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Wurde der Talibanführer gefangen oder verraten?

Von 17. Februar 2010 um 11:20 Uhr

Die Festnahme des Talibanführers Mullah Baradar ist erfreulich über die Tatsache hinaus, dass den Aufständischen in Afghanistan damit ein wesentlicher Schlag zugefügt werden konnte.

Die Kooperation zwischen dem pakistanischen Geheimdienst ISI und der CIA lässt hoffen, dass Pakistan endlich den Kampf gegen die Dschihadisten aufnimmt, statt sie als Werkzeug seiner Einflussnahme im Nachbarland zu päppeln und zu protegieren. Mullah Baradar wurde ausserhalb der südpakistanischen Stadt Karatschi festgenommen. Dabei soll die amerikanische Telefonüberwachung eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Die pakistanische Zeitung Dawn schreibt:
Mullah Baradar’s capture from a place on the outskirts of Karachi was the result of increasing US pressure on Pakistan to pursue a policy of killing or capturing the Taliban leadership believed to be hiding in the country.

The detention of one of their most powerful commanders sent a clear message to the Taliban leadership that Pakistan was no more a safe haven for them.

Pakistani intelligence had been keeping a close track of the movement of the Taliban leadership which had earlier moved freely.

Mullah Baradar’s arrest demonstrated increasing cooperation between the Central Intelligence Agency and Pakistan’s Inter Services Intelligence.

Pakistan hofft offenbar, sich durch die Kooperation gegen die Taliban Aktien im Poker um die Zukunft Afghanistans zu erwerben: gut so!

Allerdings gießt Al-Dschasira etwas Wasser in den Wein: Mullah Baradar könnte, vermutet der Sender, einer Intrige in der Talibanführung zum Opfer gefallen sein. Er war angeblich bei geheimen Verhandlungen mit der afghanischen Regierung in Dubai beteiligt. Dies sei bei den Hardlinern der Bewegung nicht auf Zustimmung gestossen.
Und nun habe man ihn womöglich aus dem Verkehr gezogen, indem man ihm dem Feind ausliefert. (Mit leuchtet daran nicht ein, dass es doch viel zu gefährlich ist, einen Mann mit diesem Wissen aufzugeben. Hätte man ihn nach der Logik von Al-Dschasira nicht besser liquidiert?)

Jedenfalls: Wenn Mullah Baradar zum verhandlungsbereiten und verhandlungsfähigen Teil der Bewegung gehört, ist seine Festnahme vielleicht schlechte Nachricht für alle, die eine “politische Lösung” des Konflikts für unabdingbar halten.

Hier der Bericht von Al-Jazeera English:

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Und nun habe man ihn womöglich aus dem Verkehr gezogen, indem man ihm dem Feind ausliefert. (Mit leuchtet daran nicht ein, dass es doch viel zu gefährlich ist, einen Mann mit diesem Wissen aufzugeben. Hätte man ihn nach der Logik von Al-Dschasira nicht besser liquidiert?)

    @ Jörg Lau

    Zumal dann, wenn er Grund dafür hätte, anzunehmen, was Al-Jazeera in diesem Zusammenhang über seine Kameraden vermutet.

    Insofern vermute ich einen subtilen Der-Westen-ist-doof-weil-er gemäßigte-Taliban-aus-dem-Verkehr-zieht-Spin.

    Jedenfalls: Wenn Mullah Baradar zum verhandlungsbereiten und verhandlungsfähigen Teil der Bewegung gehört, ist seine Festnahme vielleicht schlechte Nachricht für alle, die eine “politische Lösung” des Konflikts für unabdingbar halten.

    Sehense.

    —-

    Wobei die größte Naivität bzw. der abgeschmackteste Friedenspopulismus darin besteht, die Möglichkeit einer “politischen Lösung” zu propagieren, ohne dass die Taliban vorher militärisch ins Hintertreffen geraten sind – wenn man nicht gerade Karzai heißt. Der muss sich aus naheliegenden innenpolitischen Gründen nämlich als beharrlich friedensbereit präsentieren.

    Darüber hinaus wäre es interessant, aus gesicherterer Quelle zu erfahren, um was für tatsächliche oder vermeintliche Taliban es sich handelt, die bei den halbwegs geheimen Verhandlungen in Dubai dabei waren. Der afghanischen Regierung könnte es jedenfalls relativ egal sein, wenn sie dort mit drei Wichtigtuern am Tisch gesessen hat, die 30 Mann unter Waffen haben. Hauptsache sie demonstriert Friedenswillen.

    Abgesehen davon, dass viel dafür spricht, dass es sich bei dem ebenso häufig heranzitierten wie substanziell unbestimmten politischen Kollektivsubjekt “gemäßigte Taliban” effektiv eher um kollektiv nicht verhandlungsfähige Personen handelt, die etwa nach Feierabend für ein paar hundert Dollar monatlichen Salär eine Sprengfalle am Straßenrand vergraben. Von solchen vergleichsweise stark ökonomisch motivierten Leuten lässt sich nicht sagen, dass sie ihr ganzes Leben in den Dienst der Sache stellen (wollen), die ihre Auftraggeber für einzig wahr sowie gerecht halten und für die noch andere unbedingt sterben wollen. Mit anonymen Auftragnehmern lässt es sich allein technisch schwer verhandeln. Ihre Dienste lassen sich wohl am besten dadurch untergraben, indem man jede Form von Taliban-Gebietsherrschaft unterbindet.

    • 17. Februar 2010 um 16:32 Uhr
    • N. Neumann
  2. 2.

    Mist, haben die Amis also doch wieder nur so einen moderaten Taliban gefangen – zum Glück haben sie ihn nicht gleich umgebracht.

    >Hätte man ihn nach der Logik von Al-Dschasira nicht besser liquidiert?

    Das würde doch klar gegen das Gesetz Allahs verstossen, soviel sollten sie doch eigentlich über die Taliban wissen.

    • 17. Februar 2010 um 23:50 Uhr
    • PBUH
  3. 3.

    Wie ist denn hier die neuerliche Gefangenahme zu werten, festgenommen in Peschawar. Möglicherweise zeigt es ja tatsächlich einen Wechsel bei den Pakistanern an?

    • 18. Februar 2010 um 12:03 Uhr
    • Boothby
  4. 4.

    In den vergangenen Monaten haben die USA mit Spezialeinheiten fast jede Nacht Jagd auf Taliban-Kommandeure gemacht, sie töteten oder verhafteten Dutzende. In der Nacht zum Mittwoch töteten Elitesoldaten den Talib Kari Zabi, er galt als Logistiker für den Nachschub von Waffen und den Bau von Straßenbomben.

    Das rabiate Durchgreifen der USA wird in der Bundesregierung offiziell nicht bewertet. Die Bundeswehr hingegen ist heilfroh, dass die US-Truppen die Feinde der Deutschen aktiv bekämpfen.

    Shoib Najafizada berichtete aus Kabul, Matthias Gebauer aus Berlin

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,678562,00.html

    Die Bundeswehr wäre auch heilfroh, wenn Leute wie Matthias Gebauer aus Berlin nicht so selbstgerecht über Oberst Klein daherschwätzen würden, der dafür gesorgt hat, dass Dutzende Feinde der Deutschen in und um Kundus herum unschädlich gemacht worden sind.

    • 18. Februar 2010 um 15:58 Uhr
    • N. Neumann
  5. 5.

    Neumann,

    falls Du mal einen interessanten Artikel über die Bundeswehr und Afghanistan lesen willst, ist da einer gar nicht so weit, bei Jochen Bittner:

    http://blog.zeit.de/bittner-blog/2010/03/03/haubitzen-statt-bambis_960/comment-page-3#comments

    • 18. März 2010 um 17:06 Uhr
    • Saki
  6. Kommentar zum Thema

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