nicht verdient hat angesichts der Tatsache, dass sie (wie die Regierung Karzai) außerhalb der Hauptstadt nichts zu sagen hat, und dass sich die kongolesische Armee genau so schlimme Kriegsverbrechen leistet wie die marodierenden Banden, gegen die sie vorzugehen behauptet.
    Solange es keine Alternative zu Karzai gibt, müssen wir mit ihm zusammenarbeiten. Man darf nicht vergessen, dass der Mann maßgeblich vom Westen installiert wurde und sich bisher keine allzu großen Schweinereien geleistet hat.

    In Iran liegen die Dinge ganz anders: das Land hat eine funktionierende Zivilgesellschaft, die Bevölkerung ist gebildet und Wahlen und andere Strukturen, die eine Demokratie und einen Rechtsstaat ausmachen, existieren im Bewusstsein zumindest der städtischen Bevölkerung.

  4.   Krähling

    Schade, dass – gegen den Willen der Mehrheit der Deutschen – Bundeswehr in Afghanistan steht, Soldaten ohne Not für unser Land töten und getötet werden. Wie oft kann man das Volk in Deutschland belügen? Danke für einen Journalismus, der wie Ihr Kollege Ulrich Ladurner seine Möglichkeiten und seine Verantwortung ernst nimmt.

  5.   N. Neumann

    @ Jörg Lau

    Die entscheidende Frage ist, wie in Afghanistan mit den Wahlbetrügereien umgegangen wird bzw. werden wird. Der Untersuchungs- und Entscheidungsprozess ist offenbar noch nicht abgeschlossen. Westliche Journalisten können auf den Putz hauen, westliche Politiker tun sich und Afghanistan möglicherweise kein Gefallen, wenn sie dies zum jetzigen Zeitpunkt tun.

    Zumal bleibt abzuwarten, ob und wenn ja, wie sich Karzai in der Angelegenheit äußert.

  6.   Rafael

    Natürlich können wir Karzai und seine Warlords weiter unterstützen.

    Was wir zur unserer eigenen Legitimation in Bezug auf den Afghanistankrieg aber tun müssen, ist Zielvereinbarungen festzulegen.

    Es muss im Vorfeld festgelegt werden, welche Entwicklung in Afghanistan im Rahmen des Möglichen liegt, was wir also realistischerweise von den Afghanen verlangen können. Und es muss festgelegt werden, was wir dafür zu leisten bereit sind. Wenn solche realistischen Zielvereinbarungen nicht erreicht werden, müssen eben die Konsequenzen gezogen werden.

    Leider wäre es für ein solches Szenario nötig, mal zu formulieren, was wir eigentlich kurz und mittelfristig konkret in Afghanistan erreichen wollen und realistischerweise erreichen können. Und welche Mittel dafür notwendig wären. Davor schrecken aber die liberalen Befürworter eines fortgesetzten Einsatzes verständlicherweise zurück.

    Auf dem Weblog Sicherheitspolitik kann man sich sehr gut darüber informieren, was in Afghanistan mit welchen Mitteln möglich wäre. Für mich ist der Preis dafür zu hoch. Für die meisten meiner Mitbürger wohl ebenfalls.


  7. Karzai ist der „Gute“, der darf manipulieren, insbesondere in der Talibanhochburg musste er 100 % der Stimmen erhalten, Ahmadinejad darf auch manipulieren (durch Chamene’i gedeckt), also wo ist das Problem ? Den „einen“ wollen „wir“, den „anderen“ nicht.
    Im Prinzip sind beide Wahlen lächerlich, verdienen das Wort nicht, sollen eine Legitimation des Herrschers durch das Volk aussprechen. Ahmadinejad kann – zeitlich begrenzt – gegen das Volk regieren, Karzai nur in seiner Hauptstadt, damit erledigt sich das Problem der Wahl in ein paar Jahren von alleine.

  8.   christian aka tati

    OT

    „German court approves right to Muslim prayer in high school“

    http://www.worldbulletin.net/news_detail.php?id=46999

    Vorläufige Verfügung eines deutschen Richters verpflichtet Schule zur Bereitstellung einen Gebetsraumes für 14jährigen Muslim.

    Diese Entscheidung ist eine Katastrophe, ein Schlag ins Gesicht für die säkularen Prinzipien unseres Gemeinwesens.
    Was kommt als nächstes ? Stundenpläne mit Berücksichtigung der muslimischen Betzeiten.

  9.   christian aka tati

    „Die Leute sind selbst schuld“, sagt Guls Onkel Gul Mohammad, der gekommen ist, um nach dem Neffen zu schauen. „Warum rennen sie auch mitten in der Nacht aus dem Haus, um Benzin zu stehlen?“ Wazir Gul nickt. Von Hass auf Ausländer oder die Internationale Schutztruppe (Isaf) ist in seinem schwer gezeichneten Gesicht nichts zu lesen. […] Viele Familien, die Angehörige verloren haben, haben die Beerdigungen nicht in den Moscheen verkünden lassen, wie es üblich ist. In Kundus wird das als ein Zeichen von Scham gewertet. Offenbar wollten sie nicht, dass allzu viele Trauergäste an den Beisetzungen teilnehmen. „Sie waren Benzindiebe“, sagt der Student Nasratullah an der Pädagogischen Hochschule der Stadt. „Das gilt auch bei uns als Schande.“ Auf dem Markt würden viele Menschen die Toten beschimpfen, sagt er.

    http://weblog-sicherheitspolitik.info/2009/09/08/tanklaster-vorfall-die-afghanische-bevolkerung-reagiert-gelassen/