Wie schafft man den Übergang in die Moderne?

Von 18. Februar 2010 um 17:33 Uhr

Mitbloggerin Miriam antwortete gestern auf meine Frage in diesem Thread:

>>Wie schafft man es denn, dass sich möglichst viele an diese Ordnung gewöhnen?>>

Und ihre Antwort ist einen eigenen Post wert:

Im Moment beschäftigt mich eine andere Frage. In letzter Zeit habe ich eine Reihe junger Muslimas kennengelernt, die selbst keine Probleme mit dieser Ordnung haben, aber ihre Eltern; oder ein Elternteil; oder ihre Brüder. Diese jungen Frauen sind hungrig nach Bildung; sie möchten ein selbstbestimmtes Leben führen; sie möchten den Beruf ihrer Wahl erlernen; sie möchten gleich behandelt werden wie ihre Brüder; sie möchten mit ins Landschulheim fahren dürfen; sie möchten nicht ihren Cousin heiraten; die Kopftuchträgerinnen unter ihnen hätten kein Problem damit, ihr Kopftuch abzulegen, z.B. um Polizistin zu werden. Denn sie tragen das Tuch zwar freiwillig, aber den Eltern bzw. der Mutter zuliebe.

Daher lautet die eigentliche Frage: Wie bringen wir die Eltern dieser jungen Frauen dazu, ihre Töchter (und Söhne) freizusetzen; zu respektieren, dass sie nicht das Recht haben ihren Kindern die traditionelle Ordnung aufzuzwingen? Einzusehen, dass ihre Kinder ihnen nicht in dem Sinne gehören, dass sie bestimmen dürfen, wie sie als Erwachsene zu leben haben?

Wahrscheinlich wird man mir vorwerfen, pathetisch zu sein, aber ich denke an “das Mädchen mit den Tränen in den Augen”, über das ich letzte Woche in einem anderen Thread berichtet habe. Für sie ist Schule ein Ort, wo sie frei sein kann, wo sie ihr Kopftuch ablegen kann und wenigstens so tun kann, als ob sie wirklich frei ist. Ein Ort, wo sie Jungs widersprechen darf; wo sie ein Recht auf eine eigene Meinung hat. “Am liebsten würde ich den ganzen Tag in der Schule bleiben”, meinte sie, “und nie nach Hause gehen.” Denn dort ist sie eine Sklavin, die für alles verantwortlich ist (der Papa kann nur ein bisschen Deutsch und die Mama gar keins) und an allem Schuld (z.B. wenn die Geschwister in der Schule versagen, wenn der Bruder wieder Mist baut, wenn sie als Dolmetscherin versagt und der Papa nicht nur die Frau auf dem Amt anschreien muss, sondern auch sie). Ihr bleiben 9 Jahre, um sich zu befreien, denn die Eltern haben ihr mitgeteilt, dass sie mit 25 Jahren einen ihrer drei Cousins heiraten wird; erst mit 25, weil sie zuerst einen Beruf erlernen und ein paar Jahre arbeiten soll, damit sie den Eltern das Geld zurückzahlen kann, das sie in sie investiert haben (ihre Worte).

Erol B. wird sich gleich melden, und mir vorwerfen unzulässig zu generalisieren.
Nein Erol, nicht alle türkischen (kurdischen/muslimischen) Familien in Deutschland sind der Tradition verhaftet. Es gibt viele, die den Übergang von der Tradition in die Moderne geschafft haben, oder auf dem Weg sind dahin. (Ihre Töchter gehen bei uns ein und aus; meine Tochter hat die Sommerferien letztes Jahr in der Türkei mit der einen türkischen Familie verbracht; dieses Jahr wird sie ihre Ferien mit einer anderen türkischen Familie dort verbringen.) Daher weiß ich, dass Türkischsein, Muslimsein und Modernsein vereinbar sind.

Aber es gibt auch viele Familien, die die Moderne ablehnen, die die traditionellen Werte hochhalten und die neuerdings den Islam benutzen als höhere Ebene der Legitimation dieser traditionellen Ordnung. Hier zur Veranschaulichung ein Auszug aus einem Interview, das ich vor kurzem mit einer Kurdin (16 J.) geführt habe. Sie träumt davon, Polizistin zu werden:

“Und meine Mutter. Bis vor ein paar Monaten war meine Mutter einverstanden. Aber dann war sie in der Türkei. Und sie wissen die Religion ist dort sehr stark geworden und so. Und als sie wiederkam, hat sie gesagt, du gehst nicht zur Polizei weil du dort mit vielen Männern in Berührung kommst. Das geht nicht bei uns. Beziehung und so. Oder einen Freund haben. Wir sind halt Moslems. Ich habe die besten Eltern auf der ganzen Welt! Aber meine Mutter will nicht, dass ich so nah mit Männern in Berührung komme. Sie hat zwar Vertrauen zu mir. Aber sie hat Schiss. Sie hat Angst. Sie sagt ich soll lieber beim Rechtsanwalt arbeiten. Da kann ich mein Kopftuch behalten. Und ich habe ihr gesagt, ich könnte zum Hoca gehen. Das ist bei uns Moslems wie ein Pfarrer. Und ich könnte ihn fragen, ob das geht, dass ich Polizistin werde.
Meine Mutter meint, wir müssen alle sterben, und da muss man aufpassen, was man tut.

Sie ist sehr religiös meine Mutter. Sie fastet während Ramadan, und sie will, dass ich das auch mache. Ich mache das auch, obwohl ich nicht muss.

- Und wie fühlst du dich, während du fastest?
Beschissen.
Ich bin auch Moslem und ich lese Koran und so. Aber ich habe nicht den ganzen Koran gelesen. Nur die Hälfte. Aber dann musste ich abbrechen, weil meine Mutter in die Türkei fuhr. Und meine Mutter sagt zu mir. Du willst Polizistin werden und Realschule machen aber den Koran, den kennst du nicht!

- Und das Kopftuch, was hat das für eine Funktion für deine Mutter?
Moslem! Oder wie meinen Sie?

- Ich meine, sieht sie es als Schutz an?
Ja, so könnte man sagen.

Wenn ich bei der Polizei wäre, dann wäre ich offen [ohne Kopftuch]. Und fast den ganzen Tag mit Jungs zusammen. Und dann müsste ich Hosen tragen. Und meine Mutter meint, die Männer würden meine Figur sehen, und meine Haare. Und dann könnte es passieren, dass ich den Fehler mache.

Der Einstellungsberater bei der Polizei war voll schockiert, dass mein Vater nichts dagegen hat. Dass er mich unterstützt. Weil die meisten Türken und Kurden, die zu ihm kommen, die Eltern wollen nicht, dass sie zur Polizei gehen..>>

Auch der Hinweis, dass der Vater sie unterstützt ist signifikant. Das haben mir auch andere Mädchen berichtet: dass ihre Mütter viel mehr Druck ausüben und viel mehr Angst haben als die Väter. Weil die Mütter letztlich für den Erhalt der Jungfräulichkeit haften.

Und meine Antwort auf die Frage, wie man es schafft, die Eltern dazuzubringen, ihre Töchter freizusetzen?

Erstens muss man die Schule und die Berufswelt als säkularen Raum erhalten, wo religiöse Symbole möglichst nichts zu suchen haben und wo schulische Veranstaltungen – auch Landschulheimaufenthalte – für alle verpflichtend sind. Dann haben die Eltern eine Ausrede gegenüber Verwandten und Bekannten, wenn die Tochter kein Kopftuch trägt, mit ins Landschulheim fährt; am Schwimmunterricht teilnimmt oder in der Ausbildung bzw. im Beruf das Kopftuch ablegt.

Die jungen Frauen berichten alle von dem Druck, der die “Gesellschaft” auf ihre Eltern ausübt. Aber auch die traditionell eingestellten Eltern wollen, dass ihre Töchter eine gute Schulbildung erhalten und einen Beruf erlernen, denn inzwischen erwarten sie nicht nur von den Söhnen, sondern auch von den Töchtern, dass sie sie im Alter unterstützen und dass die Töchter vor der Ehe “das Geld zurückzahlen, dass sie in sie investiert haben”. (Dies umso mehr, weil viele Jungs auch aufgrund der Erziehung zur “Pascha” (O-Ton meiner Gesprächspartnerinnen) in der Schule “Scheiße bauen” und letztlich versagen.) Daher glaube ich nicht, dass die Eltern die Töchter von einer streng säkularen Schul- und Berufswelt fernhalten werden.

Wenn die Eltern die Erfahrung machen, dass das Freisetzen ihrer Kinder nicht dazu führt, dass sie sie verlieren, werden sie die Angst vor unserer modernen Ordnung verlieren. Das berichten viele Frauen, die auch gegen den Willen der Eltern den Weg in die Moderne gegangen sind.

Zweitens muss man den Mädchen Strategien in die Hand geben, mit denen sie ihre Eltern überzeugen können, ihnen mehr Freiheit zu gewähren. Daran arbeite ich im Moment. Es nützt nämlich nichts, ihnen zu sagen, sie sollen ihren Eltern sinngemäß sagen “ihr könnt mich mal”. Man muss ihnen helfen einen Weg zu finden, wenn es irgendwie geht, ihre Eltern mitzunehmen.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    Das mit “den Internet-Anschluss abdrehen” verrät Sie. Internet haben die Mädchen überall.

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  2. 10.

    @Mattes
    “Warum muss man die Eltern mitnehmen?”

    Die sozialen Netze dieser Mädchen sind meist familienzentriert. Wenn es ihnen nicht gelingt, die Eltern “mitzunehmen”, haben sie oft nur zwei Optionen: ihr Leben doch an den Erwartungen der Eltern zu orientieren und sich der Tradition zu fügen oder sich in Obhut nehmen zu lassen. Letzteres kann zu völliger sozialer Isolation führen eben weil das soziale Netz so familienzentriert ist und somit der Ausschluss aus der Kernfamilie zum Verlust des gesamten sozialen Netzes führen kann. Mit dieser Isolation können die wenigsten Mädchen fertig werden. Klar werden sie von Sozialarbeiterinnen betreut und unterstützt, aber diese können keine Familie ersetzen. Ich arbeite eng mit Sozialarbeiterinnen zusammen, die mir berichten, wie sehr diese Mädchen an ihren Familien hängen; oft verlassen sie die betreute Wohnung und kehren doch zu der Familie zurück. Danach geht es ihnen meist viel schlechter als vorher. Daher rate ich den Mädchen eher zu einer “Politik der kleinen Schritte”: auf dem Verhandlungsweg den Eltern zunächst kleine Freiheiten abzuringen; die Eltern die Erfahrung machen lassen, dass deswegen die Welt nicht untergeht bzw. dass “der Fehler” nicht gemacht wird; dann erst zur nächst höheren Ebene übergehen …

    Der Übergang der deutschen Gesellschaft von der Tradition in die Moderne ist auch mit der “Transformation der Familie von einem Befehlshaushalt in einen Verhandlungshaushalt” (de Swaans Formulierung) einhergegangen. Die empirische Wirklichkeit dieses Wandels bestätigte die Shell Jugendstudie 1981. Der Soziologe Heinz Abels fasste ein zentrales Ergebnis dieser Studie wie folgt zusammen: „Diese Jugendliche haben gelernt, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen, fordern Begründungen ein und melden Ansprüche an. Eine Umgangsweise von Gleich zu Gleich beginnt schon in jungen Jahren, die Eltern fungieren mehr als Berater denn als Bestimmer“. Einer der Autoren der Studie, Jürgen Zinnecker, bemerkt: „Ein Monopolanspruch geht also zu Ende: dass die Vertreter der Erwachsenengesellschaft bestimmen können, wie lange die Abhängigkeit der Jüngeren zu dauern habe, wann sie zu beenden sei“.

    @AM
    Das bringt mich zu Ihrer Anmerkung “Allen, die das Thema nicht schwarzmalerisch-endzeitlich angehen wollen..”

    Ich hoffe nicht, dass Sie mir damit unterstellen, das Thema schwarzmalerisch-endzeitlich anzugehen, denn das Vorhandensein von Generationenkonflikten in den Familien ist, wie Free Speech nach dem Lesen meines Beitrags in dem eingangs von Jörg Lau verlinkten Thread treffend feststellte, ein “hoffnungsvolles Zeichen”, ein Zeichen, dass die Transformation im Gange ist.
    Es geht nicht um Endzeit, sondern um Übergang. Daher habe ich mich gefreut, dass Free Speech meinen Bericht “im Grunde ermutigend” fand.

    Antworten

  3. 11.

    @ Abdilwahid

    Sie sollten die Beiträge von Miriam kennen um zu verstehen, warum der Diskussionsbeitrag hier gesondert diskutiert wird.

    Zum Selbstverständnis unseres Landes gehört heute, dass die tradierten Rollenbilder für Mädchen nicht ohne Widerstand der Männerwelt verändert wurden. Zum modernen Weltbild gehört, dass auch Mädchen und Frauen ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben führen dürfen. Viele Frauen, die heute große Vorbilder für andere Frauen sind, gingen ihren Weg durch eine von Männern geprägte Welt, die für die Rolle einer Frau ein bestimmtes Bild hatten.

    Meine Schwestern beispielsweise (Jahrgang 1942-1944) haben nichts gelernt, da sie ja sowieso bald heiraten würden. Es dürfte nicht von der Hand zu weisen sein, dass noch nicht in allen Familien – unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit – noch immer Mädchen besondere Schwierigkeiten haben, wenn diese vorbestimmte Rollen nicht übernehmen wollen und statt dessen Ermutigung brauchen, ihren eigenen Weg zu gehen. Wenn die „Vorbestimmungen“ auch noch mit der Religion begründet werden, entstehen Konflikte, die man einem Menschen eigentlich nicht zumuten sollte; diese Mädchen und Frauen brauchen Ermutigung auf ihrem schweren Weg in die Freiheit. Miriams Anliegen verstehe ich in dieser Weise.

    Es ist wenig hilfreich darauf zu verweisen, dass auch Mädchen Schwierigkeiten haben, wollen diese sich einer Moscheegemeinde anschließen. Auch wenn es nicht der Wunsch der Eltern und Freunde ist, so wird diesen vermutlich in der Moscheegemeinde fleißig geholfen, sich der neuen Gemeinde anzuschließen. Ich habe meinen vier Töchtern erfolgreich geraten, sich keiner Religion anzuschließen, die Frauen vorgibt, wie sie zu sein haben.

    Antworten

    • 19. Februar 2010 um 12:32 Uhr
    • Krähling
  4. 12.

    Korrektur

    Es dürfte nicht von der Hand zu weisen sein, dass noch nicht in allen Familien – unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit – die erforderliche Bereitschaft besteht, dass Mädchen ihren eigenen Weg gehen dürfen.

    Antworten

    • 19. Februar 2010 um 12:37 Uhr
    • Krähling
  5. 13.

    @Abdilwahid

    Wo Sie mal da sind..
    Die junge Frau, die ich zitiere, die davon träumt, Polizistin zu werden, meinte angesichts des Widerstands und der Ängste ihrer Mutter, dass sie zum Hoca gehen könnte und ihn fragen, “ob das geht, dass ich Polizistin werde”.

    Angenommen sie würde zu Ihnen in die Moschee kommen, und sie in dieser Angelegenheit um Rat bitten würden, was würden Sie ihr raten?

    Antworten

  6. 14.

    @Miriam G.

    Hoca ?

    Warum sollten junge Frauen zum Pastor oder zum Pfarrer gehen, um zu fragen ob sie Polizistinnen werden sollen.

    Dieses Denkmodell ist schon von Grund auf falsch.

    P.S.: Abdilwahid geht es einen feuchten Kehrricht an, was eine ihm fremde junge Frau beruflich machen will.

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    • 19. Februar 2010 um 13:42 Uhr
    • christian aka tati
  7. 15.

    OT

    Wenn ich sowas lese, geht mir die Hutschnur hoch.

    Es gibt auch Menschen, die sich durch Kinder einen Lebensunterhalt verschaffen. Typisch ist ein arabischer Kellner, den ich betreue. Der Mann hatte zwei Kinder, solange er arbeitete. Seit er arbeitslos ist, kommt jedes Jahr ein neues Kind. Inzwischen ist er Vater einer zehnköpfigen Familie und kommt mit Arbeitslosengeld II auf 3000 Euro. Das würde er als Kellner nicht heimbringen. Der gibt auch ganz offen zu, dass diese Lebensform für ihn die beste ist. Der Gedanke, dass jeder in der Gesellschaft einen Beitrag leisten sollte, ist ihm fremd. Und da ist er nicht der Einzige.

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article6456399/Man-muss-aufpassen-nicht-zynisch-zu-werden.html

    Antworten

    • 19. Februar 2010 um 13:53 Uhr
    • christian aka tati
  8. 16.

    ergänzung zu 15

    Die gesellschaftliche Perspektive dieser 10 Kinder kann man sich ohne grosse Phantasie ausmalen.
    Jedes Einzelne auf dem besten Weg, ein Sargnagel für das Sozialsystem zu werden.

    Antworten

    • 19. Februar 2010 um 14:00 Uhr
    • christian aka tati
  9. Kommentar zum Thema

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