Ein Blog über Religion und Politik

Die letzten Jünger

Von 26. Dezember 2012 um 17:23 Uhr

Eine schöne Weihnachtszeit und einen glücklichen Jahreswechsel wünsche ich allen Besuchern dieses Blogs!

Wer sich gefragt hat, was ich eigentlich die letzte Zeit gemacht habe, findet hier die Früchte einer wochenlangen Recherche in der Türkei, in Palästina und Ägypten.

Eine frohe Botschaft konnte ich allerdings nicht mitbringen. Den Christen geht es nicht gut in den Umbrüchen dieser Tage.

Gläubige werden verfolgt, Kirchen zerstört: Ist im Nahen Osten nach den arabischen Revolutionen noch Platz für die christliche Minderheit? Eine Reise zu Gläubigen in Ägypten, der Türkei und Palästina.


In der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der TürkeiIn der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der Türkei © Jörg Lau für die ZEIT

Nur ein paar Sekunden, und Fady wäre zum Märtyrer geworden. Hätte er in der Neujahrsnacht bloß ein paar Sekunden früher die Messe verlassen, wäre er heute eines jener 22 Bombenopfer, die von monumentalen Plakaten an der Markuskirche und der Petrikirche auf die Lebenden herunterlächeln. Mithilfe digitaler Bildbearbeitung hat man sie in weiße Kleider gehüllt und ihnen goldene Kronen aufgesetzt.

Die Bombe explodierte damals direkt vor der Kirche. Die Umgekommenen sind heute Heilige für die koptischen Christen Ägyptens. Ihre Überreste – Knochensplitter, Haare, blutbefleckte Kleidungsfetzen – werden in einer Kirche in der Nähe des Strandes von Alexandria ausgestellt. Pilger berühren die Reliquienschreine und beten. Sie kritzeln Wünsche auf kleine Zettel und stecken sie hinein. Fady tut das auch. Er ist 20 Jahre, trägt Jeans, ein schrilles T-Shirt. Ein ganz normaler Student der Betriebswirtschaft. Doch er kann sich nicht mehr richtig bewegen. Vor einem Jahr ist er mit dem Leben davongekommen, aber die Detonation zertrümmerte sein linkes Bein und verbrannte ihm die Hände.

Fady M., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung gedruckt haben möchte, ist ein verfolgter Christ. Dem aufgeklärten Kirchgänger des Westens dürfte schon der Begriff Christenverfolgung unangenehm sein. Aber es gibt tatsächlich wieder Christen, die ihres Glaubens wegen ihr Leben lassen. In Europa wird das Christentum selbstkritisch mit Macht, Reichtum, Imperialismus und Kolonialismus assoziiert. Doch im Nahen Osten, an den ältesten Stätten ihrer Religion, den historischen Orten der Urgemeinde, sind Christen heute unter Druck, verletzlich, schwach – und in Gefahr. Am Schicksal der christlichen Minderheiten in Ägypten, im Irak, in Syrien und anderswo wird sich zeigen, wie human und tolerant die demokratiehungrigen islamischen Gesellschaften sind.

In Kairo wurden vor einem Jahr koptische Demonstranten von Sicherheitskräften niedergewalzt. Sie hatten vor dem Gebäude des ägyptischen Fernsehens gegen die Drangsalierung einer Gemeinde im Süden des Landes protestiert. 28 Menschen starben, Hunderte wurden schwer verletzt. Täglich werden seither Christen entführt und Kirchen angegriffen. Das Neueste ist, dass koptische Intellektuelle wegen »Blasphemie« eingesperrt werden, wenn sie den Islam kritisieren.

Die Christen gehören zu den Verlieren der arabischen Revolutionen. Wer sie besucht, findet Menschen im Ausnahmezustand vor – schwankend zwischen Panik und trotzigem Gottvertrauen, hin- und hergerissen zwischen Angriffslust und Fluchtplänen.

Dass einer wie Fady seines Lebens nicht sicher sein kann, verdunkelt das Bild vom arabischen Völkerfrühling. Fady gehört selber zur Generation der Tahrir-Revolutionäre: Er ist auf Facebook aktiv, besitzt ein Smartphone und twittert. Seine Lebensträume unterscheiden sich in nichts von denen anderer 20-Jähriger. Aber für ihn werden sie sich in Ägypten nicht erfüllen. Er ist auf dem Absprung, wie viele andere junge Christen.

Heute ist er zur Kirche gekommen, um Anba Damian zu treffen, den Bischof der Kopten in Deutschland. Der hat Fady gleich nach dem Anschlag in eine Münchner Klinik fliegen lassen. Die Ärzte konnten das Bein retten, aber es ist jetzt steif und zu kurz. Fady muss humpeln. Er will noch einmal nach München, »damit sie es richtig machen«. Der Bischof hört Fady an. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal hilft. Es sind zu viele, die auf den Geistlichen aus Deutschland hoffen. Der Mittfünfziger mit der Kappe mit den zwölf aufgestickten Kreuzen wird förmlich umdrängt von Überlebenden des Anschlags. Alle strecken ihm ihre Krankenakten entgegen. Alle wollen nach Deutschland. Zur medizinischen Behandlung, und am liebsten für immer…

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Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ihnen und Ihrer Familie auch eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Übergang ins neue Jahr. Auch wenn ich nicht mehr regelmäßig schreibe, Ihre Beiträge lese ich immer gerne und sehr interessiert. Herzliche Grüße

    • 26. Dezember 2012 um 18:19 Uhr
    • docaffi
  2. 2.

    Auch ihnen ein frohe Weihnachtszeit und einen guten Rutsch!

    Interessanter Artikel – und fast noch interessanter die Kommentare, die bei ZO (nicht hier im Blog!) abgegeben wurden auf ihn.

    HInzu kommt, dass man zumindest den eindruck gewinnen kann, als ob es bestimmte Muster in muslimischen Gruppierungen immer wieder anzutreffen wären.
    Das hier ist exemplarisch dafür – aber man könnte solche ‘Geschichten’ auch aus Europa (Berlin), Pakistan, Türkei usw…. erzählen:

    “Vor sieben Jahren entkamen David Khoury und seine Frau Maria nur knapp dem Tod. Davids Cousin stand im Verdacht, eine Affäre mit einer Muslimin aus dem Nachbardorf zu haben. Die Schwangere wurde von Mitgliedern ihres eigenen Clans ermordet, weil sie mit dem Christen aus Taybeh »Schande« über ihre Familie gebracht haben sollte. Ein aufgebrachter Mob aus Nachbarn zog 2005 in einer Septembernacht durch Taybeh. Vierzehn Häuser wurden gebrandschatzt; in letzter Minute konnte die Polizei die Wütenden daran hindern, auch die Brauerei und das Haus der Khourys anzustecken.”

    Das Muster steckt darin: ein Grücht kommt auf – hier: die Affäre mit einer Muslimin (könnte auch eine beleidigung mpohammeds, oder eine angebliche ungerechtigkeit gegen eoin Familienmitglied usw. sein) – und ein zornentbrannter Mob zieht los, um ‘die vermeindlich Schuldigen’ lynchjustizmäßig zur Rechenschaft zu ziehen, und dabei richten sie unterwegs in ihrer Wut möglichst viel Schaden an….

    Das Interessante dabei ist:
    - es langt oft bereits ein Gerücht, um solch einen Mob zustande zu bringen – ob in Ägypten, in Palästina, in Pakistan, in Berlin –> es kommt irgendwie nicht darauf an, ob die jeweilige ‘muslimische Kommunity’ irgendwie einer Minorität vor Ort angehört oder nicht.

    - Die leichte ‘Entfammbarkeit’ der Gemühter und die Radikalität und Brutalität, mit dann dieser Mob bereit ist ‘sich zu rächen’.

    - die leichtgläubigkeit der Menschen – bereits ein grücht langt dazu aus, um ‘auszuticken’. Aber auch solche geschichten wie: auf dem aramäischen Kloster wäre vorher eine Moschee gewesen usw…. langen aus, damit diese Leute partei ergreifen -und dabei gegenüber der jeweiligen Geschichte eine fast schon bodenlose leichtgläubigkeit und einseitigkeit zeigen.
    Und das spiegelt sich mMn. wieder darin, dass zumindest in der Türkei viele menschen inc. dem Staat nicht zu den Verbrechen oder auch nur zu den hässlichen oder vielleicht gar nur nicht ganz so schönen Erscheinungsformen ihrer Religion bzw. ihrer jeweiligen Nation/Ethnie/Familie stehen können. Der Genozid an den Armeniern wird genauso geleugnet wie die Massenmorde an den Aramäern, dafür wird sich aufgeregt vom Staatspräsidenten persönlich, weil in einer Soup ein Sultan, der vor Hunderten vor Jahren lebte nicht als sittlich überragender, strahlender held nur dargestellt wird. im Iran regt man sich dannauf, weil die Perser in einem ‘Fantasieproduktion’ (300) nicht gut weg kommen. Von einem schlechtgemachten, aber inhaltlich nicht verkehrten Billigfilm über Mohammed findet fast ein Massenaufstand statt. Und dann die ewige Versicherung, wie gut doch der Islam und die Muslime immer gewesen seien – und wie böse der Westen ihnen gegenüber von den Kreuzzügen über die Vertreibung aus Spanien bis hin zu Israel und dem angeblichen Imprialismus der Amis. Nie aber ein wort dazu, wie man sich selbst benommen hat, wenn man mal oberwasser hatte, nie eine bereitschaft bei der beurteilung objektiv beide seiten mit gleichem Maßstab zu messen udn sich auch kritisch zu eigenen Glauensrichtung bzw. angeblichen Vorfahren bzw. eigenen ‘Gruppe’ zu verhalten.
    Und möglicherweise hat das etwas mit dieser selbstverordneten permanenten Opferrolle zu tun, die sich sehr viele Muslime selbst überstülpen – man ist opfer: egal, ob m,an das wirklich ist, oder doch vielmehr der Täter, ob man selbst auch etwas gemacht hat und nicht nur die anderen, egal, ob man Minorität oder Majorität ist – man ist Opfer: und darum ist immer alles gerechtfertigt.
    Und all diese kleinen Gechichten sind vor allem immer eines: erweise dafür, dass man Opfer ist – denn man wurde ja entehrt, geschändet, beleidigt, unterdrückt, angegriffen uw… – nur man (die eigenen leute jeweils) selbst hat nie was falsches getan.

    • 26. Dezember 2012 um 18:27 Uhr
    • Zagreus
  3. 3.

    Das hat nichts mit dem Islam zu tun.

    • 26. Dezember 2012 um 18:39 Uhr
    • Mamas Liebling
  4. 4.

    @ ML

    Jain.

    Nein, es hat nichts mit dem Islam zu tun stmmt insoweit, als das, was wir wohl vorliegen haben, ein vor allem kollektivistisches ausgerichtetes Denken betrifft mit einer vor allem lokalen Moralvorstellung (= an die eigene Gruppe werden andere maßstäbe angelegt als an ‘fremde’/'außenstehende’) im verbund einerseits mit bestimmten Ehr-, Familien- & Identitätsauffassungen, andererseits mit einem sehr in metaphoriken feststeckendem Denken, das zumindest in diesen Bereichen nur schwer zur abstraktion fähig ist.

    Ja – es hat mnit dem Islam zu tun. Naja, der Islam ist immer – also auch bei diesen menschen – dies, was man eben darünter versteht, was man ‘liest’, wenn man die Bücher liest. Und das jeweilige Verständnis, die Interretation hängt eng eben mit den eigenen Lebensauffassungen – z. B. wertsystemen, Bildern, Vorstellungen etc. – zusammen. Man könnte sagen : der Islam wird der jeweiligen Kultur angepasst – und wirkt dann als Angepasster wiedrum systemstabilisierend.
    Den Islam gibt es nicht, genauso wenig wie das christentum etc… – sondern immer nur: verständnisse von menschen, die eben ihren jeweiligen Kultur angepast sind – das christentum des mittelalters – mit all sienem aberglauben usw. – davor wären wir ja auch weggerannt udn hätten es niemals als das ‘christentu,m’ wie wir es verstehen, für wahr halten, akzeptiert.

    • 26. Dezember 2012 um 18:51 Uhr
    • Zagreus
  5. 5.

    @Zagreus

    §1 Das hat nichts mit dem Ilsam zu tun
    §2 Wenn es doch mal mit dem Islam zu tun hat, dann gilt §1

    • 26. Dezember 2012 um 20:16 Uhr
    • Mamas Liebling
  6. 6.

    @ ML

    ” §1 Das hat nichts mit dem Ilsam zu tun
    §2 Wenn es doch mal mit dem Islam zu tun hat, dann gilt §1″

    Exakt! :D

    • 26. Dezember 2012 um 20:46 Uhr
    • Zagreus
  7. 7.

    “Gläubige werden verfolgt” … verfolgen die sich nicht schon immer gegenseitig … na ja, man muss die Leserschaft da abholen, wo man denkt, dass sie sich befindet; insofern sei der Nachrichtengehalt allen gegönnt, für die er einer ist.

    Aber, was ist eigentlich mit den Ungläubigen ?

    http://www.hurriyetdailynews.com/christmas-new-year-is-pagan-and-capitalist-says-turkeys-top-cleric.aspx?pageID=238&nID=37691&NewsCatID=393

    “… the head of Turkey’s Religious Affairs Directorate Mehmet Görmez said in a statement released Dec.26.”

    Zu spät für das Seelenheil, schon abgefeiert, das kapitalistische Heidentum. Heidnisch-kapitalistisch … klingt nach einer frischen Verbindung, von der man da immerhin zu Maos Geburtstag erfährt.

    • 26. Dezember 2012 um 23:37 Uhr
    • Thomas Holm
  8. 8.

    @JL

    Erinnern Sie sich noch an meinen Kommentar das die Zeit (no pun intended) entscheiden wird ob Erdogan mit seinem Projekt die Macht aus den Händen der (kemalistischen) Elite auf das Wahlvolk zu überführen eine wirkliche Demokratisierung beabsichtigt oder darin nur einen Weg der Islamisierung sieht?

    Noch ist der Ausgang offen und ich hoffe inständig ihre Hoffnung war nicht vergebens, aber der Zwischenstand ist wohl nicht nur positiv.
    Wir werden sehen…

    • 27. Dezember 2012 um 08:24 Uhr
    • Mates
  9. Kommentar zum Thema

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