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Meine ersten Türken

 

Der Vater hatte eine Bitte. Ob ich ihm dieses Blatt bitte fotokopieren konnte, und zwar zehn Mal? Sicher, warum nicht. Ich steckte es ein, ich wollte es in die Stadt mitnehmen, wo das Gymnasium war, und dann im Schweibwarengeschäft die Kopien machen.

Als ich meine Tasche packte, sah ich mir den Zettel an. Es war ein Spottgedicht über Türken darauf, handgeschrieben. Mein Vater hatte es von einem Bekannten bekommen.

Es war das Jahr 1980, und damit ein Zeitalter der Unschuld in den Beziehungen der Deutschen zu “ihren” Türken. Zumal bei uns in diesem entlegenen, äußerst westlichen Winkel von Nordrhein-Westfalen. Auf unserem Dorf gab es nur eine einzige türkische Familie, die Duraks. Ali Osman war in meinem Alter, sein Name wurde rheinisch Allijossmann ausgesprochen. Sein Bruder Süleyman wurde Sleemann genannt.

Mit Spaniern und Italienern kannte man sich unterdessen aus, und man hatte sich über sie einigermaßen beruhigt (immerhin waren die doch alle gut katholisch). Türken aber waren immer noch relativ neu für uns, nicht nur auf dem Dorf. Günter Wallraff hatte noch nicht einmal angefangen mit seinem “Ali”-Buch.

Mein Vater war Bäckermeister, kein gebildeter Mann, aber auch nicht borniert. Er trieb mich und meinen Bruder als erste in der Familie aufs Gymnasium, er wollte nicht, dass wir auf dem Dorf versauerten. Er war in seinen Lehr- und Gesellenjahren weit herumgekommen. Nicht ganz freiwillig: Sein Teil unserer Familie kam aus dem “Osten”, aus dem heutigen Polen, aus Obergruppe (Gorna Grupa). Man war vertrieben worden am Ende des Krieges, man hatte alles verloren, Vaters Vater war irgendwo im Osten noch am Kriegsende eingesetzt worden und vermutlich gefallen.Wir haben es nie erfahren.

Der Verlust des Vaters und der Heimat hatte meinen Vater zu einem Anti-Nazi gemacht. Nie habe ich von ihm ein schlechtes Wort über die Polen gehört, die unseren Familienbesitz übernommen hatten. Es herrschte bei uns die stille Übereinkunft, dass man sich auch ohne individuelle Schuld über den Ausgang des Krieges nicht zu beklagen habe. Revanchistische oder revisionistische Töne habe ich von meinem Vater nie gehört. Wohl aber von meiner Großmutter, die es nie überwunden hatte, mit fünf Kindern alleine zur Flucht gezwungen worden zu sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mein Vater hatte keine Sympathien für die Hasstiraden meines Onkels Viktor, der seine schrecklichen Erlebnisse in Stalingrad und danach in russischen Lagern nicht anders als durch liebevoll gehegte Ressentiments gegen alles Nichtdeutsche, gegen “Linke” und andere Vaterlandsverräter zu bewältigen wußte. Wie er Willy Brandt (“Frahm, Frahm!”) hasste! Viktor flirtete mit Neonazi-Ideen, las gelegentlich die National-Zeitung und erschreckte uns Kinder mit Grausamkeiten aus dem Krieg. Mein Vater hat ihn dafür verachtet. Seine Lektion war das “Nie wieder”, was dazu führte, dass mein Entschluss zur Kriegsdienstverweigerung von ihm offen unterstützt wurde, obwohl er politisch entschieden rechts stand. Es war ihm physisch unmöglich, etwas anderes als die Union zu wählen, und was er damit meinte war die offen konservative Linie der Dregger, Kanther, Barzel, Strauss. Dass sein Sohn nicht zur Bundeswehr wollte, begrüßte er dennoch ausdrücklich. Schluß mit dem ganzen Horror, die Deutschen haben auf ewige Zeiten genug Blut vergossen, das war meines Vaters Geschichtslektion. (Später konnten wir uns nicht einigen, als ich für eine Intervention auf dem Balkan eintrat.)

Ich erzähle das, um meinen Schock zu verdeutlichen, als ich dieses widerwärtige Antitürkengedicht in Händen hielt. Vater wollte es in unserer Bäckerei unter den Gesellen verteilen, damit man etwas zu lachen haben würde. Ich weiß nicht mehr genau, was mir im Kopf herumging. Aber schließlich habe ich ihm gesagt, dass ich ihm diese Kopien nicht machen werde. Das hat ihn kalt erwischt, und er wurde sehr wütend. Er schrie mich an. Ich weigerte mich abermals. Es war unser erster wirklich heftiger politischer Streit.

Wir waren selber Fremde auf diesem Dorf. Mein Vater war als Habenichts hierhergekommen und hatte sich hochgearbeitet. Die Ostflüchtlinge wurden nicht herzlich aufgenommen. Sie hatten eine andere, fremde Religion (naja, ob es wirklich eine war oder nicht nur eine Form der Dekadenz, da gingen die Meinungen auseinander), den Protestantismus. Ein Onkel aus der einheimischen katholischen Linie meiner Mutter ermahnte mich einmal, ich solle sehr nett zu den Nachbarskindern sein, sie hätten es nicht leicht: “Die Eltern wählen SPD, sind evangelisch und wollen sich scheiden lassen.” Das eine Unglück folgte logisch aus dem anderen.

Mein Vater war gezwungen, zum Katholizismus zu konvertieren, um meine Mutter, ein katholisches Dorfmädchen, heiraten zu können. Man fürchtete, dass “Mischehen” (so nannte man interkonfessionelle Paare damals) die Kinder in völliger Haltlosigkeit würden aufwachsen lassen. Wir hatten ein gutes Leben dort auf dem Dorf in der Eifel, aber wir blieben Fremde. Ich bin mit 18 von dort weggegangen, und mein Weg hat mich halb wieder in den Osten zurückgeführt, und schließlich bin ich sogar zum Protestantismus zurückkonvertiert, den mein Vater aufgegeben hatte. Auch mein Bruder hat das Dorf verlassen. In anderen Worten: Wir waren Fremde, wir blieben Fremde, wir hatten einen Migrationshintergrund. Über die Sprache meiner Oma mit ihren vielen polnisch-jiddisch-westpreußischen Floskeln machte man sich lustig. Sie zahlte es heim, indem sie die “Mischpoche” heimlich verfluchte. Von den deutschen Menschen aus dem Osten schienen viele zu denken, dass die einer niederen Kultur entsprungen waren.

Ich habe meinen Vater erst sehr viel später als den Flüchtling gesehen, der er bis zu seinem Lebensende geblieben ist, trotz Mitgliedschaft im Schützenverein und Eigenheim. Damals, als ich dieses Gedicht kopieren sollte, habe ich seinen Wunsch, sich auch einmal über andere Neuankömmlinge lustig zu machen, nicht in diesem Zusammenhang gesehen. Heute möchte ich mir das so zurecht legen. Wir haben nie wieder von dieser Sache gesprochen. Es war ihm, scheint mir, unendlich peinlich. Er wußte, dass ich Recht hatte, dass mein Impuls, dieses Spottgedicht nicht zu kopieren, der richtige war. Er hat es auch nicht selber kopiert.

Als ich kurz nach dem Vorfall an meiner Schule einen Arbeitskreis gegen die bei uns sehr starke Neonazi-Gruppe “Wiking Jugend” gründen half, hat er mich rückhaltlos unterstützt.

Süleyman Durak wurde wenige Jahre später Mitglied im Verein der St. Sebastianus Schützen Vicht, und wenn ich mich recht erinnere, hat er es sogar zum Schützenkönig gebracht.

Ich hatte diese ganze Geschichte vergessen. Am letzten Donnerstag fiel sie mir wieder ein, als ich Ismail Yozgat bei der Feier in Berlin reden hörte. Sein Sohn Halit war von den NSU-Killern umgebracht worden. Es war das erste Mal, dass die gesamte deutsche Öffentlichkeit einen dieser Einwanderer der ersten Generation zur besten Sendezeit reden hörte, einen dieser stummen Menschen, über die zwar viel, mit denen aber bis heute nicht geredet wird.

Yozgat spricht kein Deutsch, er ist in seiner Generation einer von Hunderttausenden, einer wie der Herr Durak aus unserem Dorf. Nun saß er neben der Bundeskanzlerin, die mit ihrer DDR-Vita in ihrem Milieu auch eine Art Einwanderin ist. Ismail Yozgats Sohn sprach nicht nur Deutsch, er hatte auch wirtschaftlichen Erfolg mit seinem Internetcafé, bis seine Mörder plötzlich seinem Leben ein Ende setzten.

Er wolle keine Kompensation, sagte Herr Yozgat, das Geld solle besser in eine Krebsstiftung gesteckt werden. Er wünsche sich die Umbenennung der Straße, in der sein Sohn aufgewachsen war und schließlich ermordet wurde, in Halit-Straße. Er glaube an die deutsche Justiz.

Es ist schade, dachte ich in diesem Moment, dass mein Vater das nicht mehr hat sehen können. Ismail Yozgat hätte auch ihn beeindruckt.

 

 

168 Kommentare

  1.   Mates

    Es ist eine heikle Sache Migrationspolitik vor dem Hintergrund eines Mordopfers zu führen (am Rande drängt sich mir die Frage auf ob das notwendig ist).

    Aber da dieser Blog für seine Zensurfreiheit bekannt ist, eine provokante Frage:
    Gibt es zwischen der Tatsache das der Mann der in Deutschland Kinder großgezogen hat kein Deutsch spricht und der Tatsache das die deutsche Polizei jahrelang in die falsche Richtung ermittelt hat einen Zusammenhang?
    Wäre das alles so gelaufen wenn er sich mit der Polizei (“den Behörden”) direkt unterhalten könnte?

    Nicht das ich hier falsch verstanden werde, Rechtsradikale und Mörder wird es immer geben (auch in Personalunion), die Frage ist ob man es der Gesellschaft leicht oder schwer macht mit ihnen umzugehen.

    Im übrigen bin ich dagegen das die Straße umbenannt wird, sonst wird als nächstes die U-Bahnhaltestelle in München umbenannt in der damals der Rentner wegen Hinweis auf ein Rauchverbot zusammengetreten wurde. Ein Wettlauf der Erinnerungen ist aus meiner Sicht das letzte was wir brauchen, damit gießen wir nur Öl ins Feuer.


  2. @ JL – Danke, dass Sie trotz definitiv begründeter Bedenken Ihren Blog weiterführen!

  3.   Ganz Toll

    Richtige Einstellung, Herr Lau, wenn ihnen schon keiner auf die Schulter klopft, dann tun sie es selbst.

    Eine Frage muss aber erlaubt sein, warum muss Deutschland heute darunter leiden, dass sie aus einer traumatisierten Familie kommen und vermutlich selber ein Trauma mit sich rumtragen?

  4.   Isis

    @Mates
    Zudem ist die zu umbenennende Straße die größte Straße in Kassel, und 25km lang. Bescheidenheit sieht anders aus.
    http://g.co/maps/vd8sh


  5. ‘Er glaube an die deutsche Justiz’

    Trotz allem, muss man ergänzen. Wieviel guter Wille steckt in diesem einem Satz des Ismail Yozgat! Und tatsächlich, es gibt auf Seiten der von rassistischer Gewalt bedrängten Mitbürger keine Revenge, keinen Aufruhr, keine zornigen Aufmärsche. Allenfalls ein von ungläubigem Staunen getragener nahezu stumm bleibender Protest. Vielleicht verführt gerade dieses implizite Grundvertrauen insbesondere unserer türkischen Mitbürger darauf, fair und freundlich behandelt zu werden, diese als xenophobe Zielscheibe zu adressieren ?

    Fill

  6.   FabMax

    @Toller Troll: Deutschland leidet unter Herrn Lau? Meinen Sie nicht, Sie gestehen ihm da ein wenig zu viel Einfluss zu?


  7. dass die Straße umbenannt wird – zu Halit-Straße (Halit ist der getötete Sohn von Ismail Yozgat) – Yes or No? –

    – Wer ist würdig genug, dass er durch die Benennung einer Straße seines Namens geehrt werde? –

    Meines Wissens gibt es in Mannheim und in Heide (bei Kiel) jeweils eine (Prof-)Heinz-Haber-Straße.

    Prof. Heinz Haber war in den 60er/70er Jahren durch die TV-Popularisierung naturwissenschaftlicher Fragestellung und Mitbegründung des “Bild der Wissenschaft” bekannt geworden und hatte so (berechtigterweise) Anerkennung erworben.

    In dem englischen (!) Wikipedia-Eintrag liest man zu seinem beruflichen Werdegang u.a.:

    Heinz Haber (May 15, 1913–February 13, 1990) was a German physicist and science writer who primarily became famous for his TV programs and books about physics and environmental subjects.

    After studying physics in Heidelberg and Berlin and obtaining his doctorate, Haber served in World War II for the German Luftwaffe as a reconnaissance aviator until 1942. …
    He returned to the Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik and spent much of World War II conducting research on high-speed, high-altitude flight for the Luftwaffe Institute for Aviation Medicine. In order to assess the risks faced by German air force pilots, the institute performed experiments on hundreds of inmates at the Dachau concentration camp near Munich. The inmates who survived these experiments were usually killed and then dissected …

    http://en.wikipedia.org/wiki/Heinz_Haber

  8.   cem.gülay

    Jörg Lau

    Ich konnte Ihnen diese Frage nicht stellen.

    Sie sagten, dass Ihre “Freunde” (Deutsch-Türken) entweder da Land verlassen wollen oder wenn sie bleiben, innerlich abschließen.

    Wieso erreichen Sie Ihre Freunde nicht mehr?
    Kollegen/in von Ihnen. Hatice Akjün(Tagespiegel)( ” überall schlägt mir Rassismus ins Gesicht, ich werde auswandern) Mely Kijak(FR) bringt totale Breitseiten, genauso wie Deniz Yücel(Taz).

    Kritisieren Sie Jene genannten auch oder benutzen Sie Ihren Blog auch, um Ihren Frust rauszulassen, in der Person von Cem Gülay, weil Sie sich nicht trauen Ihre Freunde und Kollegen zu kritisieren.

    Ich komme insgesamt gut klar und habe viele deutsche Freunde und Bekannte. Und die sind dankbar.


  9. – Wer ist würdig genug, dass er durch die Benennung einer Straße seines Namens geehrt werde? – II –

    Meines Wissens gibt es in einigen deutschen Städten Luise-Rinser-Straßen. Luise Rinser ist eine 2002 verstorbene bekannte, bedeutende deutsche Schriftstellerin (1911-2002), die sich in verdienstvoller Weise an der politischen und gesellschaftlichen Nachkriegsdiskussion im Sinne der Demokratie beteiligte.

    Während der Zeit des Nationalsozialismus
    veröffentlichte sie ihre ersten kleinen Erzählungen in der Zeitschrift ‘Herdfeuer’, die eine dem Nationalsozialismus positiv gegenüberstehende junge Frau zeigen.

    … Laut Murillo*) soll Rinser zum Beispiel 1933 als Junglehrerin ihren jüdischen Schuldirektor denunziert haben (sie beschwerte sich über dessen angeblich schlampige Arbeit) und damit ihre eigene Karriere befördert haben. …

    1934 verfasste sie unter dem Titel Junge Generation ein Lobgedicht auf Adolf Hitler.
    Dem folgten weitere Gedichte und Aufsätze in derselben Zeitschrift.
    Für die UFA arbeitete sie 1942 an einem Drehbuch über den weiblichen Arbeitsdienst.
    Sie gehörte seit 1936 der NS-Frauenschaft[7] und bis 1939 dem NS-Lehrerbund an. …

    … Wegen ihres Engagements für die Wiedervereinigung der beiden Korea wurde sie vom Präsidenten Nordkoreas, Kim Il Sung, in dessen Land eingeladen, das sie 1980 zum ersten Mal besuchte. Sie schrieb darüber ein ‘Nordkoreanisches Reisetagebuch’ (1981), das vielfach auf Kritik und Unverständnis stieß, da sie das kommunistische Regime fast völlig unkritisch gesehen habe…

    http://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Rinser#Zeit_des_Nationalsozialismus

    *) José Sánchez de Murillos im April 2011 in Deutschland erschienene Biographie ‘Luise Rinser – Ein Leben in Widersprüchen’ nimmt zahlreiche und wesentliche Richtigstellungen an Rinsers eigener Lebensdarstellung in der Nazi-Zeit vor.

  10.   N. Neumann

    Es ist eine heikle Sache Migrationspolitik vor dem Hintergrund eines Mordopfers zu führen (am Rande drängt sich mir die Frage auf ob das notwendig ist).

    @ Mates

    Was für eine Migrationspolitik “führt” Jörg Lau in seinem Artikel? Dieser ist doch sehr subjektiv-biografisch, und ich denke, etwas näher besehen kommt auch das Eifeldorf nicht allzu schlecht weg. Daneben wird klar, dass hier einerseits Vorbehalte gegenüber Zugezogenen nicht exklusiv nur gegenüber Türken existierten und andererseits kulturelle Distanz Integration nicht eben vereinfacht. Den moralischen Zeigefinger kann ich hier nicht erkennen.

    Da habe ich in den letzten Tagen auf Zeit-Online zwei ganz andere Artikel gelesen, in denen die Mordopfer instrumentalisiert wurden und ebenso anklägerisch wie moralisierend migrationspolitische Forderungen gestellt werden und mit Unterstellungen gearbeitet wird.

    Sofern Sie im gegebenen Zusammenhang (auch) den Wunsch Ismail Yozgats meinen, eine Straße nach seinem ermordeten Sohn zu benennen, kann ich Ihnen nur sagen, dass es ihm dabei sehr wahrscheinlich allein um das Andenken seines Sohnes geht. Und wenn Jörg Lau den bloßen Umstand erwähnt, so ist dies keine Bürgerinitiative für die Umbenennung von Straßen nach türkischen Opfern von deutschen Neonazis.

    Aber da dieser Blog für seine Zensurfreiheit bekannt ist, eine provokante Frage: Gibt es zwischen der Tatsache das der Mann der in Deutschland Kinder großgezogen hat kein Deutsch spricht und der Tatsache das die deutsche Polizei jahrelang in die falsche Richtung ermittelt hat einen Zusammenhang? Wäre das alles so gelaufen wenn er sich mit der Polizei (“den Behörden”) direkt unterhalten könnte?

    Ich vermute ja. Sprachdefizite erschweren im Allgemeinen natürlich das wechselseitige Verstehen, im Besonderen dürfte im Zuge der Ermittlungen jedoch durch Verwandte und/oder amtliche Dolmetscher akkurat übersetzt worden sein.

    Die Hauptursache, warum alles so schlecht gelaufen ist und die Angehörigen der Mordopfer allzu lange und ausführlich mit Fragen gequält wurden, besteht sehr wahrscheinlich darin, dass a) die Mörder aus der Perspektive der Ermittler in Westdeutschland alle bis dahin für Neonazis gängigen kriminologischen Muster* unterlaufen haben und b) von den Behörden in Ostdeutschland nicht die Informationen bekommen haben, die sie benötigt hätten, um (mehr) in die richtige Richtung zu ermitteln bzw. im Verlauf der Serie früher einen rechtsextremistischen Hintergrund für wahrscheinlicher zu halten.

    Und wenn die Ermittler bei den entsprechenden Landesämtern für Verfassungsschutz (West) nachgefragt haben, ob sie in Bezug auf die Morde irgendetwas aus der Neonazi-Szene gehört hätten und die Antwort negativ war, dann hat das ganz sicher nicht dazu geführt, Neonazis als Täter für wahrscheinlicher zu halten bzw. frühzeitig auf einen rechtsextremen Hintergrund zu schließen.

    Nach allem, was ich bisher weiß, wurden die folgenschwersten behördlichen Fehler in Thüringen und Sachsen gemacht.

    * Die da sind: 1. Rechtsextremistische Straftäter, die sich zur Begehung von schweren Straftaten von Ostdeutschland nach Westdeutschland bewegen (und nicht umgekehrt). 2. Rechtsextremistische Gewalttäter haben (hatten) in der Bundesrepublik Deutschland immer einen lokalen oder regionalen Bezug zum Tatort (das gilt auch für die Anschläge aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann 1980 – 1982). 3. Mörder mit einem politischem Motiv bekennen sich nach der Tat sehr häufig oder lassen per “Handschrift” ihre Täterschaft durchblicken.