Ein Blog über Religion und Politik

Der Wertekonflikt mit dem traditionellen Islam

Von 26. September 2010 um 17:49 Uhr

Mitbloggerin Miriam fasst die Debatte über Integration und Islam folgendermaßen zusammen:

“Aus meiner Sicht führt primär die Kollision von traditionellen und modernen Werten zu der Problematik, die wir hier diskutieren. Zum Beispiel:

1. Individualismus versus Kollektivismus bzw. Familialismus

2. Gleichberechtigung der Geschlechter versus Gleichwertigkeit und Komplementarität

3. Unterwerfung unter den Willen Gottes bzw. Älteren/Eltern versus Verhandlung. (Das mag im Zusammenhang mit Gott paradox klingen. Aber dadurch, dass der Gott der Christen ein Gott-Vater ist, ändert sich die Beziehung zu diesem “Vater” in dem Maße, wie die Beziehung zu irdischen Vätern sich ändert.) Man bezeichnet moderne Familien als “Verhandlungshaushalte” und traditionelle Familien als “Befehlshaushalte”. Verhandlungshaushalte fördern und fordern Individuierung im Sinne der Entwicklung einer autonomen Persönlichkeitsstruktur, und sie betreiben Individualisierung im Sinne der Freisetzung des Einzelnen aus der Umklammerung des Kollektivs. Eben diese Freisetzung ist ein Kennzeichen der modernen Gesellschaft und ihre Abwesenheit ist ein Merkmal traditioneller Gemeinschaften.

4. “Reinheit” im Sinne von Jungfräulichkeit. Gesucht wird eine Frau, die “sauber” ist. Eine Frau, die vor der Ehe “berührt” wird, gilt als “dreckig. Das traditionelle Reinheitsgebot begünstigt die Endogamie, auch ein traditioneller Wert, und erschwert die Exogamie. Denn man will nicht die Katze im Sack kaufen, sondern wissen, mit wem (auch mit welcher Sippe) man es zu tun hat. Mit dem Reinheitsgebot im Zusammenhang steht die

5. “Ehre” (namus) als unantastbares Merkmal eines Kollektivs, das vom sexuellen Verhalten der weiblichen Mitglieder des Kollektivs abhängt. Die junge Frau, die vor der Ehe ihre Jungfräulichkeit verliert, verliert nicht nur die eigene Ehre, sondern entehrt die ganze Familie. Die Verantwortung, die man in dieser Hinsicht als Frau trägt, erschwert die Individuierung, denn dabei riskiert man das ganze Familiengebäude zum Einsturz zu bringen. Aber auch die Männer tragen eine Verantwortung, nämlich Fehltritte ihrer Schwestern, Frauen sogar ihrer Mütter zu verhindern. Das zwingt sie in die Rolle des Aufpassers und erschwert ihre Emanzipation von der traditionellen Pascha-Rolle. (Die traditionell erzogenen kurdischen Mädchen, die ich kenne, klagen am meisten über ihre Brüder, auch ihre jüngeren Brüder, die sie Paschas nennen und die ihnen vorschreiben möchten, wie sie zu leben haben.) Die traditionelle Vorstellung von Ehre prägt auch die Art und Weise, wie die deutsche Gesellschaft betrachtet wird, denn aus traditioneller Sicht sind die meisten Frauen ehrlos und die meisten Männer verdienen die Bezeichnung namussuz adam (ehrloser Mann), weil sie die Verwahrlosung ihrer Frauen nicht verhindern. Auch das erschwert die Integration.

Ich löse Integration von der ethnischen und religiösen Ebene und betrachte sie (auch) als Übergang von der Tradition in die Moderne, als Überwindung traditioneller und Übernahme moderner Werte. Das setzt weder das Leugnen der ethnischen Herkunft noch die Aufgabe der Herkunftsreligion voraus. Zwei prominente Frauen, die diesen Weg erfolgreich gegangen sind (und die es sogar schafften, ihre Eltern zumindest ein Stück weit mitzunehmen) sind Seyran Ates und Hatice Akyün. Sie zeichnen sich durch eine starke Ich-Identität im Sinne von Lothar Krappmann aus, d.h. es gelingt ihnen, Balance zu halten zwischen den Anforderungen der sozialen Umwelt und ihren eigenen Bedürfnissen. Diese Leistung ist um so bewundernswerter, wenn man bedenkt, dass sich diese Frauen mit den konfligierenden Anforderungen der traditionellen Herkunftsgruppe und der modernen deutschen Gesellschaft sich auseinandersetzen müssen.

Im folgenden Beitrag in der ZEIT blickt Ates auf ihre Kindheit in Istanbul und Berlin zurück und beschreibt ihre Vorstellung von Freiheit und Individuum sowie ihren Kampf um eine Balance zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen ihrer türkischen Umwelt:

“Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, warum ich solch ein Leben führte. Ich war ein Mädchen, ich stellte die Ehre der Familie dar, und mein Jungfernhäutchen, von dem ich lange nicht wusste, was das überhaupt ist, war von größerem Interesse für die Großfamiliengemeinschaft als mein Gehirn. Wenn ich mein Gehirn benutzte und meine Meinung äußerte – meist eine, die sich für ein türkisches Mädchen nicht schickte –, wurde ich für verrückt erklärt. Da war es wieder; wenn auch angeblich scherzhaft. In meiner näheren Umgebung wurde ich als die kluge Verrückte bezeichnet. Ich hatte nicht das Gefühl, verrückt zu sein. Aber irgendwie merkte ich schon, dass wir nicht so gut zusammenpassten: die türkische Kultur in Deutschland und ich. Meine gesamte Umgebung kontrollierte alle weiblichen Wesen auf Schritt und Tritt. Wobei ich leider sagen muss, dass nicht nur Männer dieses System aufrecht erhielten.

Ich wollte mich von dieser Enge befreien. Es war nicht die kleine Wohnung, das fehlende Kinderzimmer, sondern der Staub aus Anatolien, der mir die Luft zum Atmen nahm. Jeder Tag fing an mit dem Traum nach Freiheit und endete damit. Ich habe diesen Traum so lange geträumt, bis ich ihn für mich verwirklichen konnte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Dinge, die ich mir erträumt habe, tatsächlich in Erfüllung gegangen sind. Ich musste nur meinen Anteil dazu tun. Das habe ich von den Deutschen gelernt. Sie haben mir beigebracht, dass ich ein Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit und eigene Meinung habe. Und sie haben mir beigebracht, dass alle Menschen gleich sind. Diese wunderbare Freiheit des Körpers und des Geistes steht allen Menschen zu.”

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Prima Ausführung; da kann man nur zustimmen und gratulieren.

    • 26. September 2010 um 18:05 Uhr
    • docaffi
  2. 2.

    @Volker

    Der Beitrag war eine Anwort auf Ihr #223 im Antimuslimus-Thread, wo Sie schrieben:

    Die Kollision verschiedener Vorstellungen (nicht Werte) führt zu der Problematik, zu der wir hier diskutieren.

    Ich antwortete:
    Auch Werte. (…)

  3. 3.

    @Jörg Lau

    Könnten Sie die Überschrift wie folgt ändern?

    “Der Wertekonflikt mit dem traditionellen Islam”

    denn mit einer modernen Interpretation des Islams, wie sie z.B. von Lamya Kaddor vertreten wird, gibt es so gut wie keinen Wertekonflikt.

    (Und bitte einen (?) Tippfehler auch korrigieren: zum diesem Gott.)

    Danke!

  4. 4.

    @docaffi

    Danke!

  5. 5.

    Keep going.

  6. 6.

    Ach Miriam, wie recht Du hast und wie schön Du das schreibst!

    Ich möchte gerne Kontakt zu Dir aufnehmen und schicke Herrn Lau eine Email zur Weiterleitung.

    • 26. September 2010 um 20:18 Uhr
    • mathilde
  7. 7.

    Hallo Miriam, ich antworte, warten Sie bitte einen Moment.

    • 26. September 2010 um 20:57 Uhr
    • Volker
  8. 8.

    @ Miriam

    Hervorragender Beitrag!

    Nur bzl. zweier Punkte möchte ich noch etwas äußern/ergänzen:

    der erste betrifft eine glaube ich grundsätzliche Sache:

    du hast geschrieben:
    Ich löse Integration von der ethnischen und religiösen Ebene und betrachte sie (auch) als Übergang von der Tradition in die Moderne, als Überwindung traditioneller und Übernahme moderner Werte. Das setzt weder das Leugnen der ethnischen Herkunft noch die Aufgabe der Herkunftsreligion voraus.
    und ich denke, hier begehst du einen denkfehler.
    Er liegt darin, daß *Werte* oder *Normen* tradiert werden.
    Foplge davon ist es, daß du darum auch sinnvoll dann schreiben kannst, daß *weder die ethnische herkunft noch die SAufgabe der Herkunftsreligion* vorausgesetzt werden müsse.
    Nur: was ist denn ein *traditioneller islam*, von dem du wiederum in der Überschrift schreibst, daß es mit diesen einen *Wertekonflikt* gebe – ist er nicht erst einmal eben religion, und zwar diejenige religion, die man mit fug und recht ‘herkunftsreligion’ zu bezeichnen hat bei vielen, exakter, bei all denen, die eben nicht als ‘herkunftsreligion’ einen ‘modernen Islam’ hätten?
    Du tust hier eine art übergeordnetem abstrakte begrifflichkeit einführen, von dem niemand weis, was er denn sein soll, nämlich den *islam*, den du dann mal so(traditionell), mal so (modern) hast – ubnd er als #religion’ dabei jedesmal gleich bliebe, bis halt, ja, bis auf die jeweiligen Werte, die dann dochunterschiedlich sein können. Also im grunde gar nicht zum inneren kern der religioon gehören würden, sondern nur ein accidentielles wären, ein einherspielendes Unwesendliches.
    Das ist aber genau genommen nicht der fall – denn so wichtig ein label auch immer ist, und es ist sehr wichtig, so ist doch noch wichtiger, ob innere mechanismen identisch bleiben oder in wesentlichen Punkten sich verändern.
    Nun hast du zwei unterschiedliche Dinge getan:
    Nach der von dir akzeptierten Überschrift “Wertekonflikt mit dem traditionellen islam” kam eine aufzählung, die die unterschiede zwischen einem modernen und einem archaiischen (oder traditionellen) Wertekanon verdeutlichen bzw. fassen soll – und anhand derer würden die probleme bestehen.
    Nur sind die Werte nicht einfach so da und sie werden auch nicht einfach so tradiert. herzlich wenige gehen zu ihren kindrn hin und sagen ihnen: die für dich gültigen normen sind X,Y,Z.
    Etwas anderes passiert: es werden geschichten udn bilder erzählt, als deren ergebnisse entweder normen & werte als sinnvoll begründete kommuniziert werden oder in metaphern und analogien diese nahegelegt werden.
    Man könnte sagen: die wirklichkeitsform der Normen / Werte sind diese geschichten und bilder.
    IOm Punkt 3 hast du das mit dem “Gott-Vater” angedeutet auch – die gechichten, in denen Gott sich als vater zeigt bzw. kommuniziert wird, und zwar als ein bestimmter vater mit bestimmten Verhaltensschwerpunkten, dass sind diejenigen, gewchichten, die das verhältnis zwischen gläubigen und Gott verdeutlichen und die wiederum die blaupausen für das innerfamiliäre verhältnis abgeben bzw. für das inner-gesellschaftliche.
    Religion einmal nicht als das große unbekannte gefasst, ist immer dabei konkrete, kommunizierte geschichte (was sehr abweichen kann von dem, was geschrieben steht heiligen büchern – man denke nur als fegefeuer, den ablass oder die Muttergottes- bzw. die heiligenverehrung bei den katholiken – und was immer partiell ist und somit einseitige betonungen bestimmter aspekte/aussagen/interpretationen).
    Ethnie als ein sammelsurium von ebenfalls solchen geschichten udn bildern, gilt dasselbe, wenn auch eine schriftliche rückbindung (oder der glaube daran) allzuoft dabei fehlt.
    Der entscheidende Punkt dabei ist für mich, daß eben keine werte das entscheidende sind, sondern geschichten, die werte als sinnvoll erst kommunizieren (im unterschied zu anderen werten). Sie ‘machen’ erst die normen und werte aus – denn sie treffen die ‘auswahl’ durch ihre ‘begründungsleistung (oder assoziationsleistung aufgrund von denkschemata, das geschichten darstellen).
    Gott als vater mag streng logisch gesehen erst einmal genauso zutreffen wie gott als Freund oder Gott als hartherzigen Herrscher usw… – welche dieser aspekte wann udn wie stark in den fordergrung tritt innerhalb einer gesellschaft, bestimmt, welche werte darüber begründet werden und wie sich verhalten an diesen werten orientierend zeitigt.
    Letztendlich muss deshalb weniger über konkrete werte geredet werden, sondern mehr über die veränderung dieser geschichten und bilder wie sie sich eben in religiösen auffassungen, aber auch in nationalen und ethnischen zeigen um damit die sozialen bzw. familiären werte zu ändern.

    der zweite Punkt betrifft:
    [...]denn mit einer modernen Interpretation des Islams, wie sie z.B. von Lamya Kaddor vertreten wird, gibt es so gut wie keinen Wertekonflikt.

    Denn die von dir bei diesen frauen konstatierte ‘moderne’ Auffassung des islams ist einfach nur eine unter einer vielzahl. Sie wäre die für uns akzetabele – aber ist selbst verschwindet förmlich in all den anderen – theologisch gleich oger gar höherrangigen – #traditionellen’ Auffassungen.
    Solange diese vielzahl von verschiedenen auffassungen über das, was *Islam* sei, gleich-begrifflich nebeneinander bestehenh bleiben, bleiben auch diese vielzahl als relativ leichte auswahl-vielzahl je nach sozialen und gesellschaftlichen bedürfnissen bestehen. was wir aber benötigen ist erst einmal eine einschränkung – nämlich auf relativ *wenige*, nämlich die primär ‘modernen’ auffassungen zu ungunsten der ‘traditionellen’ – diese gehören theologisch darum entfernt oder ausgeschlossen. denn sie sind diejenigen, auf die sich gegebenfalls eben zurückgegriffen werden kann, wenn sie sich als vorteilshaft bei eienr veränderten gesellschaftlichen konstellation erweisen könnten – und genau das dürften wir ja nicht wollen.

    • 26. September 2010 um 21:13 Uhr
    • Zagreus
  9. Kommentar zum Thema

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