Warum Guido Westerwelle Erika Steinbach stoppen muss

Von 11. November 2009 um 09:15 Uhr

Mein Kommentar aus der ZEIT (Nr. 47, S. 12) von morgen:

In der deutschen Geschichtspolitik bahnt sich ein Durchbruch an. Und der unwahrscheinliche Initiator ist Guido Westerwelle, der neue Außenminister.
In seiner ersten Woche im Amt hat er nicht nur runde 20 000 Flugkilometer absolviert, ohne in einem einzigen Fettnäpfchen zu landen. Er hat auch gleich etwas richtig gemacht: Sein erster Besuch führte ihn nach Warschau  –  gemäß dem Wahlversprechen, er werde das Verhältnis zu unserem östlichen Nachbarn so vertrauensvoll gestalten wie das deutsch-französische längst schon ist. Die umstrittene Bundesstiftung zum Gedenken an die Vertreibungen sei ein Beitrag dazu, sagte der Minister in Warschau. »Wir werden alles unterlassen, was diesem Gedanken entgegensteht.»
Das heißt: Westerwelle ist dagegen, dass die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach, Mitglied im Beirat der Bundesstiftung werden kann. Wie recht der neue Außenminister damit hat, zeigte sich an Steinbachs unverschämter Reaktion. Sie warf ihm vor, »Vertrauen zu anderen Ländern durch Opfergaben zu Lasten eigener Bürger oder Organisationen erkaufen« zu wollen. Im Klartext: Frau Steinbach sieht den Außenminister ihrer eigenen Koalition als eine Art Landesverräter, weil der ihr nicht zutraut, den Posten satzungsgemäß auszufüllen.
Guido Westerwelle hat offenbar erkannt, dass es höchste Zeit ist, die deutsche Erinnerungskultur endlich aus der Geiselhaft dieser Frau zu befreien. Es sieht so aus, als würde er standhaft bleiben: Es sei verständlich, dass Steinbach in Polen auf Ablehnung stoße, weil sie 1990 gegen die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze gestimmt habe, konterte Westerwelle Steinbachs Attacke trocken.
In Wahrheit ist Frau Steinbach längst nicht nur den Polen, sondern auch vielen hierzulande schwer als Versöhnerin vermittelbar. Beim diesjährigen Pfingsttreffen ihres Vereins hat sie wieder einmal erklärt, die Vertriebenen seien für Hitler in »Kollektivhaftung« genommen worden. Sie wüssten darum »elementarer als andere«, dass Hitler »die Büchse der Pandora« geöffnet habe. »Elementarer« als die Polen, deren Land ausgelöscht werden sollte?
Dass Frau Steinbach ihre Klientel immer wieder in eine Konkurrenz um den Opfer­status rückt, ist auch vielen Vertriebenen und deren Nachkommen unerträglich. Denn es gibt zum Glück länger schon eine große Bereitschaft, sich mit den deutschen Opfern vorbehaltlos zu beschäftigen – auch in Polen, Tschechien und Ungarn. Die Europäisierung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung hat begonnen, nicht zuletzt durch den persönlichen Einsatz vieler Vertriebener. Doch Erika Steinbach tut immer noch so, als müsse sie eine gefühlstaube Welt darüber belehren, dass auch Deutsche gelitten haben. Dass es ein innerer Widerspruch ist, selbstherrlich und schneidend aufzutreten, wenn man als Opfer anerkannt werden will, hat sie nie verstanden.
Anfang des Jahre sah es anders aus: Als die BdV-Präsidentin im März vorerst darauf zu verzichten schien, einen Sitz in der Stiftung anzustreben, ist ihr viel Respekt zuteil geworden. Endlich schien eine Deeskalation möglich: Man dachte, sie stelle die Verwirklichung des »sichtbaren Zeichens« zum Andenken an das Leid der Vertriebenen über ihr persönliches Interesse. Jetzt zeigt sich, dass dies nur Taktik war. Steinbach wusste, dass die Sozialdemokraten im Kabinett ihre Berufung verhindern würden. Sie hoffte, der kleinere Partner in der neuen schwarz-gelben Regierung werde sich fügen und ihr ins Amt helfen.
Da war es allerdings eine Torheit, dass sie beim Pfingststreffen Verständnis dafür zeigte, dass die Ostpolitik von den Vertriebenen als »Verrat« denunziert wurde. Neben Willy Brandt waren dafür nämlich auch Walter Scheel und sein Nachfolger Hans-Dietrich Genscher verantwortlich. Nun muss Frau Steinbach zur Kenntnis nehmen, dass der neue liberale Außenminister das Bekenntnis zur Entspannungspolitik ernst meint.
Wie ernst, wird sich an seiner Standfestigkeit in der Causa Steinbach zeigen. Von der Bundeskanzlerin kann er stille Unterstützung erwarten. Angela Merkel hat in ihrer Danziger Rede zum deutschen Überfall auf Polen klargestellt: »Kein Land hat so lange unter deutscher Besatzung gelitten wie Polen.« Sie stellte deutsches Leid in den Zusammenhang der »Verantwortung Deutschlands, die am Anfang von allem stand«. Solche Worte machen es den Polen leichter, des an Deutschen begangenen Unrechts zu gedenken.
In den kommenden Tagen wird der Bund der Vertriebenen entscheiden, ob man Steinbach nominiert. Der BdV steht am Scheideweg: Was ist wichtiger – die Profilierung Erika Steinbachs oder die wachsende Empathie unserer Nachbarn auch für deutsche Opfer?

p.s.: Eine persönliche Note. Dies hier ist das Haus meiner Familie väterlicherseits. Es steht in Gorna Grupa (Obergruppe) bei Grudziaz (Graudenz) an der Weichsel. Es war einmal ein Dorfgasthof. Heute sind darin ein Kulturzentrum und ein Kaufladen untergebracht. Niemand kann sich an meine Oma oder meinen Vater und seine Geschwister erinnern. Oder niemand möchte es zugeben. Es war gut, das zu sehen bei unserem Polen-Urlaub in diesem Jahr. Erstaunlich, wie ähnlich die Gegend derjenigen ist, in der mein Vater, der Vertriebene, heimisch wurde (im äußersten Westen Westdeutschlands). Einen kleinen Stich hat’s mir schon versetzt. Aber dann war es auch gut. Ich bin auf der glücklichen Seite des Kalten Krieges aufgewachsen. Ich liebe Westpreussen und werde sicher wiederkommen. Heimat ist woanders.

gornagrupa

Kategorien: Außenpolitik
Leser-Kommentare
  1. 113.

    Perhaps Germans might want to ponder the reason they lost territory. Thanks to a popularly voted leader by the name of Adolf Hitler, they happily followed his every direction. They invaded nearly all of their nieghboring lands and occupied with infamous cruelty and brutality. Not the NAZIs, the Germans. That is the collective guilt you wear.

    If you have problems with losing territory and the suffering you consequently have to endure, perhaps it might be a good idea to not start the damn war in the first place. Crying about how much you as a people suffered as a result of losing a war you alone started is absolutely pathetic.

    After more than a decade of absolute babariansm across Europe, it’s a wonder that Germany got the Marshall plan at all. The nation certainly didn’t deserve it. Prussia is now Polish – and probably better off because of it. What does Steinbach expect to happen after a nation loses a war it started? A golden handshake, champagne and a fireworks show?

    The biggest joke is, with all her parading around playing the sweet victim, she seems to have lost track that under EU law, and once the changes come into effect, she’ll be able to live in her beloved Heimat without restrictions anyway. In the meantime maybe she can live in Paris and pretend she’s having evening Kuchen with the Führer – it seems a fitting fantasy.

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    • 17. Dezember 2009 um 10:10 Uhr
    • DSB
  2. 114.

    Spielen Sie weiter Geige. Warum sind Sie trotzig?

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    • 3. Januar 2010 um 18:20 Uhr
    • u.schoenberg
  3. 115.

    Zu:-6-vom11.Nov.2009 So sehe ich es auch.Ein Herr Westerwelle kann nur nach dem “Hörensagen”urteilen.Was deutsche Frauen,die oft auf sich allein gestellt Flucht und Vertreibung meisterten,in der Kriegs- wie Nachkriegszeit erdulden mußten,-davon hat eher Frau Steinbach genaue Kenntnisse als ein überheblicher Herr Westerwelle.Ich selbst kann mich noch erinnern, wie es uns in Pommern unter Russen und Polen erging,
    nachdem unsere Flucht aus Ostpreußen dort ihr Ende fand.Der Hass der
    Polen ging soweit,das uns bei der Ausreise 1947 (ab Schlawe) als Verpflegung vergifteter Fisch wie Brot gereicht wurde.Dieses erregte
    selbst das russische Militär,welches diese Vorgänge untersuchen wollte.
    Sicher,auch die polnische Befölkerung hat in den Kriegsjahren viel er-
    dulden wie erleiden müssen,doch sollten sie auch einmal gelegendlich
    vor ihren eigenen Türen kehren.Dafür sollte sich ein Außenminister,der
    doch die Interessen aller Deutschen vertritt auch ab und an mal stark
    machen,statt sich nur immer in die polnische “Brüderlichkeit” einzu-
    schleimen.So bleibt der bittere Geschmack bei uns im Westen,drum danke
    Polen…auch für die Schrifttafeln vor der Lyckèr Kirche die von polnischem Wunschdenken zeugen.

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    • 14. Februar 2010 um 16:14 Uhr
    • preuss
  4. Kommentar zum Thema

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