Ein Blog über Religion und Politik

Großstadtwerte

Von 17. Dezember 2010 um 13:43 Uhr

(Mein Text aus der ZEIT dieser Woche.)

In der neuen Serie von David Simon, dem wohl größten Erzähler des zeitgenössischen Fernsehens, geht es wieder um eine Stadt. In dem Polizei-Drama „The Wire“ – das Simon zur Legende gemacht hat – war das arme Baltimore, geschlagen mit Drogen, Korruption und Verbrechen, die eigentliche Heldin. So diesmal New Orleans, genauer gesagt Treme (Tre-mäy gesprochen), das älteste schwarze Viertel Amerikas, ganz nahe am berühmten French Quarter gelegen. Der Jazz, die erste genuin amerikanische Kunst, Amerikas Geschenk an die Weltkultur, hat dort seine tiefsten Wurzeln.

Es geht aber um mehr als New Orleans, so tief Simon auch diesmal wieder in lokale Szenen eintaucht. Obwohl es gewiss die untypischste Stadt des Landes ist, firmiert New Orleans hier paradoxer Weise als die amerikanische Stadt schlechthin, samt Hoffnung, Fluch und Versprechen. „Kleinstadtwerte helfen uns nicht weiter“, hat Simon kürzlich gesagt, „wir brauchen Großstadtwerte… New Orleans war Französisch, Spanisch, Amerikanisch, die Musiker von dort nahmen afrikanische Rythmen und europäische Arrangements und schenkten dies der Welt… Das Konzept der amerikanischen Stadt – mit all diesen unterschiedlichen Kulturen, das ist es, was wir der Welt gegeben haben.“

Clarke Peters als Albert Lambreaux in seinem Mardi-Gras-Kostüm  Foto: HBO

Nun ist die Stadt allerdings lebensgefährlich verwundet, als die Handlung beginnt – im Winter 2005, wenige Monate nach dem Hurricane Katrina. Der elegante Vorspann macht schon klar, dass Simons Kunst aus dem Verfall erblüht. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass die wunderbar eleganten, abstrakten Muster auf den Wänden der Häuser in Wahrheit Schimmelpilze und Reste vom Schlamm sind.

Wir finden uns unmittelbar unter den Überlebenden der Katastrophe. David Simon wirft uns unter die Musiker, Lebenskünstler, Discjockeys, Handwerker, Barfrauen, Anwälte und Arbeitslosen, die ihr Leben über die Folgen des Sturms hinweg zu retten versuchen. Manche würden besser daran tun zu gehen, doch keinem fällt es leicht, diese Stadt aufzugeben. Nicht allen wird das Bleiben gut bekommen, das ahnt man gleich.

Jede der Hauptfiguren trägt eine Frage mit sich herum. Wird Antoine Batiste (gespielt von dem großen Wendell Pierce, einem gebürtigen New Orleanian, der in „Wire“ der Polizist Bunk Moreland war) jemals von seiner Musik leben können? Kann seine Ex-Frau LaDonna (die schöne und strenge Khandi Alexander) ihren Bruder aufspüren, der während der Flut im Polizeigewahrsam war und nie wieder auftauchte? Kann Albert Lambreaux (Clarke Peters), „Häuptling“ eines traditionellen Mardi-Gras-Indianerstamms, seine Leute dazu bringen zu bleiben und bei der Parade mitzumachen? Wird Creighton Bernette (John Goodman), der wütende und depressive Englischprofessor, endlich seinen Schlüsselroman über die Flut von 1927 zu Ende schreiben? Wird sich die schöne Geigerin Annie (Lucia Micarelli) von ihrem Straßenmusikpartner Sonnie trennen, der wieder mit den Drogen angefangen hat? Diese und noch viel mehr Geschichten sind auf eine lose, an Robert Altman erinnernde Weise, verwoben. Und die Musik der Stadt ist der Webfaden.

Keine andere Serie hat so viel großartige Musik – kein Wunder bei dem Handlungsort. Die Musik wird nie nur zur Untermalung benutzt. Sie ist – oft live gespielt – organischer Teil der Handlung. Dr. John, Allen Toussaint, Kermit Ruffins, Steve Earle, McCoy Tyner und Elvis Costello und andere echte Stars treten in Gastrollen auf. Viele Figuren sprechen einen starken Dialekt und benutzen Insider-Begriffe wie „second line“ und „lower nine“, die nicht erklärt werden. Man muss sich eine Weile lang einhören in den Sound von Treme.

Diese zunächst abweisende Erzählweise hat einen Grund im kompromisslosen Realismus, den Simon-Fans schätzen. Er passt aber auch zu New Orleans, das hinter der touristischen Fassade immer eine unzugängliche Seite bewahrt hat. Nur durch Widerborstigkeit konnten französische Sprache, afrikanische Riten und schwarze Hipness vor dem Ausverkauf bewahrt werden. Nichts zu erklären ist aber schließlich auch ein Kunstgriff: Beim Zuschauer verstärkt er das Gefühl, man werde zum Zeugen einer realen Geschichte. Großartig, dass Drehbücher von solcher Schroffheit in Amerikas Kabelfernsehen nicht zuschauerfreundlich totredigiert werden. So wird das Fernsehen zur Kunstform, in der jene ein Exil finden, denen Hollywood zu langweilig, zu flach, zu unpolitisch ist.

David Simon ist (neben Ken Loach) der wütendste politische Filmemacher dieser Tage. Seine Weltsicht lässt sich im deutschen Koordinatensystem als vitaler Linkspopulismus verstehen: korrupte Eliten, kaputte Institutionen, eine verlogene öffentliche Moral, kleine Leute ohne Lobby bevölkern seine Welt. Es ist offenbar ein Vorurteil, dass man daraus keine große Kunst machen kann. Das kann man eben doch, wenn man diese Welt mit dem Reporterblick anschaut, den der gelernte Journalist Simon (er war Polizeireporter bei der Baltimore Sun) nie abgelegt hat.

Simon leidet an der Selbstzerstörung Amerikas, von der alle seine Serien erzählen. Aber er lässt seine Wut nie einer guten Geschichte in die Quere kommen. Auch in Treme geht es ihm nicht um die politische Anklage. Er hält sich nicht lange damit auf, dass Präsident Bush und seine inkompetente Regierung das Natur-Desaster erst zur Katastrophe haben auswachsen lassen. Treme erklärt nicht, warum New Orleans beinahe zerstört wurde (so wie The Wire die Zerstörung Baltimores auf allen institutionellen Ebenen rekonstruierte). Simon ist für einen solchen analytischen Zugang zu verliebt in New Orleans. Und so handelt Treme von den Versuchen vieler einzelner, das Versprechen dieser Stadt aus dem Schlamm und dem Schimmel zu bergen.

So klingt es allerdings ein wenig zu kitschig. Die städtische Utopie von New Orleans zu retten, das kann in Treme nämlich nur ganz konkret geschehen: durch kreolische Küche, ein unvergessliches Zydeco-Konzert, einen umwerfendes Mardi-Gras-Kostüm aus lauter gelben Federn. Oder, in den unsterblichen Worten von Dr. John: makin’ whoopee.

Kategorien: Curiosa, Medienkritik
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Jau, Costello ist waschechter N’Awlinzer.
    Wenn ich mich recht entsinne, ist das einzige, was Costello mit NO verbindet, eine gemeinsame Scheibe mit Allen Toussaint.

    • 17. Dezember 2010 um 20:46 Uhr
    • lebowski
  2. 2.

    Lieber Herr Lau,
    ich möchte Sie in ihrem eleusische Gefilde durchsegelnden Artikel ( die interesante Frage warum es solche, die eigene Gesellschaft in Frage stellende, Epen nur in den USA gibt beantworten Sie ja doch nicht), aber Makin Whoppee ist ein Song aus den 20er Jahren. Der verehrte DR John hat ihn nur interpretiert.

    • 17. Dezember 2010 um 23:27 Uhr
    • conring
  3. 3.

    @ conring: Das weiß ich doch, aber wie Dr. John das singt, das ist einfach unsterblich und unübertrefflich, wenns nach mir geht.

    • 17. Dezember 2010 um 23:51 Uhr
    • Jörg Lau
  4. 4.

    @ lebowski: Costello ist bloss ein Fan, aber ein echter, der sich dort oft sehen lässt. Auch Steve Earle ist nicht von dort, aber doch ein echter Star in einem Cameo.
    Ruffins hingegen, Toussaint und ein paar lokale Bands sind wahre Lokalpatrioten. Ist wirklich eine klasse Show, schauen Sie mal rein.

    • 17. Dezember 2010 um 23:54 Uhr
    • Jörg Lau
  5. 5.

    Pragmatischer Realismus oder konzeptioneller Irrweg ? – das ist die Frage:

    Migrationsbewegungen sind so alt wie die Geschichte. …Was heute neu ist ist, ist das Ausmaß der Migration, häufig über enorme kulturelle Trennlinien hin – und oft ohne festes Ziel. …

    Diese moderne Form der Migration stellt massive Probleme für die Länder auf der Empfängerseite dar. In Europa ist es wahrscheinlich das gravierendste soziale Problem heute, denn niemand hat eine klare Vorstellung darüber, wie der daraus resultierende ‘Clash of Cultures’ zu bewältige ist.

    Einst schien Nordamerika, insbesondere die USA, die Antwort zu geben. Es war die des “melting pot”: Verschiedene Völker lieferten ihren eigenen Beitrag zur amerikanischen Kultur, aber vor allem, unternahmen sie größte Anstrengungen, zu akzeptieren, was sie fanden, und sich zu integrieren. …

    In jüngerer Zeit hat sich das geändert… Nicht mehr alle US-Bürger sind Amerikaner. Sie sind zu Bindestrich-Amerikanern geworden: Italo-Amerikaner, Afro-Amerikaner, Hispano-Amerikaner, und so weiter. Die Zutaten des Schmelztiegels sind getrennt ….

    Amerika [verfügt] weiterhin über Mechanismen, um Neueinwanderer zu integrieren. Sprache ist ein wichtiger grundlegender Faktor, … die in der Verfassung verankerten Werte repräsentieren immer noch einen gemeinsamen säkularen Glauben.

    Aber diese Mechanismen sind überall in Schwächung begriffen und sind in europäischen Ländern praktisch nicht existent.

    Moderne Gesellschaften sind durch akute Probleme hinsichtlich der Zugehörigkeit geprägt. Sie bieten nicht die impliziten, unbewussten Verbindungen der Gemeinschaft, die die Bürger in der Vergangenheit spürten. Als Ergebnis haben die Menschen begonnen, sich an anderen, ursprünglicheren ['primordial'] Gruppenidentitäten festzuklammern. Sie widerstehen der Assimilation in der Furcht, dass diese ihnen ihre Identität rauben wird, ohne ihnen eine neue zu bieten.

    Was ist dann die Alternative zur Assimilierung?
    Die “Salatschüssel” des sogenannten Multikulturalismus ist keine echte Alternative, weil sie nicht das erforderliches Leim-Bindemittel, das Gemeinschaften miteinander verbindet, bereithält. Alle Zutaten bleiben von Anfang an getrennt.

    Die einzige Alternative, für die es Beispiele gibt, ist wohl die von London oder New York.
    Das Hauptmerkmal dieser Alternative ist die Koexistenz einer gemeinsamen öffentlichen Sphäre, die von allen geteilt wird, mit einem beträchtlichen Maß an kultureller Trennung innerhalb der “privaten” Sphäre, insbesondere in Wohngebieten.
    Der öffentliche Raum ist multikulturell in Bezug auf dem Hintergrund der Leute dort,
    wird aber durch vereinbarte Werte, auch durch eine gemeinsame Sprache bestimmend regiert,
    während das Privatleben der Menschen dort ghettoisiert ist – um ein hässliches Wort zu verwenden.

    In der Theorie ist dies eindeutig die zweitbeste Lösung für die kulturellen Folgen der Migration,
    in der Praxis ist es die beste Antwort, die wir haben.

    Aber diese Antwort ist nicht zum Nulltarif zu haben. Auch und selbst das notwendige Minimum einer gemeinsamen Sprache erfordert eine bewusste Anstrengung, ganz zu schweigen von bestimmten Verhaltensregeln.

    Leben in London, ich bin erstaunt über die Art und Weise, wie wir Londoner mit indischen Familiengeschäften und westindisch-organisierten öffentlichen Verkehrsmitteln klar gekommen sind, während nicht viele Fragen gestellt werden hinsichtlich ganzer Stadtteile, die von Bangladeschis oder Chinesen bewohnt sind.

    Niemand hat bisher einen Namen für diese neue Version der “getrennt aber gleich”-Doktrin ["separate but equal" doctrine] gefunden, … getrenntes Privatleben in einem gemeinsamen öffentlichen Raum, der gleich ist für alle.

    Dies ist deutlich einfacher in London und New York als in kleineren Städten oder sogar in den Hauptstädten von Ländern, in denen die Weltsprache Englisch nicht gesprochen wird.
    Berlins türkische Community und die nordafrikanischen Communities um Paris herum erscheinen zunehmend eigenständig, mit ihrer eigenen Öffentlichkeit und oft eigenen Sprache. Wo dies geschieht, kann eine explosive Situation entstehen, eine Art von internem Separatismus, nicht infolge historisch getrennter Bevölkerungsgruppen, sondern infolge der Widersprüche zwischen Neuankömmlingen und Einheimischen.

    Wenn wir gezwungen sind, die Hoffnung auf Assimilierung aufzugeben, sollten unsere Anstrengungen sich auf die Schaffung eines öffentlichen Raumes konzentrieren, zu dem alle beitragen und den alle genießen.
    Im Idealfall sollte dies ein expandierender öffentlicher Raum sein, denn letztlich ist das Element der Einheit in einer modernen Gesellschaft die Garantie für die Freiheit ihrer Bürger.

    Exzerpt/Textgrundlage: “After Assimilation”
    von Ralf Dahrendorf
    2004-09-10
    Project Syndicate/Institute for Human Sciences, September 2004

    http://www.project-syndicate.org/commentary/dahrendorf30/English

  6. 6.

    @Publicola
    Pragmatischer Realismus oder konzeptioneller Irrweg ?

    Vielen Dank für den Link zu Dahrendorfs Aufsatz. Ich würde sagen pragmatischer Realismus.

  7. 7.

    @ Publicola

    Interessanter beitrag von Dahrendorf, denn sie uns gegeben haben – danke, publicola.

    Meine sicht ist etwas anders; bitte verstehen sie ihn einfach als ergänzung – quasi ein anderer aspekt eines multidimensionalen gebildes namens ‘Integration’.

    Meine ausgangslage kommt aus einer mehr *rechten* (sehr mit vorsicht zu genießender begriff hier) tradition, die in den auseinandersetzungen des 19. jh. ihre ursprünge hat.
    Es ist das Konzept der *familie* – wobei darunter weniger eine familie in unseren heutigen Sinne zu verstehen sind, sondern vielmehr etwas, was man als *Horde* oder *Stamm* übersetzen könnte.
    Die ausgangslage ist dabei zu bestimmen dadurch, was die größtmögliche a-kulturelle menschliche gruppierung sein könnte –> und das scheint etwas zu sein, was sich im spannungsfeld von (empirischer) bekanntschaft und verwandtschaft sich zu bewegen scheint. Solch eine *Familie* ist dabei bestimmt dadurch, daß alle Mitglieder sich untereinander kennen, und zwar derartig gut, daß sie soziale beziehungen zu einander unterhalten und die jeweiligen reaktionen des anderen abschätzen können für irgendwelche intersubjektiven aktionen. Soetwas geht nicht besonders weit auf der quantitativen ebene – es wird durch mehrere faktoren beschränkt wie z. B. gedächtnisleistung, zeit, lokale möglichkeit, interaktionsnotwendigkeit(en).
    das abschätzen von reaktionen beruht dabei erst einmal auf bekanntschaft – man weis ungefähr wie A reagiert auf im falle x, und man weis ungefähr wie B reagiert –> die Glieder teilen untereinander diese möglichkeit des abschätzens und erzeugen so sicherheit (~ vertrauen) bzw. berechenbarkeit, welche wiederum zur koordination von gemeinsamen aktionen unabdingbare voraussetzung ist.
    Wenn nun eine so bestimmte Gruppe anwächst, gibt es zwei möglichkeiten: sie zerbricht (schließt überschüssige mitglieder aus, oder: es bilden sich zwei bzw. mehrere gruppen usw…) oder sie findet eine möglichkeit, die die faktoren, die bisher den grupppenzusammenhalt gewährleistet haben, in irgendeiner form transzendiert. Der Faktor hier war: bekanntschaft aller mit allen. Also irgendwie muss diese Eigenschaft *bekanntschaft* erweitert werden, und zwar so, daß die durch die bekanntschaft vermittelten Vorteile erhalten bleiben, welche ‘Sicherheit’ und ‘berechenbarkeit’ waren.
    genau hier setzt in meinen Augen eine wichtige leistung von Kultur ein –> systeme zur verfügung zu stellen, die ‘familie’ ausweiten und bekanntschaften als gegeben konsistuieren zwischen Individuen, die sich möglicherweise das erste mal in ihren leben sehen.
    Solche systeme sind Zeichensysteme, die auf etwas verweisen, dass ersatz bildet für (empirische) Bekanntschaft. Auf was da verwiesen wird, ersetzt Bekanntschaft dadurch, daß sie auf ein gemeinschaftlich geteiltes rekurrieren, welches durch die teilhabe alle glieder als hierin gleich zueinander verweisen, meist in form eines gemeinsamen Wissen. Konkret könnte soetwas z. b. der gemeinsame Vorfahre sein. innerhalb einer aus (unmittelbarer) bekanntschaftbeziehungen bestehenden Gruppen wird die gegenseitige Verwandtschaft (ob durch geburt oder durch adoption hergestellt) über die generalogie vermittelt. Eine ausweitung dieses system kann nun dadurch erfolgen, daß der gemeinsame Ahn, auf den sich alle beziehen, der (zeitlich entfernteste)bereits verstorbene bekannte der ältesten dieser gemeinschaft ist. Damit ist eine ausweitung erfolgt, da eben nicht mehr alle alle kennen, sondern nur noch ausgewählte mitglieder, die wiederum nur von jeweis einen teil der ‘Familie’ gekannt wird, sich über den gemeinsamen bezug auf einen längst verstorbenen ihre ‘zugehörigkeit’ feststellen können und eben feststellen.
    Kommt die möglichkeit der verschriftlichung hinzu, kann diese art und weise wesentlich weiter nach hinten geschoben werden –> die stammbäume von adelsgeschlechtern stellen soetwas dar – udn diese *großfamilien* können durchaus mehrere tausend mitgleider umfassen, die sich möglicherweise alle par jahre auf irgnedeiner familienfeier begegnen, und sonst nichts miteinander zu tun haben.
    Hieraus ergeben sich mehrere Möglichkeiten, die darin bestehen einen gemeinsamen ‘stammvater’ selbst ins mythische zu heben. Entweder ins anthropomorphe – ein mythischer urahn (z. B. Abraham, Adam, Romulus etc…), einen Gott (z. B. Herakles, zeus, prometheus, aber auch Jehova, *Gott* -> vater durch seine Schöpferfunktion, der auch wirklich im religiösen als ‘Vater’ angesprochen wird [man denke nur an das 'Vater unser']), als mythisches Tier (schamanismus – Bär, Löw, Adler, aber auch ägytische religion (osiris)), oder halt ein ‘vermittler’, auf den sich bezogen wird, als wäre er ein vater bzw. eine Struktur, die ein Vater-Familie-Verhältnis herstellt (z. B. ein vertrag zwischen einem Gott und einem ‘Volk’)oder irgendwann nur noch über ein abstraktes symbol (Nation [Vater-land], Schicht [der werktätigen, die ein [Arbeiter-]‘bewußtsein’ teilen, übrhaupt ideologie; aber auch sowas wie emphatisch verstandene ‘menschenrechte’ oder ‘Umweltbewußtsein’ etc…).
    All diese jeweils konkreten transzendentalisierungen des unmittelbaren bekanntschaftsverhältnisses drücken sich auch nach außen aus – meist vermittelst irgendwelcher äußeren zeichen (schmuck, kleidung, bemalungen etc….), und/oder Handlungen (ritueller natur z. b.) und über ein gemeinssames wissen (den mythos), der sich durch entsprechende sprachlich-künstlerische Ausdrucksformen offenbart wie anspielungen, metaphern, zitaten, namensgebungen…
    Über diese mechanismen wird funktionsmechanismen von familie massiv ausgeweitet – zugleich erfolgt aber auch immer eine abgrenzung zu nicht-familie (was mehr oder weniger stark akzentuiert und radikal ausgedrückt werden kann).
    Um teil dieser jeweiligen familien zu werden, muss etwas erfolgen, daß sich als einer art adoption auffassen läßt (feierlicher aufnahmeritus z. b.) und drückt sich aus über die übernahme der zeichen, die die jeweilige Familie als konstituierungsmerkmale besitzt.
    Da – lapidar gesagt – menschen ‘immer’ auf ihre Mitwelt angewiesen sind, ist es idR. eine notwendigkeit, daß sich menschen aneinander anpassen – d. h. bis zu einem gewissen notwendigen grade eine Familie bilden (in hinblick auf die erzeugung von Sicherheit und berechenbarkeit).
    Religionen leisten soetwas, nationen ebenfalls (auch ohne nationalismus).
    Unsere heutigen europäischen Staaten sind im grunde Großfamilien in mehreren hinsichten viel weitergehend, als es z. b. vor 200 Jahren noch der Fall war – denn sie erfüllen viele aufgaben von dem, was vormals eben den familien oder anderen ‘(groß)-Familien’ [Kirche, Kommune etc...] oblag – man denke nur an all die verschiedenen absicherungen wie Kranken-, arbeitslosen-, sozial-, rentenversicherungen. Schwächer sind teilweise die äußeren Symbole und der bezug auf diese geworden – z. b. Fahnen, Adel, Kleidungen (uniformen, standeszeichen). Und hier besteht auch eine gefahr – denn diese konkreten erscheinungsformen von Familie ermöglichten überhaupt erst die ausweitung des familienkonzeptes – symbolisiert in äußeren zeichen udn inneren wie (geteilte) mythen und zuschreibungen.
    Geändert hat sich aber auch die Notwendigkeit der anpassung oder adoption.
    War man früher als Migrant notwendigerweise darauf angewiesen, in so eine familie zumindest auf der lokalen ebene aufgenommen zu werden, ist man dies heute nicht. gründe dafür sind einfach, daß all das, was man früher zurückgelassen hat, heute weiterhin erreichbar ist.
    Die sozialen beziehungen z. b. –> ausgedrückt durch diverse medien (telephon, fernseher, briefe, zeitungen, inernet usw…) und reisemöglichkeiten – wäre jemand vor 200 jahren aus dem libanon mit seiner familie nach eutschland gezogen, wäre es das für ihn und seiner familie idR. es gewesen mit allen rückbindungen zum eben libanon – heute fliegt man 2x im jahr runter auf urlaub, liest täglich zeitungen aus dem libanon bzw. schaut fern – udn das telephon ist auch nicht weit, um den onkel unten anzurufen.
    Es besteht also keine notwendigkeit all diese beziehungen abzubrechen und einen *Familienwechsel* zu vollziehen – man hat ja seine familie, die sich ausdrückt eben auch über die konstrukte, mit denen konkret familie dort, woher man kam, ausdrückte.
    Ja, da es seit geraumer zeit viele *Familien-*möglichkeiten gibt, hat man auch genauso viele möglichkeiten der rückbindung (da ja religion, nation, generalogie, usw… -alles verschiedene möglichkeiten von *familienerweiterungen* darstellen, gibt es entsprechend viele systeme, die sich schon längst überschneiden idR.). Man ist z. B. Türke, und will es auch bleiben, auch hier in deutchland – zu dieser familie will man eben erst gar nicht gehören – warum auchm, es besteht keine notwendigkeit.
    Oder man ist moslem, und will es auch bleiben, udn nicht säkular werden. Oder man gehört der familie [clan] XY an, und da will man unter sich bleiben, und nicht mit fremden (die *familienangehörigen*, unter denen man lebt, z. b. *all-den-anderen* deutschen) zu tun haben.
    Gleichzeitig will man aber an den vorteilen partizipieren, die über die konkreten *familie-konzepte* entwickelt wurden. Z. B. eben an soetwas wie Krankenversicherung – zu der man aber zugleich soweit möglich keinen beitrag leisten will (einfach deshalb, weil man eben sich nicht als ein familienangehöriger dieser familie versteht).
    Und hier denke ich liegt auch der crux mit der ganzen geschichte – einerseits eine ausweitung, die ihre konstitutiven elemente verliert, die die erfassung und teilhabe an dieser (familien-)ausweitung überhaupt erst erzeugen, andererseits das mitbringen (aber auch bilden) von intern in der ‘Familie’ operierenden neuen ‘familiengebilden’.

    • 18. Dezember 2010 um 14:26 Uhr
    • Zagreus
  8. 8.

    ad 7 – Zagreus

    Meine Sicht ist etwas anders; bitte verstehen Sie ihn einfach als Ergänzung
    Eine exzellente Reflexion zu dem diskutierten Thema. Übrigens vermutlich auch eine teilweise Erklärung für das erwähnte Phänomen der ‘Bindestrich-Amerikaner’. Danke.

    [Ihre Beiträge sind selbstredend i.d.R. ja wohl kaum deckungsgleich mit beispielsweise den meinigen - dafür verweise ich an dieser Stelle ausdrücklich auf gutsortierte Tierhandlungen, Abteilung 'Papageien - Sittiche'.
    Zuweilen oder des Öfteren erfolgt so eine substantiierte Kritik an Einzelaspekten oder einer Gesamtsicht, die ich immer (!) als sinnvoller Ergänzung, Vervollständigung oder Korrektur meines Kommentars sehe.

    Ähnlich sehe ich übrigens diverse Kritiken, Ergänzungen, Vervollständigungen etc. aus der Feder etlicher Foristen hier

    (spontan fallen mir da natürlich
    Miriam G., N. Neumann, die beiden treffenden Lakoniker Hans Joachim Sauer und Marriex, auch riccardo oder FreeSpeech oder In C, Andreas Wetter, cwspeer etc. etc. ein;
    es werden sicherlich weitere Foristen sein, die ich angesichts meines 'galoppierenden Alzheimers' erinnerungsmäßig übersehen haben mag;
    sehr oft teile ich die Ansichten genannter Foristen durchaus nicht, ganz im Gegenteil,
    finde jedoch die dort repräsentierten Positionen unerlässlich für die Erstellung und die Wahrnehmung eines einigermaßen realistischen Gesamtbildes zu bestimmten thematisch und gesellschaftlich relevanten Diskursen)].

    [[Übrigens hoffe ich, dass Sie Ihre Beiträge abspeichern; schon mehrfach hatten Sie Ihre komplexen Interpretationen gesellschaftlich relevanter Themen hier eingestellt. Vielleicht ließe sich - auch wenn der Weg sehr, sehr dornig ist - hier oder dort ein Aufsatz eines bestimmten Anspruchsniveaus erstellen, den man dann mit der notwendigen Nachhaltigkeit und Geduld bei/in thematisch orientierten Zeitschriften 'an den Mann bringen' sollte;
    mein Eindruck ist, dass dergleichen - verdientermaßen - der Kommentatorin Miriam G. gelingt bzw. gelungen ist]]

  9. Kommentar zum Thema

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