Ein palästinensischer Gandhi?

Von 22. Februar 2012 um 11:37 Uhr

Es ist etwas in mehrfacher Hinsicht Merkwürdiges geschehen: Der Hungerstreik eines Häftlings in israelischer “Administrativhaft” hat mit einer Einigung des Häftlings und der israelischen Militärverwaltung geendet. Khader Adnan war berreits über 60 Tage im Hungerstreik, seine Situation wurde als kritisch beschreiben. Ein Tod dieses Gefangenen hätte zu Ausschreitungen führen können, womöglich gar zu einem Aufstand. Er war aber offenbar entschlossen, bis zum Ende durchzuhalten – und hat nun einen Sieg errungen.

Die israelische Regierung teilt mit:

Adnan wird der Einigung zwischen ihm und der Staatsanwaltschaft zufolge in dem Fall nicht in Berufung gehen bzw. diese zurückziehen. Der Staat Israel teilt mit, dass er auf Ratschlag des Rechtsberaters der Regierung bereit ist, auf einen Antrag auf Verlängerung der Administrativhaft zu verzichten und die Tage, an denen Adnan zum Verhör festgehalten wurde, auf die Administrativhaft anzurechnen.

Der Gefangene wird also demnächst freigelassen werden, auf die Verlängerung seiner haft wird verzichtet.

Warum ist die Sache bemerkenswert? Es handelt sich bei Adnan um ein (nach israelischer Auskunft) aktives Mitglied der fundamentalistischen Terrorgruppe “Islamischer Dschihad” (PIJ). Diese Gruppe macht immer wieder durch Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf sich aufmerksam. Sie ist, zusammen mit den diversen Salafisten-Gruppen, sozusagen die islamistisch “rechtsextreme” Alternative zu Hamas.

Wenn nun ein führender Aktivist dieser Gruppe einen Erfolg durch friedlichen Protest erzielt, ist das bedeutsam. Solche Methoden wurden früher rundheraus abgelehnt, weil Israel angeblich nur die Gewalt der Selbstmordattentate verstehe. Jetzt aber hat der Islamische Dschihad es geschafft, eine internationale Kampagne – inklusive Amnesty International und Al Jazeera – auf seine Seite zu ziehen.

Es ist bedenklich, wenn manche Aktivisten ein Mitglied dieser Gruppe, die sich der Vernichtung Israels verschworen hat, als “Palästinensischen Gandhi” hinstellen. Zwar ist es völlig in Ordnung, wenn sich Amnesty für ihn einsetzt, wie die Organisation es überall tut – ohne Rücksicht auf die politische Affiliation der Betroffenen.

Aber seitens der Unterstützer Adnans so zu tun, als sei PIJ eine palästinensische Menschenrechts-NGO geht dann doch zu weit. Es handelt sich um eine von Syrien und Iran finanzierte Gruppe, die für einige der barbarischsten Attentate der letzten Jahrzehnte Verantwortung trägt (Liste hier). Sie lehnt nicht nur Israels Existenzberechtigung ab, sondern konsequenter Weise auch die Oslo-Verträge, die Fatah mit dem jüdischen Staat geschlossen hatte. Einige der Attentate von PIJ zielten auf die Zerstörung der Friedenshoffnungen post-Oslo. Viele der schlimmsten Attentate auf israelische Büger während der “Zweiten Intifada” gehen auf PIJ zurück.

Dies wiederum macht Adnans “Sieg” durch Hungerstreik bemerkenswert: Wenn Israel sich darauf einläßt, trotz der breiten Blutspur dieser Gruppe, dann zeigt dies, dass man die Gefahr hoch einschätzt, dass Adnan zu einem elektrisierenden Casus hätte werden können.

Ein Stück von Mustafa Barguti in der heutigen New York Times erklärt vielleicht den Hintergrund. Barguti ist der wichtigste säkulare, unabhängige Politiker Palästinas. Er führt die Palästinensische Nationalinitiative an, und er wurde zuletzt Zweiter bei den palästinensischen Präsidentschaftswahlen.

Barguti sieht Adnans Erfolg als Anlass zur Hoffnung für einen breiten gewaltfreien Protest gegen die Besatzung:

OVER the past 64 years, Palestinians have tried armed struggle; we have tried negotiations; and we have tried peace conferences. Yet all we have seen is more Israeli settlements, more loss of lives and resources, and the emergence of a horrifying system of segregation.

Khader Adnan, a Palestinian held in an Israeli prison, pursued a different path. Despite his alleged affiliation with the militant group Islamic Jihad, he waged a peaceful hunger strike to shake loose the consciences of people in Israel and around the world. Mr. Adnan chose to go unfed for more than nine weeks and came close to death. He endured for 66 days before ending his hunger strike on Tuesday in exchange for an Israeli agreement to release him as early as April 17.

Mr. Adnan has certainly achieved an individual victory. But it was also a broader triumph — unifying Palestinians and highlighting the power of nonviolent protest. Indeed, all Palestinians who seek an independent state and an end to the Israeli occupation would be wise to avoid violence and embrace the example of peaceful resistance.

What is needed is a Palestinian version of the Arab revolutions that have swept the region: a mass movement demanding freedom, dignity, a just peace, real democracy and the right to self-determination. We must take the initiative, practice self-reliance and pursue a form of nonviolent struggle that we can sustain without depending on others to make decisions for us or in our place.

In the last several years, Palestinians have organized peaceful protests against the concrete and wire “separation barrier” that pens us into what are best described as bantustans. We have sought to mobilize popular resistance to this wall by following in the nonviolent traditions of Martin Luther King Jr. and Mohandas K. Gandhi — and we remain determined to sustain peaceful protest even when violently attacked.

Using these techniques, we have already succeeded in pressuring the Israeli government to reroute the wall in villages like Jayyous and Bilin and helped hundreds of Palestinians get their land back from settlers or the Israeli Army.

Our movement is not intended to delegitimize Israel, as the Israeli government claims. It is, instead, a movement to delegitimize the Israeli occupation of the West Bank, which we believe is the last surviving apartheid system in the world. It is a movement that could free Palestinians from nearly 45 years of occupation and Israelis from being part of the last colonial-settler system of our time.

Die spannende Frage ist allerdings, ob eine solche Bewegung am Ende von Leuten wie Barguti angeführt würde, für die der Kampf gegen die Besatzung an der Grünen Linie endet. Das würde voraussetzen, dass Gruppen wie Islamischer Dschihad von ihrer Lehre herunterkommen können, nach der ganz Israel eine Besatzung heiligen Bodens ist, den kein Muslim aufgeben darf.

 

Kategorien: Israel, Palästina
Leser-Kommentare
  1. 49.

    @ Früchtchen

    JL übt sein Hausrecht aus.

    Glauben Sie ernsthaft durch beharrliches Wiedereinstellen irgendetwas erreichen zu können?

    • 23. Februar 2012 um 13:10 Uhr
    • Serious Black
  2. 50.

    Fill:

    Die > 90% Zustimmung zu seinen ‘Thesen’ in einigen Internetforen respräsentieren nicht die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit (mit Ausnahme einiger No Go Areas im Osten).

    Nicht jeder, der Sarrazin gegen die zum Teil extrem unsachlichen Angriffe verteidigt (wie das zB Gauck getan hat), “stimmt ihm zu”. Und erst recht ist man deswegen noch kein Neonazi. Diese Reduzierung auf ein “für oder gegen Sarrazin” ist überhaupt einer der unappetitlichsten Aspekte an der ganzen Debatte. Nicht nur von Seiten der “endlich sagt das mal jemand und er hat ja mit jedem Wort sooo recht”-Wutbürger, sondern auch von Seiten jener, die auch differenzierte Haltungen zusammen mit den Wutbürgern als “Zustimmung” in einen Topf werfen und als “Affront für die Migranten” problematisieren. Auch die Kritik an Sarrazin ist ein Affront (nicht, dass es Kritik gibt, sondern wie sie vorwiegend geübt wurde) – und zwar für jeden Menschen, der auch nur halbwegs eine Ahnung von Statistik hat.

    Das Mordprogramm der NSU selbst findet definitiv keine Unterstützung in der Zivilgesellschaft

    Auch nicht unter den vermeintlichen “Anhängern” Sarrazins.

    Wer aber hier was werden will, hält ‘draussen’ zumindest die Klappe…
    Im Klartext: Wer sich nicht öffentlich als Nazi gebärdet, der ist im Zweifel heimlich im stillen Kämmerlein einer. Sie Meister der Subtilität.

    • 23. Februar 2012 um 13:11 Uhr
    • Arjen van Zuider
  3. 51.

    @CG:

    Nein, will ich nicht. Worte wie “Trauerfeier” und “Gedenkfeier” sind fest im deutschen Wortschatz verankert. Niemand kommt auf die Idee, die Teilnehmer würden sich dabei insgeheim über das freuen, was sie öffentlich betrauern. Sprachpflege und ein gesundes Bewusstsein für unglückliche Konnotationen in allen Ehren, aber Ihr Angriff auf die Verwendung des Wortes “Feier” ist lächerlich.

    • 23. Februar 2012 um 13:18 Uhr
    • Arjen van Zuider
  4. 52.

    @44

    Mann/Frau ist entweder für Multikulti und gegen Sarrazin oder ein Rassist, xenophob…

    Die Deutschen sind mehrheitlich wahrscheinlich weder für das eine, noch das andere.

    Mein Chef, Kollege, Nachbar oder Freund kann heute ein Mensch mit ‘Migrationshintergrund’ sein, ohne jede Diskussion. Trotzdem kann ich aus Ihrer Sicht rassistischen Denkmustern anhängen, weil mir das Deutsche wichtig ist, weil ich Sarrazin verteidige oder oder oder…

    Was meinen Sie, wie viele Menschen Sie mit einer solchen Argumentation erst in die rechte Ecke drängen?
    (Sie persönlich mangels Publikum natürlich niemanden)

    • 23. Februar 2012 um 13:19 Uhr
    • Regenbogen68
  5. 53.

    @CG: Falls Sie mit “Feier?????” etwas anderes meinten, als ich hineingelesen hatte (nämlich eine Kritik an der Verwendung dieses Wortes in diesem unerfreulichen Zusammenhang), ignorieren Sie meine Einlassungen einfach.

    • 23. Februar 2012 um 13:23 Uhr
    • Arjen van Zuider
  6. 54.

    @ SB: Zwingend ist diese Folgerung nicht (“Endsieg”). Sie behaupten schlicht, Fatah sei identisch mit Hamas in der Hinsicht. Warum sollte Hamas die Verträge der Fatah mit Israel kritisieren, wenn diese nicht ein ernsthaftes Commitment für zwei Staaten bedeuten? Wenn beide, wie Sie glauben, für den “Endsieg” kämpfen, dann wäre Fatahs Weg doch schlauer: Israel in Sicherheit wiegen, in Verhandlungen locken, die Gesellschaft spalten, während man insgeheim an der Vernichtung festhält.
    Das ist mir zu konspirativ gedacht: Fatah will eine Zweistaatenlösung, diese Partei hat sich damit auf Gedeih und Verderb verbunden. Sie werden auch mit dem Ende der Möglichkeit dieser Lösung untergehen. Natürlich will man möglichst viel rausholen. Und natürlich kann man jetzt keine Siedlungen mehr akzeptieren, nachdem das nicht einmal die Europäer mehr tun.
    Netanjahu hat mehr angeboten, als er bisher je öffentlich zugegeben hat – das ist in der Tat interessant. Offenbar gibt es aber auch auf der anderen Seite erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Vorschläge. Wenn nun wieder Siedlungsbau genehmigt wird (Shiloh), dann werden diese Zweifel untermauert.
    Dass es in diesem Jahr zu irgendetwas kommt, ist super unwahrscheinlich, Sie wissen ja auch warum.
    Mit einer Hoffnung auf den Endsieg hat das nichts zu tun. Israel hat diesen Konflikt “gewonnen”, niemandem in der Westbank kann das entgehen. Die Frage ist, was passiert, wenn den Leuten klar wird, dass sie ihren Staat nie bekommen werden, dass die Besatzung von Dauer ist, für viele Generationen.

    • 23. Februar 2012 um 13:33 Uhr
    • Jörg Lau
  7. 55.

    @ Belfrutta: Get lost.

    • 23. Februar 2012 um 13:34 Uhr
    • Jörg Lau
  8. 56.

    Regenbogen,

    Leute die ‘draussen’ völlig problemlos mit einem Chef oder Kollegen zB türkischer Abstammung zusammen arbeiten, können dennoch im ‘stillen Kämmerlein’ oder in Internetforen einer schlechten Meinung über diese Gruppe Mitbürger nachgehen. Solch eine Ambivalenz (für die es Gründe gibt) kann ich mir gut vorstellen und ist im Prinzip auch ok für mich…

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