Wenn die Sarazenen kommen

Von 14. Oktober 2009 um 14:14 Uhr

Mit meinem Nachnamen sollte man ja eher vorsichtig sein, wenn es um Namenswitze geht. (Was habe ich nicht schon gelitten seit Grundschultagen!) Aber jetzt muss ich doch noch mal was zum Namen Sarrazin loswerden.
Es wirkt jafast ein bisschen bizarr, dass der Mann, der die “Eroberung durch Geburtenrate” zum Thema gemacht hat, den Namen jenes Volksstammes trägt, der im Mittelalter zum Inbegriff der christlichen Islampolemik wurde: der Sarazenen nämlich. Einem Schriftsteller würde man eine solche Erfindung nicht durchgehen lassen: zu dick aufgetragen, mein Lieber!

Erhard_Reuwich_Sarazenen_1486

Auf dieser Abbildung aus dem Jahr 1486 sieht man die Tracht der männlichen und weiblichen “Sarazenen”, inklusive Burka und Turban, wie sie von Erhard Reuwich dargestellt wurde.

In Wikipedia gibt es zum Begriff zu lesen:

“Die Bedeutung wurde seit der Spätantike sukzessive erweitert, zuerst auf die übrigen arabischen Stämme der vorislamischen Zeit (Eusebius, Hieronymus), und dann im Laufe der kriegerischen Auseinandersetzungen mit maurischen und arabischen Armeen in Europa auf die islamischen Völkerschaften schlechthin. In dieser erweiterten Bedeutung wurde das Wort seit der Zeit der Kreuzzüge aus dem Griechischen und Lateinischen auch in die europäischen Volkssprachen übernommen.

Der Gebrauch im christlichen Schrifttum war hierbei geprägt von einer die bezeichneten Völker abwertenden, gelehrten Volksetymologie. Bereits bei Hieronymus und Sozomenos, also in vorislamischer Zeit, erscheint die Worterklärung, dass die Agarener (oder Hagarener), die Nachfahren der Hagar, der verstoßenen Sklavin und Nebenfrau Abrahams, sich fälschlich als „Sarazenen“ bezeichnet hätten, um sich als Abkömmlinge der Sarah, der Freien und Ehefrau Abrahams auszugeben und sich dadurch aufzuwerten. Diese Worterklärung, die die Sarazenen als verkappte Agarener, und damit in Anknüpfung an die paulinische Deutung des alttestamentlichen Themas (Gal. 4,21-31) als Angehörige eines von Gott heilsgeschichtlich verstoßenen Volkes deutete, wurde bei den christlichen Autoren des Mittelalters seit dem Aufkommen des Islam zu einem anti-islamischen Topos, der in der europäischen Literatur über die Kreuzzüge und den Islam weitere Verbreitung erlangte.”

Irgendwie doch verdammt lustig, diese Koinzidenz: Der Mann trägt den Namen, mit dem man abwehrend und abwertend die dunkelhäutigen Muslime bezeichnete, die im Zuge des Eroberungsfeldzugs der Mauren nach Europa kamen.

A propos Eroberung durch Geburten: Deutsche in Berlin haben eine Geburtenrate von 1,2 Kindern, Araber und Türken in der Hauptstadt eine Rate von 2 Kindern pro Familie. Die Kollegen vom Stern weisen in ihrer morgen erscheinenden, exzellenten Ausgabe darauf hin, dass die Sarazenen, wenn dies so bleibe, mehrere hundert Jahre für ihr Projekt bräuchten.

Der Stern hat die wesentlichen Aussagen Sarrazins einem Faktencheck unterzogen. So viel kann ich verraten: es bleibt nicht viel übrig. (Vielleicht stellen die Kollegen die Sache ja auch mal online?)

Kategorien: Curiosa, Integration
Leser-Kommentare
  1. 17.

    @ christian aka tati
    Ach so! Jetzt reklamieren “PI” und “Fakten & Fiktionen” schon eine Deutungshoheit über Themen wie Antisemitismus und Islamismus für sich. Was ist das für eine Logik, wo ich (oder Herr Özdemir) als Gegner von Antisemitismus gleich ein PI-Jünger sein soll? Sorry, aber die o. g. Websites haben etwas sehr sektiererisches und entwickeln sich anscheinend mehr und mehr zum Religionsersatz. Dass sie angeblich die Fahne des abendländischen Christentums hochhalten ist eh völliger Blödsinn. Wenn ich mich recht erinnere, hat Christentum etwas mit Nächstenliebe zu tun. Davon sind die PI-Fans aber meilenweit entfernt.

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    • 14. Oktober 2009 um 16:59 Uhr
    • Antonio
  2. 18.

    Jörg Lau,

    das einzige Datum, dass Sie “gecheckt” haben ist scheinbar die Geburtenzahl pro Frau – mit dem Ergebnis, dass Sie Sarrazin recht geben müßten, wenn Sie nicht gröbere Schwierigkeiten mit der Wahrnehmung der Realität hätten. Sie ist nämlich bei den türkischen & arabischen Berlinern ca. doppelt so groß, wie bei den anderen. Damit ist Sarrazins Befürchtung wesentlich besser fundiert, als alle Prognosen zum Klimawandel, erst recht hinsichtlich des CO2-Einflusses und dessen menschliche Ursachen. Das mit letzterem fröhlich Politik gemacht wird, ist Ihnen schon klar, oder?

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    • 14. Oktober 2009 um 17:11 Uhr
    • Saki
  3. 19.

    @Antonio

    Brian von Nazareth hat mir antimuslimische Agitation vorgeworfen, weil ich auf den weit verbreiteten Antisemitismus unter Muslimen hingewiesen habe.
    Daraufhin habe ich den Artikel von Cem Oezdemir verlinkt, in welchem er (so wie ich) vor muslimischem Antisemitismus warnt.

    Konsequenterweise müsste Brian von N. dem Cem Oezdemir nun ebenfalls antimuslimische Agitation vorwerfen, nicht wahr?

    P.S. Zum Kommentar von 16.41 Uhr. Ironie – schonmal was davon gehört?

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    • 14. Oktober 2009 um 17:50 Uhr
    • christian aka tati
  4. 20.

    Dokumentation im Wortlaut: Offener Brief von Hans-Olaf Henkel an Thilo Sarrazin

    http://www.ef-magazin.de/2009/10/14/1562-dokumentation-im-wortlaut-offener-brief-von-hans-olaf-henkel-an-thilo-sarrazin

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    • 14. Oktober 2009 um 19:00 Uhr
    • christian aka tati
  5. 21.

    @ Brown & Saki

    Zur Demographie hat mir im Wesentlichen HJS die Worte aus der Tatstatur genommen, ich wollte aber nicht unerwähnt lassen, dass uns nicht nur die Türken, sondern auch die stockschwaren Oldenburger Münsterländer “outbreeden”.

    @ Tati

    Wenn ich einem Grünen ein Bundestagsmandat gegönnt hätte, dass Özdemir. Der Arme muss sich jetzt offensichtlich als Elvis-Imitator durchschlagen.

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  6. 22.

    “Irgendwie doch verdammt lustig, diese Koinzidenz: Der Mann trägt den Namen, mit dem man abwehrend und abwertend die dunkelhäutigen Muslime bezeichnete, die im Zuge des Eroberungsfeldzugs der Mauren nach Europa kamen.”

    Die Verballhornung eines Namens…. irgendwie nun wirklich das letzte, was dieser Diskussion noch gefehlt hat, um wirklich die ganze Palette bieten zu können…

    Aber was solls. In der Diskussion ist eh nichts mehr zu retten. Und Sie können nun von sich behaupten, dass Sie es waren, welcher der Diskussion das wirklich allerletze i-Tüpfelchen aufgesetzt hat und zudem, Humor ist auch eine Art der Meinung und von daher, jeder hat ein Recht auf seinen eigenen Hunmor. ;-)

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    • 14. Oktober 2009 um 19:18 Uhr
    • Stefanie
  7. 23.

    @ NN

    Ich fürchte Hans-Gert Braun ist mit Dan Brown verwandt.

    Teil eins ist mir insofernbekannt, als in marrokanischen Schulbüchern behauptet wird, die berber stammten aus dem Jemen.

    http://www.transatlantic-forum.org/index.php/archives/2009/4913/geschichtsklitterung-marokko/

    Teil zwei scheint mir originell zu sein.

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  8. Kommentar zum Thema

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