Ein Blog über Religion und Politik
Kategorie:

Dissens des Tages

Warum ich nie Deutsche sein will

Von 1. April 2010 um 16:30 Uhr

Das erklärt Mitbloggerin Cucumis in diesem Beitrag:

Irgendwie muss ich lachen wenn ich diesen Beitrag und die ganzen Kommentare dazu lese.

Vor allem finde ich es echt mutig, solche Beiträge zu schreiben, denn das offenbart ja eigentlich nur, wie “unwissend” die Menschen sind. Und DIE sollen Politik machen-Ja, uns allen viel Glück!

Also, die Muttersprache zu erlernen ist die Basis, auf der die zweite Sprache aufbaut. Quasi die Unterkellerung eines Hauses – muss für die Stabilität da sein.
Vor allem verstehe ich solche Zitate wie “So what!” nicht, wenn es um die DEUTSCHE Sprache geht. Also die Schauspielerin hat so gut Deutsch gelernt, dass sie nicht “rein” Deutsch reden kann. Vermischt mehrere Sprachen und ich bin mir sicher, dass sie auch mal Türkisch und Deutsch vermischt. Ein Hoch auf solche “Besserwisser”!!

In mehreren Projekten, die ja auch VOM STAAT GEFÖRDERT werden, geht es darum, dass die Kinder die Muttersprache, und die ist und bleibt TÜRKISCH, zuerst erlernen sollen. Und jetzt soll mir eine daher kommen und sagen: “Nein, dann bringt man es nicht weit!”
Das ist witzig und absurd!

Vor allem finde ich es ja so toll, dass die Menschen, die in dem Beitrag erwähnt werden genau nach irgendwelchen Stereotypen gewählt werden. Herr Öger, dem der Kragen platzt, junge Menschen mit Käppis, Frauen mit Locken. Ah, wunderbar!

Ich sag Ihnen mal was, ich komme selber aus einer Familie mit Migrationshintergrund. Wir sind 4 Geschwister. Die eine ist Dipl.Pädagogin, die eine Rechtsanwältin, die eine Lehrerin und ich studiere gerade Psychologie. Ich habe zuerst Türkisch gelernt und bin regelrecht dankbar dafür. Ich spreche besser Deutsch als manche Deutsche und nein, meine Eltern sind nicht irgendwelche Akademiker oder so. Ganz normale “Gastarbeiter”.

Also, geht es doch!!!!

Die Integrationspolitik ist doch nichts als eine Lüge, um bei den Wahlen mehr Stimmen zu kriegen. Wenn zuvor noch unser tollen Banker sagt “Kein Kindergeld für Migrationskinder mit schlechten Noten”, kann es nicht sein, dass man ein Ganzes bilden will! Die Segregation fängt doch in den Kindergarten an.

Außerdem, nur weil ich in Deutschland lebe, bin ich noch lange keine Deutsche. Werde ich auch nicht sein. Das ist genauso als würde man aus einer Hose eine Jacke machen wollen! Geht einfach nicht.
Vor allen Dingen, wieso auch??
Reichen den deutschen Staatsbürgern etwa die eigene Jugend nicht mehr??
Der demographische Wandel ist ja allen bekannt!

Ich lebe in Deutschland, zahle meine Steuern und tu alles, was “Deutsche” auch tun. Aber eine Deutsche bin ich nicht..War ich nie..und werde ich auch nie sein!…

Warum Deutschland von Migration profitiert

Von 31. März 2010 um 12:51 Uhr

Mitblogger Christoph Leusch gibt zu bedenken (in Antwort auf den Post zu Siegfried Kohlhammer):

Lieber Herr Lau,

Quatsch wir auch dadurch nicht besser, wenn man sich mit Chuzpa für ihn einsetzt. Der ganze Kohlhammer Erguss wimmelt doch so von Falschmeldungen.

Bis 1973 (Anwerbestopp für Gastarbeiter) wurde ganz offiziell und sehr konsequent das “Rotationsprinzip” bevorzugt (befristet heuern, dann feuern, dann neue Leute in den Werbeländern einstellen und her holen, usw.).

Das ging nicht mehr, weil immer mehr “Gastarbeiter” aus den Massenunterkünften auszogen und, trotz erheblicher Schwierigkeiten, ihre Familien nachholten. Seither, seit 1973, gibt es keine “Gastarbeiter” mehr. Was die Gleichstellung angeht verlief der Prozess also genau umgekehrt, wie von Herrn Kohlhammer behauptet.

Aber bis dahin, bis Anfang der 70er, war die Zahl der gastarbeitenden Ausländer auf 4 Millionen angewachsen. Die hatte man sowohl bei der Entlohnung, als auch bei den Renten, als auch bei den Lebens- und Wohnverhältnnissen und bei der Steuer kräftig über den Tisch gezogen.
- Klar, den meisten Arbeitern ging es besser als in Anatolien, keine Frage.

Vielleicht hilft ja folgender Hinweis und helfen die folgenden Links?:

Ulrich Herbert, “Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge”, München (Beck) 2001

Das Buch befreit von so manchen Schönfärbereien zum Thema der Gastarbeiter und Arbeitsmigranten. “Gastarbeiter” wurden bis Anfang der 70er Jahre, d.h. bis zum Anwerbestopp 1973, auf Zeitbasis eingestellt. Nominell wurden ihnen Tariflöhne nach eigenen Lohngruppen, “angelernt”, “ungelernt”, bezahlt, viele arbeiteten “freiwillig” und überqualifiziert auf einfachen Produktionsarbeitsplätzen, als Ungelernte. Ähnlich wie beim Verlegersystem im 19.Jh, nahm man ihnen im Wege des “Vorabzugs” (!) für Massenunterkünfte (Mieten völlig überhöht), Verpflegung und Transportkosten zum Arbeitsplatz, einen Anteil gleich wieder ab. Die meisten lebten auf Firmengeländen oder direkt neben den Werkshallen in firmeneigenen Barackensiedlungen. – Das ist z.B. in Frankfurts Stadtarchiv und Stadtmuseum gut dokumentiert, einschließlich der Arbeits- und Entgeltnachweise, einschließlich Fotomaterial.

Die Rentenversicherungsträger bezifferten übrigens den jährlichen “Gewinn” aus der Einzahlung von Beiträgen aus den Arbeitsentgelten für diese Jahre von etwa 1960 bis 1973 auf ca. 1 Milliarde DM jährlich! “Gastarbeiter” konnten auch nicht ihre Rentenbeiträge hinterher geltend machen. Derzeit werden gerade einmal 30.000- 40.000 Altersrenten an Rückkehrer in die Türkei ausgezahlt. Ein verschwindend unwichtiger Abfluss an Sozialtransfers, obwohl eine erheblich größere Anzahl an Gastarbeitern der 1. Generation mittlerweile in Rente gegangen ist. Grund: Bis 1973 sorgte man nach dem “Rotationsprinzip” dafür, dass selbst die Gastarbeiter die Rentenanwartschaften erwarben, unter den Anrechnungszeiten für die Gewährung einer Altersrente blieben. Dazu kamen die weitgehende Unkenntnis zur dt. Sozial- und Rentengesetzgebung und sprachliche Probleme. Selbst 1981 blieben nur ca. ein Dritttel der türkischen Arbeiter länger als 10 Jahre in Deutschland (Herbert).

Was die Steuer angeht ging man von einem positiven Saldo in gleicher Höhe, also von ebenfalls 1 Mrd. DM aus, denn die Einkünfte der Gastarbeiter wurden besteuert, aber selbstverständlich stellte kaum einer Anträge auf Lohnsteuerrückerstattung (die lasen eben nicht
“Lohnsteuer leicht gemacht”).

Nach 1973 wandelte sich das Bild allmählich und das musste zwangsläufig so sein, weil Deutschland stillschwiegend zum Einwanderungsland wurde. Aber die Thesen Kohlhammers wollen ja nur mit Aplomb ein bisschen “skandalisieren” und deshalb wird einfach “zugehauen”.

Wie man in den 60er Jahren dachte, das steht bei Herbert auf S.209-210 beschrieben. Er zitiert, neben den Industrieverbänden, den zuständigen Staatssekretär Kattenstroh (1966) aus dem Arbeitsministerium, der die Vorteile der “Gastarbeiter” lebhaft ausmalte: Bestes Alter (90 v.H. zwischen 18 und 45), zahlen in die Sozialkassen, ohne etwas mitnehmen zu können oder Ansprüche zu erwerben; Steuerzahler so lange sie arbeiten, zurück in die Heimat, wenn ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird, Fleiß und hohe Arbeitsproduktivität (was zu Protesten und dann zu einer Kampagne der Springer-BILD Anlass gab), bei geringer Entlohnung. Keine Sozialeinrichtungen notwendig, außer den Kirchen (Bahnhofmissionen, Hilfswerke), die für die Migranten als Auffang benötigt würden; Abschieben und Rückführen aufgrund der vielen bilateralen Verträge einfach und dadurch keine Folgelasten aus der Chronifizierung von arbeitsbedingten Gesundheitsschäden.

Na ja, eine neue Generation an Geistesarbeitern wächst derzeit nach, die keine Geschichtskenntnisse haben muss und will, und auch das Wort Sozialreportage (Wallraff) nur noch als märchenhaftes Gerede kennen möchte.

Zur Auflockerung und Bereicherung lese man einmal hier, zu Köln, Eiglstein, Weidengasse:

http://www.migrationsroute.nrw.de/themen.php?thema_id=42&erinnerungsort=k%F6ln

http://www.migrationsroute.nrw.de/themen.php?thema_id=41&erinnerungsort=k%F6ln

Das ganze Geschwätz, von wegen höherer Sozialkosten als Nutzen, stammt webbasiert meist von einem gewissen Herrn Mannheimer.- Der ist in der “Szene” mindestens so notorisch, wie die liebe Oda Dridi- Dörfel, die durch viele Migranten- und vor allem Islam- und türkenfeindliche Blogs geistert und auch hier schon ihr Unwesen trieb. – Da schreiben die Oberkonservativen still oder offen ab. Leider ohne viel Überprüfung, denn sonst wäre aufgefallen, dass die Renten türkischer Arbeitnehmer im Schnitt um ein Fünftel unter dem gleichwertig beschäftigter Deutscher liegen, dass Türken vornehmlich auf so genannten gefahrengeneigten und körperlich verschleißenden Arbeitsplätzen eingesetzt wurden und werden, dass sie viele rechtliche und gesetzliche Schutzmaßnahmen überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen (Sprache, Antragswesen).

Aufällig auch, dass mit wesentlich niedrigeren Renteneinkommen mehr Personen in einem Haushalt versorgt werden. Wie gesagt, dazu gibt es verläßliche Angaben der IHK -Berlin, des DIW und der Rentenversicherungsträger. Selbst heute holt sich ein nicht geringer Teil der türkischen Arbeitnehmer seine Ansprüche nicht ab, weil bei uns Renten nur nach Antrag mit möglichst vollständigen Erwerbsbiografie-Unterlagen gewährt werden.

Aber was nützt das Pfeifen, wenn selbst Chefredakteure der ZEIT nicht gewillt sind für ihre Artikel zu recherchieren und wild Arbeitsunfähgkeitsrenten und Erwerbsrenten in einen Topf werfen, bzw. die Unterschiede nicht kennen.,
Aber, dieses Thema hatten wir ja schon. War es 2006 oder 2007.

Zumindest in NRW, dort leben ca. 30-35% der türkischstämmigen Migranten (Berlin 7%), kann auf diesen Bevölkerungsteil ohne schwere wirtschaftliche und infrastrukturelle Einbußen überhaupt nicht mehr verzichtet werden. Dort gelingt es auch immer mehr Migranten, trotz der Rezession, Eigentum zu bilden, Unternehmen mit deutlichen Beschäftigungseffekten zu gründen und in die Ausbildung der Kinder zu investieren. Es enteht ein türkischstämmiger Mittelstand. So muss und soll es weiter gehen.

Grüße
Christoph Leusch

PS:
Wie hoch der Anteil der Sozialtransfers an Migranten in Dänemark wirklich ist, das hat weder Herr Kohlhammer, noch der zitierte Herr Bawer, noch haben Sie das recherchiert! Herrn Kohlhammer geht es um seine Theorie von Kulturalismus, er hat etwas gegen Ethnologen und Kulturanthropologen (sie relativieren ihm zuviel), und möchte gerne eine “Überlegenheit” der asiatischen und der westlichen Kulturen nachweisen. Das macht er zwar konsequent und Jahrzehnte lange, aber er spielt immer die gleiche Schallplatte.

Kategorien: Dissens des Tages

Ein Augenzeuge aus Marxloh berichtet

Von 28. März 2010 um 20:30 Uhr

Mitblogger cwspeer – Lehrer und Pfarrer aus Duisburg – war vor Ort:

Ich war vorhin in Marxloh vor der Moschee und in den Straßen darum herum. Ich glaube, was ich da sah, war ein gutes Spiegelbild der gesellschaftlichen Gesamtsituation, über die wir uns hier fast täglich die Köpfe heiß bloggen.
Die gesamte Schar an Gegendemonstranten war aufgeteilt in kleine bis kleinste Grüppchen, jede mit ihrem eigenen Hintergrund. Da gab es Gewerkschaften, Linke aller Art, von den LINKEN bis hin zur MLPD. Letztere erwiesen sich vor allem als ältere Herrschaften, die Kaffee und Kekse unters Volk brachten.

Da waren graubärtige Alt-68er und ließen die “internationale Solidarität” hochleben, aber es gab natürlich auch Autonome mit Sonnenbrillen, PKK´ler, eine wilde Truppe “Allah hu akbar”-Rufer mit Koranversen auf ihren Fähnchen, und andere Zeitgenossen, die etwas martialisch wirkten. Auch die jüdische Community zeigte sich solidarisch, was sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde! Den großen Rahmen bildete ein breites Feld von Normalbürgern jeglicher Couleur, darunter auch ich, zusammen mit anderen leicht ergrauten Pädagogen und Theologen in Begleitung einiger unserer Schüler, Deutsche und Migranten, die lebhaft diskutierten und sich informierten. Alle diese Grüppchen mit ihren Farben und Fähnchen wurden dadurch vereint, dass sie sich heute vor die Moschee und die friedlichen Muslime in Duisburg gestellt haben.
Ich habe diesen Sonntag in meiner Geburtsstadt als ein Fest für Demokratie und Meinungsfreiheit erlebt. Und ja, die Ränder gehören auch dazu und haben bei uns ein Existenzrecht. Das muss Demokratie sich leisten können. Insofern gehörten letzten Endes auch die NPD-ler und die Pro NRW-ler zu unserer Gesellschaft dazu. Ich bin zwar persönlich der Meinung, dass sie inhaltlich genauso danebenliegen, wie jene islamophoben Angstbeißer, die sich hier oft aufgeregt äußern ohne allzuviel Ahnung zu haben, aber hierzulande braucht keiner Angst zu haben, was er irgendwo bloggt. Das ist ja schon ein Triumph über alle verbotsfreudigen Ideologien, egal aus welcher Ecke sie kommen.


Die Rechten kamen nicht bis zur Moschee. Das habe ich auch persönlich geholfen zu verhindern. Ich habe sie nur von sehr weitem gesehen, eingeklemmt zwischen Wasserwerfern. Ihre Transparente zeigten durchgestrichene Moscheen. Das symbolisierte ihre Meinung und die durften sie äußern und ich konnte ihnen zusammen mit Vielen anderen deutlich machen, dass sie hier in Duisburg keinen Rückhalt in der Bevölkerung haben. Wir waren nämlich 6000 und sie 350. Ich glaube, auch meine Schüler haben heute mehr über Demokratie gelernt, als man ihnen in irgendeinem Klassenzimmer jemals erklären kann.
Ein herzlicher Gruß aus Duisburg in die Runde!

Wie schafft man den Übergang in die Moderne?

Von 18. Februar 2010 um 17:33 Uhr

Mitbloggerin Miriam antwortete gestern auf meine Frage in diesem Thread:

>>Wie schafft man es denn, dass sich möglichst viele an diese Ordnung gewöhnen?>>

Und ihre Antwort ist einen eigenen Post wert:

Im Moment beschäftigt mich eine andere Frage. In letzter Zeit habe ich eine Reihe junger Muslimas kennengelernt, die selbst keine Probleme mit dieser Ordnung haben, aber ihre Eltern; oder ein Elternteil; oder ihre Brüder. Diese jungen Frauen sind hungrig nach Bildung; sie möchten ein selbstbestimmtes Leben führen; sie möchten den Beruf ihrer Wahl erlernen; sie möchten gleich behandelt werden wie ihre Brüder; sie möchten mit ins Landschulheim fahren dürfen; sie möchten nicht ihren Cousin heiraten; die Kopftuchträgerinnen unter ihnen hätten kein Problem damit, ihr Kopftuch abzulegen, z.B. um Polizistin zu werden. Denn sie tragen das Tuch zwar freiwillig, aber den Eltern bzw. der Mutter zuliebe.

Daher lautet die eigentliche Frage: Wie bringen wir die Eltern dieser jungen Frauen dazu, ihre Töchter (und Söhne) freizusetzen; zu respektieren, dass sie nicht das Recht haben ihren Kindern die traditionelle Ordnung aufzuzwingen? Einzusehen, dass ihre Kinder ihnen nicht in dem Sinne gehören, dass sie bestimmen dürfen, wie sie als Erwachsene zu leben haben?

Wahrscheinlich wird man mir vorwerfen, pathetisch zu sein, aber ich denke an “das Mädchen mit den Tränen in den Augen”, über das ich letzte Woche in einem anderen Thread berichtet habe. Für sie ist Schule ein Ort, wo sie frei sein kann, wo sie ihr Kopftuch ablegen kann und wenigstens so tun kann, als ob sie wirklich frei ist. Ein Ort, wo sie Jungs widersprechen darf; wo sie ein Recht auf eine eigene Meinung hat. Weiter…

Ein Vetriebener: Frau Steinbach spricht nicht für mich

Von 17. November 2009 um 18:36 Uhr

Ein Leser schreibt mir in der Causa Steinbach:

Sehr geehrte Damen und Herren,

es war im März dieses Jahres, da die interessierte Öffentlichkeit aufatmete, weil Frau Steinbach erklärt hatte, auf den ihr von ihrem „Bund der Vertriebenen“ zugedachten Sitz im Stifungsrat des „Zentrum gegen Vertreibung“ zu verzichten. Und alle Welt war des Lobes voll über die darin zutage getretene Weitsicht und Selbstlosigkeit. Das soll nun nicht mehr gelten – und den neuen Außenminister werden wir wohl auch noch zur Raison bringen!
Schon damals hatte beispielsweise der Abgeordnete Bosbach (CDU) in einer Fernsehsendung (bei Anne Will) behauptet, diesen Posten zu besetzen sei das satzungsgemäße Recht des „BdV“ (Bundes der Vertriebenen), um dann  fortzufahren, dass „die Vertriebenen“ in ihren Rechten nicht beschränkt werden dürften.

Ich bin „wirklicher“ Vertriebener; denn ich bin 1929 in der Grafschaft Glatz (Schlesien) geboren bin und habe dort bis zu unserer zwangsweisen „Umsiedlung“ 1946 gelebt.
Aber ich frage mich – und seit längerem auch die Öffentlichkeit -, mit welcher Legitimation der „BdV“ für „die Vertriebenen“ (also auch für mich ?) spricht.   Und ich frage weiter: Welches sind heute – sechzig Jahre nach der Vertreibung – die Interessen und „die Rechte“ der Vertriebenen (die nicht mit den allgemeinen Rechten eines jeden deutschen Staatsbürgers deckungsgleich wären, die als solche den Schutz unseres Staates genössen und denen eine Repräsentanz durch eine der politischen Parteien offensteht) ?

1.Ganz schlicht für mich gesprochen, kann ich nur sagen, dass ich niemanden ermächtigt habe, in meinem Namen irgendwelche Erklärungen abzugeben, und dass sehr viele der Äußerungen des BdV mit meinen Überzeugungen nicht übereinstimmen.
2.Von welchen Personen der BdV und seine Sprecher ihre Legitimation ableiten, lässt sich für den normalen Bürger nicht ermitteln.
Der Bund der Vertriebenen hat keine persönlichen Mitglieder. Wer mitwirken will, muss in eine der Landsmannschaften eintreten, die ihrerseits Mitglieder des „Bundes der Vertriebenen“ sind, und dort von ihren Vereinsvorständen vertreten werden.

Solche Verschachtelungen gibt es auch andernorts, u.a. bei Handelsgesellschaften. Diese lassen sich aber, im Unterschied zum. Bund der Vertriebenen, mit geringer Mühe in ihrer Struktur und auf ihre Mitgliedersubstanz durchschauen.
Sie funktionieren auch anders. In der Regel gibt es einen Mehrheitsgesellschafter, der größeren Einfluss (von unten nach oben) ausüben will. Hat man es aber im „Unterbau“ mit mehreren Mitgliedern zu tun, können Verschachtelungen leicht dazu führen, dass die Einflussmöglichkeit des Einzelnen schwindet; er wird „mediatisiert“. Auf diese Weise könnte man die größten Apparate praktisch mit den berühmten „drei Leuten“ betreiben.
Wer sind diese und wer kontrolliert sie ?
3.Und was sind heute die (speziellen) Interessen und Rechte der Vertriebenen ?
„Die Vertriebenen“ als einigermaßen sicher abgrenzbare Interessengemeinschaft gibt es nicht mehr. Spezifische Interessen von Vertriebenen, die eine gesonderte Vertretung im politischen Raum legitimierten, hat es unmittelbar nach der Vertreibung gegeben. Dass die damals gegründete politische Partei der „Heimatvertriebenen und Entrechteten“ mit dem Erstarken des Gemeinwesens „Bundesrepublik Deutschland“ dahinschwand, war die natürliche Folge der Tatsache, dass die für den einzelnen Vertriebenen lebenswichtigen Fragen, die gleichzeitig den Bereich der allgemeinen Politik berührten (wie finde ich meine Angehörigen wieder? wo finde ich Wohnung ? wie und wo finde ich Arbeit? etc.) im Laufe der Zeit weitgehend erledigt waren, bis hin zu Ausgleichzahlungen im Rahmen des so genannten Lastenausgleichs.
Ich, beispielsweise, konnte nach unserer zwangsweisen Aussiedelung bis zum Abitur ein Gymnasium besuchen und danach studieren.  Mit dem Zweiten Staatsexamen war ich beruflich in jeder Hinsicht einem „Einheimischen“ gleichgestellt. Für mich gab es von da an – und das liegt über fünzig Jahre zurück – keine spezifischen Vertriebenenprobleme.  — Und ich stehe da ja nicht allein.

Sonderbarer Weise scheint sich für die Frage der Legitimation des privatrechtlichen Vereins, der der „BdV“ nun einmal ist, niemand zu interessieren, obwohl über diese Frage nun auch Herr Westerwelle stolpern könnte.

gez. Christhard Schiller, Rechtsanwalt, Freiburg

Kategorien: Dissens des Tages

Es geht immer um Gewalt

Von 12. November 2009 um 16:44 Uhr

Mitbloggerin Miriam berichtet folgendes von der Integrationsfront:

Ich habe gestern einen Workshop zum Thema Respekt durchgeführt mit einer ethnisch bunt gemischten Gruppe von Hauptschülern (14 J.), darunter Albaner, Iraker, Italiener, Russen, Polen und ein paar Deutsche. Die Wortführer waren Jungs albanischer, irakischer und italienischer Herkunft – keine Schlägertypen , aber gut informiert über “die Szene”. Für drei Stunden ging die Post ab. Ehre, Ficken, Jungfräulichkeit, Schlampen, Schlagen, Schwule, Opfer, Bozkurt, Black Jackets, Knast und “mein Vater will nicht, dass ich wie mein Bruder/Cousin werde”: Alles kam zur Sprache. Ich war total beeindruckt von ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit und ihrer Fähigkeit, die normativen Erwartungen ihrer jeweiligen Kultur und die Gesetze der Straße zu artikulieren. Schwer beeindruckt hat mich ihre Bereitschaft, sich auf meinen Ansatz einzulassen, dass diese Regeln und Gesetze in Albanien, im Irak, in Anatolien oder Sizilien zwar funktional sein mögen, aber in Deutschland kontraproduktiv und GG- bzw gesetzeswidrig seien, und dass man hier andere Lösungsansätze braucht. Und auch dass die Überwindung der Tradition der Preis dafür sei, dass man in diesem Land leben darf.

Es war eine total zivilisierte und respektvolle Debatte, die den Vergleich mit anderen Workshops, die ich für Sozialpädagogen, Lehrern oder Mentoren durchgeführt habe nicht zu scheuen braucht. Im Gegenteil: Es war mit das Spannendste, was ich je erlebt habe. Aber die ganze Zeit ging es letztlich um Gewalt: Gewalt als Mittel der Konfliktlösung, Gewalt als legitimes und notwendiges Erziehungsmittel, Gewalteinsatz, um die Ehre der Familie zu verteidigen, Gewalt gegen Töchter und Schwester, die sich wie Schlampen benehmen, Gewalt gegen deutsche “Opfer” (nicht gegen Nazis, denn die können sich wehren), Gewalt auf dem Fußballplatz.
Und dann beklagte sich ein junger, sehr sympathischer Italiener, dass er und sein Kumpel von zwei deutschen Jungs angemacht worden seien und sich gekloppt hätten, und dann sei die Polizei gekommen und hätten den Ausländern die Schuld gegeben. “Klar ist das unfair. Aber wundert dich das?”, habe ich ihn gefragt? Ich holte die Lokalzeitung vom Vortag aus meiner Tasche heraus und zitierte: 1. junger Frau das Handy geraubt; Täter vermutlich Südländer; 2. 49-Jähriger auf dem Fußgängerweg zwischen zwei am Rande der Stadt liegenden Dörfer von einer mit Messer und Pistole bewaffneten Gruppe junger Männer überfallen und ausgeraubt. Täter vermutlich Osteuropäer.” Und dann fragte ich ihn: “Und wer hat letztens den deutschen Jungen auf dem Sommerfest halb tot geschlagen?” “Die XY-Gang”. Und wer gehört dazu? “Kurden, Russen, Kroaten, Bosnier.”. “Und du wunderst dich, dass man annimmt, dass ihr angefangen habt?”. “Naja, eigentlich nicht.”

Ich habe die Jungs, die die Mitglieder der XY-Gang alle gut kennen, gefragt, warum diese Jungs (13 – 17 Jährige) sich trauten in ein anderes (eher bürgerliches) Viertel zu gehen und vor den Augen vieler deutscher Erwachsener sich einen deutschen Jungen zu schnappen und ihm so übel zuzurichten, dass jeder Knochen im Gesicht gebrochen wurde. Die einmütige Antwort lautete: ” Es war ein Skater, die sind alle Opfer. Und die XY-Gang hat die Black Jackets hinter sich.”

Zum Schluss mussten sie mir recht geben, dass man sich nicht wundern kann, wenn “die Deutschen” – und nicht nur die Skater mit den blöden Opferhosen – anfangen zu zittern, wenn eine Gruppe Jungmänner mit Migrationshintergrund auf sie zukommt, und dass die Polizei automatisch annimmt, die mit Migrationshintergrund seien schuld. Und dass die Deutschen aus ihrem Viertel ausziehen und nur Ausländer zurückbleiben. Und dass es keine deutschen Spieler mehr gibt in ihrem (ehemals) deutschen Fussballverein. Die Jungs haben sogar die Polizei in Schutz genommen und gemeint nicht alle Polizisten seien ausländerfeindlich oder so. Viele seien echt in Ordnung. Die Kids sind auch in Ordnung, und mit 14 “noch zu haben”. Und wenn die deutsche Gesellschaft sie nicht “holt”, dann werden es Typen wie die Black Jackets, die angeblich fleißig am Rekrutieren seien, es womöglich tun. Und dann wird es noch schwieriger, als Deutschtürke bei Sixt ein Auto zu mieten.

Wo Sarrazin Recht hat (und Lau Unrecht)

Von 12. Oktober 2009 um 17:31 Uhr

Meine diversen Texte zum Sarrazin-Interview haben eine Welle von Reaktionen ausgelöst. Manche Leser antworten noch auf dem altmodischen Weg, der unserer “dead tree edition” entspricht: Leserbriefe trudeln in hoher Zahl ein. Hier einige Proben.

Linus Westheuser, Berlin, schreibt:

Die von der ZEIT gepflegte journalistische Disziplin des Sprechens über Migranten („Unsere Angst“, grillende Ausländer im Tiergarten, etc.) bot schon einige Male Anlass, ungläubig den Kopf zu schütteln; den Vogel abgeschossen aber hat in dieser Hinsicht der Kommentar von Jörg Lau in der letzten Ausgabe.
Als habe es alle kritischen Erkenntnisse zur Konstruktion von Differenz durch Sprache nicht gegeben, wird hier ein weiteres Mal völlig selbstverständlich die Sprecherposition des mal gnädigen mal strengen Richters über Zugang und Ausschluss eingenommen, die von der Hetze der Bild-Zeitung zum Sprachduktus der Ausländerbehörden den deutschen Diskurs über Einwanderung kennzeichnet.
Die im Zentrum dieses Diskurses stehende Verfügungsmacht über Drinnen und Draußen basiert dabei, wie in dem vorliegenden Kommentar, einerseits auf diffusen Zuschreibungen nationaler Art, wie dem reichlich anmaßenden „Wir“, welches in seiner Unspezifiziertheit eine weiße, deutsche  Mehrheitsgesellschaft zu beschwören scheint. Auf der anderen Seite steht der unkritische Bezug auf ökonomische Dominanz, die sich in Äußerungen wie „ein Punktesystem muss her, das formuliert, “wen wir brauchen“ in ihrer Fixierung auf Verwertungsinteressen zeigt. Unbezweifelt bleibt in beiden Logiken, wer der ‘Herr im Hause’ ist und die Forderungen zu stellen hat.

Die Idee schliesslich, dass das weiße, deutsche „Wir“ in Reaktion auf die Leistung der Migranten, gleichsam als Integrations-Zuckerbrot, soziale Exklusion abbauen werde, ist an Zynismus kaum zu übertreffen. Es wird damit die Schuld für Ausschlussmechanismen den leistungsunwilligen Migranten selbst zugeschoben, sowie die Ausgrenzung in letzter Instanz als soziales Disziplinarinstrument legitimiert.
Es ist hier dieselbe Selbstgefälligkeit des Mächtigen am Werk, wie in der Feststellung, dass Migranten „vor allem durch Moscheenneubauten und den Kampf [!] für Gebetsräume in Schulen“ auf sich aufmerksam machen; eine Verdrehung, die geflissentlich einseitiges migrantisches Handeln mit einer einseitigen deutschen Aufmerksamkeit verwechselt.
Schon auf individueller Ebene ist es bedauerlich bis unerträglich, wenn ein offenbar gebildeter Mensch seine eigene Position so wenig hinterfragt. Die Lizenz jedoch, die eigene Unreflektiertheit auf der Titelseite eines intellektuellen Leitmediums ausbreiten zu können, macht dies zum Symptom eines weitaus schwerwiegenderen Problems, das zu benennen längst überfällig ist: Die deutsche Debatte über Einwanderung ist bestimmt von einem zunehmend unbekümmerteren Ethnozentrismus, in welchem die Äußerungen Laus sich mit denen Sarrazins trefflich überschneiden.
Nur ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, anstatt Migranten in wöchentlichen Gesprächen „unter Deutschen“ wieder und wieder mit Zuschreibungen zuzukleistern, einmal eine oder einen aus der so markierten Gruppe selbst zu Wort kommen zu lassen?”

Joachim Hosemann aus Mayen hingegen schreibt:
Sehr geehrte Damen und Herren,

als Zeitabonnent und Kenner der Berliner Verhältnisse ärgerte mich, dass Sie das Sarrazin-Interview zu brennend heißen Problemen mit türkisch-arabischen Immigranten nicht brachten, es aber im Sinne der Gutmenschen lau kommentierten. Weiter…

Wir brauchen (doch) keine Einwanderer

Von 7. Oktober 2009 um 23:00 Uhr

Mitblogger jmb schreibt zu meinem Sarrazin-Leiter:

Ich kenne die Situation in den Berliner Jobcentern. Es gibt dort auch genug türkisch-, arabisch-, oder russischstämmige Akademiker unter den Langzeitarbeitslosen. Oft ist die Qualifikation gut, Studium an deutschen Hochschulen, etc.- aber das Deutsch hat “Erkan und Stefan”- Niveau. Auf den bestimmten Artikel wird gerne verzichtet, wie es in Berlin im alltäglichen Umgang im Migrantenumfeld schon fast üblich geworden ist. Natürlich haben sie auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen. Wie sind sie durch ein Studium in Deutschland gekommen? Wie haben sie Hausarbeiten, Prüfungen und Referate geschrieben? Da haben die Prüfer ein Auge zugedrückt. Aber die eigentliche Frage ist doch: Wäre es uns denn lieber, wenn die muslimischen Migranten erfolgreicher wären? Ich als z. zt. arbeitsloser deutscher Ingenieur muß sagen: Nicht wirklich. Im Einzelfall freue ich mich natürlich für jeden, der einen Job bekommt, es waren durchweg nette Menschen, allein schon deswegen, weil sie meist – im Gegensatz zu den Deutschen – über eine großen Familienzusammenhang verfügen, so daß die Arbeitslosigkeit einen geringeren Stellenwert in ihrem Leben einnimmt, sie sind dadurch lockerer und selbstbewußter. Besser als in den Herkunftsländern ihrer Eltern geht es ihnen hier allemal. Aber gesamtgesellschaftlich: Was ist gewonnen, wenn wir die wenigen in Deutschland vorhandenen qualifizierten Arbeitsplätze an mehr Zugewanderte vergeben? Ich glaube nicht an das Märchen, daß die Einwandererkinder “unsere Rente bezahlen”, wie uns immer eingeredet wird. Der zunehmend kleine Kuchen “Arbeit” kann eben nicht auf beliebig viele Menschen verteilt werden.

Der Konservatismus ist nicht tot!

Von 24. September 2009 um 16:03 Uhr

Ein Leser, der sich von meiner Behauptung getroffen fühlt, Merkel habe der Union eine “Obsession” mit einem Konservatismus ausgetrieben, den ohnehin keiner mehr lebt, schreibt mit folgenden Brief, der mich sehr berührt:

Bild 5

Herr T. aus Essen hat absolut Recht mit diesem Einwurf. Diesen Konservatismus hatte ich nicht gemeint. Den finde ich selber hochaktuell. Ich würde ihn gern eines Tages in Form einer schwarz-grünen Regierung politisch verwirklicht sehen. Aber ich fürchte, das ist noch eine Weile hin.

Kategorien: Dissens des Tages

Warum wir in Afghanistan nicht gewinnen können

Von 8. September 2009 um 16:43 Uhr

Mitblogger Zagreus gibt zu Bedenken:

Selbstverständlich kann man einen Guerillakrieg gewinnen – die Frage dabei ist im Grunde sehr einfach: welchen Preis ist man bereit zu zahlen dafür.
WIR können ihn nicht gewinnen, denn wir können den Preis nicht zahlen – und darum bin ich dafür, daß wir aus Afganistan raus gehen und halt die Taliban  dort wieder die Herrschaft ergreifen lassen.
Lau kann sich ja dann wieder über irgendwelche Hinrichtungen und Steinigungen in Sportarenen aufregen …
Wie gewinnt man solch einen Guerilla-Krieg: (…) indem man noch grausamer als die Taliban gegen all die vorgeht, die irgendwie den Taliban helfen.
Den Leuten muss bewußt werden, daß Hilfe für einen Taliban in irgeneiner Form einem Todesurteil für sich und seine Gemeinschaft gleichkommt. Hingegen muß es ein gutes Geschäft sein, sich gegen die Taliban zu stellen – und nicht wie jetzteinem Selbstmord gleichkommen.

Lau jammert in einem Kommentar weiter oben über die ‘verbrannten Leichen’, und andere Journalisten sind geschockt darüber, daß ‘Zivilisten’ umgekommen sind – nachts um ca. 2:30 bei einem Angriff
auf Tanklastwägen mehrere Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Zivilisten? Kinder? – Pech gehabt, oder: das waren mindestens Sympathisanten – Leute, die es als relativ ungefährlich eingeschätzt haben sich den Taliban dort zu nähern.

Eine entscheidende Frage gibt es aber trotzdem – und auf die wüßte ich gerne eine Antwort: was wollen wir dort erreichen langfristig bei diesen Menschen?
Das wir für uns wollen, daß Afganistan relativ stabil ist und von dort keine Unterstützung für Terroristen mehr ausgeht, ist eine Seite.


Aber was haben wir den Menschen dort zu bieten im Gegenzug?
Irgendwie sehe ich nicht, wie in Afganistan in absehbarer Zeit irgendeine breitflächigere wirtschaftliche Perspektive aufgebaut werden kann, die helfen kann, die dortigen arachaischen Strukturen, diese Stammes-, Clan- und Dorf-Feudalherrschaften zu einer Zivilgesellschaft umzuwandeln.
Ich will dabei kein Wunder erwarten – allein sollte schon ein Bauer z. b. die Möglichkeit haben vom Verdienst seiner Hände sich und seine Familie ernähren zu können und nicht auf Drogenanbau angewiesen sein.
Das Land muss zumindest intern genug erwirtschaften, um eine funktionierende Infrastruktur (…) aufrecht erhalten zu können – so daß z. b. irgendwann eine Entwaffnung der Bevölkerung eintreten kann.
Darauf habe ich irgendwie keine Antwort …

Auch sollte man nicht vegessen, was die Taliban geleistet haben.
Sie haben (…) die meisten Streitereien der sich untereinander bekämpfenden Stammesfürsten und Warlords beendet – zum Teil einfach dadurch, daß sie jeden umbrachten, der dagegen verstoßen hatte. Damit haben sie eine Sicherheit geschaffen -  Sicherheit, die aus Angst entspringt, aber Sicherheit. Die antiken Strafen des Gesetzgebers Drakon waren ebenfalls inhuman und doch ein Fortschritt gegenüber all dem, was vorher war – nämlich sich bekriegenden Adelsgeschlechtern. Man sollte im Auge behalten, daß schlimme Zustände besser sind als noch Schlimmeres.