Warum Guido Westerwelle Erika Steinbach stoppen muss
Mein Kommentar aus der ZEIT (Nr. 47, S. 12) von morgen:
In der deutschen Geschichtspolitik bahnt sich ein Durchbruch an. Und der unwahrscheinliche Initiator ist Guido Westerwelle, der neue Außenminister.
In seiner ersten Woche im Amt hat er nicht nur runde 20 000 Flugkilometer absolviert, ohne in einem einzigen Fettnäpfchen zu landen. Er hat auch gleich etwas richtig gemacht: Sein erster Besuch führte ihn nach Warschau – gemäß dem Wahlversprechen, er werde das Verhältnis zu unserem östlichen Nachbarn so vertrauensvoll gestalten wie das deutsch-französische längst schon ist. Die umstrittene Bundesstiftung zum Gedenken an die Vertreibungen sei ein Beitrag dazu, sagte der Minister in Warschau. »Wir werden alles unterlassen, was diesem Gedanken entgegensteht.»
Das heißt: Westerwelle ist dagegen, dass die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach, Mitglied im Beirat der Bundesstiftung werden kann. Wie recht der neue Außenminister damit hat, zeigte sich an Steinbachs unverschämter Reaktion. Sie warf ihm vor, »Vertrauen zu anderen Ländern durch Opfergaben zu Lasten eigener Bürger oder Organisationen erkaufen« zu wollen. Im Klartext: Frau Steinbach sieht den Außenminister ihrer eigenen Koalition als eine Art Landesverräter, weil der ihr nicht zutraut, den Posten satzungsgemäß auszufüllen.
Guido Westerwelle hat offenbar erkannt, dass es höchste Zeit ist, die deutsche Erinnerungskultur endlich aus der Geiselhaft dieser Frau zu befreien. Es sieht so aus, als würde er standhaft bleiben: Es sei verständlich, dass Steinbach in Polen auf Ablehnung stoße, weil sie 1990 gegen die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze gestimmt habe, konterte Westerwelle Steinbachs Attacke trocken.
In Wahrheit ist Frau Steinbach längst nicht nur den Polen, sondern auch vielen hierzulande schwer als Versöhnerin vermittelbar. Beim diesjährigen Pfingsttreffen ihres Vereins hat sie wieder einmal erklärt, die Vertriebenen seien für Hitler in »Kollektivhaftung« genommen worden. Sie wüssten darum »elementarer als andere«, dass Hitler »die Büchse der Pandora« geöffnet habe. »Elementarer« als die Polen, deren Land ausgelöscht werden sollte?
Dass Frau Steinbach ihre Klientel immer wieder in eine Konkurrenz um den Opferstatus rückt, ist auch vielen Vertriebenen und deren Nachkommen unerträglich. Denn es gibt zum Glück länger schon eine große Bereitschaft, sich mit den deutschen Opfern vorbehaltlos zu beschäftigen – auch in Polen, Tschechien und Ungarn. Die Europäisierung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung hat begonnen, nicht zuletzt durch den persönlichen Einsatz vieler Vertriebener. Doch Erika Steinbach tut immer noch so, als müsse sie eine gefühlstaube Welt darüber belehren, dass auch Deutsche gelitten haben. Dass es ein innerer Widerspruch ist, selbstherrlich und schneidend aufzutreten, wenn man als Opfer anerkannt werden will, hat sie nie verstanden.
Anfang des Jahre sah es anders aus: Als die BdV-Präsidentin im März vorerst darauf zu verzichten schien, einen Sitz in der Stiftung anzustreben, ist ihr viel Respekt zuteil geworden. Endlich schien eine Deeskalation möglich: Man dachte, sie stelle die Verwirklichung des »sichtbaren Zeichens« zum Andenken an das Leid der Vertriebenen über ihr persönliches Interesse. Jetzt zeigt sich, dass dies nur Taktik war. Steinbach wusste, dass die Sozialdemokraten im Kabinett ihre Berufung verhindern würden. Sie hoffte, der kleinere Partner in der neuen schwarz-gelben Regierung werde sich fügen und ihr ins Amt helfen.
Da war es allerdings eine Torheit, dass sie beim Pfingststreffen Verständnis dafür zeigte, dass die Ostpolitik von den Vertriebenen als »Verrat« denunziert wurde. Neben Willy Brandt waren dafür nämlich auch Walter Scheel und sein Nachfolger Hans-Dietrich Genscher verantwortlich. Nun muss Frau Steinbach zur Kenntnis nehmen, dass der neue liberale Außenminister das Bekenntnis zur Entspannungspolitik ernst meint.
Wie ernst, wird sich an seiner Standfestigkeit in der Causa Steinbach zeigen. Von der Bundeskanzlerin kann er stille Unterstützung erwarten. Angela Merkel hat in ihrer Danziger Rede zum deutschen Überfall auf Polen klargestellt: »Kein Land hat so lange unter deutscher Besatzung gelitten wie Polen.« Sie stellte deutsches Leid in den Zusammenhang der »Verantwortung Deutschlands, die am Anfang von allem stand«. Solche Worte machen es den Polen leichter, des an Deutschen begangenen Unrechts zu gedenken.
In den kommenden Tagen wird der Bund der Vertriebenen entscheiden, ob man Steinbach nominiert. Der BdV steht am Scheideweg: Was ist wichtiger – die Profilierung Erika Steinbachs oder die wachsende Empathie unserer Nachbarn auch für deutsche Opfer?
p.s.: Eine persönliche Note. Dies hier ist das Haus meiner Familie väterlicherseits. Es steht in Gorna Grupa (Obergruppe) bei Grudziaz (Graudenz) an der Weichsel. Es war einmal ein Dorfgasthof. Heute sind darin ein Kulturzentrum und ein Kaufladen untergebracht. Niemand kann sich an meine Oma oder meinen Vater und seine Geschwister erinnern. Oder niemand möchte es zugeben. Es war gut, das zu sehen bei unserem Polen-Urlaub in diesem Jahr. Erstaunlich, wie ähnlich die Gegend derjenigen ist, in der mein Vater, der Vertriebene, heimisch wurde (im äußersten Westen Westdeutschlands). Einen kleinen Stich hat’s mir schon versetzt. Aber dann war es auch gut. Ich bin auf der glücklichen Seite des Kalten Krieges aufgewachsen. Ich liebe Westpreussen und werde sicher wiederkommen. Heimat ist woanders.

@ Black
“Westerwelle wird daran gemessen werden, wie er die Zukunft gestaltet, und nicht wie er die Vergangenheit politisch korrekt behandelt.”
Ganz genau. Und um der Zukunft willen darf Frau Steinbachs Anspruch Vergangenheit werden.
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@ NN
Selbige Autorität hat schließkich auch nachgewiesen, dass der Freimaurer Johannes Paul II. den VAtikan den seinen ausgeliefert hat.
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Westerwelle betreibt hohlen Versöhnungskitsch und biedert sich in Warschau an, indem er die heiklen Themen ausklammert. Der Vorwurf des Verrates an deutschen Interessen ist völlig berechtigt. Ehrliche und nachhaltige Verständigungspolitik sieht anders aus.
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Wenn man einen politischen Bericht oder auch Kommentar abliefert, dann tut man gut daran erst seine blankesten Emotionen, wie Schuettelkraempfe und Hass abkuehlen lassen.
Ansonsten verliert man allzu leicht das Augenmass fuer seine Argumente und man erscheint nur noch als Clown derselben. das Abgelieferte erscheint dann meist laecherlich ueberzogen und verliert den rationalen Grund.
Vielleicht ist Ihnen dabei auch entgangen, dass wohl viele Menschen bei Ihren untenstehenden Zitat zwangslaeufig an das Polen der Kacsynski’s und ihre Rein-Opfer-Politik denken muessen und nicht an Frau Steinbach und die Vertriebenen.
“Dass es ein innerer Widerspruch ist, selbstherrlich und schneidend aufzutreten, wenn man als Opfer anerkannt werden will, hat sie nie verstanden”
Noch einen kleinen Tieb, bezeichnen Sie die Reaktion Ihres “Opfers” nicht als “unverschaemt”, bevor Sie dem Leser mitteilen was die Reaktion eigentlich war. Das zeugt von Disrespekt gegenueber dem Leser.
Vielleicht sind wir alle dumme Menschen, die sich so leicht beeinflussen lassen! Aber bitte zeigen Sie es uns nicht so offensichtlich, dass Sie so ueber uns denken.
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Masure, Ihr Link ist ja der Oberknaller:
http://www.ostdeutsches-forum.net/antifa/index.htm
Verschwörungstheoretiker und Ewig-Revanchisten der gar hellsten Sorte. Wie schön, dass Ihre Zeit schon seit 45 abgelaufen ist.
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Frau Steinbach ist nicht die einzige Repräsentantin. Sie wäre eines der Beiratsmitglieder. Übrigens brüskiert Polen, genauso wie Westerwelle, die übrigens Beiratsmitglieder als willige Trottel, die von Erika Steinbach an der Nase herumgeführt würden. Soweit ich das mitbekommen habe, sind das honorige Leute mit einer gewissen Reputation. Polen tut aber so, als sei Steinbach die einzige Repräsentantin dieses Gremiums. In Wirklichkeit schlägt man den Sack und meint den Esel. Polen möchte die Vertreibung ÜBERHAUPT nicht thematisiert wissen. Es ist eine innerdeutsche Angelegenheit, die auch von Deutschland finanziert wird. Was geht Polen das an? Deutschland hat seine Verbrechen immmer und immer wieder zugegeben. Aber auch der eigenen Opfer gedenken? Menschenrechtsverletzungen, begangen an Deutschen, sind offenbar keine, sondern höchstens gerechte Strafe, und man darf sie keinesfalls Verbrechen nennen.
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Es gibt 14 Millionen von Flucht und Vertreibung betroffenen Deutsche gab, der BdV hat aber nur 2 Millionen Mitglieder, nimmt gleichzeitg aber sehr wohl für sich in Anspruch, im Namen aller Flüchtlinge, Vertriebenen und deren Abkömmlingen zu sprechen, egal ob sie Mitglied sind. Dürfen wir zulassen, dass dieser Verband über die Außenpolitik unseres Landes bestimmt?
Mehr dazu hier.
http://www.das-polen-magazin.de/2009/11/polenpolitik-steinbach-und-csu-gegen-westerwelle/comment-page-1/#comment-209
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@ Helene Sellien
“In Wirklichkeit schlägt man den Sack und meint den Esel.”
Warum soll man dann nicht einen hübscheren Sack auf den Esel setzen?
Wenn stimmt, was Sie sagen, dann würde es anschließend offensichtlicher werden. Es darf nicht um die Person Steinbach gehen….
“…und man darf sie keinesfalls Verbrechen nennen.”
Warum denn nicht? Ich habe da keine Skrupel: natürlich waren das Verbrechen. Verbrechen, für die die Täter im Gefängnis oder am Galgen gelandet wären, wenn die Maßstäbe immer und überall dieselben wären.
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