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Ein Wahn stützt den anderen: Anders Breivik und Mullah Krekar

Von 27. März 2012 um 14:13 Uhr

Bekanntlich war der norwegische Massenmörder Breivik in einem ersten Gutachten für unzurechnungsfähig erklärt worden. Ich hatte diese Wendung hier bereits kommentiert. Breivik, so wurde berichtet, gefällt diese Diagnose naturgemäß nicht, denn er hält sich für einen Aufhalter des Untergangs des Abendlands, einen Widerständler gegen die Selbstabschaffung Norwegens und Europas.

Er hat seinen Verteidiger darum gebeten, gegen die psychiatrische Diagnose zu argumentieren. Und nun kommt der Clou, wie der Wiener Standard berichtet. Breivik will zu seiner Verteidigung radikale islamische Extremisten aufrufen lassen:

Für den Prozess gegen den geständigen Attentäter haben zwei bekannte norwegische Islamisten, Arfan Bhatti und Moyeldeen Mohammad, der Verteidigung die Teilnahme als Zeugen zugesagt. Sie erfüllten gern ihre “Bürgerpflicht als gute Norweger”, so Anwalt Christian Elden, der die Männer in den vergangenen Jahren mehrfach vertreten hatte. Seine Klienten seien bestrebt, norwegische Spielregeln einzuhalten, “auch wenn sie von einer künftigen Änderung der Gesellschaftsstruktur träumen”.

Für Breivik und seine Anwälte spielt die Vernehmung der Islamisten eine zentrale Rolle. Das erste psychiatrische Gutachten – ein zweites Gutachten soll bis zum 10. April vorliegen – hatte Breivik als geisteskrank erklärt. Der mutmaßliche Mörder von 77 Menschen hält sich selbst für gesund.

Als Verteidiger müsse er dem “dringenden Wunsch” seines Klienten entsprechen, den psychiatrischen Befund zu widerlegen, argumentiert Breiviks Anwalt Geir Lippestad. Die Zeugen aus dem extremen muslimischen Milieu könnten dem Gericht deutlich machen, dass Breiviks Furcht vor einer Machtübernahme durch Muslime nicht unbedingt eine krankhafte Zwangsvorstellung sei: “Hier handelt es sich um Personen, die tatsächlich dafür argumentieren, dass die Muslime Europa übernehmen.”

Großartig! Ein Wahn stützt den anderen! In meinem Studium war der Ansatz des radikalen Konstruktivismus sehr populär, vor allem in seiner Rezeption durch die soziologische Systemtheorie. Ein schöner, wenn auch leicht perverser Anwendungsfall, dieser Terrorprozess: Weil Mullah Krekar seinen Wahn für richtig hält, in dem er mal eben das Töten von Abtrünnigen dekretieren kann, weil die Scharia das so gebietet, soll auch Anders Breiviks Wahnwelt richtig sein, in der die drohende Übernahme Europas durch Mullah Krekar et al. zur Exekutierung von jungen Sozialdemokraten berechtigt.

(In gewisser Weise funktioniert auf Basis dieser Logik allerdings die gesamte so genannte Islamkritik von PI, Nürnberg 2.0 und Konsorten: Ein Wahn stützt den anderen, eine Enthemmung erzeugt die andere. Immer gibt es irgendeinen Mullah Krekar als Kronzeugen für die eigene geistige Gesundheit und politische Zurechnungsfähigkeit.)

Krekar und Breivik: ein Dreamteam. Ich weiß ja nicht, ob es sich einrichten lassen wird – aber wäre es nicht möglich -Mullah Krekar ist ja soeben zu fünf jahren Haft  verurteilt worden - dieses geschlossene  System in einer Haftzelle zusammenzulegen und einfach zu sehen, was passiert?

Es könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Kategorien: Islamismus und Terror
Leser-Kommentare
  1. 17.

    @ Jörg Lau

    “Ist doch hübsch, sowas.”

    Sie sind da am herumalbern. Wenn ein Krekar und die Merah-Anhänger Gefahren sind, dann kann eine so (zurecht, oder zuunrecht) genannte Islamkritik immer noch zehnmal im Einzelnen falsch liegen, aber sie ist legitimer als ein Wahn, der sich bloss auf einen Wahn stützt.

    Entweder referenziert sie eine Gefahr, oder nur einen Wahn; im ersteren Fall sind noch allerlei Fehlwahrnehmungen möglich, aber er bleibt von dem zweiten Fall unterschieden; und das vermengen Sie in Ihrer Gewißheit, eine Witzigkeit aufgefunden zu haben.

    Breivik ist ein antimoderner und antiwestlicher Utopist, ein abenteuerlicher Stratege (#13) und natürlich ein Massenmörder.

    Die konventionelle Islamkritik verkennt, dass “Islamisierung” nicht auf die Herrschaft von Islam hinausläuft, sondern auf die Herrschaft von blutigen Clowns und skrupellosen Opportunisten.

    “Die Taliban sind nicht Islam, sondern Islamabad” sagte neulich ein einfacher, aber weiser Muslim zur Praxis dieses Verblendungskomplexes. Immerhin bringt der Islamismus auch seine Trotzkis* im Alltag hervor.

    *hier nur als Kritiker gemeint, nicht als Machtakteur, oder -konstrukteur

    Als islamisierte Gesellschaft wird man von Scharlatanen aller Art kojoniert, darunter sogar auch von nostalgischen ewigen kalte-Kriegs-”Gentlemen” (Pakisstan) die dann als Schwanz mit dem dicken Hund “Islam” wedeln.

    In der Praxis kommen sich dabei allerdings unterschiedliche Herrschaftsprojekte im Zeichen des Islam gegenseitig in die Quere, was die Sache einerseits blutiger macht, andererseits aber auch Potentiale zum Absprung von dem Tripp beinhaltet, die halt von PI&Co. verkannt werden, weil dort bei manchen eine Gefahr stets wie ein Tsunami zu funktionieren hat; was wiederum manche Islamisten gerne hätten, was sie aber gerade nicht gebacken kriegen.

    ” Die Verteidigung Breiviks RUFT Mullah Krekar auf, um dessen Weltbild als “nicht krankhaft” darzustellen.”

    Das ist wohl die strafprozessuale Formel für die Begründung eines Beweisantrages – abgesehen davon, dass Breivik, jetzt mal apodiktisch gesagt: unentlastbar ist – soll DAS die Pointe gewesen sein ?

    Mit dem “Islamhassen” ist es wie mit dem Antikommunismus: Wer nicht von blutigen Opportunisten im Mäntelchen von Befreiung, oder Erlösung geknechtet werden will, der muss Utopisten klein halten.

    Islamkritik ist der Antikommunismus in der Epoche von Globalisierung, Identitätspolitik und Migration.

    Hört sich böse an; ist aber gegen was wirklich übles aufgestellt.

    • 28. März 2012 um 00:34 Uhr
    • Thomas Holm
  2. 18.

    Hallo Herr Lau,

    es wird Ihnen sicher nicht entgangen sein. Politisch indiskutabel lobt Sie in höchsten Tönen für den Merah Artikel.

    Aber keine Sorge, wir von der linksrotgrünen Faschistenfront wissen Ihr ausgewogenes Urteil zu schätzen.

    Wenn Sie mir aber eine Bitte erfüllen mögen: Ignorieren Sie die Irren von PI, deren Artikel und deren vergiftetes Lob. Alles was Sie sagen/schreiben werden, nützt denen nur zur Aufwertung.

    • 28. März 2012 um 00:46 Uhr
    • Limited
  3. 19.

    @NDM:

    Bei PI, Breivik und Konsorten kommt allerdings noch hinzu, dass der dort vorherrschende rassistische Grundton dazu führt, dass nicht allein gewalttätige Islamisten bedroht sind, sondern auch der Ottonormaltürke, der im Lidl an der Kasse sitzt, im Friseursalon die Haare schneidet, usw. von diesem Hass betroffen sind.

    Der Hass der verblendeten Antifa trifft dagegen nur echte Nazis oder was wollen Sie damit sagen?

    Der Vergleich Islamophobe-Antifanten ist jedenfalls sehr zutreffend. Nicht nur haben beide so intensiv in den Abgrund ihres jeweilien Feindbildes gestarrt, dass dieser zurückgestarrt hat, um es mit Nietzsche zu sagen, sondern auch teilen beide eine letztlich paranoide, antiliberale, antidemokratische und antiintellektuelle Gesinnung:

    - Paranoia: Beide Ideologien besitzen verschwörungstheoretische Konstrukte einer Täuschungsabsicht, die es erlauben, auch den gesetzestreuesten Bürger (bzw. gerade den) unter einen Generalverdacht zu stellen, aus dem er sich weder durch Worte noch durch Taten befreien kann, da diese bloß als weitere Täuschungen eingeordnet werden: Die Taqiyya der Moslems bzw die “bürgerliche Fassade” der Nazis.

    - Antidemokratie: Beide Ideologien sehen weite Teile des politischen Spektrums auf der Seite des “Feindes”, insbesondere die Sozialdemokraten sind gemeinsames Feindbild. Bei einfacheren Gemütern folgt daraus die Forderung nach direkter Demokratie, da die repräsentative Demokratie wohl nicht den Volkswillen abbilde, intelligentere Vertreter fordern die Abschaffung der Demokratie, da sie erkannt haben, dass sowohl direkte als auch repräsentative Verfahren immer das “falsche” Ergebnis liefern werden.

    - Antiliberalismus: Beide Ideologien sehen in bürgerlichen Freiheiten, insbesondere in der Meinungsfreiheit, aber auch in juristischen Verfahrensgarantien wie der Unschuldsvermutung, eine Gefahr und fordern deren Einschränkung, soweit es den ideologischen Feind betrifft.

    - Anti-Intellekt: Beide Ideologien sehen in den Vordenkern das eigentliche Problem und nicht in der Verkommenheit, mit der der Mob zuweilen einige dieser Gedanken in Gewalt umsetzt. Dabei ist ein Hassprediger ohne Mob eine Witzfigur, ein Mob ohne Hassprediger aber immer noch ein Mob.

    • 28. März 2012 um 01:33 Uhr
    • Arjen van Zuider
  4. 20.

    Ich pflichte im großen und ganzen bei. Eine Einschränkung:

    “Der Vergleich Islamophobe-Antifanten”

    Mir schwebte da der eher etwas allgemeiner der Vergleich zwischen Antifaschismus und Islamismusablehnung vor. Beides ist im Bürgertum verankert.

    Während sich beides durchaus gegen real existierende, mindestens kritikwürdige Gruppierungen und Erscheinungen wendet (Nationalismus, Salafismus, etc.), existieren in beiden Fällen auch Gruppierungen, die eben die Probleme bereiten, von denen wir sprechen. Die sich also zum einen bezüglich des Hasses dem entsprechenden “counterpart” annähern, und zum zweiten das Feindbild grob verallgemeinern.

    In sofern entspricht PI, das sich nicht nur legitim gegen Islamismus, sondern zuunrecht auch gegen “die Zigeuner”, “den Islam”, “die Türken”, “Homos”, selbstbestimmte Frauen, Einwanderung, usw. wendet, und das alles unter “Islamismuskritik” versteht, jenem Mob, der sich nicht nur legitim gegen Nazis wendet, sondern zugleich zuunrecht gegen Banken wettern(und Fenster von Filialen einwirft), zum Boykott jüdischer Waren aufruft, in Totalopposition zum “Mainstream” geht, usw. und das alles als “Antifaschismus” versteht.

    Derartige Leute gehen keiner eigenen Kritik nach oder üben sie aus, sondern pervertieren vom Grundsatz her legitime Kritikansätze (die übrigens von ganz anderen Leuten und weit sachlicher und versöhnlicher daherkommen) zu einem Fetisch, dem um seiner selbst willen gefröhnt wird, um durch die Abarbeitung an einem Feind eine Erregung in sich selbst zu erzeugen, an der sie sich selbst befriedigen.

    • 28. März 2012 um 02:38 Uhr
    • NDM
  5. 21.

    @Thomas Holm

    Ich denke mit dem postulierten Übersehen des Zusammenhangs zwischen Islam(ismus) und realen Zuständen in islamischen Gesellschaften auf Seite der Islamkritiker liegen Sie falsch.
    Die sozialen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zustände in diesen Ländern sind eine der häufigsten Referenzen für die Probleme bei der Integration muslimischer Minderheiten.

    • 28. März 2012 um 06:45 Uhr
    • Mates
  6. 22.

    Derartige Leute … pervertieren vom Grundsatz her legitime Kritikansätze
    (die übrigens von ganz anderen Leuten und weit sachlicher und versöhnlicher daherkommen)
    zu einem Fetisch, dem um seiner selbst willen gefröhnt wird,
    um durch die Abarbeitung an einem Feind
    eine Erregung in sich selbst zu erzeugen,
    an der sie sich selbst befriedigen.

    Trefflichst und zutreffendst formuliert!

  7. 23.

    “Hr. Lau,
    wie fühlt es sich an, auf Ihren Artikel als erstes eine Gratulation von Hein W. zu bekommen mit Dank für den Beweis daß die Taliban und PI aud derselben Ebene stehen?”

    Es gibt Kotze und es gibt Scheiße.

    • 28. März 2012 um 09:28 Uhr
    • Spirit of Canakkale
  8. 24.

    3 / 4 Bredow:
    “Beim Suren-Ping-Pong und beim Kulturrelativieren kann man so schön alles hinbiegen wie man’s gerade braucht. ”

    Interessant ist, daß Vergleichen und Relativieren immer dann zulässig ist, wenn es sich zum Verharmlosen des islamistischen Terrors und dessen Bedrohungspotentials eignet. Umgekehrt ist es immer rechtsextremes Blendwerk und streng verboten.

  9. Kommentar zum Thema

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