Die Aufklärung und der Islam
Anläßlich der von mir aufgeworfenen Frage, ob es eine Islamische Theologie an deutschen Universitäten geben soll, ist hier ein Streit um Wissenschaftlichkeit und Säkularismus entbrannt – zwei zentrale Begriffe der Aufklärung.
Es geht auch in unserer Debatte hier letztlich um den Begriff der Aufklärung: Läßt sich der Islam über sich selber aufklären? Passt er also in unser Wissenschaftssystem hinein wie die christlichen Theologien (obwohl eben auch letzteres einige hier heftig bestreiten).
Dabei ist mir eingefallen, dass ich kürzlich mit dem Kollegen Christian Staas von ZEIT Geschichte (unserem relemäßig erscheinenden Sonderheft) ein sehr munteres Streitgespräch zum Thema Aufklärung geführt habe. Unsere beiden Gesprächspartner waren Rüdiger Safranski und Mathias Greffrath. Das ganze Gespräch gibt es hier zu lesen. Unten zwei für unseren Zusammenhang relevante Ausschnitte:
ZEIT Geschichte: Religion ist aber mehr als nur ein Krisenphänomen. Sie ist auch ein weltpolitischer Faktor, den man lange Zeit nicht auf der Rechnung hatte. Religion ist offenbar etwas, das auch in säkularisierten Gesellschaften nicht einfach verschwindet, wie manche Aufklärer sich das vorgestellt haben.
Safranski: Die Aufklärer des 18. Jahrhunderts, besonders die französischen, hatten tatsächlich einen starken polemischen Impuls gegen Religion und Kirche. Das waren die Gegenkräfte, die entlarvt werden mussten. Kant hat die Religionsdebatte dann auf den Punkt gebracht: Religion ist schon in Ordnung, aber sie muss durch das Filter der Vernunft. Was durchgelassen wird, darf bleiben – die Moral. Insofern gab es für Kant eine Art aufklärungsverträglicher Religiosität. Schon sehr schnell, vor allem in Deutschland, wird jedoch moniert: Moment mal, wir haben also den Menschen, und da gibt es die Vernunft, für die hat Kant die Blaupause angefertigt, der war im Maschinenraum und weiß, wie das Ding funktioniert. Aber es gibt doch noch anderes, Gefühle, Ahnungen, alles Mögliche gibt es in uns! Das war die Romantik, die so sprach. Und so kommt am Ende des 18. Jahrhunderts, 16 Jahre nach Kants Was ist Aufklärung?, Friedrich Schleiermacher und hält die Religion hoch – ist dabei aber ganz Aufklärer. Keine Offenbarung, keine Orthodoxie, keine Fremdbestimmung: Schleiermacher ruft zur Autonomie im Glauben auf. Geht in euch, da werdet ihr das Religiöse erfahren. Die Bibel, sagt er, kann ein jeder selbst schreiben. Er klärte damit die Aufklärung über sich selbst auf. Er warnte: Wir dürfen nicht auf ein reduziertes, rationalistisches Menschenbild zurückgreifen.
Greffrath: Aber jetzt sind wir mehr als 200 Jahre weiter, und die neue Religiosität, mit der wir es heute in der westlichen Welt zu tun haben, lässt uns weit hinter die Möglichkeiten von Aufklärung zurückfallen. Schleiermacher hat die massive Religion zur Religiosität verdünnt, bei Hegel kommt sie noch als i-Punkt vor – so wie der Monarch als i-Punkt auf dem rationalen Staat –, letztlich aber besagt das alles nicht mehr als: Hinter der Endlichkeit liegt immer noch eine Unendlichkeit, auf die wir hinstreben; da gibt es etwas, das wir mit Vernunft und bloßem Denken nicht fassen können. Mir behagt das nicht, diese Art des Grenzen-Einziehens. Schauen Sie sich doch einmal an, was heute in den modernen Naturwissenschaften alles möglich ist, in der Molekularbiologie, der Gehirnforschung, der Astrophysik! Da wird für mich sichtbar, wovon die Aufklärer immer geträumt haben: eine Theorie des Ganzen, auf empirischer Basis, vernünftig begründet. Ich sympathisiere sehr mit Naturforschern, die nicht mehr sagen: Wo wir nicht weiterkommen, kommt Gott ins Spiel, sondern: Wir können – mit den Worten Schleiermachers – eine Bibel schreiben, in der alles empirisch belegt ist und die uns trotzdem zu mystischen Gefühlen der Verbundenheit, der Ehrfurcht, der Demut Anlass gibt. Wenn man zu früh auf Spiritualitäten zurückgreift, kommt man wieder ins Reich der Geisterseher.
Safranski: Da würde ich jetzt aber ein großes Fragezeichen setzen. Zumal es mir ja auch gar nicht darum geht, eine Art Reservat auszugrenzen, das vom Strom der Wissenschaft unberührt bleibt und wo man sagt: Geht hier bitte nicht ran, hier generieren wir unsere Gespenster. Ich möchte vielmehr sagen, dass wir nicht so tun dürfen, als sei das alte Wahrheitsprivileg der Religion auf die Wissenschaft übergegangen. Die Aufklärung der Aufklärung im Sinne Schleiermachers versucht uns zu warnen vor solchem Absolutismus. Natürlich sollen wir die Wissenschaft nutzen – aber im Horizont des Unendlichen, das wir selbst sind. In diesem Horizont müssen wir die Dinge beweglich halten. Ich sehe die moderne Hirnforschung daher keineswegs so positiv, ich sehe da eine Wiederkehr primitivster Naturalismen – etwa in der Debatte um die Willensfreiheit. Es ist doch wieder dieses berühmte Spiel, Freiheit wegzuerklären mit Theorien, die nichts anderes sind als Inanspruchnahme der Freiheit.
Greffrath: Also da möchte ich mich hier aber ganz klar als Fortschrittler bekennen! Die Debatte über die Willensfreiheit ist doch nicht von ungefähr vor etwa zwei Jahren verschwunden. Wenn man das aus der Nähe verfolgt, kann man an den modernen Wissenschaften wunderbar sehen, was Aufklärung ist – ein dialektisches Fortschreiten, eine fortlaufende Selbstkorrektur und Hypothesenprüfung. Die Willensfreiheitsdebatte hat sich als Scheinproblem erwiesen. Inzwischen befasst man sich mit der biologisch ermöglichten und sozial hergestellten Fähigkeit des Menschen, kommunikativ zu handeln. Ich glaube durchaus, dass die Wissenschaft den Welträtseln immer näher kommt.
(…)
ZEIT Geschichte: In der aktuellen Islam- und Islamismusdebatte gibt es zahlreiche Stimmen, die sagen: Wer zu sehr auf Pluralität setzt, gibt letztlich die Aufklärung preis. Die Folge sei ein gefährlicher Werterelativismus. Das nicht minder scharfe Gegenargument lautet: Ihr zerstört die Ideen der Aufklärung, wenn ihr sie verabsolutiert!
Safranski: Der radikale Islam und der Islamismus sind natürlich eine gewaltige Herausforderung. Sogar noch bei einer so elementaren Idee wie der Selbstbestimmung merken wir: Man kann sie auch bestreiten. Sogar die Menschenrechte kann man infrage stellen. Und dies macht deutlich: All diese Dinge gehen auf Entscheidungen zurück. Noch hinter dem Elementarsten steht eine Entscheidung. Aber wir alle haben natürlich die große Sehnsucht, dass die Entscheidungen irgendwo einmal aufhören und die Wahrheit beginnt, eine Sehnsucht danach, dass es endlich einmal Ruhe gibt, so wie der heilige Augustinus sie fand: bei Gott…
Greffrath: Man kann es nun aber auch mehr zuspitzen, als es der Sache guttut. Der Fall ist doch klar: Mit der türkischen orthodoxen Familie ist hierzulande genauso zu verfahren wie mit der deutschen evangelischen oder katholischen Familie. Wie das Familienleben organisiert wird, das ist deren Sache. Aber wenn Menschenrechte verletzt werden – bei Gewalt in der Ehe oder Misshandlung von Kindern –, dann ist das keine Privatangelegenheit mehr, sondern ein Verstoß gegen geltendes Recht. Mit einem forcierten Begriff von Republikanismus kommt man da weiter als mit philosophischen Argumenten.
Safranski: Dem kann ich mich nur anschließen. Denn wenn wir nun anfangen zu sagen, wir verbieten beispielsweise, dass Kinder geschlagen werden, weil das mit unserem Menschenbild nicht zu vereinbaren ist, dann kommen wir im Zweifelsfall in Schwierigkeiten. Wenn man aber sagt: Hier in unserem Land wird nicht geprügelt, weil das nicht mit Paragraf 1 des Grundgesetzes vereinbar ist, dann ist das eine klare Entscheidung. Ich denke, man sollte sich so lange wie möglich im Bereich des Pragmatischen aufhalten und nur, wenn es unbedingt nötig ist, mit starken Begründungen kommen.
Greffrath: Letztlich geht es im Konflikt mit dem Islam doch um Fragen des Zusammenlebens. Aufklärung, sagen Horkheimer und Adorno, heißt auch, die Menschen heimisch auf der Erde zu machen. Betrachten wir einmal mit diesem Satz die türkischen Ghettos in Berlin: Die dort leben und die Nachbarn ringsum haben gemeinsame Interessen, etwa dass alle Arbeit haben. In solcher Richtung kann man konstruktiv denken. Dann braucht man gar nicht so viel übers Prinzipielle zu reden, sondern kann ganz konkret losarbeiten. Aufklärung ist auch und vor allem eine Form der Praxis.
Zwei Anmerkungen:
1
“Religion ist schon in Ordnung, aber sie muss durch das Filter der Vernunft. ”
Kaum. Religion und Vernunft, so vernünftig sie auch daherkommt, stehen auf der gleichen Stufe: Beide geben Antworten aus dem nichts, beide haben den Anspruch, richtige Anworten zu geben, bei beiden lassen sich die Antworten nicht begründen.
2
“Ich glaube durchaus, dass die Wissenschaft den Welträtseln immer näher kommt.”
Nein. Wir wissen immer mehr, wir können uns das Leben immer wieder etwas bequemer machen, wir sind gesünder, besser ernährt, besser informiert, besser involviert – aber die Welträtsel kann man vergessen. Um angelehnt an “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy” zu reden: Wir wissen noch nichtt einmal, welches die Rätsel den sind.
Na und? Hauptsache, wir lernen immer dazu und machen das Beste aus der besten aller uns möglichen Welten. Und was das ist, kann nur im Konsens geklärt werden, und nur vorläufig.
Gruss von Popper. Dem Karl.
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Herr Greffrath ist leider n bischen verkniffen von gestern.
Vielleicht kann ihn Miriam auf ihre Warteliste setzen, zum Teetrinken und mal so reden.
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Safranskis Schilderung des Bestreitens ist super. Wenn Herr Greffrath dort nicht gleich wieder verdruckst rübergebügelt wäre hätte man das noch weiterführen können:
Die Infragestellung gilt ja nicht nur in die eine Richtung.
Greffrath hält Aufklärung und dessen Gegenteil ect., den europäischen Spin, immer noch für so selbstverstandlich, dass er gar nicht auf die Idee kommt, dass dieser für andere auch eine eklatante Bestreitung bedeuten könnte, auf die verschiedentlich reagiert wird.
“Homo Faber de Neukölln” hätte zwar Charm als Buchtitel, aber der Mensch lebt immer noch nicht nur fürs Brot allein.
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Greffrath: “Ich sympathisiere sehr mit Naturforschern, die nicht mehr sagen: Wo wir nicht weiterkommen, kommt Gott ins Spiel, sondern: Wir können – mit den Worten Schleiermachers – eine Bibel schreiben, in der alles empirisch belegt ist und die uns trotzdem zu mystischen Gefühlen der Verbundenheit, der Ehrfurcht, der Demut Anlass gibt. Wenn man zu früh auf Spiritualitäten zurückgreift, kommt man wieder ins Reich der Geisterseher.”
Ich sympathisiere insgesamt eher mit dem, was Greffrath vorbringt.
Des Leutnants Argument (siehe K2 und K3) hab ich nicht verstanden. Vielleicht erklärt er’s mir, dem begriffsstutzigen Rekruten, nochmal. Interessant hat’s ja geklungen … Unterstellt er, dass der Islam grundsätzlich jede Aufklärung verweigert?
Gut finde ich auch den letzten Absatz von Greffrath. Er zeigt, wie wir in der Sache weiter kommen.
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Wir man sich selbst sein eigenes grab gräbt.
So, wie schlieermacher hier wiedergegeben wird war er kein Christ udn hat auch mit Religion nichts am Hut.
Was ist es ein Christ zu sein?
Darauf sind schon als Antwort ganze Bücher geschrieben worden und man kann auch auf sehr viele Kulturen verweisen, in denen verschiedenste Institutionen, Sitten & gebräuche, Kunst usw…. alles unter dem Label *Christentum* und *religion* firmierten.
Wenn man aber wirklich fragt, was ein Christ ist, dann gibt es da eine sehr einfach antwort:
Ein Christ ist jemand, der glaubt (=für sich angenommen hat als Wahrheit), daß Jesus Christus dürch seinen Kreuzestod die Sünden der Menschen auf sich genommen hat und das durch die Annahme dieses Kreuzestodes der Gläubige Hoffnung auf Erlösung hat.
Dazu gehören dann noch 1-2 voraussetzungen wie: dafür muss es eben überhaupt einen Gott, dem das interessiert geben und es muss irgendetwas geben, daß eben nach dem Tode weiterbesteht als Essenz des menschen – sei es eine Seele, sei es irgendwtwas, was am jüngsten tag wiederauferstehen kann(, um gerichtet zu werden).
Im Grunde: die Essenz des Credos, des christlichen Glaubensbekenntnisses.
Wird dies nicht als wahrhaftig seiend Geglaubt, ist man kein Christ mehr als gläubiger – man mag kulturchrist sein oder sonstwas.
In dieser Aussage steckt eine bestimmte zweite Aussage drinnen – ein Anspruch einer gewissheit, der nur geglaubt werden kann: die gewissheit über etwas bestimmtes, daß außerhalb der Grenzen, die kant zog, existiert –> nämlich etwas, dass derartig ist, daß es das heilsversprechen auch erfüllen kann, ihm entspricht also.
Und nun kommen wir zur Romantik.
Die Romantik hat ihren kantischen Urspruch im Grund in einer Nebenbemerkung.
Kant beschreibt unsere art des denkens als deduktiv. Dem gegenüber stellt der in der Kritik der reinen Urteilskraft eine andere art des denkens – nämlich eine intuitive.
Desen eigenschaft ist es, insgeamt das Ganze (der einbildungskraft) erfassen zu können und so vom Ganzen her alles ineineander wirkend zu erkennen –> ein wesen mit dieser Eiogenschaft wäre derart, daß Denken Sein wäre (und Sein denken), denn es wäre die unmittelbare erfassung eben von allem als ein organisiertem Ganzen.
Diese Eigenschaft spricht er als Gottes Eigenschaft an.
Die nachfolger kants giongen grob in zwei richtungen: die eine war es ein system zu finden, dass eienrseits intellektuell verständlich, beschreibbar, wäre udn das zugleich diejenigen Eigenschaften/Prinzpien des Denkens erfassen bzw. beschreiben würden,
die eben das Denken prinzipiell vollständig beschreib und zugleich am ende der Wissenschaft vollständig das prinzipiell unzugängliche *außen* erfassen. Diese Intellektuellen versuche sidn der deutsche Idealismus.
Eine andere Richtung ist die Romantik – diese versucht nicht mit hilfe einer intellektuellen, da deduktiven, beschreibung von prinzipien das *Außen* bescheibbar, also intellektuell, zugänglich zu machen, sondern versucht über die ausschaltung oder übersteigung der deduktiven Fähigkeit eine intuitive Schau zu ermöglichen.
Also sozusagen: den gottesweg einzuschlagen – indem man versucht induitiv das ganze in seienr organisation zu erfassen. Ein beispiel dafür wäre goethes Herbariensammlung in weimar. Dort sind lauter Pflanzen nacheinander angeordnet – udnd as museeum soll so begangen werden: man schreitet die reihen ab und verscuht dabei sich nicth an einzelheiten aufzuhalten, sondern ein gesamteindruck dessen,w as pflanzliches löeben bedeutet zu bekommen – eine art intuitive erfassung der organisierten Ordnung *Pflanzliches Leben*.
Andere methoden sind musik, überhaupt kunst, oder naturbetrachtungen, oder *grenzbetrachtungen* – dabei geht es weniger im ersten moment um gefühle oder sonstige emotionen, als vielmehr darum organische ganzheiten zu erfassen. Damit wird eine gesamtschau ermöglicht, die letzten endes unbeschreibbar ist, da jede beschreibung immer von einem punkt zum nächsten vorwärts schreiten muss und niemals insgesamt auf einmal ein ganzes in seinem zusammenwirken leisten kann.
Nun ist aber diese gesamtschau als insoweit ‘göttlich’ eingestuft worden von Kant, als sie zum einen eben ‘intuitiv’ wäre und zum anderen die maxime, die die obberste Idee des sittlichen ist ‘Gott’ heisst; und zum letzten, daß kant behauptet, z. b. in der KdU. daß wir uns die welt nur zweckhaft vorstellen können und damit notwendigerweise auf der subjektiven ebene auf einen ‘Gott’ angewiesen wären:
“ Was beweiset nun aber am Ende auch die allervollständigste Teleologie? Beweiset sie etwa, daß ein solches verständiges Wesen [=Gott (Anm. v. Zagreus)] da sei?
Nein; nichts weiter, als daß wir nach Beschaffenheit unserer Erkenntnisvermögen, also in Verbindung der Erfahrung mit mit den obersten Prinzipien der Vernunft, uns schlechterdings keinen Begriff von der Möglichkeit einer solchen Welt mnachn können, als so, daß wir uns eine absichtlich-wirkende oberste Ursache derselben denken.
Objektiv können wir also nicht den Satz dartun: es ist ein verständiges Urwesen; sondern nur subjektiv für den Gebrauch unserer Urteilskraft in ihrer Reflexion über die Zwecke in der Natur, die nach keinem anderen Prinzip als dem einer absichtlichen Kausalität einer höchsten Ursache gedacht werden können. ” KdU A 332f.
Was wir also haben , soind lauter Punkte, die den bereich den epistemischen (kant würde nomologischen sagen) betreffen bzw. auf ihn verweisen, und die ontische Aussagen ausklammern dabei.
Aber es wird über einen Gott bzw. etwas Göttlichem geredet.
Der ‘Trick’ der (religiös ausgerichteten) Romantiker war dann zu sagen, daß die innenschaft, die sie über eben intuition erlangten, ein erspüren zumindestens (dieses! so bestimmten!) göttlichen wäre und das dieses Göttlich entweder überhaupt DAS Göttliche (im ontischen sinne nun aber –> a lá: der göttliche funke in uns) sei oder das es dieses wiederspiegele.
Aber ob es dies tatsächlich tun würde, bleibt im grunde genauso eine glaubensfrage wie die frage danach, ob das christliche Credo ontische relevanz besitzt – man glaubt es oder man glaubt es nicht.
Der christliche Glaube selbst aber wurde dabei auf Religiosität (! – nicht religion) verwiesen. Er wird hier zu einer art *intuitionsmethode* oder *-übung*, die hilft oder besonders gut geeignet ist entsprechende zustände der intuitiven gesamtschau herbeizuführen. Verloren wird aber dabei der ontische anspruch des christlichen glaubens bzw. er wird vollkommen ins innere verlagert, indem die eigentliche heilsbotschaft selbst zu einer Art Meditationsübung verkommt und die geweissheit der einheit mit gott in sich selbst im eben intuitiven erfahren der gesamtschau als göttlichem erlebt wird.
Intuition wird hier synonym gebraucht mit metitation oder eben mit Spiritualität und im grunde wird dabei der christliche Glaube auswechselbar mit anderen religionen – sie sind keine ‘ontischen heilsbotschaften’ mit all ihren immanenten Unterschieden mehr, sondern einfach nur verschiedene wege für spirituelle Erfahrungen und ein christlicher Pfarrer oder Priester, der das so sieht, ist im grunde nur eine andere Form eines asiatischen Meditationsmeisters.
in so einem verständnis machen dann auch diese aussagen sinn:
“ Wir können – mit den Worten Schleiermachers – eine Bibel schreiben, in der alles empirisch belegt ist und die uns trotzdem zu mystischen Gefühlen der Verbundenheit, der Ehrfurcht, der Demut Anlass gibt. ”
Das meint nämlich nicht viel mehr als z. b. Einsteins Gotztesbegriff: im anblick udn in der erkenntnis der natur, des lebens, des Universums, der Physik, Mathematik usw… – erfurcht empfinden und spirituelle gefühle (z. b. der ergriffenheit oder der scheu) zu haben.
Mit der Christlichen Heilsbotschaft hat das alles aber nichts mehr zu tun – hier braucht man Christus nur als spirituelle Stütze und fertig.
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Geffrath:”[...]eine Theorie des Ganzen, auf empirischer Basis, vernünftig begründet.”
Unsere Erkenntnis scheitert z.B. an der Heisenbergschen Unschärfe, der Gravitation, der Kausalität und dem was über unser Universum hinaus geht.
Eine Theorie des Ganzen auf der Basis von wievielen Hilfsdimensionen mag zwar einen gewissen Reiz haben, aber ist in meinen Augen relativ nutzlos. Vor allem wenn gerade mal 5-6 Leute auf der ganzen Welt diese Superstringtheorie überhaupt verstehen können.
Köönen wir uns nicht auf die nachvollziehbaren Funktionen der Religion konzentrieren: A) relativ simpel erzeugbares soziales Netzwerk (Evolutionsvorteil) B) psychologische Krücke für die Sinnfrage des Lebens?
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Kant und Schleiermacher sind nicht mehr zeitgemäss. Wir leben im Zeitalter der Neurobiologie, die uns sehr gut erklären kann, nach welchen biologischen Prozessen unser Gehirn funktioniert. „Daneben” gibt es nichts und brauchen wir nichts.
Die Diskussion um die (fehlende) „Willensfreiheit“, die in den Medien verkürzt und populistisch verarbeitet wurde, lief sehr lange. Und sie war enorm wichtig, um althergebrachte automatisierte Denkschemata aus dem christlich-jüdischen Kulturkreis einmal fundamental infrage stellen zu können. Vorher ist das ja nie so recht gelungen. Da gab´s nur George Harrison mit Sitar und den Dalai Lama (den ich sehr schätze).
Die Behauptung, es gäbe keine echte Willens- oder Wahlfreiheit (stimmt ja auch), sondern nur interdependente und fortlaufende Lernprozesse, war eine Art „Neo-Decartismus“, ein grundsätzliches Infragestellen des eigenen Seins mit der Möglichkeit zur neuen Selbstverortung. Nur eben mit einem völlig anderem Ergebnis als vor 400 Jahren.
Es war (und ist) die Chance zur Erweiterung des „Ich“-Begriffs, hin zu mehr Weisheit, damit wir „uns selbst“ stärker von aussen zu betrachten vermögen. Nicht länger als Objekt der Beobachtung eines Gottes, der wie eine Kamera vom BKA in unser Oberstübchen schaut, sondern als Subjekte in unserer eigenen Beschränktheit. Das hat nichts Fatalistisches, sondern etwas Befreiendes, weil sich der Fatalismus mit Abhängigkeitsverhältnissen zufrieden gibt, während die Auflösung moralischer Kategorien die Entwicklung einer Ethik im dogmenfreien Raum ermöglicht.
Sich selbst als limitiert und gleichwohl lernfähig zu betrachten, hilft auch, manifeste Feindbilder aufzulösen, ohne dem Anderen seine eigene Lernfähigkeit abzusprechen. Für Zorn oder Zynismus ist dann weniger Platz, und ich vermute mal, dass es das ist, was Greffrath meint, wenn er sagt: “Mir behagt das nicht, diese Art des Grenzen-Einziehens.“
Safranski ist einer vom alten Schlag, der hat noch einen Rest Dualismus in sich, da denke ich immer: „Dem fehlt was!“ Vielleicht ist mein Empfinden das gleiche, das Religiöse mir gegenüber haben, aber mir fehlt da einfach die geistige Reife. Und diese Überzeugung habe ich nicht nur bei Safranski, sondern bei den meisten meiner Artgenossen.
Ich will das Konkretisieren. Es gibt eine Aussage von Safranski, an der sich das gut festmachen lässt: „Ich sehe die moderne Hirnforschung daher keineswegs so positiv, ich sehe da eine Wiederkehr primitivster Naturalismen – etwa in der Debatte um die Willensfreiheit.“
Was will uns Safranski damit sagen? Gefällt ihm die Moderne nicht, oder die Hirnforschung? Sieht er irgendwo die Gefahr, dass die Hirnforschung die Erkenntnisse, die sie gewinnt, esoterisch zurechtbiegt? Oder verlangt er von der Hirnforschung, dass sie mit einem Schlag das letzte Welträtsel löst? Was passt ihm nicht? Und was meint er mit „Naturalismus“? Befürchtet er einen sozial-darwinistischen Biologismus ohne Ethik?
Falls Letzteres der Fall sein sollte, kann ich jeden beruhigen, es gibt nur wenige Branchen der Naturwissenschaft, in der man sich so viele Gedanken über Fragen wie „Schmerz“ oder “Hallizunationen” oder “Psychosen” (und deren Beseitigung) macht.
Safranski: „Es ist doch wieder dieses berühmte Spiel, Freiheit wegzuerklären mit Theorien, die nichts anderes sind als Inanspruchnahme der Freiheit.“
Man könnte genauso gut sagen: „Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden, aber dann nutzt man die eigene nicht.“ (Was nicht meine Meinung ist.)
Mit einem Wort: bullshit!
Safranski redet wie ein Theologe, der Angst vor der Berechenbarkeit hat, weil das, was nicht Berechenbar bleibt, ihm Angst macht. (Während der Naturwissenschaftler die Ärmel hochkrempelt und sich freut, dass es was zu schaffen gibt.) Hier an dieser Stelle ein Literaturtip: „Deutsch für Kenner“ von Wolf Schneider, der die gelehrten Schwätzer entlarvt.
Beispielhaft ist ein Zitat von Theodor Adorno:
„Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht.“
Auf „Deutsch“ (Poppers Übersetzung):
„Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.“
Okay, Safranski ist inhaltlich nicht ganz so platt, aber es geht schon in diese Richtung.
Greffrath bringt den an die Naturwissenschaften gerichteten Vorwurf der eingeschränkten Sichtweise sehr gut auf den Punkt: „… kann man an den modernen Wissenschaften wunderbar sehen, was Aufklärung ist – ein dialektisches Fortschreiten, eine fortlaufende Selbstkorrektur und Hypothesenprüfung. Die Willensfreiheitsdebatte hat sich als Scheinproblem erwiesen. Inzwischen befasst man sich mit der biologisch ermöglichten und sozial hergestellten Fähigkeit des Menschen, kommunikativ zu handeln.“
Trotzdem war die Debatte richtig, weil sie Aufmerksamkeit erzeugt und zum Denken angeregt hat. Für viele war das ein enorm wichtiger erster Schritt. Allerdings haben die Neurobiologen erkannt, dass sich diese Debatte auf Dauer nicht lohnt. Die haben die gleiche Erfahrung gemacht wie ein Atheist, der Gottes Nicht-Existenz zu beweisen versucht, indem er einen Theologen fragt, warum Gott das Leiden zulässt. Das führt zu nix.
Greffrath: „Mit einem forcierten Begriff von Republikanismus kommt man da weiter als mit philosophischen Argumenten.“
Wenn die philosophischen Begriffe nicht erkannt werden können, dann sollte man die Voraussetzungen dazu schaffen. Ausserdem gefällt mir an Greffraths Aussage der Antagonismus nicht, die sie beinhaltet. “Theorie” und “Praxis” lassen sich nicht so ohne weiteres trennen, denn woran der Mensch glaubt, danach handelt er.
Bei aller Rücksichtname auf die Privatsphäre muss auch klar sein, warum man einen bestimmten Ordnungsrahmen setzt. Und wenn das nicht sofort verstanden wird, dann muss man eben Geduld haben. Damit „unser Menschenbild“ überhaupt verstanden werden kann, müssen die Institutionen auch in der Lage sein, sie zu vermitteln.
Greffrath: „Horkheimer und Adorno, heißt auch, die Menschen heimisch auf der Erde zu machen … Aufklärung ist auch und vor allem eine Form der Praxis.“
Das bestreitet keiner, weil das eine das Ziel beschreibt (Integration), und das andere die Massnahmen dazu. Wenn aber das Ziel tatsächlich eine Integration in die Moderne ist, dann sollte man die Schwerpunkte nicht auf eine Stärkung der Religionen legen, weil sich das nicht mit Aufklärung verträgt.
Auch die Muslime sind Menschen, die ein Recht auf Aufklärung haben, weshalb es keine Prinzipienreiterei ist, wenn auf die Einhaltung der universellen (!) Menschenrechte geachtet wird. Ganz im Gegenteil, das ist die Voraussetzung für einen Erfolg in der Praxis. Alles andere wäre auf Sand gebaut. Ich finde, die Bereitschaft zu Teilen sollte sich nicht nur auf Materielles beschränken.
Antworten
@ Serious Black:
Alles, was WERT (für uns) hat, sehen wir von innen UND von außen – der reine Außenblick macht es unmöglich, eine Entscheidung für etwas, das Wert hat, zu verstehen, oder zu verstehen, wie das, was Wert hat, trägt.
Das ist das Problem Ihrer “zwei Funktionen von Religion”. Sie postulieren sie vom Außenblick her – und über Ihr Resultat lässt sich reden, obwohl ich diese Funktionen weniger abschätzig formulieren würde. Aber die Innenperspektive – für die haben Sie vermutlich keinen Sinn.
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