Ein Blog über Religion und Politik

Sorgen eines Wechselwählers (6): Guido wählen?

Von 23. September 2009 um 13:27 Uhr

Meine wöchentliche Kolumne zur Bundestagswahl (ZEIT Nr. 40, S. 6):

Alle vier Jahre frage ich mich: Warum eigentlich nicht die Gelben wählen? Diesmal, da Rekordergebnisse anstehen, besonders. Es lockt ein runderneuerter, spaßfreier, reumütig das Guidomobil verfluchender Dr. Westerwelle. Ein Kümmerer-Guido, der sich um Familien sorgt, das Hartz-IV-Schonvermögen erhöhen will und mit den über Fünfzigjährigen fühlt. Für diese Leute seien die Steuersenkungen, predigt er landauf, landab. Ich fürchte, ich werde es trotzdem nicht über mich bringen.
Meiner Klassenlage nach dürfte es mir eigentlich nicht so schwerfallen. Ich finde es aber peinlich, als »Leistungsträger« angebaggert zu werden, bloß weil meine Steuererklärung das hergibt. Es klingt verrückt: Ich zahle gerne Steuern. Ich lebe gerne in diesem Land und halte es für einen fairen Deal, dafür zur Kasse gebeten zu werden. Darum bringe ich es nicht fertig, eine Partei zu wählen, die mir einflüstert, ich würde hier ausgenommen. Ich finde das reichlich unpatriotisch.
Die Ausschließeritis – keine Ampel (mit der FDP), kein Jamaika (mit den Grünen), sowieso kein Rot-Rot-Grün – ist schon schade: Als Wechselwähler hatte ich gerade begonnen, Freude an meinen bunten Optionen zu finden. Andererseits hilft es mir schwankendem Rohr: Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot, das ist doch mal eine klare Sache. Ade, neue Unübersichtlichkeit.
Alle schließen irgendetwas aus, aber Topausschließer der Nation ist Westerwelle. Dass die FDP ihre Ehre daran hängt, mit den Sozen über eine Ampel nicht einmal pro forma zu reden, auch wenn’s für ein Bündnis Merkel-Westerwelle nicht reicht, ist mir aber zu hoch. Ich verstehe schon, dass Westerwelle die vielen enttäuschten Unionisten nicht verprellen will, die ihm diesmal nur die Stimme leihen. Doch dass ein Liberaler mit einer SPD, die wegen Hartz IV und Rente mit 67 am Abgrund torkelt, nicht mehr reden kann, ergibt keinen Sinn. Eine Union, die Westerwelle hämisch »sozialdemokratisiert« nennt, ist einzig denkbarer Koalitionspartner? Sorry, da komme ich nicht mehr mit. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als man SPD-FDP-Koalitionen für etwas Natürliches hielt. Jetzt sollte ich mich wohl schon mal auf Schwarz-Gelb 2.0 einstellen.
Die Protagonisten haben ein starkes Argument: Wir oder das Chaos! Da ist ganz sicher was dran. Merkwürdig nur, dass Union und FDP völlig konträr für Schwarz-Gelb werben. Hilf uns, Merkel aus den Sozi-Klauen zu befreien!, ruft Westerwelle. Sie hat zwar Opel gerettet und Banken verstaatlicht, aber eigentlich ist sie ganz okay. Wir müssen die Leipziger Reform-Angie freilegen!
Anders die Kanzlerin: Ich will die Liberalen vor dem schlimmsten neoliberalen Irrsinn bewahren, flüstert sie. Ich werde ihnen in der Regierung schon die Lektionen der Finanzkrise beibiegen. Wir müssen Guido zähmen, ich schaffe das.
Diese beiden wollen das Chaos verhindern?
Ein linker Freund kam letztens mit folgender Theorie: Wenn du willst, dass sich eine linke Mehrheit formiert, musst du FDP wählen. Nur Schwarz-Gelb macht Rot-Rot-Grün möglich.
Das ist mir einen Tick zu schlau. Als Wechselwähler brauche ich zwei funktionierende Lager, geführt von Volksparteien: Regierung und Reserveregierung – für den Fall, dass die erste Mannschaft Mist baut. Das spricht gegen die Große Koalition. Ich will aber auch nicht, dass die SPD gedemütigt wird. Uff. So schlimm war es noch nie. Drei Tage noch. Bis Sonntag vor der Kirche werde ich doch wohl wissen, was ich wählen soll!
Aber das habe ich letztes Mal auch gedacht.

Kategorien: Bundestagswahl 2009
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Herr Lau schämt sich also für das viele Geld was er verdient.

    Das typische Profil eines Grünwählers eben, immer auf der Suche nach Ablasshandlungen.

    Aber auch für Herrn Lau wird es härter, u.U. muss er demnächst sogar seine Kontoführungsgebühren selber bestreiten.

    • 23. September 2009 um 14:17 Uhr
    • PBUH
  2. 2.

    Die FDP geht für mich, obwohl als liberalkonservativer Kleinunternehmer voll in ihrer Zielgruppe, aus vier Gründen nicht:

    1. Deren Steuersenkungsversprechen sind unseriös.

    2. Eine CDU/CSU/FDP-Koalition mit einer geschwächten CDU, einer gestärkten FDP und einer permanent auf Krawall gebürsteten Seehofer-CSU, sorgt für Dauerzoff.

    3. Westerwelle

    4. Westerwelle.

    • 23. September 2009 um 14:17 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  3. 3.

    @ PBUH: Ist gar nicht so viel Geld, obwohl ich echt nicht klage. Anständiges Handwerksmeistersgehalt mit kleinem Betrieb, so ungefähr.
    Denken Sie nicht ans Fernsehen und die Magazine, wir sind hier ein paar Etage drunter.
    Und schämen? Nö. Alles verdient. Bin kleiner Leut Sohn, habe mich als erster durchs Gymnasium gebissen, als erster studiert, keine Hilfe, nichts. Nur Leistung. Hat sich aber gelohnt, und darum liebe ich dieses Land. Bin ein Herzenskonservativer und kann darum keine FDP wählen.

    • 23. September 2009 um 14:21 Uhr
    • Jörg Lau
  4. 4.

    Mein Traumergebnis sieht so aus, dass es mit 1,2 Sitzen für Schwarz-Gelb reicht. Mit so einer Mehrheit können die Neoliberalen keine Dummheiten machen, weil sie um die stille Opposition in den Regierungsfraktionen wissen. Andererseits ist dann Schwarz-Gelb für alle Grausamkeiten verantwortlich, die kommen müssen, damit die Verstaatlichung privater Schulden (Sozialismus für die Reichen) finanziert werden kann. Westerwelle darf außerdem eigenhändig die Steuersenkungen wegen höherer Gewalt über Bord werfen. Von wegen spassfrei: mehr Spass ist gar nicht denkbar!

    • 23. September 2009 um 14:28 Uhr
    • AM
  5. 5.

    @AM

    Etwas anderes als Flucht vor der Verantwortung war von ihnen nicht zu erwarten.

    Eine schwarz-gelbe Mehrheit die wieder Sozipolitik macht, wie unter Kohl, brauchen wir aber wirklich nicht. Und zu etwas anderem sind die beteiligten Personen eh nicht fähig.

    • 23. September 2009 um 15:19 Uhr
    • PBUH
  6. 6.

    @Jörg Lau

    Der Unterschied ist, der Handwerksmeister mit Betrieb wird jeden Tag mehrfach daran erinnert, dass es viele Leute gibt, die es ihm schwermachen Geld für seine Arbeit und die seiner Angestellten zu bekommen.

    Mit “das viele Geld” wollte ich keine Wertung abgeben, ich muss ihr Gehalt ja nicht bezahlen, wegen mir können sie also auch das x-fache verdienen.

    >Bin kleiner Leut Sohn

    Jetzt schämen sie sich auch noch für ihre Herkunft… ;-)

    >Ich zahle gerne Steuern. Ich lebe gerne in diesem Land und halte es für einen fairen Deal, dafür zur Kasse gebeten zu werden.

    Was halten sie eigentlich davon Presseerzeugnisse von der ermässigten Mehrwertsteuer zu befreien ?

    • 23. September 2009 um 15:24 Uhr
    • PBUH
  7. 7.

    @ PBUH

    “Der Unterschied ist, der Handwerksmeister mit Betrieb wird jeden Tag mehrfach daran erinnert, dass es viele Leute gibt, die es ihm schwermachen Geld für seine Arbeit und die seiner Angestellten zu bekommen. ”

    Das sind an erster Stelle zahlungsunwillige Kunden, inklusive unseres finanziell klammen Staates, in zweiter Linie knauserige Banker und erst an dritter Stelle der Staat. Ein Unternehmer hat viel mehr Möglichkeiten, Geld am Fiskus vorbeizuschleusen als ein Arbeitnehmer. Sie kennen sicherlich auch Handwerker, die ohne Rechnung arbeiten.

    “Was halten sie eigentlich davon Presseerzeugnisse von der ermässigten Mehrwertsteuer zu befreien ?”

    Die Frage ging zwar nicht an mich, aber das würde das Umsatzsteuerchaos in Deutschland noch vergrößern.

    • 23. September 2009 um 15:40 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  8. 8.

    “Ich zahle gerne Steuern.”

    Das ist schön für Sie , Herr Lau, da wird Sie auch keiner dran hindern. Nur, warum sind Sie bereit, den staattlichen Repressionsapparat zu bemühen, damit auch andere Steuern zahlen MÜSSEN?

    Und wie hoch reicht eigentlich Ihre patriotische Schmerzgrenze? 60% Abgabenlast? 75? 100?

    • 23. September 2009 um 16:08 Uhr
    • Adrian
  9. Kommentar zum Thema

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