Ein Blog über Religion und Politik

Mursi in Berlin: Lehrjahre eines Antizionisten

Von 1. Februar 2013 um 14:06 Uhr

Wenn ein ehemaliges Mitglied einer radikalen Gruppe in ein politisches Amt kommt, ist es unvermeidlich, dass seine Vergangenheit durchleuchtet wird. Joschka Fischer hätte Mohammed Mursi darüber sicher ein paar interessante Hinweise zu geben.

Ich bin der Meinung, entscheidender für die Beurteilung eines Politikers ist, was er heute sagt, als was er früher einmal gesagt hat. Noch wichtiger: Wie er heute handelt. Das ist der Prüfstein, und nicht so sehr, was er früher für Sprüche geklopft hat. Ob er etwa beim PLO-Kongress 1969 dabei war, wie der spätere deutsche Außenminister, wo doch damals vom “Endsieg” der Palästinenser über Israel geträumt wurde. In Israel hat man ihm das gerne nachgesehen – er war jung und brauchte den Thrill, und später wurde er dennoch einer der verlässlichsten Freunde Israels in der deutschen Linken (wo es davon nicht gerade wimmelt).

Ich will die Parallele nicht zu sehr strapazieren, aber beim Anhören des Vortrags von Mursi vorgestern abend im Berliner Humboldt-Forum mußte ich doch sehr an Fischer denken. So sehr nämlich die von Memri dokumentierten Äußerungen Mursis die israelische Öffentlichkeit erregen – so cool bleibt einstweilen die israelische Politik und Diplomatie.

Nach dem Motto: Was erwartet Ihr denn, Leute! Der Typ ist Muslimbruder, und die sind imprägniert mit “Antizionismus”. Das ist nun mal seit Jahrzehnten ein Hauptgeschäftsgebiet dieser Truppe! Und zwar um so mehr, als seit Sadat, fortgeführt von Mubarak, der Kalte Frieden zwischen uns herrscht, inklusive einer ziemlich guten Sicherheitskooperation! Die Glaubwürdigkeitslücke zwischen inoffizieller Kooperation und öffentlicher Israelkritik in Ägypten haben die Brüder immer ausgenutzt. Sie haben Mubarak und die Seinen, aber auch die PA und Abbas als Geschöpfe Israels und der USA angeprangert und den “Widerstand” (i.e. Hamas) glorifiziert. Genau das tut Mursi ja auch in den betreffenden Videos, und dann würzt er das Ganze noch mit einer Prise koranischem Antijudaismus, “Affen und Schweine” inklusive.

So machen es halt die Religiösen. Nur soll niemand glauben, dass der säkulare Israelhass harmloser ist. Glauben Sie etwa, ein Mubarak hatte etwas für Israel übrig? Er hat immer wieder hetzen lassen, wenn es ihm passte. Das Ressentiment gegen den jüdischen Staat ist weit verbreitet. Mursi ist noicht mehr als Mainstream. Es ist eben nicht leicht, mehrere Kriege zu verlieren. (Deutsche kennen sich damit aus.) Der israelisch-arabische Konflikt: die eine Seite kann nicht glauben, dass sie gewonnen hat, während die andere Seite nicht zur Kenntnis nehmen kann, dass sie verloren hat. Und dann noch zuzusehen, wie ein kleines Land voller Einwanderer in Wohlstand und Freiheit und Pluralismus  lebt, obwohl die ganze Nachbarschaft ihm mehrfach schon das Lebenslicht auszublasen versucht hat: not an easy one.

What else is new?

Viel wichtiger für die israelische Sicht (und auch die deutsche) ist, dass Mursi beim letzten Gaza-Krieg sehr hilfreich war, Hamas und die anderen, noch radikaleren Gruppen, in die Schranken zu weisen. Er hat den Konflikt eben nicht angefacht, wie es die Iraner getan hätten, er hat vermittelt und Israel damit geholfen, die Sache zu begrenzen. Übrigens: Was die anti-schiitische Allianz angeht, die sich gegen Teheran und Damaskus aufbaut, war er auch sehr klar, Islamist hin oder her. Er ist zwar nach Teheran zum Treffen der Blockfreien gefahren, was schon einige Ängste schürte, aber dort hat er dann Ahmadinedschad und Assad den Kopf gewaschen, vor laufenden Kameras. Klar, das Kalkül geht auf einen Sieg der Muslimbrüder auch in Syrien gegen die herrschenden Alawiten, aber für Israel war es dennoch erleichternd zu sehen, dass Ägypten sich nicht in die “Achse des Widerstands” einordnet.

Der israelische Botschafter in Berlin war bei Mursis Rede anwesend. Er saß gleich in der dritten Reihe und machte sich Notizen. Er ist ein Spezialist für die arabische Welt, hat dort viel Zeit verbracht und spricht die Sprache. Es muß ihm gefallen haben zu hören wie Mursi bei jeder Gelegenheit in Berlin auf seine Äußerungen von 2010 angesprochen wurde. Mursi war sehr genervt und sagte, er habe “heute schon fünf mal” auf diese Fragen geantwortet.

Man konnte dann einen Mann erleben, der gerade Bekanntnschaft mit der Bürde seines Amtes macht. Die Zeit ist vorbei, als er ohne Konsequenzen Sprüche klopfen konnte. Er ist ohne das erhoffte Geld, nur beladen mit guten Ratschlägen, aus Berlin abgefahren. Er hat niemanden mit seinen Ausflüchten überzeugt, die Äußerungen seien “aus dem Kontext gerissen” worden.

Sein Versuch einer Erklärung hat alles noch schlimmer gemacht. Kurz gesagt lief der darauf raus zu sagen, er habe nichts gegen Juden (schon aus religiösen Gründen, Buchbesitzer und so), seine Äußerungen hätten den “Zionisten” gegolten. Er sprach weiter von den “Zionisten” und ihren Verbrechen. Er verfing sich in Geschichten über bombardierte Schulen und angegriffene Züge, in denen Zivilisten zu Schaden kamen. Es sprach nicht von “israelischen Verbrechen” oder von “Exzessen des israelischen Militärs”. Nein, Zionismus sagt er, weil er das Wort Israel nicht in den Mund nehmen will. Die Dämonisierung der “Zionismus” als Ideologie, die aus harmlosen Juden Verbrecher macht, ist politisch schlimmer als ein altes Vorurteil gegen eine andere Religion.

Darum haben mich seine Versuche einer Einordnung überhaupt nicht beruhigt. Mursis politisiches Handeln – oder das seines Apparates – ist bisher (!) weitaus realistischer und pragmatischer als seine Ideologie.

Immerhin: Er hat seine Äußerungen nicht wiederholt. Er hat nicht einmal behauptet, dass sie so noch gelten. Zu sagen, sie seinen aus dem Kontext gerissen worden, ist ja nur eine gesichtswahrende Form zuzugeben, dass sie so nicht mehr gesagt werden können.

Bleibt das Problem mit dem “Zionismus”-Begriff Mursis. Mit dem Kopf steckt dieser überforderte Mann noch mitten in der Geisteswelt der islamistischen Opposition.

Mag sein, dass ihn bald die nächste Revolution hinwegfegt. Vielleicht aber auch nicht. Es wird spannend sein zu sehen, was passiert, wenn die  Ideologie auf die Realität trifft, wie hier in Berlin.

 

Leser-Kommentare
  1. 1.

    @ JL

    Sie sind naiv. Mursi hat – auch nach Aussagen eines MB-Aussteigers (nachzuelsen im “Spiegel” vom Montag) – seine politische Einstellung kein Bisschen geändert. Im Moment kann er noch nicht wie er möchte, weil er sich des Rückhalts der Militärführung nicht sicher sein kann (die an einem Kriegszustand mit Israel mangels Ausrüstung nicht interessiert sein kann) und wegen der desolaten Wirtschaftslage Ägyptens.
    Falls jedoch eines Tages die MB die gesamte Macht im Staat an sich gerissen haben wird – und daran arbeitet sie – ist es vorbei mit seinem moderaten Verhalten und der Wolf kriecht aus dem Schafspelz.

    • 1. Februar 2013 um 14:33 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  2. 2.

    Kann Herrn Lau zum Beitrag nur gratulieren.

    • 1. Februar 2013 um 14:34 Uhr
    • Walter Mannheim
  3. 3.

    Sehr guter Artikel, Herr Lau

    • 1. Februar 2013 um 14:47 Uhr
    • Joerg J.
  4. 4.

    Es war gut, Mursi in Deutschland zu empfangen. Die “Lektionen”, die er hoffentlich mit nach Ägypten nehmen konnte, sollten nicht nur seinen Pragmatismus, sondern auch seine Rhetorik “beflügeln” helfen.Auch in anderen europäischen Staaten sollte ihm bereitwillig eine Bühne bereitet werden.

    • 1. Februar 2013 um 14:57 Uhr
    • Marit
  5. 5.

    “Zu sagen, sie seinen aus dem Kontext gerissen worden, ist ja nur eine gesichtswahrende Form zuzugeben, dass sie so nicht mehr gesagt werden können. …

    dann würzt er das Ganze noch mit einer Prise koranischem Antijudaismus, “Affen und Schweine” inklusive.”

    Aber die Würze ist nun mal fest eingerührt in der herrschenden Polit-Suppe; da kann man ärgerliche Zitate nicht löschen, wie in einem Blog.

    “Es ist eben nicht leicht, mehrere Kriege zu verlieren. (Deutsche kennen sich damit aus.)”

    Der Vergleich ist unfair, weil sich bei den Deutschen die auf dem Weltmarkt so beliebten BMW-Motoren nur zeitweilig in die Stukas verirrt hatten, wo sie zudem leichter und mithin sportlicher gemacht wurden. Was wäre das Ägyptische Gegenstück dazu, um das leidige Vergeigen bessser zu verknusern ?

    Das wäre eine boshaft-aggressive Frage.

    Hingegen, dass ein Staatsmann schon keinen PI-Islam praktizieren wird, ist eine allzu leichtherzige Konklusion.

    Ja, konstruktiv und nicht so gaga, wie der Iran war er zur letzten Gaza-Runde; wobei aber auch die geographischen Distanzen eine Rolle spielen könnten, an welche sicherlich zur Not die Militärführung gemahnt.

    Dass Mursi mit Teheran – wegen obiger Problematik und wegen Assad – nichts am Hut habe, sollte man gegen die Nöte und die Verlockungen für die MB auf der Arabischen Halbinsel abwägen.

    In den Emiraten kriegt er seine Geschwister nicht aus dem Knast geeist und bittstellern fühlt sich auf die Dauer auch nicht so gut an.

    • 1. Februar 2013 um 15:04 Uhr
    • Thomas Holm
  6. 6.

    Jörg Lau

    Mursis Behmühungen im letzten Gaza Konflikt sollten nicht überbewertet werden. Das war selbstverständlich wenn man sich als moderater Muslim zeigen will.

    Zudem hat er überhaupt keine Macht über das Militär, das ja immernoch gröteils das alte Regime verköpert.

    Also hat der Clown nur seine Glaubensbrüder im Gaza angefleht im einen Gefallen zu tun, damit der naive Gutmenschen Westen in verzückung gerät und die Kohle rausrückt um seine Herrschaft zu etablieren.

    Vielleicht sind der Hamas auch die Raketen ausgegangen und Mursi kam gerade gelegen, bevor die israelischen Bodentruppen kurzen Prozess mit der Hamas gemacht hätten, auf jedenfall hätte man die ganze Führung ausgeschaltet.

    Fakt ist, dass unter Mursi gerade in Ägypten hunderte Demonstranten von seiner Polizei abgeschlachtet werden und Deutschland lädt ihn ein und umschmust ihn.

    Was ist das jetzt. Ist es Okay für die Demokratie Menschen abzuschlachten, wo ist der Unterschied zu Diktatoren.

    Unfassbar, dass man das Schwein noch verteidigt

    • 1. Februar 2013 um 15:33 Uhr
    • Cem Gülay
  7. 7.

    Wie bitte?? Sie schreiben:

    “Ich bin der Meinung, entscheidender für die Beurteilung eines Politikers ist, was er heute sagt, als was er früher einmal gesagt hat.”

    Ihre Uhr tickt ein wenig zu schnell, denn Mursis krassesten Aussagen hat er im Jahre 2010 (!) getroffen:

    “Im gleichen Beitrag verwies Stryja noch auf eine andere Äußerung Mursis, die er 2010 getätigt hatte: „Meine Brüder, wir dürfen nicht vergessen, unseren Kindern und Enkelkindern den Hass auf die Zionisten und die Juden beizubringen. Mit diesem Hass müssen wir sie füttern, er muss erhalten bleiben.”

    Nachzulesen hier: http://www.ruhrbarone.de/praesident-mursi-und-der-muenchhausen-check/

    Oder ist ihnen das Jahr 2010 “früher einmal”?

    Beste Grüße,

    Martin N.

    • 1. Februar 2013 um 15:38 Uhr
    • Martin N.
  8. 8.

    @Sauer
    Sie sind naiv

    Lau ist Optimist. Was allerdings bedeutet, dass er von den Ereignissen laufend dementiert wird.

    • 1. Februar 2013 um 15:39 Uhr
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  9. Kommentar zum Thema

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