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Seehofer: Bis zur letzten Patrone gegen Zuwanderung

 

Nein, Horst Seehofer hat bei seiner Aschermittwochsrede nicht damit gedroht, auf “Zuwanderer in die Sozialsysteme” zu schießen.
Er hat lediglich gesagt, er werde sich in der Berliner Koalition “bis zur letzten Patrone” dagegen wehren, dass “wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen”. Schießen wird Horst Seehofer also, wenn man ihn beim Wort nimmt, vorerst nur auf den Koalitionspartner, wie es ja übrigens auch seit Jahrzehnten gute Sitte unter den Unionsparteien und vor allem zwischen FDP und CSU ist.
Trotzdem ist diese Äußerung des Parteivorsitzenden eine ungeheuerliche Entgleisung der politischen Rede in diesem Land. Die Metaphorik des bewaffneten Kampfes gegen Einwanderung in Stellung zu bringen, bedeutet eine unverantwortliche Eskalation des Diskurses.
Es war einmal ein Grundsatz des aufgeklärten Konservatismus, dass “Ideen Konsequenzen haben”. Dass es auf einen verantwortlichen Umgang mit Worten und Parolen ankommt.
Als die Linke in den sechziger und siebziger Jahren begann, mit dem radical chic der Gewalt zu flirten, haben Konservative zu Recht vor den Konsequenzen gewarnt: Redet nur lange genug von “Bullenschweinen”, vom “System” und seinen “Charaktermasken” und dem legitimen “Widerstand” dagegen – und bald wird irgendwer schießen. So ist es dann ja auch gekommen: Die Enthemmung der Gedanken ging dem politischen Morden voraus.
Horst Seehofer hat nun die Metaphorik bewaffneten Widerstands gegen Einwanderung bierhallenfähig gemacht. Was wird er sagen, wenn demnächst irgendjemand schießt und sich auf ihn beruft?

Es ist ein Skandal. Man stelle sich mal vor, der viel kritisierte Erdogan hätte in seiner Rede in Düsseldorf gesagt, er werde bis zur letzten Patrone für die türkische Identität kämpfen? Es hätte zu Recht einen Aufruhr gegeben.
Die rechte Mitte ist auf einer abschüssigen Bahn. Sie ist dabei, ihre Funktion aufzugeben, rechtsextreme Tendenzen zu neutralisieren und zu bekämpfen. Sie füttert sie jetzt munter mit an.
Wo ist der Aufschrei der Kirchen gegen die inhumane Rhetorik des christsozialen großen Vorsitzenden? Es ist ein Skandal, dass sich kaum jemand darüber aufregt.

219 Kommentare

  1.   Stefanie

    Erst nachdem ich Ihren Beitrag hier las, dachte ich über die Bemerkung weiter nach. Warum sich keiner aufregt? Weil sich das Vokabular in der Integrations-Debatte seit Jahren konsequent auf einem Tiefpunkt hält. Wer nimmt denn noch Begriffe wie Rassist, geistiger Brandstifter, Panikmacher, Muslime die Juden von heute, menschenverachtend,islamophob wahr? Vor Jahren schrieb ich mal irgend wo, die verbalen Schwerter werden stumpf, weil man sie unnötig abnutzt. Und nun sprach halt jemand von Patronen. Einzig neu, dass eine solche über das Ziel hinaus schießende Begrifflichkeit von einem Konservativen kommt. Aber zu drastische Begriffe sind nicht nur an der Tagesordnung, sondern auch politisches Mittel. Von daher ist doch logisch, dass die Leute abgestumpft sind. Was erwarten Sie? Dass die Bevölkerung nur auf der einen Seite abstumpft und auf den anderen aber weiter ein Gespür dafür behält, was zu weit geht?

  2.   Jörg Lau

    @ Stefanie: Sorry, aber solche Wurschtigkeit ist Teil des Problems. Wenn man, wie ich das hier seit 5 Jahren nahezu täglich versuche, gegen Abstumpfung auf alles Seiten (und, nicht immer erfolgreich, auch bei einem selbst) kämpft, dann kann man sich mit Ihrer resignativen Haltung nicht abfinden.

  3.   Stefanie

    Lieber Herr Lau,

    Sie sind selbst kein von Traurigkeit, was über das Ziel hinaus schießen anbelangt….

    Auch ich bin manchmal über mich erschrocken, zu was ich mich hinreißen ließ. Was ich nicht einmal so meinte, sondern einfach nur eine völlig unreflektierte und sachlich nicht einmal zutreffende Reaktion war.

    Sie können es Wuschigkeit nennen, aber würde ich mich weiter an überzogenen Begrifflichkeiten aufhalten, müsste ich meinen Kaffeekonsum einschränken.

    Ich will nicht die Sarrazin Geschichte aufwärmen, weil Sie ja einräumten, dass Sie da weit über das Ziel hinaus geschossen sein. Aber hier war der Punkt bei mir erreicht, wo es mir reichte. Wo ich für mich beschloss, ich nehme das alles nicht mehr ernst. Dass mir dies gelang, sehe ich jetzt. Ich finde die Bemerkung Seehofers voll daneben, aber – und das ist wirklich erstaunlich – sie juckt mich nicht wirklich. Vielleicht sieht es morgen anders aus. Aber nach dem Umgang mit Sarrazin habe ich einfach keine Lust mehr, mich über überzogene Kampagnen zu ärgern.

  4.   Marin

    @JL

    Das sollten sie sich unbedingt angucken:

  5.   Thomas

    Vielen Dank Herr Lau für diesen Text in dem Sie durch die Rede von Seehofer die Nährung des rechten Randes kritsieren und auf die Gefahren hinweisen.

    Ich verfolge seit langem Ihren Blog und frag mich warum immer das gleiche Bild erscheint, wo steinwerfende Jugendliche abgebildet sind.

    Es scheint sich bei diesen Jugendlichen um palistinensische Jugendliche zu handeln. Ich verstehe den Zusammenhang Ihrer Texte nicht mit dem Bild.

    Ein Bild sagt ja mehr als tausend Worte. Wollen Sie den Lesern damit aufzeigen, das die Muslime immer wieder gewaltbereite Menschen sind?

  6.   Arjen van Zuider

    Man stelle sich mal vor, der viel kritisierte Erdogan hätte in seiner Rede in Düsseldorf gesagt, er werde bis zur letzten Patrone für die türkische Identität kämpfen? Es hätte zu Recht einen Aufruhr gegeben.
    Falsch. Die Leute, die immer dasselbe Geschrei anstimmen, sobald Erdogan den Mund aufmacht, hätten wieder ihr Geschrei angestimmt und ihre Gegenspieler hätten das Geschrei wie immer als “das übliche Geschrei” abgetan. Von außen gesehen wäre der Aufruhr nicht größer gewesen als das übliche Hintergrundrauschen der Integrationsdebatte, die jeden Räusperer von Erdogan oder Sarrazin grundsätzlich zum Skandal deklariert. Dass dieser aufgeregte Diskursmodus (an dem beide Seiten nicht unschuldig sind) zu Abstumpfung führt und zum verbalen Wettrüsten animiert, versteht sich von selbst.

  7.   FreeSpeech

    Die sich über solche Rhetorik aufregen, verlieren ihre Analysefähigkeit, wenn es um He-who-must-not-be-named geht.

  8.   tati

    Wenn´s ums Geld geht, werden die Ausdrücke eben deftiger.

    Ich gehe aber davon aus, das Seehofer nur Platzpatronen gemeint hat.

    Gegen die Aschermittwochsreden von selig FJ Strauss sind Seehofers Einlassungen schlicht Kuschelpädagogik.

    Haben Sie nichts besseres zu tun, Herr Lau?

  9.   FeeRdammt

    Ach, der freundliche, philantropische Herr Seehofer meinte sicher nur “bis zur letzten Druckerpatrone” für den Abschiebebescheid…