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Ein Treffen mit arabischen Bloggern und Journalisten

 

„Noch niemals wurde die Meinungsfreiheit in Ägypten so eingeschränkt.“ „In unseren Ländern gibt es nach der Arabischen Revolution eine absolute Freiheit der Presse.“

Die letzten drei Tage habe ich in Barcelona verbracht, bei einem Treffen mit arabischen Journalisten, Bloggern, Menschenrechtlern (gefördert von der Mittelmeer-Union und der Anna-Lindh-Stifung). Zwischen den beiden oben genannten Sätzen oszillierte die Selbstdarstellung der Kollegen. Wahrscheinlich stimmt beides.

Frustration, Wut und Erschöpfung konnte man aufseiten der Aktivisten erleben. Lina Ben Mhenni, die mit ihrem Blog „A Tunisian Girl“ maßgeblich am Beginn der Revolte beteiligt war, wirkte extrem desillusioniert und ausgepowert. Sie sprach von zunehmenden Attacken, auch von physischen Bedrohungen gegen selbstbewusste, freiheitsliebende Blogger wie sie. Ganz offensichtlich hat die Ermordung Belaids sie mitgenommen.

Hani Shukrallah aus Kairo, eine der wichtigsten säkularen Stimmen der ägyptischen Debatte, berichtete von Hetze in salafistischen und MB-nahen Medien gegen ihn und andere Liberale. Es seien unter Mursi mittlerweile mehr Journalisten und Blogger wegen „Beleidigung des Präsidenten“ belangt worden als unter Mubarak. Rasha Abdullah, die an der Uni Kairo über Journalismus forscht, sprach ebenfalls davon, die Meinungsfreiheit sei „auf dem Rückzug“ in Ägypten. Zwar seien die Bürger heute schwerer einzuschüchtern als vorher und lehnten sich gegen die Autoritäten auf, aber der Preis dafür sei hoch, und dies sei eben nicht mit Pressefreiheit zu verwechseln.

Der aus Tunesien stammende Journalist Noureddine Fridhi (für Al-Arabya in Brüssel) sagte, es gebe in Tunesien keine staatliche Zensur und somit eine beispiellose Pressefreiheit. Doch sei die Medienlandschaft extrem polarisiert und tendenziös. Unternehmer und politische Kräfte unterhalten Medien als Propagandamittel zur Beförderung ihrer jeweiligen Agenda. der so entstehende Pluralismus sei extrem verwirrend für das Publikum, weil die immer gleichen Positionen auf einander treffen.

Um ein realistisches Bild von der Lage im Land zu bekommen, sei man auf ausländische Medien angewiesen (was wiederum vor allem Eliten nutzen können). Das bestätigte die Leiterin der Auslandsprogramme von France 24, Karin Osswald: Frankreichs internationaler Sender ist heute in Tunesien die Nummer Eins, vor Al Jazeera und Al Arabya – auch eine erstaunliche Ironie.

Der Kollege Lotfi Hajji von Al Jazeera in Tunesien, der zusammen mit Noureddine Fridhi auf meinem Podium saß, erging sich lange in Anschuldigungen gegenüber dem Westen, der „den Islam“ falsch darstelle. Selbst wenn dem (immer noch?) so wäre (was ich bestreiten möchte), muss man fragen: Ist das Tunesiens Problem? Fridhi hingegen beschuldigte Al Jazeera, „der Sender des Islamisten“ zu sein, jedenfalls werde das in der tunesischen Gesellschaft so wahrgenommen. Hajji schüttelte zwar den Kopf, wich aber aus, er sei kein Sprecher und dürfe sich zur Redaktionspolitik nicht äußern.

Die beiden entscheidenden Networks der arabischen Welt haben unterschiedliche Rote Linien: Al Jazeera kann nicht über katarische Interessen in der Region berichten, über die Politik des Emirs, überall die Muslimbrüder und ihre Ableger an die Macht zu bringen – es ist ja ein Instrument dieses Kampfes. Al Arabya blendet saudische Interessen aus, und infolge dessen etwa die Niederschlagung des Aufstands in Bahrein.

Immerhin wurde dies in Barcelona angesprochen, von einer super mutigen jungen syrisch-polnischen (!) Kollegin namens Rima Marrouch. Es war ein bisschen erschütternd zu sehen, wie die beiden etablierten Kollegen von den mächtigen arabischen TV-Sendern einfach passen mussten, als Rima sie fragte, warum Al Jazeera nichts über die Exzesse der Islamisten (auch in Syrien) berichtet und Al Arabya nichts über den Hintergrund des Aufstands in Bahrain.

Trotz aller Rückschläge vermittelten die Kollegen – sehr viele unter ihnen übrigens Frauen – den Eindruck, dass sie nicht klein beigeben werden. Hani Shukrallah wurde auf Druck der Muslimbrüder in eine frühere Pensionierung gedrängt. Seine Leitung des Internetauftritts des staatlichen Al Ahram Medienkonzerns war offenbar zu unabhängig.  Er ist zuversichtlich, dass er seinen Job in die Hände von leuten übergeben kann, die ebenso aufmüpfig sind wie er selbst.

Die freiheitsliebenden arabischen Blogger und Journalisten richten sich auf einen langen Kampf ein.

171 Kommentare

  1.   Thomas Holm

    „Zwar seien die Bürger heute schwerer einzuschüchtern als vorher und lehnten sich gegen die Autoritäten auf, aber der Preis dafür sei hoch, und dies sei eben nicht mit Pressefreiheit zu verwechseln. Doch sei die Medienlandschaft extrem polarisiert und tendenziös. Unternehmer und politische Kräfte unterhalten Medien als Propagandamittel zur Beförderung ihrer jeweiligen Agenda. der so entstehende Pluralismus sei extrem verwirrend für das Publikum, weil die immer gleichen Positionen auf einander treffen.“

    Könnte von Christian Schmidt-Häuer über Russland kurz vor Putin sein.

  2.   Thomas Holm

    „the top U.S. diplomat announced $60 million for a new fund for „direct support of key engines of democratic change,““

    Zuschüsse zum Demokratie-Betrieb und …

    „including Egypt’s entrepreneurs and its young people.“

    … dem westlichen Willen zu einem Mittelstand.

    Die MB zögert vor den IWF-Konditionen …

    „Egypt is trying to meet conditions to close on a $4.8 billion loan package from the International Monetary Fund. An agreement would unlock more of the $1 billion in U.S. assistance promised by President Barack Obama last year and set to begin flowing with Kerry’s announcement.“

    … während die Hoffnungsträger zur MB skeptisch sind:

    „Recapping his meetings with political figures, business leaders and representatives of outside groups, Kerry said he heard of their „deep concern about the political course of their country, the need to strengthen human rights protections, justice and the rule of law, and their fundamental anxiety about the economic future of Egypt.“

    Die USA legen ein gutes Wort für sie ein …

    „Those issues came up in „a very candid and constructive manner“ during Kerry’s talks with Morsi.“

    … aber die Antwort heißt: Respekt ! – wie bei Jelzin (Augenhöhe).

    „Morsi was reported to have expressed the importance of Egypt’s relationship with United States, which is based on „mutual respect,““

    Und diese Antwort wird dann sogleich zurück gespiegelt:

    „On Saturday, he told the country’s bickering politicians that they must overcome differences to get Egypt’s faltering economy back on track and maintain its leadership role in the volatile Middle East.“

    Einige mochten es schon nicht mehr hören …

    „The impact of Kerry’s message of unity to the opposition coalition seemingly was blunted when only six of the 11 guests invited by the U.S. Embassy turned up“

    … zumal auch nachfolgende Ermahnung nicht zu den populärsten gehört:

    „U.S. officials said Kerry planned to stress the importance of upholding Egypt’s peace agreement with Israel“

    Mal gucken, ob noch jemand anderes etwas Kleingeld locker machen kann:

    „After meeting Morsi and his defense and intelligence chiefs on Sunday, Kerry flew to Riyadh, Saudi Arabia, and planned later stops in the United Arab Emirates and Qatar,“

    Spannend wäre zu wissen, was Kerry dort über deren Anliegen – aus Kairo und überhaupt – vermelden kann:

    „where his focus is expected to be the crisis in Syria and Iran.“

    http://www.nwherald.com/2013/03/04/kerry-says-us-releasing-millions-in-aid-to-egypt/ap00o3a/?page=1

  3.   Thomas Holm

    Das hier wurde allgemein wohl etwas unterschätzt:

    „several media outlets reported that police and army soldiers have been exchanging fire at the end of a tense day in the Suez Canal city.

    However, Egyptian armed forces official spokesperson, Colonel Ahmed Ali, issued a statement on his Facebook page on Sunday night denying reports that army units in Port Said clashed with police forces.“

    Mit Facebook-Dementis den Inneren Frieden retten; was wäre das Militär ohne soziale Medien ? (pun intended)

    @ JL

    Die Blogger sind sicher von der Bewerkstelligung ihrer persönlichen Sicherheit gut ausgelastet. Lies sich denn och etwas heraushören über die Stimmung zum Leben am Tropf, den neuen Regionalismen in den anderen Städten, etc. ?

    http://english.ahram.org.eg/NewsContent/1/64/66041/Egypt/Politics-/UPDATED-Five-killed-in-Port-Said-clashes;-Egypt-ar.aspx

    Übrigens:

    „Um ein realistisches Bild von der Lage im Land zu bekommen, sei man auf ausländische Medien angewiesen“

    Das ist selbst in Waziristan so.

    „der so entstehende Pluralismus sei extrem verwirrend für das Publikum“

    In manchen Ländern herrscht in der Öffentlichkeit eine gesunde Skepsis gegenüber den Lügen der lokalen Zampanos und Demagogen; in anderen ist man eher darin zusammengeschweißt, dass alles üble aus dem Ausland komme.

    Würden Sie da eine Differenz zwischen Ägypten und Tunesien sehen ?

  4.   Serious Black

    Ägypten – business as usual

    Blasphemievorwurf gegen Minderjährige:
    hxxp://www.asianews.it/news-en/Egypt,-two-Coptic-Orthodox-children-aged-9-and-10-risk-jail-on-blasphemy-charges-27271.html

    Mehrtägige Belagerung einer koptischen Kirche:
    http://english.ahram.org.eg/NewsContent/1/64/65937/Egypt/Politics-/Ahram-Online-in-Kom-Ombo-Mystery-of-womans-disappe.aspx


  5. So, so, Al-Jazeera und Al-Arabia sagen nicht die ganze Wahrheit, wer haette dass gedacht?

    Wie war das noch mit der CNN Dokumentation ueber Bahrain? Guckste hier:

    http://youtu.be/Kf9B156Yhjs

    Wenn es nach Amber Lyon geht, dann wird auch CNN von den „guten“ Diktatoren in Bahrain finanziert.


  6. Manchmal ist man nicht bloss auf „auslaendische Medien“ angewiesen, sondern auch noch auf zuseatzlich Dritte, welche diese „auslaendischen Medien“ nochmal richtig durch die Mangel nehmen.

    Manchmal muss dann auch einen Blick auf die „boesen“ Diktatoren werfen, also auf Putin’s Russia Today (mit dem gesunden Verstand eines kritischen Blickes, vorausgesetzt):

    http://youtu.be/l46dbY3dGic

  7.   N. Neumann

    In manchen Ländern herrscht in der Öffentlichkeit eine gesunde Skepsis gegenüber den Lügen der lokalen Zampanos und Demagogen; in anderen ist man eher darin zusammengeschweißt, dass alles üble aus dem Ausland komme.

    Würden Sie da eine Differenz zwischen Ägypten und Tunesien sehen ?

    @ TH

    Wenn er darüber berichtet, dass France24 in Tunesien die Nummer Eins vor Al Jazeera und Al Arabiya ist, dann deutet dies darauf hin.

    Wobei das genau genommen bedeutet, dass es für einen großen Teil des tunesischen Publikums darauf ankommt, was aus dem Ausland kommt.

  8.   N. Neumann

    @ KA (und auch TH)

    Man muss aber nicht auf jeden Furz von RT, Press-TV oder sonstigen Irren, der auf Youtube was ablässt, verlinken.


  9. @ Serious Black,

    Wenn es nicht auf Al-Jazeera geaired wird, dann gibt es diese Angriffe auf die Kopten nicht. Punkt.

    Mich wundert sowieso, warum wir da unten nicht einfordern, dass „unsere“ Leute da in Ruhe gelassen werden (also Christen zum Beispiel).

    Und kommet mir jetzt nicht mit „wir in Europa sind keine Christen mehr und religioes neutrales Humankapital“ und dem ganzen humanitaeren Geschwafel.

    Und wenn schon nicht Christen, dann aber unsere „Expats.“ Aber in Algerien haben wir ja och nuescht getan, und nur das Vorgehen der Algerier kritisiert.

    In sofern natuerlich wieder fair: wenn verrecken, dann alle – inklusive uns.

    Denn dann hat man schliesslich wieder was zum rumpoebeln auf die Anderen.