Ein Blog über Religion und Politik
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Afghanistan

Korane verbrennen – schlimmer als Kinder erschießen?

Von 15. März 2012 um 14:09 Uhr

So sieht es jedenfalls bisher aus, wenn man die Reaktionen in Afghanistan zugrundelegt – einmal der tagelange Demo-Rausch wegen der Koranverbrennungen vor einigen Wochen, und ein andermal die relative Ruhe nach dem Massaker des amerikanischen Soldaten an ganzen Familien.

Rod Nordland geht in seinem Stück für die New York Times dieser Frage nach.

“How can you compare the dishonoring of the Holy Koran with the martyrdom of innocent civilians?” said an incredulous Mullah Khaliq Dad, a member of the council of religious leaders who investigated the Koran burnings. “The whole goal of our life is religion.”

That many Americans are just as surprised that what appears to be the massacre of 16 people at the hands of an American soldier has not led to mass protests or revenge killings speaks volumes about a fundamental disconnect with their Afghan partners, one that has undermined a longstanding objective to win the hearts and minds of the population. After more than 10 years, many deaths and billions of dollars invested, Americans still fail to grasp the Afghans’ basic values. Faith is paramount and a death can be compensated with blood money.

“To Muslims, and especially to Afghans, religion is much higher a concern than civilian or human casualties,” said Hafez Abdul Qayoom, a member of Afghanistan’s highest clerical body, the Ulema Council. “When something happens to their religion, they are much more sensitive and have much stronger reaction to it.”

The attack by a still unidentified United States Army soldier near his base in the Panjwai district, in southern Kandahar Province, has certainly infuriated Afghans and added to already strained relations. But the anger has been more polemical than violent — at least so far.

Hoffen wir, dass es auch so bleibt. Allerdings stellt sich auch hier wieder die Frage, ob es sinnvoll ist (war), mit der stärksten Armee der Welt in einem Land mit derart anderen Vorstellungen von Ehre, Schuld und Sühne derart lange Zeit zu vebringen in der Hoffnung, einen Wandel zu bewirken. Ob man sich, kurz gesagt, nicht besser schon früher auf Terrorbekämpfung bzw. Containment und Entwicklungshilfe hätte beschränken sollen.

Spilt milk.

Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik

“Afghanistan war kein Irrtum”

Von 8. September 2011 um 06:00 Uhr

War der Afghanistan-Krieg  ein Irrweg? Was sind die Kriterien, nach denen Deutschland sich in Auslandseinsätze begibt – oder nicht? Was sind die Folgen eines Nicht-Einsatzes?

Zusammen mit meinem Kollegen Peter Dausend habe ich den Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière zu Deutschlands Auslandseinsätzen und den Folgen des 11. September befragt. Aus der ZEIT Nr. 37 vom 8. September, S. 9

DIE ZEIT: Herr de Maizière, nach dem 11. September bestimmte die Idee vom Kampf der Kulturen die Politik des Westens. Jetzt befreien sich die Araber selbst. Verändert die arabische Rebellion unseren Blick auf den Islam?
Thomas de Maizière: Hoffentlich. Noch ist nicht entschieden, ob die Verhältnisse demokratisch und stabil bleiben. Aber es sieht positiv aus. Am 11. September sahen wir zunächst eine kriminelle, terroristische Bande, die den Namen des Islam missbrauchte. Das war die erste Phase. In der zweiten erlebten wir schon fast einen Kampf der Kulturen. Zehn Jahre danach haben wir ein aufgeklärteres Bild: Die islamische Welt ist viel differenzierter, als wir das in den ersten beiden Phasen wahrgenommen haben. Der Terrorismus bleibt zwar eine dauerhafte Herausforderung für die Welt. Wir erkennen aber nun die Vielfalt einer großen Weltreligion, von einem aufgeklärten bis zu einem menschenverachtenden Verständnis.
ZEIT: Ist die Welt sicherer nach dem Sturz der Tyrannen? Oder unsicherer?
de Maizière: (zögert lange) Es gab in der Geschichte demokratische Aufbrüche, die zu stabilen demokratischen Verhältnissen geführt haben, und solche, die zu neuen autoritären Regimen geführt haben, weil nur Personen ausgewechselt wurden. Ich habe gezögert, weil ich mich frage, was gehört eigentlich alles zur Sicherheit? Beherrschen von Bedrohungen? Vorhersehbarkeit? Freiheit?
ZEIT: Stabilität?
de Maizière: Stabilität ist kein Wert an sich. Veränderung kann kurzfristig mehr Unsicherheit bringen. Aber dauerhafte Stabilität braucht demokratische Strukturen.
ZEIT: Nordafrika liegt vor der europäischen Haustür, nicht vor der Amerikas. Haben wir erkannt, dass der Wandel dort unsere Sache ist?
de Maizière: Das ist begriffen, hoffe ich. Die erste Reaktion auf die Revolutionen war eine fast schon zynische: Hauptsache, es kommen keine Flüchtlinge durch – und deshalb hat Europa ein Interesse an Nordafrika. Jetzt blicken die Europäer aber anders dorthin. Sie haben hoffentlich gelernt, dass demokratische Stabilität im Norden Afrikas für alle gut ist. Nur sie verhindert am Ende auch Migrationsströme.
ZEIT: Nach dem 11. September haben sich alle deutschen Regierungen zum Afghanistan-Einsatz bekannt. Heute gehen selbst führende Politiker, die den Einsatz mit beschlossen haben, auf Distanz. War der Krieg doch ein Irrweg?
de Maizière: Nein, Afghanistan war kein Irrtum. Es ärgert mich, wenn heute diejenigen, die auch die Dimensionierung dieses Einsatzes verantwortet haben, plötzlich sagen, im Nachhinein war das alles nicht richtig – und uns dann die Folgen überlassen.
ZEIT: Aber auch Ihre Regierung rüstet doch nach zehn Jahren mehr und mehr die Erwartungen ab.
de Maizière: Der Einsatz dauert schon so lange wie Erster und Zweiter Weltkrieg zusammen. Die überzogenen Erwartungen an das Ziel des Einsatzes mussten zurückgeschraubt werden. Wir wollen nur noch erreichen, dass erstens von Afghanistan kein Terror exportiert werden kann und dass zweitens dort hinreichend stabile Sicherheitsstrukturen mit afghanischem Gesicht entstehen. Das ist das Ziel der neuen Strategie. Wir sind alle mit Illusionen da hineingegangen.
ZEIT: Was folgern Sie daraus?
de Maizière: Es kann sich rächen, der Versuchung nachzugeben, die Zustimmung der Bevölkerung zu einem Einsatz durch moralische Überhöhung zu bekommen. Kurzfristige Zustimmung wird dann womöglich mit langfristiger Abneigung erkauft. Zwar braucht man eine politisch-moralische Begründung für einen Einsatz. Aber man muss genauso den möglichen Blutzoll und die Kosten nüchtern abwägen.
ZEIT: Wird man dann aber nicht immer sagen: lieber ohne uns? Geht es ganz ohne Idealismus?
de Maizière: Aus Idealismus sollte man nie Soldaten in fremde Länder schicken, das muss ich so hart sagen. Man muss bereit sein, ein Risiko einzugehen. Man muss auch Zuversicht haben. Und ein militärischer Einsatz muss moralisch legitimiert sein. Wenn er nur aus moralischen Gründen stattfindet, ohne dass er pragmatisch, militär-fachlich, ökonomisch abgesichert ist, dann trägt er nicht.
ZEIT: Afghanistan soll seine Sicherheit selbstständig organisieren – für solch ein pragmatisches Ziel sollen deutsche Soldaten töten und sterben?
de Maizière: Mit einem solchen Ziel sind wir nicht nach Afghanistan gegangen, und es hätte als Begründung wohl auch nicht gereicht. Aber jetzt ist es die richtige Strategie, um rauszugehen. Wenn man einmal drin ist, darf man in dem Land kein Chaos hinterlassen. Ein Afghanistan, das seine Sicherheit selbst gewährleisten kann, macht es uns möglich, uns zurückzuziehen.
ZEIT: Wir haben Sie immer so verstanden, dass Sie allgemeingültige Kriterien für die künftige Beteiligung der Bundeswehr vorlegen wollten …
de Maizière: Keine Kriterien, sondern Maßstäbe. Es gibt keinen Kriterienkatalog, den ein Verteidigungsminister, eine Regierung abarbeiten kann, um zu entscheiden, ob wir uns beteiligen oder nicht. Die Maßstäbe heißen erstens, nationale Sicherheit, zweitens internationale Verantwortung und drittens – das muss hinzukommen – die Umstände: Sind wir durch andere Einsätze gebunden? Wie lang wird es dauern? Haben wir das geeignete Gerät? Wie ist das Ansehen Deutschlands in der betroffenen Weltregion?
ZEIT: Wir sind seit dem Kosovo-Krieg 1999 in Kampfeinsätzen. Die breite Ablehnung zeigt, dass die Politik deren Sinn nicht vermitteln kann.
de Maizière: Für die meisten Deutschen bedeutet Auslandseinsatz Kämpfe in Afghanistan. Sie übersehen die Vielzahl von Stabilisierungs- und Beobachtungsmissionen wie etwa im Sudan, Kongo oder vor der Küste Libanons. Wir müssen die Breite dieser Einsätze stärker ins Bewusstsein heben, dann wird auch die Zustimmung steigen. Afghanistan ist nicht die Folie künftiger Einsätze.
ZEIT: Also doch: nie wieder Afghanistan?
de Maizière: Nein. Aber der Sturz einer Regierung, das Besetzen eines Landes sind denkbar schwerste Eingriffe. Sie müssen besonders gut begründet, besonders gut rechtlich abgesichert werden und dürfen nie auf Dauer angelegt sein. Keine Regierung, das ist unsere Botschaft, darf sich darauf verlassen, dass immer andere für ihre Sicherheit sorgen. Fördern und fordern gilt auch hier. Das Land, das man durch einen Eingriff gefördert hat, muss gefordert werden, die Ursachen dieser Intervention selbst zu beseitigen.
ZEIT: Sie reden gern von Solidarität als Grundprinzip der internationalen Politik.
de Maizière: Lieber rede ich von Verantwortung.
ZEIT: Zur Solidarität in der Nato war die ­Bundesregierung aber in der Li­byen-Frage nicht fähig. Ist Schwarz-Gelb zu schwach,
um einem weiteren Auslands­einsatz zuzustimmen?
de Maizière: Mitnichten. Natürlich wären wir fähig gewesen, in Libyen dabei zu sein. Wir haben uns politisch anders entschieden.
ZEIT: Ohne Blick auf die öffentliche Meinung?
de Maizière: Vor allem aus militär-fachlichen Gründen, aus damaliger Sicht. Ich sage aber: Die Anfragen an Deutschland werden zunehmen. Und wir können nicht immer Nein sagen.
ZEIT: Sie haben gewarnt, es gebe auch »Folgen eines Nicht-Einsatzes«? War da Libyen gemeint?
de Maizière: Ich wollte auf etwas Grundsätz­liches hinaus: Auch die Entscheidung, nichts zu tun, kann politisch-moralische Folgen haben. Denken Sie nur an Ruanda oder Darfur. Das Nichteingreifen im Süden von Somalia führt heute dazu, dass mehr Menschen durch eine Hungersnot sterben. Mit einem Nicht-Einsatz ist man nicht auf der ethisch sicheren Seite.
ZEIT: Nicht-Einsätze sind leichter zu vermitteln, besonders in Krisenzeiten, in denen die Deutschen sich auf sich selbst zurückziehen möchten.
de Maizière: Ich glaube, es gibt zwei konkurrierende Mentalitäten hierzulande: Die einen sagen, wir sind in der Welt zu Hause, wir sind ein wichtiges Land in Europa, wir tragen Verantwortung für das Klima, das Finanzsystem und auch für die gemeinsame Sicherheit. Andere sagen, das ist uns zu komplex, zu gefährlich, zu teuer, das verstehen wir nicht. Wäre es nicht besser, wir zögen uns auf uns selbst zurück und steckten den Kopf in den Sand? Deutsche Innerlichkeit aber ist weder politisch noch moralisch noch ökonomisch eine Option. Unser Reichtum entsteht nicht durch Selbstgenügsamkeit. Wir zählen mit unseren 85 Millionen nicht viel, wenn wir unter uns bleiben. Ich erkläre das überall und kann über mangelnde Zustimmung nicht klagen.
ZEIT: Zusammen mit Frank-Walter Steinmeier sind Sie der populärste deutsche Politiker. Und das frei von Glamour, wo gestern alle Guttenberg zujubelten? Wie kommt’s?
de Maizière: Das weiß ich auch nicht, ist vielleicht auch nicht von Dauer. Dass harte Arbeit und Substanz sich auf Dauer auszahlen, darauf setze ich. Ich könnte aber eh nicht anders.
ZEIT: Vom 11. September bis zur heutigen Krise gesprungen: Sind Schulden und dubiose Finanzprodukte für die Stabilität des Westens gefährlicher als Terrorismus und schmutzige Bomben?
de Maizière: Das sind nun aber wirklich Äpfel und Birnen. Beides ist schlecht. Dass wir die demokratiegefährdende Wirkung von Schulden seit den siebziger Jahren unterschätzt haben, ist leider wahr.

Die Einsamkeit der Soldaten

Von 5. Juni 2011 um 17:46 Uhr

Gestern sah ich einen aufwühlenden Film mit Tobey Maguire, Jake Gyllenhal und Natalie Portman in den Hauptrollen – “BROTHERS”. Der Film ist ein Remake eines dänischen Films, der auch sehr gut sein soll (den kenne ich aber nicht). Er handelt von zwei ungleichen Brüdern, einem Soldaten und einem Ex-Kriminellen, und der Frau, die beide lieben.
Der eine Bruder geht zum zweiten Mal nach Afghanistan, während der andere gerade nach einer Haftstrafe (wegen Raubüberfalls) entlassen wird. Der Soldat stirbt bei einem Hubschrauberabsturz (oder so scheint es jedenfalls zunächst). Sein Bruder kümmert sich um die hinterbliebene Ehefrau (Portman), zu der eine tiefe Bindung entsteht.
Zusammen lernen die beiden, ohne den Bruder/Ehemann zu leben.
Doch dann stellt sich heraus, dass dieser gar nicht tot ist, sondern von den Aufständischen gerettet und gefangen gehalten wurde. Die Taliban wollen ihn und seinen Kameraden zwingen, auf einem Video die amerikanische Kampagne zu denunzieren. Lange verweigert er sich, trotz fürchterlicher Folter. Sein Kamerad bricht zusammen und macht die Video-Aussage.
Schließlich zwingen die Taliban Tobey Maguire mit vorgehaltener Waffe, seinen für sie wertlos gewordenen Mitgefangenen zu töten.
Er tut es in einem Anfall wahnsinniger Wut und Verzweiflung.
Schließlich wird das Lager der Aufständischen von den Amerikanern überrannt. Der Soldat wird befreit und nach Hause zurückgebracht.
Und hier beginnt für mich der bewegende Teil dieses Films, der mich fort von Afghanistan und zurück in meine eigene Kindheit transportiert hat.
Tobey Maguire ist großartig in der Rolle des Heimkehrers, der nicht wieder zu Hause ankommt. Niemandem kann er erzählen, was er getan hat um zu überleben, auch nicht der eigenen Frau. Vielleicht gerade ihr nicht, weil das Unglück nicht in die Familie getragen werden soll. Seine Kinder nehmen ihm übel, dass er abwesend war, als sie Geburtstag feierten. Er versteht ihre Witze nicht mehr, ihre kleinen Sorgen und Freuden. Er ist allein, eingesperrt in seinen Erfahrungen. Er will wieder ins Feld, zu den Kameraden, die ihn verstehen.
Ich war als Kind von solchen Männern umgeben, den ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die an Leib und Seele verstümmelt waren. Der eine ohne Arm, der nächste ohne Bein, mein Onkel ohne Zehen. Ich konnte nicht mit ihnen reden, ich wollte ihre Geschichten nicht hören. Sie haben das als Anmaßung eines Nachgeborenen erlebt, als moralische Überhebung. Dabei war es zunächst einmal nur panikhafte Angst vor dem Grauen, das manchmal aufblitzte, wenn sie etwas erzählten. Mein Onkel Viktor (welche abgrundtiefe Ironie in diesem Namen) war nach vielen Jahren sibirischer Gefangenheit in das Eifeldorf zurückgekehrt, in dem er sein ganzes Leben verbracht hatte. Seine erste Reise war gleich nach Stalingrad gegangen.
Die Erfrierungen an den Füßen waren noch die geringste Wunde, die er mitgebracht hatte.
Einmal erzählte er von seiner Arbeit im Begräbniskommando des Lagers. Tage dauerte es, in dem Permafrostboden Gräber auszuheben. Auch die Leichen waren gefroren, wenn man sie aufeinander stapelte, erzählte er, “machte es ein Geräusch wie Holz”. Einer seiner Freunde erzählte, wie er nach den ersten tödlichen Schüssen auf feindliche Soldaten heulen musste – und wie dann später jegliche Empfindung beim alltäglichen Töten abstarb und es etwas völlig Normales wurde.
Ich antwortete auf solche Erzählungen mit Abscheu und zur Schau getragenen moralischen Grundsätzen, ich wurde Pazifist aus Horror vor den Abgründen, von denen die Männer erzählten. Es war eine Form der Abwehr. “Du hältst dich wohl für was Besseres”, tobte der Onkel, als ich ihm eröffnete, ich würde nicht zur Bundeswehr gehen. “Wir hatten damals keine Wahl.” Er hatte durchaus Recht, es lag eine gewisse Überheblichkeit in meinem Pazifismus, der mich nichts kostete. Aber er war auch neidisch auf mein Aufwachsen in historischer Unschuld, auf meine “Gnade der späten Geburt”.
Keiner wollte bei uns zu Hause die schrecklichen Geschichten hören. Ich kann das einerseits immer noch verstehen aus der Ungeheuerlichkeit der deutschen Schuld heraus. Aber heute tun mir die stummen, wütenden, verwundeten Männer leid, die damals an den deutschen Küchentischen saßen – und doch nie wirklich heimgekehrt sind.
Viktor war kalt und brutal geworden über seinen Erfahrungen. Alle hatten Angst vor ihm. Er sympathisierte mit den Neonazis, las die “National-Zeitung”. Zeitweilig habe ich ihn gehasst. Nicht alle Veteranen waren so wie er. Manche haben andere Konsequenzen gezogen. Ihm war das nicht gegeben. Sein Weg blieb bis zum Ende das Ressentiment. Er hat eine Spur des Unglücks in seiner Familie hinterlassen. Vielleicht können die Enkel sich eines Tages davon freimachen.
Tobey Maguire findet am Ende des Films die Kraft, von seinen Erlebnissen zu erzählen. Ob er wieder ins Leben zurück findet, bleibt offen. Ein Anfang immerhin ist gemacht.
Mein Onkel Viktor und Hunderttausende andere deutsche Besiegte haben das nach dem Krieg nicht geschafft. Lange konnte ich mir das offenbar nicht erlauben, und damit war ich wahrscheinlich nichts Besonderes: Doch heute erfasst mich Trauer bei dem Gedanken an Viktor, den Verlierer.

Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik

Was Obama für Ägypten tun muss

Von 30. Januar 2011 um 17:27 Uhr

Marc Lynch (Experte für arabische Medien und die Muslimbrüder) bewertet in seinem Blog auf Foreign Policy die Ägypten- Politik der Obama-Regierung recht freundlich:

It’s crucial to understand that the United States is not the key driver of the Egyptian protest movement. They do not need or want American leadership — and they most certainly are not interested in “vindicating” Bush’s freedom agenda or the Iraq war, an idea which almost all would find somewhere between laughable, bewildering, and deeply offensive. Suspicion of American intentions runs deep, as does folk wisdom about decades of U.S. collaboration with Mubarak. They are not really parsing Hilary Clinton’s adjectives. Their protest has a dynamic and energy of its own, and while they certainly want Obama to take their side forcefully and unequivocally they don’t need it.

What they do need, if they think about it, is for Obama to help broker an endgame from the top down — to impose restraints on the Egyptian military’s use of violence to repress protests, to force it to get the internet and mobile phones back online, to convince the military and others within the regime’s inner circle to ease Mubarak out of power, and to try to ensure that whatever replaces Mubarak commits to a rapid and smooth transition to civilian, democratic rule. And that’s what the administration is doing. The administration’s public statements and private actions have to be understood as not only offering moral and rhetorical support to the protestors, or as throwing bones to the Washington echo chamber, but as working pragmatically to deliver a positive ending to a still extremely tense and fluid situation.

I completely understand why activists and those who desperately want the protestors to succeed would be frustrated — anything short of Obama gripping the podium and shouting “Down With Mubarak!” probably would have disappointed them. But that wasn’t going to happen, and shouldn’t have. If Obama had abandoned a major ally of the United States such as Hosni Mubarak without even making a phone call, it would have been irresponsible and would have sent a very dangerous message to every other U.S. ally. That doesn’t mean, as some would have it, that Obama has to stick with Mubarak over the long term — or even the weekend — but he simply had to make a show of trying to give a long-term ally one last chance to change.

The key to the administration’s emerging strategy is the public and private signal that this is Mubarak’s last chance, that the administration does not expect him to seize it, and that the U.S. has clear expectations of those who might succeed him. The key line in his remarks here is this:

“When President Mubarak addressed the Egyptian people tonight, he pledged a better democracy and greater economic opportunity. I just spoke to him after his speech and I told him he has a responsibility to give meaning to those words, to take concrete steps and actions that deliver on that promise.”

This is not the language of capitulation to Mubarak’s empty promises of reform. It’s a pretty sharp challenge to him to demonstrate serious change immediately, which in no way commits to backing Mubarak if he fails to do so. And comments made by various administration officials suggest that they don’t really expect him to be able to deliver. This blunt conditionality has to be understood in tandem with White House Spokseman Robert Gibbs’ carefully chosen words that U.S. economic and military aid to Egypt would now be reviewed — a direct, almost unprecedented form of pressure on Egypt for which many democracy activists have clamored for years to no avail.

It’s also crucial that the U.S. is signaling directly and clearly to the Egyptian military that the administration will not accept a massive, bloody escalation in repressive force. Secretary of State Clinton’s statement well-crafted message yesterday morning, reinforced by Gibbs and then Obama, was important: not just wringing their hands over the violence, as many seem to think, but sending a pretty clear and strong signal to the Egyptian army about American red lines. That might not be as morally satisfying as the more “full blooded” language which many would like to hear, but in the end it is likely to be crucial to brokering a decent endgame.

What happens next? I really don’t think that Mubarak’s gambit of dismissing the government is going to work. The protestors want to be rid of him, not of a faceless government of technocrats. His speech last night had an air of desperation, disconnect and delusion which will only feed the protests. Al-Jazeera has been filling up with prominent Egyptian figures disparaging Mubarak, and there’s a palpable sense of people positioning themselves for a new era. It isn’t over yet — Mubarak is likely calculating that if he can survive only a few more days, the protest fever will break and he can go back to the old status quo. It’s not like he had much legitimacy or popular support before these protests, and his regime has long been comfortable ruling without it. But the rush of events has a feel of finality to it. It’s hard to believe, and it’s far from certain even now, but as an accelerated Ben Ali script plays out it really is possible that Mubarak could be gone by tonight.

Vollkommen anderer Meinung ist Elliot Abrams in der Washington Post. Seine Schlußfolgerung: George W. Bush (für den er einmal als stellvertretender Sicherheitsberater gearbeitet hat) hatte Recht. Der Beweis sei in den Straßen Kairos zu besichtigen:

This has been the greatest failure of policy and imagination in the administration’s approach: Looking at the world map, it sees states and their rulers, but has forgotten the millions of people suffering under and beginning to rebel against those rulers. “Engagement” has not been the problem, but rather the administration’s insistence on engaging with regimes rather than with the people trying to survive under them.

If the Arab regimes learn the wrong lessons and turn once again to their police and their armies, the U.S. reaction becomes even more important. President Obama’s words of support for both the demonstrators and the government late Friday, after speaking with Mubarak, were too little, too late. He said Mubarak had called for “a better democracy” in Egypt, but Obama’s remarks did not clearly demand democracy or free elections there. We cannot deliver democracy to the Arab states, but we can make our principles and our policies clear. Now is the time to say that the peoples of the Middle East are not “beyond the reach of liberty” and that we will assist any peaceful effort to achieve it – and oppose and condemn efforts to suppress it.

Such a statement would not elevate our ideals at the expense of our interests. It turns out, as those demonstrators are telling us, that supporting freedom is the best policy of all.

Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik, USA

Der Taliban-Hauptmann von Köpenick

Von 23. November 2010 um 11:33 Uhr

Es ist womöglich ein westliches Vorurteil, dass die Taliban keinen Sinn für Humor haben. Das zeigt sich an folgender Wendung in den Verhandlungen mit ihnen, von denen die New York Times heute berichtet.

Der Mann, der wochenlang als Mullah Akhtar Muhammad Mansour posiert hat, einer der ranghöchsten Talibankommandeure nach Mullah Omar, ist … na ja, man weiß es nicht, jedenfalls nicht, wer er behauptete zu sein.

Das ist peinlich, denn auf diesem hochrangigen Kontakt basierten die Hoffnungen, in absehbarer Zeit zu einer Art Frieden mit den Aufständischen zu kommen. Es zeigt, wie wenig die westliche Allianz offenbar von ihrem Feind weiß: Niemand war in der Lage, den beturbanten Herrn als den Betrüger zu entlarven, der er war.

(Ich muß sagen, ich verstehe das. Als ich vor zwei Jahren von Dubai nach Pakistan flog, hätte ich schwören können, jeder in dem Flugzeug war ein Talib. Die sahen einfach alle so aus. Und wer weiß…)

Wahnsinn:

“It’s not him,” said a Western diplomat in Kabul intimately involved in the discussions. “And we gave him a lot of money.”

American officials confirmed Monday that they had given up hope that the Afghan was Mr. Mansour, or even a member of the Taliban leadership.

NATO and Afghan officials said they held three meetings with the man, who traveled from in Pakistan, where Taliban leaders have taken refuge.

The fake Taliban leader even met with President Hamid Karzai, having been flown to Kabul on a NATO aircraft and ushered into the presidential palace, officials said.

Der Typ hat Geld abgezockt und sich mit einem Nato-Hubschrauber zu Karsai fliegen lassen! Und keiner hat’s gemerkt! Respekt, Mann!

(Natürlich ist die Sache alles andere als lustig. In dem Artikel gibt es verschiedene Thesen über das Ereignis: Der Mann war einfach ein Hochstapler. Er war eine Marionette des pakistanischen Geheimdienstes, der die Gespräche mit den Taliban sabotieren will. Oder er wurde von Mullah Omar persönlich geschickt, um den Westen vorzuführen. Was dann doch wieder lustig wäre, auf eine Art.)


Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik

Warum Afghanen nichts vom 11. September wissen (wollen)

Von 22. November 2010 um 13:31 Uhr

Diese Zahlen sind ein Hammer:

Nach einer aktuellen Umfrage im Süden Afghanistans haben 90 Prozent der (männlichen) Bevölkerung (denn die Frauen kann man schwer befragen) nichts vom 11. September gehört. In anderen Worten: Sie wissen nicht, warum die Soldaten der westlichen Allianz seit fast einem Jahrzehnt in ihrem Land sind.

ICOS field research identified a significant lack of understanding of the history of the international community’s presence in the country. Many of the Afghans interviewed did not know about the events of 9/11, were unable to describe what democracy is, and were suspicious of international motives and actions.
At the grassroots level, the dissemination of the international community’s political narrative and public justification for its presence in Afghanistan is very limited. This creates a vacuum which the Taliban easily fills with its own information campaign.
Over 90% of interviewees in the south are not familiar with the events of 9/11 which brought NATO-ISAF to Afghanistan (p28) and 40% of respondents believe that foreigners are in Afghanistan to destroy the country, to occupy Afghanistan, or to destroy Islam (p27). Underlining another area of serious concern, 72% of southern interviewees view foreigners as disrespectful of their religion and traditions (p22).

Nun wird man vielleicht bei manchen Zahlen einige Abstriche machen können: Sind die 72 %, die Schlimmes über Fremde vermuten, nicht vielleicht der traditionellen Ablehnung alles “Fremden” in diesem verschlossenen Land geschuldet?

Es gibt eine hohe Analphabetenquote in Afghanistan, etwa zwei Drittel sind es landesweit.

Und können  wirklich 9 von zehn Männern in dem Land das Ereignis verpasst haben, das die Weltpolitik eines Jahrzehnts – und das Schicksal ihres Landes wohl noch über viele kommende Jahrzehnte – bestimmt?

Manche leugnen vielleicht das Ereignis per se, indem sie sagen, sie hätten noch nie davon gehört. Es ist ihnen vielleicht unangenehm zuzugeben, dass ihr Land in dieses Verbrechen verwickelt war, weil es Al-Kaida einen sicheren Hafen bot. Sie leugnen damit auch die Ratio der Intervention, die ja die Bedingungen für einen weiteren 11.September verhindern will, indem das Loch der Staatenlosigkeit gestopft wird und eine Nation Afghanistan aufgebaut wird, die eines Tages für ihre eigene Sicherheit zu sorgen in der Lage ist.

(Noch eine Zahl: Über 40 Prozent der befragten Afghanen wissen nichts Positives über die Demokratie zu sagen. Erstaunlich: 44 % wünschen sich eine größere Beteiligung der Frauen am politischen Leben, und das in der konservativsten Gegend des Landes.)

Aber dennoch: Diese Zahlen bleiben niederschmetternd. Ein so langer Krieg mit derart viel Medienaufmerksamkeit, mit zahllosen Gipfeln und Konferenzen, die sich sorgenvoll über Afghanistan beugen – und im Land selbst kommt nichts davon an? Selbst das Grundelement des Narrativs – dass der Krieg dort etwas mit 9/11 zu tun hat, wird nicht akzeptiert?

General Petraeus hatte in seinen neuen Richtlinien zur Aufstandsbekämpfung doch den Sieg im “Informationskrieg” gegen die Taliban als elementar bezeichnet. Petraeus steht für eine neue Transparenz, was die Ziele der Allianz und ihre Fehler angeht:

Be first with the truth. Beat the insurgents and malign actors to the headlines.  Preempt rumors.  Get accurate information to the chain of command, to Afghan leaders, to the people, and to the press as soon as possible.  Integrity is critical to this fight.  Avoid spinning, and don’t try to “dress up” an ugly situation.  Acknowledge setbacks and failures, including civilian casualties, and then state how we’ll respond and what we’ve learned.

Fight the information war aggressively. Challenge disinformation.  Turn our enemies’ extremist ideologies, oppressive practices, and indiscriminate violence against them.  Hang their barbaric actions like millstones around their necks. (Quelle)

Das ist ein bemerkenswerter Ton. Doch gemessen an den Daten, die die (afghanischen) ICOS-Interviewer in Helmand und Kandahar zu Tage förderten, muss man wohl von einer Sisyphos-Aufgabe reden.

Hunderte Millionen Dollar sind für den Kampf im “Informationskrieg” schon ausgegeben worden. Doch neun von zehn Menschen, für deren Sicherheit und Unabhängigkeit unsere Soldaten die Knochen hinhalten, wissen nicht, warum sie das tun (oder sie bestreiten die guten Absichten und Gründe, indem sie 9/11 leugnen). Uff.

Die Nachrichten sind nicht ganz schwarz, schreiben die ICOS-Forscher:

The news is not all bad: ICOS figures show several areas where the numbers, while remaining low, have improved. For example in June 2010, only 34% of interviewees in Helmand’s Marjah district thought that NATO-ISAF were winning the war, whereas in October, this figure has risen to 64%. In Nawa district, in June 2010 only 20% of interviewees thought recent military operations in their area had been good for the Afghan people, while in October 2010 this figure was 51%.

Sehr schön, jetzt muss man den Menschen nur noch klarmachen, wofür dieser Krieg vielleicht doch noch gewonnen (oder jedenfalls nicht verloren) wird.

Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik

16.500 € für jeden reuigen Talib

Von 20. Juli 2010 um 15:58 Uhr

Asymmetrische Kriege werden mit Marschflugkörpern begonnen, durch roadside bombs verloren und mit dem Scheckbuch beendet.

dpa meldet vorab ein Ergebnis der soeben in Kabul zuende gehenden Afghanistan-Konferenz:
“Die afghanische Regierung will in den nächsten fünf Jahren 36 000
Aufständische in die Gesellschaft reintegrieren. Dafür sollen nach
Vorstellung der afghanischen Regierung 773 Millionen US-Dollar (594
Millionen Euro) zur Verfügung gestellt werden. 50 Millionen Euro will
die Bundesregierung beisteuern.”

Das macht 16.500 € pro Taliban-Nase. Deutschland unterstützt jeden reuigen Taliban-Kämpfer mit umgerechnet 1308 €.

Wenn’s denn klappt, ist das vielleicht nicht zuviel Geld. Allerdings: nach fast zehn  Jahren Krieg ist das auch eine Art Niederlage.

Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik

Wo Deutschland verteidigt wird

Von um 12:47 Uhr

Ein Fundstück auf dem immer wieder anregenden (und zum Glück wieder aktiven) “Weblog Sicherheitspolitik“, das die Bedrohung in AFG in ein erfrischendes Verhältnis zu anderen Bedrohungen der Sicherheit des Landes setzt:

“Deutschland wird aus unserer Sicht durch Überschuldung und den dysfunktionalen Sozial- und Schuldenstaat weit stärker bedroht als durch militante Islamisten in Afghanistan.”

Deutschland wird auch am Sozialamt verteidigt…

Der Friedensprozess lebt…

Von 18. Juli 2010 um 14:00 Uhr

… allerdings nicht in Israel/Palästina, sondern in Afghanistan. Am Dienstag findet in Kabul eine große internationale Konferenz statt. Haupttagesordnungspunkt: “Versöhnung” mit den Taliban. Die afghanische Regierung wird von der internationalen Gemeinschaft ermutigt und unterstützt beim “Friedensprozess” mit den Taliban. Die deutsche Regierung stellt 50 Millionen € zur Verfügung für “Reintegrationsmaßnahmen” in Afghanistan. So richtig gut zu erklären ist es nicht, dass wir das unterstützen, aber weiterhin mit Hamas nicht reden und in Deutschland nicht mal mehr mit Milli Görüs (resp. IHH, Islamrat etc.). Ein Bericht von Al Jazeera English:

Karsai glaubt nicht mehr an den Sieg

Von 14. Juni 2010 um 13:37 Uhr

Wow. Gut zu wissen (gestern in der New York Times):

“… Mr. Karzai had lost faith in the Americans and NATO to prevail in Afghanistan.

For that reason, Mr. Saleh and other officials said, Mr. Karzai has been pressing to strike his own deal with the Taliban and the country’s archrival, Pakistan, the Taliban’s longtime supporter. According to a former senior Afghan official, Mr. Karzai’s maneuverings involve secret negotiations with the Taliban outside the purview of American and NATO officials.

‘The president has lost his confidence in the capability of either the coalition or his own government to protect this country,’ Mr. Saleh said in an interview at his home.”

Amrullah Saleh ist der Geheimdienstchef Afghanistans, der kürzlich gefeuert wurde. Er wird als pro-westlicher Hardliner gesehen und vor allem von Pakistan abgelehnt.

Ich halte fest: Unser Alliierter Karsai glaubt nicht mehr daran, dass die Nato in Afghanistan den Konflikt siegreich bestehen wird. Er möchte ohne amerikanische Aufsicht mit den Taliban verhandeln und scheint sich auf Pakistan als neue Schutzmacht einzustellen.

So redet der Mann, dessen gefälschte Wahl wird unterstützt und finanziert haben? Eine Wahlbeobachterin, die die ganze Zeit vor Ort war, sagte mir kürzlich, der einzige Unterschied zu Iran sei – was die Qualität des demokratischen Prozesses angehe – dass der Westen die Wahlen in Afghanistan bezahlt habe.