Warum die Islamkonferenz auch ohne den “Zentralrat der Muslime” auskommt

Von 12. Mai 2010 um 15:30 Uhr

Am kommenden Montag will Innenminister Thomas de Maizière die zweite Rundes der Deutschen Islam Konferenz feierlich im Berliner Palais am Festungsgraben lancieren. Heute ließ der “Zentralrat der Muslime in Deutschland” (ZMD) verkünden, der für ihn reservierte Stuhl werde leer bleiben. Was soll eine DIK ohne den ZMD?

In Wahrheit steht nicht der Sinn der Islamkonferenz in Frage, sondern die Legitimation des so genannten “Zentralrats”. Denn andere, teils größere, Verbände nehmen weiter teil – wie etwa die türkische Ditib, die Aleviten, der Verband Islamischer Kulturzentren und der Verband bosnischer Muslime. Ausserdem dabei: eine hochkarätige Auswahl von 10 nicht organisierten Muslimen, darunter Theologen, Islamwissenschaftler, Anwälte und andere zivilgesellschaftliche Akteure.

Der pompöse Name “Zentralrat” – in Anlehnung an den Zentralrat der Juden gewählt – war immer schon Anmaßung. Nichts ist “zentral” an der Schirmorganisation, die schätzungsweise kaum zehn Prozent der hiesigen Muslime vertritt (nach  Studien, auf die sich das Innenministerium beruft, sogar nur maximal 3 Prozent) . Auf der Führungsebene dominieren deutsche Konvertiten wie der Vorsitzende Ayyub Axel Köhler, im Hintergrund agieren zwielichtige Figuren wie der ehemalige Chef der “Islamischen Gemeinde in Deutschland”, Ibrahim El Zayat, der im Verdacht steht, der Muslimbruderschaft anzugehören.Was von Köhlers Führungsstil zu halten ist, zeigte sich im Jahr 2007, als er  El Zayat einfach mit ins Plenum der Islamkonferenz einschleuste, gegen den Willen der deutschen Behörden.

Der ZMD kann keineswegs für die Mehrheit der Muslime in Deutschland sprechen. Er ist ein Relikt aus der Zeit, als der deutsche Staat und die Medien sich wenig auskannten mit den hier lebenden Muslimen. Man suchte händeringend Ansprechpartner, und da kam man bei flüchtigem Googlen eben immer auf den ZMD mit seinen wenigen sprechfähigen Köpfen: Nadeem Elyas, Ayyub Axel Köhler, Aiman Mazyek.

Diese Zeit ist vorbei – und zwar dank der Islamkonferenz. Der Islam in Deutschland hat angefangen, selbst sprechen zu lernen: Aus den türkisch dominierten Verbänden sind einige Köpfe hervorgegangen, die kompetent und eloquent Rede und Antwort stehen können – Bekir Alboga von der Ditib, Ali Ertan Toprak für die Aleviten zum Beispiel.

Immer mehr “Kulturmuslime” melden sich zu Wort, weil sie sich nicht von den stockkonservativen Verbänden vertreten fühlen. Marokkaner, Bosnier und Iraner haben eigene Persönlichkeiten, die für die Vielfalt des Islams hierzulande stehen. Und auch die vielen Stimmen – sehr oft Frauen -, die sich kritisch mit dem islamischen Erben befassen,  sind hier zu nennen: von der frommen Schiitin Hamideh Mohagheghi über liberale Sunniten wie Lamya Kaddor oder Hilal Sezgin bis zu radikalfeministischen Kritikerinnen wie Seyran Ates und Necla Kelek reicht das Spektrum. Untereinander sind sich manche spinnefeind – aber das zeigt ja gerade, dass Deutschland im realen Pluralismus des islamischen Lebens in Europa angekommen ist.

Wir haben in der aktuellen Nummer der Zeit ein Interview mit drei neuen Teilnehmerinnen der Islamkonferenz. Alle drei sind nicht organisiert. Sie reden unverkrampft über ihren Glauben, über die Mißstände und das Schöne an der islamischen Spiritualität. Ihre Familien stammen aus Marokko, dem Iran und Bosnien. Sie sind unterschiedlich stark religiös, eine von ihnen trägt Kopftuch, die anderen nicht – und doch kann man sehr gut miteinander reden. Sie sind alle auf ihre eigene Art Musliminnen – und sie gehen nicht in die Moscheen der Männer. Diese Frauen sind die Zukunft des Islam in Deutschland.  Nicht die wichtigtuerischen Herren in den Verbänden. Der Innenminister tut recht daran, ihnen eine Stimme zu geben in der Konferenz. Ein reiches Stimmengewirr hat die Verbände an den Rand gedrückt – und das ist gut so!

Natürlich leiden die (meist) Herren darunter, dass ihre Vereine nicht umstandslos als quasi-Kirchen anerkannt werden (obwohl sie auch immer wieder behaupten, genau das wollten sie vermeiden, weil es unmuslimisch sei). Und nur so ist die beleidigte und unpolitische Aktion des ZMD jetzt zu verstehen:

“Die DIK II ist in der jetzigen Form ein unverbindlicher Debattier-Club. Der ZMD wird unter diesen Bedingungen an der DIK II nicht teilnehmen”, heißt es in der Pressemitteilung.

“Die DIK ist und bleibt eine von der Bundesregierung verordnete Konferenz. Der Staat versucht sich über die Selbstorganisation der faktischen islamischen Religionsgemeinschaften hinwegzusetzen. …

Das BMI ist nicht bereit im Rahmen der Islamkonferenz zusammen mit den legitimierten muslimischen Organisationen und den Vertretern der Länder im Rahmen einer Arbeitsgruppe einen Fahrplan zu entwickeln, der zur Anerkennung als Religionsgemeinschaft führt.”

Die Islamverbände können nicht als Religionsgemeinschaften im vollen sind der deutschen Verfassung  anerkannt werden. Sie haben keine direkten Mitglieder. Ihre Repräsentationsstrukutren sind wenig transparent und demokratisch. Sie haben keine theologische Kompetenz, um als Partner des Staates bei der Entwickung von Curricula helfen zu können. Teilweise (Ditib) hängen sie viel zu sehr vom Ausland ab. Sie müssten sich neu aufstellen, um das zu erreichen. Der Koordinierungsrat der Muslime war kein Aufbruch in diese Richtung, sondern einfach nur eine weitere Dachorganisation über schon bestehenden Dachorganisationen.

Vielleicht ist das ganze Aufhebens um den Köperschaftsstatus ohnehin eine Sackgasse: Denn die dringenden Bedürfnisse der Muslime hierzulande – Religionsunterricht und Imamausbildung, Lehrstühle für islamische Theologie – kann man auch unterhalb dieser rechtlichen Schwelle regeln. Erfolgreiche Feldversuche – etwa in Niedersachsen – weisen in diese Richtung.

Der ZMD hat sich verzockt. Er wollte dem Innenminister eine rechtliche Aufwertung abtrotzen, ohne sich selbst vorher zu reformieren. Thomas de Maizière ist darauf nicht hereingefallen. Sein Ansatz, die Islamkonferenz pragmatischer zu gestalten, ist richtig: Islamunterricht und Imamausbildung beschleunigen, über Geschlechtergerechtigkeit reden, Islamfeindlichkeit und Islamismus als Zusammenhang debattieren. Das ist ein gutes Programm. Es läßt sich auch ohne den Zentrarat der Muslime bearbeiten. Vielleicht sogar besser.

Leser-Kommentare
  1. 121.

    @Jörg Lau

    Man(n) nehme die folgende Definition von “feminism”

    >> Belief in the social, political, and economic equality of the sexes>>

    und diese Definition von “radical”

    >>Favoring or effecting fundamental or revolutionary changes in current practices, conditions, or institution>>
    (beides freedictionary.com)

    dann passt es.

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  2. 122.

    @Jörg Lau:

    Ich bin beruhigt ;) – danke für die Antwort.

    Im ersten Moment wirkte die Bezeichnung “radikal…” abwertend, nicht jeder hat die Definition vom freedictionary, die Sie, @Miriam, zitiert haben, parat.

    Ich selbst rede lieber von Menschenrechtlerinnen als von Feministinnen, aber es ist bei Ates & Kelek natürlich so, daß sie zuallererst Frauenrechte einfordern.

    Daß desweiteren “fundamental or revolutionary changes in current practices” erforderlich sind, zeigen m.E. schon die extremen Schilderungen von Ates in ihrem Buch “Der Multikulti-Irrtum”, z.B. die Seiten 173 – 177. In einem anderen Forum (nicht ZEIT) hatte ich mal daraus zitiert, um kulturrelativistischen Ansichten zu begegnen. Der Beitrag durfte mit dem Zitat nicht stehenbleiben und wurde gelöscht.

    Außerdem zeigt die Reaktion auf Ates Veröffentlichungen die Notwendigkeit von “revolutionären Änderungen”, was den Islam in Deutschland betrifft. Denn diese Frau hatte bereits ein Attentat überlebt und mußte letztes Jahr aufgrund von Morddrohungen erneut abtauchen, was einiges über die Leute aussagt, die sie kritisiert und vor denen sie ihre Mandantinnen bis dahin zu schützen versucht hat.

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  3. 123.

    eine unbedachte – wenn auch höchst ungeschickte Äußerung -, Radikalfeministin – gegen Frau Kelek und schon hat Jörg Lau die ganzen Frauen hier auf dem Blog am Hals, die intervenieren :-)

    Da soll noch einer mal behaupten, Frauen würden nicht zusammen halten ;-)

    Bei den Männern trat leider nur einer dieser Bezeichnung entgegen.

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    • 17. Mai 2010 um 15:16 Uhr
    • Stefanie
  4. 124.

    @kalteCarla

    >>Der Beitrag durfte mit dem Zitat nicht stehenbleiben und wurde gelöscht.>>

    Das wird Ihnen hier im Blog nicht passieren, denn Jörg Lau zensiert äußerst selten, und wenn dann nur hetzerische Texte.

    Ates war auch hier im Blog “zu Gast”:

    http://blog.zeit.de/joerglau/2008/04/03/die-differenzierungsfalle_1114

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  5. 125.

    @Jörg Lau

    “wie über die Ablehnung von kopftuchtragenden Frauen durch deutsche Arbeitgeber”

    Das Kopftuch steht für die Ungleichbehandlung der Frau. Wir wollen Sie in Teams arbeiten und unter Gleichberechtigung aller, wenn da eine sitzt, die durch das Kopftuch symbolisiert, ich habe andere Rechte und Pflichte als ein Mann.

    Wie wollen Sie in Situationen, in denen Ihr Unternehmen vermitteln muss, wir sind die Stärkeren, dies tun, wenn Sie vertreten werden durch jemanden, der mit einem Kopftuch signalisiert, ich bin nicht gleichberechtigt.

    Sie können Sie wünschen, dass diese Frauen auf dem Arbeitsmarkt nicht benachteiligt werden, Sie werden es aber nie erreichen können. Denn die Personen, die einstellen, müssen die Interessen des Unternehmens in den Vordergrund stellen und nicht ein Antidiskriminierungsanliegen. Und eine Frau mit Kopftuch signalisiert etwas, dass andere Frauen dann mit ausbaden müssen.

    Bewerbungsprozesse sind teuer und langwierig. Was denken Sie, was jemand der Personalern sagt, wenn da jemand sich mit Kopftuch vorstellte. Die Personaler werden einen Anschiss bekommen, weil jemand mit Kopftuch nicht das vermittelt, was im Arbeitsleben vermittelt werden muss um Teamarbeit zu ermöglichen: dass jeder gleichberechtigt ist entsprechend seiner Hierarchie und das Kopftuch vermittelt, ich muss mich vor dem wolllüsternden Mann verstecken. Jeder verantwortungsbewusste Personaler wird dies nicht wollen. Und jeder Personaler, der dann eine Bewerbunsgrunde mit jemandem mit Kopftuch veranstaltete und den Anschiss dafür bekam, wir dafür sorgen, dass er nie wieder eine Bewerberin mit Kopftuch da rum sitzen hat.

    Ich als Frau möchte ich Team keine Frau haben, die signalisiert, ich habe nicht die gleichen Rechte, weil es automatisch dann dazu führt, dass auch die anderen Frauen ins Aus gestellt werden.

    Ihre Wunsch ist ein rein theoretischer und in der Praxis nicht durchführbar.

    Das wissen die Kopftuchträgerinnen aber auch – es sind ja auch nicht viele, ich tippte schon an anderer Stelle auf keine 20 % der Muslima hier. Diese können nicht von der Gesellschaft verlangen, dass man im Berufsleben die Rolle rückwärts wegen ihnen macht. Wenn sie es tragen wollen, bitte, aber sie müssen auch mit den Konsequenzen leben – nämlich, dass die Gesellschaft keine Lust hat auf Rückschritt in die Zeiten hat, in denen Frauen und Männer nicht gleichberechtigt waren.

    Die einzelne Kopftuchträgerin mag sich voll gleichberechtigt fühlen trotz der Verhüllung, aber das Symbol ist ein anderes und wenn sie dieses tragen möchte, ist das ihre Sache, aber sie kann nicht verlangen, dass die Gesellschaft bereit ist dieses Symbol- welches der Moderne widerspricht- hinzunehmen in einer Form, die über Tolerieren hinausgeht.

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    • 18. Mai 2010 um 10:13 Uhr
    • Stefanie
  6. Kommentar zum Thema

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