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Das Kopftuch als Befreiung?

 

Christina  von Braun, Kulturwissenschaftlerin in Berlin, habe ich in diesem Blog vor Jahren schon sehr heftig angegriffen, vielleicht ein bisschen zu polemisch. Nun hat sie der ZEIT (Printausgabe von morgen) ein Interview gegeben, in dem sie sich wieder mit der Frage des Feminismus und des Kopftuchs beschäftigt. Ich spare mir diesmal die Polemik, gebe aber erneut zu Protokoll, dass mich die Verharmlosung der Lage der Frau im Islam einfach baff macht, wie offenbar auch meine Kollegin Susanne Mayer, die das Interview geführt hat. Ich verstehe zwar Brauns Beunruhigung über die extreme Polarisierung in unserer Debatte der letzten Wochen (wie jeder Leser dieses Blogs weiß) – aber so kann man darauf doch nicht antworten:

ZEIT: Die Frauenbewegung wollte in der Vergangenheit  stets freie Räume eröffnen. Mein Bauch gehört mir! Ich trage, was ich will! Jetzt soll ein Verbot her – mit der Begründung, man müsse einen Raum schaffen, in dem Frauen nicht gezwungen werden können, ein Kopftuch zu tragen. Eine logische Volte – macht sie Sinn?

Von Braun: Einer der Slogans der Frauenbewegung war Virginia Woolfs Forderung: „Ein Zimmer für sich allein“. Vielleicht ist das Kopftuch eine Art, sich diesen Raum in einer fremden Öffentlichkeit zu verschaffen. Ich denke an muslimische Studentinnen, die vielleicht selbstbewußt ihr „Zimmer für sich allein“ auf dem Kopf tragen möchten.

ZEIT: Sie beschönigen!…

Allerdings. Es gibt Frauen, die das Kopftuch selbstbewußt und aus freien Stücken tragen, und es ist völlig richtig, auch für deren Rechte einzutreten.

Aber es ist doch wahnsinnig blauäugig, das Kopftuch per se als Fortsetzung des Feminismus mit anderen Mitteln hinzustellen. Virginia Woolf? Get real.

Baher Ibrahim, ein junger Medizinstudent in Alexandria (Ägypten), zeigt im Guardian, wie man sich des Vormarsches des Hijab feministisch annimmt. Er beschreibt den Trend, dass immer mehr junge Mädchen von acht Jahren an verhüllt werden und fragt sich, welche frauenfeindliche Vorstellung von Sexualität diesen Mädchen damit übergeholfen wird:

In general, the age at which Muslim girls in Egypt begin to wear the scarf has dropped. Back when I was in high school, very few female students wore headscarves. Today, my younger brother (who is 15) tells me that almost all the girls in his middle school wear a scarf. It hasn’t stopped there either, having caught on in primary schools.

The very sight of a little girl in a scarf is both disturbing and confusing. Adult Muslim women are expected to dress modestly so that men outside the family cannot see their bodies. But what is the point of a child or pre-pubescent girl wearing a hijab? It hints at what may be a disturbed (one is tempted to say diseased) concept of sexuality in the mind of the father who thinks his little girl should be covered up. What exactly is tempting about the body of an eight-year-old that needs to be covered?

Baher Ibrahim hat Recht! Die jungen Mädchen, die so früh an den Hijab gewöhnt werden, haben später de facto keine Wahl mehr. Ist ja auch der Sinn der Sache. Es soll ihnen zur zweiten Natur werden, dass Frauen ihren Körper nicht zeigen dürfen. Das ist eine Sexualisierung des weiblichen Körpers, an der nichts sympathischer ist als an der viel beklagten Sexualisierung durch westliche Dekadenz und Pornografie. Es ist gewissermaßen eine invertierte Form (religiös begündeter) Pornografisierung des männlichen Blicks.

Getting a little girl „used to“ the hijab effectively obliterates the „free choice“ element by the time the girl is old enough to think.

The hijab is aggressively marketed as the proper attire for a respectable woman. That isn’t new. What is new is that now even children are targets of this marketing. One need look no further than Fulla, the Middle Eastern version of Barbie, designed to suit Muslim values. When I recently stepped into a Toys R Us store in Cairo, it was quite shocking to see a Fulla doll clad in a headscarf and a full length abaya, the box proudly proclaiming „Fulla in her outdoor clothes“, in effect telling little girls that there is only one proper way to dress outside the house.

Many defenders of the hijab point to the influence of „decadent western culture“, endlessly criticising how western TV sexualises and objectifies women, though they fail to understand that they are doing they exact same thing to little girls when they constantly promote the hijab. If it is so important to cover up, there must be something worth covering up and hiding from men. Inevitably, little girls are taught to view themselves as sexual objects that must be covered up from an early age – and it is this culture permeating the minds of our younger generations.

To make matters worse, what about the brothers of these girls? Will they not grow up with the same mentality? If they see that their sisters have to be covered up from a very early age to avoid being exposed in front of men, it is only natural that they grow up with the concept that women have to be covered, controlled and restricted.

Männer sind manchmal eben die besseren Feministen. Wer’s nicht glaubt, lese den ganzen kämpferischen Text von Baher Ibrahim.

304 Kommentare

  1.   Jörg Lau

    @ marriex: Wovon? Wer?

  2.   tati

    @lol

    Es geht hier nicht um Wertvorstellungen, sondern um religiös und ideologisch begründeten Kindesmißbrauch.
    Kann sich etwa ein 9jähriges Mädchen gegen das Überstülpen eines Kopftuches oder Schleiers wehren? MIt konservativer Erziehung hat das nichts zu tun – es ist schlicht und einfach Unterdrückung.

    Und nochmal ganz allgemein zu Wertvorstellungen. Es ist legitim diese an seine Kinder weiterzugeben und eine aufgeklärte Gesellschaften lebt in gewisser Weise von der Konkurrenz unterschiedlicher Werteausprägungen.
    Die Konkurrenz der Werte findet im weitgehend monokulturellen Ägypten jedoch erst gar nicht statt.

  3.   N. Neumann

    Meiner Meinung nach hat dies nichts damit zu tun, dass ihnen die freie Wahl vorweggenommen wird.

    Genau. Schließlich kann man sich auch ohne bereits als Kleinkind an das auf dem Kopf Tragen eines religiösen Symbols für sexuelle Sittsamkeit und fromme Identität gewöhnt worden zu sein, dazu entscheiden, das Eintreten für die Gewährleistung von Wahlfreiheit als Audruck von westlichem Kulturimperialismus bewerten – und zwar selbst dann, wenn man diese äußerst beknackte Meinung wahrscheinlich nicht schon mit der Muttermilch eingeimpft bekommen hat.

  4.   marriex

    Sie natürlich. Sowas darf man doch nicht schreiben!

  5.   marriex

    Sehen Sie es als Ausdruck meiner leisen Hoffnung, dass Sie zu alter Form zurückfinden.

  6.   Mates

    @JL

    Beifall von der anderen falschen Seite?

  7.   Banned

    Die Floskel vom „Beifall der falschen Seite“ ist noch so eine Liberaleske. Als kämen die richtigen Argumente immer nur von einer Seite, oder als entwerte sich eie richtige Aussage, weil ihr die „falsche Seite“ zustimmt. Ist 1+1 denn nicht gleich 2, wenn die „falsche Seite“ dies auch denkt?

  8.   marriex

    @ Test

    Ich habe Lau geantwortet. Es ist ratsam, sich hier nicht gleich als Hauptperson zu betrachten.

  9.   Banned

    @marriex
    Was Jörg Lau angeht, so halte ich Ihre Hoffnungen für verfehlt. Seine ab und an mal geäußerte vorsichtige Kritik an den extremsten Exzessen linksliberaler Unlogik sind doch Nebelkerzen, die er nur zündet, um sich von jener Masse abzuheben, die selbst das nicht mehr nötig zu haben scheint. Jörg Lau kann sich dank solcher Gesten dann das Etikett des unbequemen, unkonventionellen Realisten anheften.

  10.   NDM

    Meiner Ansicht nach hat (religiös-)traditionalistische Kleidung sehr häufig etwas von einer Art geschlechtsspezifischer Uniform, die den Status eines Menschen innerhalb seines direkten Gesellschaftlichen Kontextes markiert. Was die grundlegende gesellschaftliche Funktion derartiger Kleidung angeht, existieren keine prinzipiellen Unterschiede zwischen einem Frauenrock und einem Tschador. Beide betonen das jeweilige Geschlecht als die primäre Eigenschaft des Menschen.

    Die Begründung ist es, die den bedeutendsten Unterschied ausmachen. Während der Frauenrock in Europa gesellschaftlich verhandelt werden konnte(und heute ungebrochen bezüglich Minirock, Tschador usw. weiterverhandelt wird), können Verfechter von islamisch-traditionellen Bekleidungsstücken eine Art sakrale Bedeutung behaupten. Dies macht es unheimlich schwer, das Thema gesellschaftlich zu Verhandeln.

    Ich bin kein Freund religiöser oder traditioneller Kleidung, aber auch kein Freund von Verboten und Pflichten. Vielmehr sehe ich es als wichtig an, dass Frauen, bevor sie sich solche Kleidungsstücke überziehen, genau wissen, was sie tun und vor allem weshalb – und dies auch artikulieren können. Das Argument: „Mohammed/Allah hat gesagt, dass ich es tragen muss“, ist hierbei für mich ebenso wenig überzeugend wie: „Das hat man bei uns immer gemacht.“ – denn man hat sehr vieles „immer schon gemacht“, und Mohammed hat auch vieles gesagt. Sklaverei, Steinigung, Handabhacken, usw. ließen sich ebenso leichtgläubig rechtfertigen, sind jedoch aus Vernunftsgründen vielerorts(leider noch nicht überall) ersatzlos abgeschafft worden, obwohl sie im Koran und Hadithen sogar viel deutlicher erwähnt werden, als das Kopftuch.

    Ebenso wie die Abschaffung der Sklaverei damit begründet wurde, Mohammed habe schrittweise auf die Abschaffung hingewirkt, also der innere Sinn von entsprechenden Reformen extrahiert und vollendet wurde, ließe sich dies auch auf Bekleidungsnormen anwenden. Es ging im Kern schließlich darum, die als „aufreizend“ empfundenen Facetten der – damals(!) üblichen – Kleidung(die zufälligerweise auch eine aus vorislamischer Zeit bekannte Haarbedeckung beinhaltete) zu „entschärfen“. Heute und hier ist eine andere Kleidung üblich. Man kann also auch sagen, dass Sure 33 Vers 60 „zieht eure Tücher tiefer“, bedeutet, dass die hier und heute als aufreizend geltende Kleidung, z.B. Miniröcke, bitte länger/bedeckter sein sollen.

    Hierdurch bleibt zwar auch das unhinterfragte Bild des Mannes, der (verzeihlicherweise) im Verstand zu schwach ist, weiblichen Reizen zu widerstehen und es deshalb die Aufgabe der Frauen sei, seinen Fehlern vorzubeugen, sowie das unhinterfragte Bild der Frau, die Verführung zur (und damit die schuldige für die) sündigen Tat zu verkörpern.

    Dieses Menschenbild ist so alt wie Adam und Eva und wie der Spruch: „Die wollte das doch, so wie sie angezogen war.“

    Das Problem ist: Wenn man das Menschenbild hinter solchen Kleidungsvorschriften kritisiert, bekommt man es ganz schnell auch mit christlich-konservativen Hardlinern zu tun, die es im Grunde teilen. Dennoch – oder gerade deshalb – halte ich es für sinnvoll, dass jungen Menschen auch das Hinterfragen von Menschenbildern nahegebracht wird. Einen bekenntnisunabhängigen Ethikunterricht – ruhig auch parallel zum bekenntnisunabhängiger Religionskunde – halte ich daher für ebenso sinnvoll, wie eine neue Diskussion über den Begriff „Religionsmündigkeit“.