Ein Blog über Religion und Politik

Sorgen eines Wechselwählers (7): Bekenntnis eines politischen Geisterfahrers

Von 30. September 2009 um 12:22 Uhr

Zum letzten Mal – meine wöchentliche Kolumne zur Bundestagswahl (aus der ZEIT von morgen, Nr.41, S. 7):

Ich akzeptiere ohne Umschweife, dass ich die Wahl verloren habe. Es hilft kein Drumherumreden: Ich finde mich auf der Seite der Verlierer wieder. Ich habe SPD gewählt.
Überrascht bin ich allerdings nicht. Ich habe schließlich mit knirschenden Zähnen rot gewählt, weil mir das Desaster schon schwante. Und jetzt kann ich es ja sagen: Ich wollte sie gar nicht unbedingt an der Macht sehen, die Sozis. Elf Jahre sind erst mal genug. Diese Partei braucht eine Macht-Pause.
Das klingt paradox. Aber am letzten Sonntag schien es mir plötzlich vernünftig, eine chancenlose SPD zu wählen. Schwarz-Gelb verhindern? Darum ging es nicht mehr. Selbst wenn die Chance noch bestanden hätte: Ich hätte nicht mein Kreuz bei der SPD gemacht, um Merkel-Westerwelle zu blockieren. Ich hatte nun mal – und habe immer noch – keine Angst vor Angela und Guido. Mehr noch: Die Kampagne gegen die beiden als sozial kalte, radioaktiv strahlende Finanzhaie fand ich einfach nur töricht. Sie roch unangenehm nach den Achtzigern, als die Linke noch gegen die »geistig-moralische Wende« wetterte, als Kohl sie längst abgeblasen hatte.
Ich bin Wechselwähler. Durch Merkel bin ich vor vier Jahren schwach geworden und vom Rot-Grünen zum Unionswähler mutiert. Bereut habe ich es zwar nicht. Doch nun habe ich zu meinem eigenen Erstaunen noch einmal rot gewählt – vom erwartbar verlorenen Posten aus.
Eigentlich liegt mir das nicht. Ich will mit meiner Stimme etwas bewirken. Und beim Blick auf die Wählerwanderunsgdiagramme überkommt mich ein beißendes Gefühl der Vergeblichkeit: Der Wanderungssaldo zwischen SPD und Union beträgt 620.000 zu Gunsten der Kanzlerin! Hunderttausende Genossen stimmen für Merkel – und noch erstaunlicher: 430.000 wandern zur erzbösen FDP? Und ich auf der  Gegenspur als politischer Geisterfahrer?
Ich hatte es ja geahnt: Warum dennoch SPD? Eben weil ich mir schon dachte, dass die Stammkundschaft zuhause bleiben würde. Aber so viele – das hat mich doch umgehauen! Meine zarte Wechselwählerstimme ist kein Ersatz für zehn Hartz-4-Empfänger, die gar nicht mehr wählen.
Mein Wahlziel am letzten Sonntag war nur noch, die Demütigung der Partei zu verhindern. Damit bin ich – zugegeben – grandios gescheitert. Denn anders als meine Wenigkeit hat der SPD-Stammwähler nach elf Jahren Regierung keine sentimentalen Anwandlungen. Im Gegenteil. Nahezu zwei Millionen von seiner Sorte sind einfach zuhause geblieben. Seit 1998, rechnen uns die Demoskopen jetzt vor, hat sich die Wählerschaft der Sozis halbiert. Vielleicht haben die Leute ja Recht und die SPD braucht eine unmißverständliche Botschaft. Aber ein Desaster biblischer Dimension? Wo bleibt die Gerechtigkeit?
Klingt ganz schön sentimental.
Sei‹s drum: Ich habe nicht bloß aus Gefühligkeit und Mitleid SPD gewählt. Ich hatte ernsthafte taktische, demokratietheoretische Gründe. Ich glaube nämlich an das Modell der Volkspartei, das jetzt ein bisschen voreilig für obsolet erklärt wird. Ich hoffe sogar, in Zukunft wird es mehr als zwei davon geben. Keine Partei hat hierzulande Überlebenschancen als krawallige Klientelpartei, und das ist auch gut so. Alle müssen Volksparteien werden. Die FDP übt schon, die Linke sperrt sich im falschen Triumphgefühl. Und darum wird die SPD noch einmal gebraucht, genau wie die Union in ihrem Lager.
Ich bin merkwürdiger Weise auch als Verlierer eigentlich recht zufrieden mit dieser Wahl. Die Große Koalition war zwar besser als ihr Ruf. Sie hat die beiden Großen gezwungen, sich über ihre Nähe ehrlich zu machen. Aber für uns Wechselwähler war sie Gift. Wir brauchen keine ideologischen Lager im vermufften Retro-Look, aber ohne erkennbare Alternativen geht es nicht.
Eine stabile Regierung zu haben, ist nämlich nur das eine. Die Aussichten dafür stehen jetzt immerhin nicht schlecht. Aber für meinen seelischen Comfort als Wechselwähler ist wichtig, dass die Opposition als übernahmebereite Reserveregierung bereitsteht. Und da hakt‹s: Nach der Riesenklatsche vom Wochenende sehe ich nicht, wie das linke Lager sich unter Führung der Sozis zur schlagfähigen Ersatzmannschaft formieren könnte. Es ist ja nicht mal absehbar, ob die Sozis sich selber so bald eine neue Führung zimmern können. Viel hängt davon ab, ob der Linkspartei die SPD nun endlich klein genug ist – oder ob die wahre Demontage jetzt erst los geht.
Warum bin ich trotzdem alles in allem zufrieden? Die Volksparteien sind jetzt frei, unser zunehmend chaotisches Parteiensystem neu zu ordnen: Die Union muß der FDP die marktpopulistischen Flausen austreiben. Und die SPD (zusammen mit den Grünen) der Linken den Retro-Geist. Beide Parteien, die sich noch standhaft weigern, aus der Krise zu lernen, müssen sanft in die Gegenwart geführt werden. Und da hat die Machtverteilung ihren Sinn: Die Union kann das mit der FDP nur in der Regierung schaffen, die SPD mit der Linken nur in der Opposition.
Steinmeier war groß im Unglück: einen so graziösen Loser habe ich noch nie gewählt. Wer so anmutig, fair und ohne Ressentiment verlieren kann, dachte ich am Sonntagabend, dem möchte man wünschen, eines Tages auch mal zu gewinnen. Schon wieder diese Sentimentalität! Halten wir fest: Ich habe SPD gewählt, und die Partei hat verloren. Es war für die Katz.
Es tut mir zwar nicht leid. Trotzdem mache ich das so bald nicht wieder. Jedenfalls nicht aus dem gleichen Grund. Nächstes Mal, liebe Genossen, brauche ich schon ein besseres Motiv.

Kategorien: Bundestagswahl 2009
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Meinen Respekt für ihre offenen Bekenntnisse.

    >Steinmeier war groß im Unglück: einen so graziösen Loser habe ich noch nie gewählt.

    Dafür wird er nun von der eigenen Seiten um so härter angefasst, auch die Medien schiessen aus allen Rohren auf die Verlierer Münte, Steinmeier und Steinbrück.

    Das ist wie beim Zerfall eines autoritären Systems, die ganzen Kriecher und Speichellecker kommen und treten den Leuten, die nun am Boden sind nochmal ordentlich vor den Kopf.

    Der Hass der lernresistenten 68er lodert hier noch mal auf, getragen vom Feindbild Schwarz-Gelb.

    Wenn Steinmeier und Co. jetzt nicht standhaft bleiben werden Nahles, Gabriel und Annen die SPD in die sichere Vernichtung führen.

    Merkel kann sich freuen, von der Opposition droht die nächsten Jahre erstmal keine Gefahr.

    • 30. September 2009 um 13:05 Uhr
    • PBUH
  2. 2.

    “Der Hass der lernresistenten 68er lodert hier noch mal auf…”

    Welcher 68er?

    • 30. September 2009 um 14:21 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  3. 3.

    @ PBUH: Ich weiss allerdings aus einem Hintergrundgespräch vor etwa 5 Wochen, dass Merkel sich überhaupt nicht freut über diese Vernichtung. Klar will sie gerne regieren, aber eine starke Union braucht auch ein starkes, zurechnungsfähiges Widerlager in einer starken SPD.
    Aber diese Welt ist vielleicht für immer futsch.

    • 30. September 2009 um 14:23 Uhr
    • Jörg Lau
  4. 4.

    In einem gewissen Sinne freud mich aber das straucheln der alten tante SPD doch sehr.
    Sie haben es einfahc mit aller gewalt herbeiführen müssen – und angefangen hat es wohl bereits deutlich mit Schröder, dem Genossen der Bosse. Die Soziale Agenda der SPD wurde da nocheinmal für alle deutlichst aufgegeben – durch eben explerimente wie eben HARTZ und das sie Oskar damals gehen ließen.
    Dazu kommt noch etwas – und das ist die PDS, nun die LINKE.
    Der Erfolg der LINKEN beruht zum einen auf Oskar undd er abwanderung vieler Linker Spd-ler inc. gewerkschaften zur Linken eben.
    Zum anderen aber an noch etwas anderem – und durchaus entscheidenden dabei auch.
    Nämlich, daß die SPD es versäumte sich in ihrem ‘Kampf egegen Rechts’ gegen Links abzusicher.
    Was, neben vielen Inhaltlichen, unterscheidet denn grundsätzlich einer Partei wie die SPD von einer Partei wie der PDS?
    Inmeinen Augen das klare bekenntnis zur Demokratie und wegwenden von allen linksextremen strömungen – das Gotesberger Programm.
    Dieser Unterschied ist schlicht und ergreifend nicht deutlich genug kommuniziert worden, war vielleicht so auch gar nicht möglich, trotz aller Hinweise von SPD-Seite, einfach weil sich partiell in unserer gesellchaft – übrigens durchaus auch von den medien angefeuert – der eindruck festgesetzt hat, daß nur von Rechtsextremen, oder exakter: die unter RECHTS fallende Spannbreite, die viel weiter ist als eben nucr die Rechtsextremen, eine Gefahr für unsere Demokratie ausgehe.
    Das Problem einer Partei wie der SPD, also die ‘Konkurrenz’ liegt aber nicht im Rechten politischen Spektrum, sondern im Linken.
    Nach ‘rechts’ verliert eine Partei wie die SPD Wähler an die FDP oder CDR/CSU, aber selten wohl an die NPD oder wie auch all diese kleinen rechtsextremen Parteien heissen. nach links aber an diverse Kommunistisch-sozialistische Katerparteien, die partiell nun eine größere gemeinsame heimat in der LINKEN gefunden haben. In der LINKEN, die eben ihre extremistischen Ansichten toleriert. Der Skandal dabei zum Schaden für eben die SPD ist es, daß viele Wähler der Unterschied zwischen einer bekenntnismäßg allen extremistischen Strömungen abgeschworenen Sozial(istisch)en Partei und einer extremistmus tolerierenden und integrierenden Partei nicht mehr essentiell ist.
    Und ich denke, das hier die SPD ihr Profil schon lange hätte wieder scherfen müssen – eben auch in einem medialen kampf, in dem deutlich wird, dass linksextremismus genauso mörderisch, undemokratisch udn schlimm wie rechtsextremismus ist.

    • 30. September 2009 um 14:40 Uhr
    • Zagreus
  5. 5.

    @Jörg Lau
    Lieber Herr Lau, faire Worte. Kopf hoch; SPD wird wieder kommen, weil FDP die Wähler nicht halten kann. Dafür hat Guido einfach zuviel vom Himmel versprochen, was er nicht verwirklichen kann und wird. Außerdem hätte sich SPD als kleiner Partner in der großen Koalition langfristig selbst zerfleischt.
    Ich habe zwar auch nicht gewonnen, weil ich wie immer die Grünen gewählt habe, aber bin zufrieden, sie einigermaßen gestärkt aus dieser Wahl kommen zu sehen.

    • 30. September 2009 um 14:48 Uhr
    • docaffi
  6. 6.

    @ Zagreus

    “…und das sie Oskar damals gehen ließen.”

    Der Mann hat sich französisch verabschiedet. Hätte man ihn anbinden sollen?

    “Nach ‘rechts’ verliert eine Partei wie die SPD Wähler an die FDP oder CDR/CSU, aber selten wohl an die NPD oder wie auch all diese kleinen rechtsextremen Parteien heissen.”

    Als Mitte der 90er die Republikaner 8 Jahre lang im BW-Landtag saßen, kam etwa ein Drittel ihrer Stimmen von früheren SPD-Wählern. Ich reche es der CDU hoch an, dass sie eine Zusammenarbeit mit diesen Leuten strikt verweigert hat und lieber eine große Koalition eingegangen ist, als das notwendig war und hoffe, dass sich die SPD nicht der Linkspartei öffnet.

    • 30. September 2009 um 14:54 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  7. 7.

    @ HJS
    “Der Hass der lernresistenten 68er lodert hier noch mal auf…”
    PBUH meint seinen eigenen Hass auf die SPD. Jetzt wo sie ausblutend am Boden liegt, merkt er, wie unangemessen er vielleicht war. Deshalb entsorgt er ihn bei den 68ern. Die sind so schön gesichtslos und überhaupt ein ganz praktischer Mülleimer.

    • 30. September 2009 um 15:01 Uhr
    • AM
  8. 8.

    #

    “Der Hass der lernresistenten 68er lodert hier noch mal auf…”

    Welcher 68er?

    Hab ich mich auch gerade gefragt. Annen ist Jahrgang ’73, Nahles ’70 und Gabriel ’59.
    Ist vermutlich typische PIpifanten-Denke: Jeder der irgendwie links ist, ist ein “scheiß 68er”.

    • 30. September 2009 um 15:03 Uhr
    • Hein_W
  9. Kommentar zum Thema

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