Abwesenheitsmeldung

Von 28. Januar 2010 um 14:04 Uhr

Sorry, ich weiß natürlich, dass das so eigentlich überhaupt nicht geht: Ich habe mein Blog sträflich vernachlässigt und mit etwa 3 tägliche Kommentare zur aktuellen Debatte zwischen Broder, Kelek, Chervel, Steinfeld, Kreye etc. verkniffen.

Es geht derzeit leider nicht anders. Ich bin auf einer umfangreicheren Recherche über den Wandel des jüdischen Lebens in Deutschland für eine Titelgeschichte der nächsten Woche.

Bitte um Verständnis!

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 113.

    @NN

    “Ich habe nun durchblicken lassen, dass ich den saudischen Staat bzw. die von ihm praktizierte, mithin widersprüchliche Staatsideologie nicht weißwaschen möchte.”

    Das ist nicht nötig, denn das habe ich weder gesagt noch unterstellt, es geht hier nur um eine unterschiedliche Beurteilung der Gefahrenpotentiale. Zur Erinnerung, die Quelle dieses Diskussionsstranges war mein Unverständnis der Verortung des Irans auf der Achse, während zeitgleich S-A. billig davonkommt, und zwar explizit bezogen auf den Zeitraum, in dem das geschah. Für mich ein Widerspruch, nach wie vor.

    “Dennoch macht es auf diesem Hintergrund keinen Sinn, die Unterscheidung zwischen staatlicher (Terror)Finanzierung und privater (Terror)Finanzierung nicht gelten zu lassen.”

    Ich halte es für ausgeschlossen, das ein Land, das sich der Ideologeme als legitimierenden Faktor verinnerlicht, die in ihrer Konsequenz eine hohe Deckungsgleichheit mit den Zielen von Terroristen anzeigt, diese Konsequenz nur einfach nicht in den Griff bekommt, weil die Überweisungen schwer zu überwachen sind. Ich probiere es mal mit einer Meldung von 2004, immerhin 3 Jahre nach 9/11, und nach etlichen Anschlägen in S-A selbst:

    “Bis heute verfechten die Wahhabiten Gewalt und Dschihad als tragende Säulen islamischer Tugend, einen rigiden Konformismus bei der Religionsausübung, die institutionalisierte Unterdrückung von Frauen, die generelle Ablehnung von allem Modernen, von Säkularismus und Demokratie als im Widerspruch stehend mit dem Islam und seinem militanten Missionseifer.

    Diese Dschihad-Ideologie par excellence ist im Großen und Ganzen auch die Weltsicht des radikalen Islams. Es ist sicher keine Übertreibung, wenn man sagt, dass der Wahhabismus zu einer Prototypideologie aller extremistischen und terroristischen Gruppen geworden ist, selbst derjenigen, die das Haus Saud verachten.

    Wie konnte diese finstere, pseudo-islamische Glaubensrichtung zur dominanten Sprache nicht nur der Extremisten, sondern auch in zunehmendem Maße des islamischen Establishments werden? Die kurze Antwort lautet: Geld sowie die tief greifende Legitimitätskrise in der muslimischen Welt im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts.

    (…)

    Es gibt keine offiziellen westlichen Schätzungen, um welche Zahlen es sich genau handelt, was allein Beweis genug für das Scheitern des Westens ist, dieses Kernproblem anzugehen. Doch schon willkürliche Stichproben aus offiziellen saudi-arabischen Quellen lassen auf eine Kampagne ungeahnten Ausmaßes schließen. Die Saudis bestätigen, zwischen 1975 und 1987 insgesamt 48 Milliarden Dollar, bzw. vier Milliarden Dollar pro Jahr, für „Entwicklungshilfe“ ausgegeben zu haben, eine Summe, die Ende 2002 auf 70 Milliarden Dollar (281 Milliarden Saudi-Rial) angestiegen war.10 Diese Summe soll allein staatliche Entwicklungshilfe (sic!, B.) sein und mit ziemlicher Sicherheit keine privaten Gelder beinhalten, die ebenfalls durch staatlich-kontrollierte Wohlfahrtsvereine verteilt werden. Derartig exorbitante Geldmengen stehen im krassen Gegensatz zu den fünf Millionen Dollar auf Konten von Terroristen, von denen die Saudis behaupten, sie nach dem 11. September 2001 eingefroren zu haben. Ein anderer Vergleich ist ebenfalls aufschlussreich, wenn man nämlich diese Zahlen der einen Milliarde Dollar gegenüberstellt, die die Sowjetunion auf der Höhe ihrer Macht in den siebziger Jahren für außenpolitische Propaganda ausgegeben haben soll.

    (…)

    Das saudi-arabische Geld wird nach einem detaillierten Plan ausgegeben, um den Einfluss und die Kontrolle des Wahhabismus auf Kosten der gemäßigten Muslime auszuweiten. In muslimischen Ländern geht ein großer Teil der Hilfe an Religionsschulen (Madrassa), die hauptsächlich den Hass auf die Ungläubigen lehren und des Lesens und Schreibens kaum mächtige Dschihad-Kader heranziehen. Mittlerweile gibt es Zehntausende solcher Schulen, die von den mit den Wahhabiten verbündeten Deobandi in Südasien und Südostasien geleitet werden. Allein in Pakistan beläuft sich die Fremdfinanzierung der Madrassa Schätzungen zufolge auf mindestens 350 Millionen Dollar pro Jahr, das meiste Geld davon kommt aus Saudi-Arabien.13 Die Saudis unterstützen auch direkt terroristische Aktivitäten in Ländern wie Pakistan, Afghanistan, den Philippinen, Indonesien, Tschetschenien, Bosnien, und, wie bereits ausgeführt, die meisten der großen saudi-arabischen Stiftungen sind darin verwickelt.”

    Zitatende (http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2004/februar04/–lmilliarden-fur-den-dschihad.html, wie gesagt, gibt es noch mehr von, ich sehe keinen Grund, das zu bezweifeln).

    “Entsprechend ist/sind mit wealthy saudis im Times-Artikel offenbar nicht der Staat, sondern Privatleute.”

    Ich hatte versucht, die Systemimmanenz in Anschlag zu bringen. Die Vorstellung, das die Finazierung des globalen Djihad federführend zwar von S-A. ausgeht, ineins mit dem ganz öffentlichen und auch staatlichen Export einer entsprechenden Ideologie, der Staat aber selbst nichts damit zu tun hätte (oder sich obig verhandelte Zustände binnen einer halben Dekade verflüchtigt hätten), erscheint mir durchaus naiv. Der Wahabismus stellt für die Saudis eine legetimierende Doktrin dar, aber sie soll mit dem Djihad nichts zu tun haben? Wie will sie sich denn glaubwürdig distanzieren?

    “Hatte ich gesagt, dass Iran (in dieser Reihenfolge) die Hisbollah und die Hamas finanziert. Und es gibt nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass sich das ändert.”

    Das habe ich auch nicht bezweifelt, die Übernahme der Hamas-Interessen durch Iran heißt auch nicht zwangsläufig, die Saudis hätten mit dem Verein nichts zu tun gehabt. Was ich versucht habe, zu sagen, war, das der Einfluss der Saudis auf den globalen Terror dadurch nicht geschmälert wird. Und diesem stehen die Iraner trotz intensiver Feindschaft zum Westen keineswegs näher als S-A.

    “Die instrumentelle Komponente des Israelhasses ändert nichts daran, dass er innerhalb der iranischen Führung tiefer empfunden und noch mehr Programm ist als innerhalb der Führungen arabischer Staaten.”

    Bar der instrumentellen Komponente steht S-A seit dem Palästinenserkrieg formell immer noch mit Israel im Krieg, der Staat wird nicht anerkannt. Es gibt für mich keinen Grund, die Abneigung der Saudis (ineins mit ihrer früheren Rolle im Kampf gegen Israel) geringer zu schätzen, ich habe auch dargelegt, das sich genau darauf die Profilierung der Iraner, und zwar nicht erfolglos, bezieht. Nun ist es aber so, das eine andere intrumentelle Rolle die USA spielen, deren Beziehungsgeflecht zu S-A bzw. Iran völlig unideologisch erklären helfen, warum man sich in bestimmten Dingen uneins ist. Angenommen, die Iraner stünden in einem ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis, würden sie möglicherweise ähnlich agieren. das war mein Punkt.

    “Ich sehe nur, dass du irgendwie das Gegenteil behauptest, aber nicht, dass du es begründest.”

    Ich habe hier noch einmal konkreter gesagt, was ich schon vorher meinte, vielleicht ist es jetzt klarer. Wie gesagt: Es erscheint mir naiv, davon auszugehen, das das Land nur einfach nichts dagegen tuen kann, wobei die aktuellen Kampagnen sich wohl eher auf die Schwierigkeiten im Inneren beziehen als einer geläuterten Seele. Ich bin mir auch ziemlich sicher, das der War on Terror eine ander Topologie hätte, wenn 15 der 19 aus dem Iran gekommen wären.

    “Maliki hat (wohl mit einigem Grund) in erster Linie auf den syrischen Staat geschimpft, nicht auf den saudischen. Zumal Syrien über einen effizienteren Überwachungsapparat verfügt als Saudi Arabien, und man entsprechend davon ausgehen kann, dass dieser über private Grenzübertritte in den Irak eher Bescheid weiß als SA.”

    Der Einfluss S-A in Irak ist vielfach diskutiert, das Maliki sofort einen Verdacht brachte, ändert daran nichts, im Gegenteil (abgesehen davon, das wir hier die Verantwortlichkeiten auch bei höchstem Aufwand kaum werden klären können). Denn wenn sich die Verantwortlichen direkt innerhalb der syrischen Baathisten finden lassen, warum dann überhaupt S-A erwähnen? S-A irritiert hier ja auch nicht erst seit gestern (und wird von durchaus mit der Lage vertrauten Leuten eben doch mit der Anschlagswelle in Verbindung gebracht): http://www.nytimes.com/2007/07/27/world/middleeast/27saudi.html?_r=1

    “Das habe ich auch nicht behauptet. Der Iran unterstützt sehr handfest aber die Hamas, die Hisbollah sowie Sadr und Co. Und er drückt den im Vergleich zur Al Kaida gemäßigten Muslimbrüdern in arabischen Staaten mindestens die Daumen.”

    Daumendrücken wäre wohl ein Euphemismus, und natürlich nehme ich nicht an, das Iran al Kaida irgendwie nicht human genug findet. Davon werden die Verantwortlichkeiten aber kaum tangiert. Lass uns bitte das Israelding vom global terror mal trennen, denn da gibt es guten Grund für. Ganz egal, wo wir noch so einmarschieren werden: In Afghan./Irak sind wir nicht in erster Linie wegen der Bedrohung Israels durch den Iran, oder deren Nuklearprogramm.

    “Daneben kann sich der Westen bzw. die Welt glücklich schätzen, dass (in dieser Reihenfolge) Alkaidaisten mit Iran nichts anfangen können bzw. Schiiten grundsätzlich ablehnen. ”

    Wie wahr, wobei die Ablehnung wohl auf Gegenseitigkeit beruht.

    “Iran verfährt mit sunnitischen Extremisten und Radikalen eher pragmatisch: Sofern diese sich nicht zu schade dafür sind, vom Iran Unterstützung in Anspruch zu nehmen und es Iran in den Kram passt, nehmen sie (Hamas) diese an. Abgesehen davon hatte Iran – nach dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” – keine Skrupel, einen gewissen Abu Musab as-Zarqawi (die Endstufe des alkaidaistischen Schiitenhasses) zwischen 2001 und 2003 auf seinem Staatsgebiet zu dulden.”

    Das war mir neu, und ich hoffe mal, ich gebe mir jetzt nicht (zumindest nicht deshalb) die Blösse, allerdings hätte ich auch so keine Schwierigkeiten, einen gesunden Pragmatismus, bzw. das, was als solches empfunden wird, anzunehmen. Auch nicht beim Counterpart.

    “Das mit der Sunnitisierung habe ich von Tibi (“der wahre Imam”, glaube ich), und es erscheint mir treffend.

    8. Warum erscheint es dir treffend? Weil es von Tibi ist? Mir ist überhaupt nicht klar, was hier mit Sunnitisierung gemeint sein soll.”

    Ich habe mich dazu schon ein wenig detailierter geäußert, will das aber gerne präzisieren:

    Auch wenn es schon vor Chomeni ein ideologisches Fundament gab (was ich nicht bestritten habe), gibt weder die iranische Geschichte ein Vorbild für diesen Velayatkram her, noch lässt sich ein unverhohlener schiitischer Führungsanspruch so ohne weiteres herleiten, wie das beim Chalifatsgedanke der Fall ist (weshalb hier der Traditionsstrang auch so überwältigend leichter herzustellen ist). Deshalb wird auch ein ziemlich verschwurbeltes Gedankengerüst errichtet, das vorgeblich modernistisch-demokratische Tendenzen enthält, denn ein Ayatollah (ein Rang, der, wenn ich das richtig sehe, bei Chamenei noch nachgereicht werden musste, was den originär politischen Charakter unterstreicht) ist nun mal kein Mahdi. Ich habe das im Prinzip auch so gesagt, und Tibi nicht als Fähnlein-Fieselschweiführer aus der Tasche gezogen.

    Mit der Sunnitisierung ist die “Verweltlichung” der Religion in Bezug auf ihre Anspruchshaltung gemeint. Die Iranische Geschichte der letzten, meinethalben, 150 Jahre darf durchaus als Beleg dafür gelten, das dies hier schwieriger ist als bei der sunnitischen Ummah. Insofern stellt das Regime eben auch einen Traditionsbruch dar, der sich an sunnitischen Ansprüchen der Religion orientiert. Muss man nicht so sehen, erscheint mir aber auch nicht unbedingt als Tüddelüh.

    Abschließend: Die künftige Gefahr (neben einem Misserfolg Afgh./Irak) sehe ich, darum versuche ich mich zu informieren, bei 2 Punkten. Nämlich einerseits in der Frage, wie sich Iran (insbesondere mit Bezug auf Israel) verhält, und andererseits, was passieren würde, wenn es zu neuen Anschlägen in der westlichen Hemisphäre kommt. Ich glaube gar nicht, das wir sooooweit auseinanderliegen, und folge dir auch bezüglich des ersten Punktes. Du hast ja recht, es gibt keine Anzeichen einer veränderten Haltung Irans gegenüber Hisbollah und Hamas, keine Widersprüche. Aber bezüglich des 2. Punktes denke ich, die Gefahr geht hier weniger vom Iran aus, sondern eher von AlKaida&Co. Ein simpler Anschlag, von denen es jeden Tag neue geben kann, hat den Jemen ins Visier gebracht. Klar, für den Fachmann möglicherweise nix neues, für mich als Zeitungsleser aber die Frage, ob da jetzt ‘ne dritte Baustelle aufgemacht wird. Und bislang habe ich keinen Grund, S-A da vom Schirm zu nehmen, ich glaube auch nicht, das die Deklarierung als öffentlich oder privat da grundsätzlich geeignet ist, die Bedenken zu lindern. Die saudische Regierung steckt hier in einem Dilemma, den einerseits legitimiert sie sich mit dem Wahabismus (in durchaus agressiver Weise, und kann auf eine lange Geschichte diesbezüglich zurückschauen), und andererseits erscheint es ihr selbst gefährlich. Im Grund schnalle ich nicht wirklich, wozu ein Land, das den Koran als Staatsverfassung führt, eine islamistische Opposition braucht, wie gesagt, ich will hier wirklich nicht den Fachmann simulieren. Aber für S-A ergeben sich daraus offenbar Handlungszwänge, die zumindest eine Duldung von auf Terrorismus hinauslaufenden Netzwerken attraktiv erscheinen lassen, eine pure Limitierung wegen der unbescholtenen Überweiser, die sich schwer überführen lassen, kann ich mir kaum denken. Und ich habe stark den Eindruck, das diese potentiell gefährliche Situation aus einschlägigen Gründen nicht S-A angelastet wird.

    Man mag von den Irren aus Teheran halten was man will, aber, diesem Duktus folgend, würde ich bei denen aus Riad auch nicht unbedingt von vollständiger Gesundung reden, und insgesamt scheint dieses Problem politisch nicht sehr relevant.

    Antworten

    • 15. Februar 2010 um 15:40 Uhr
    • Boothby
  2. Kommentar zum Thema

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