Die wahren Feinde der Muslime und Araber

Der israelische Journalist Ben Dror Yemini hat dieser Tage in der Zeitung Ma’ariv eine Serie veröffentlicht, die weit über Israel hinaus Aufsehen erregen sollte. Der Titel der drei Aufsätze lautet „Und die Welt schweigt“ – über das Leiden der Muslime und Araber. Wenn in unseren Debatten über Terrorismus und Islamismus davon die Rede ist, man müsse endlich „die Ursachen“ der islamischen Wut gegen den Westen bekämpfen, dann wird dabei meist an die Situation der Palästinenser unter der Besatzung gedacht.

Ben Dror Yeminis Forschungen erlauben es, das Leiden der Palästinenser in den Zusammenhang der muslimisch-arabischen Leidensgeschichte der letzten Jahrzehnte zu stellen. Der hoch respektierte Journalist hat etwas sehr naheliegendes getan: Er hat – so weit es die Zahlen von amnesty, der VN und anderer vetrauensvoller Quellen zulassen – einfach mal zusammengerechnet, in welchen Konflikten die meisten Araber getötet wurden. Seine Zahlen – er hat sich an die jeweils konservativste Schätzung gehalten, sind erschütternd:

  1. Algerien – ca. 600.000 Getötete, vor allem durch die französische Armee zwischen 1954-1962
  2. Sudan – zwischen 2.6 und 3 Millionen Tote in mehreren Bürgerkriegen und Völkermorden, die seit Mitte der fünfziger Jahre von arabischen Muslimen an schwarzafrikanischen Bewohnern des Südens begangen wurden, auch unter ihnen viele Muslime
  3. Afghanistan – 2 bis 2.5 Millionen Tote, davon mehr als die Hälfte durch die sowjetische Invasion, der Rest durch den anschließenden Bürgerkrieg
  4. Somalia – 400.000 bis 550.000 Tote in dem seit 1977 andauernden Bürgerkrieg
  5. Bangladesh – 1.4 bis 2 Millionen, nachdem das Land 1971 die Unabhängigkeit von Pakistan suchte. Nach einem Regierungsbericht Bangladeshs werden 1.247 Millionen Tote den systematischen Massakern der pakistanischen Armee zugeschrieben
  6. Indonesien – 400.000 Tote durch Massaker der Suharto-Armee in den Jahren 1965-1966
  7. Irak – 450.000 – 670.000 Tote im Krieg mit dem Iran zwischen 1980-88. (Auf Seiten des Iran starben 450.000 bis 670.000 Menschen.) Bis zu einer halben Million Toten durch „Säuberungen“ aller Art unter Saddam Hussein. Bis zu 200.000 Schiiten wurden 1991-92 während des Aufstands durch die irakische Regierung getötet. Zwischen 200.000 und 300.000 Kurden wurden vom Bath-Regime ermordet. Eine halbe Million Iraker ging an den Folgen der UN-Sanktionen zugrunde. Täglich sterben sunnitische und schiitische Muslime im Bürgerkrieg nach der Besatzung des Irak. Etwa 100.000 Opfer soll die Besatzung nach manchen Schätzungen gekostet haben.
  8. Libanon – 130.000 Menschen, vor allem durch Landsleute anderer Religion und Ethnie getötet zwischen 1975 und 1990. 18.000 Opfer des libanesischen Bürgerkriegs gehen auf israelische Einmischung zurück.
  9. Jemen – 150.000 Tote im Bürgerkrieg zwischen 1962 und 1970
  10. Tschetschenien – 80.000 bis 300.000 Opfer zwischen 1994 und 2001
  11. Jordanien – 10.000 bis 25.000 Ermordete in den Massakern des „Schwarzen September“ (palästinensische Schätzung), bei denen die jordanische Armee palästinensische Flüchtlinge tötete
  12. Kosovo – ca. 10.000 tote Muslime zwischen 1998 und 2000
  13. Syrien – ca. 20.000 Tote bei dem Massaker von Hama (1982), dem Gipfelpunkt der systematischen Verfolgung der Muslimbruderschaft durch Hafis El Assad
  14. Iran – zehntausende Tote nach der Revolution von 1978. Bis zu einer Million Toten im Krieg mit dem Irak
  15. Palästina – ca. 60.000 Tote im arabisch-israelischen Konflikt, die Mehrzahl davon nicht palästinensisch, sondern aus den umliegenden arabischen Staaten. 1378 Palästinenser wurden während der ersten Intifada getötet, 3700 seit Beginn der zweiten

Ben Dror Yemini schreibt, nachdem er diese furchtbaren Zahlen ausgebreitet hat, mit einiger Plausibilität, daß die Muslime und die Araber selber am meisten unter der Fixierung der Weltöffentlichkeit auf den Palästina-Konflikt leiden. Die wahren Ursachen ihres Leidens werden nicht thematisiert.

There are those that claim that Arab and Muslim states are immune from criticism, because they are not democratic, but Israel is more worthy of criticism because it has democratic pretences. Claims like this are Orientalism at its worst. The covert assumption is that the Arabs and the Muslims are the retarded child of the world. They are allowed. It is not only Orientalism. It is racism.

The Arabs and the Muslims are not children and they are not retarded. Many Arabs and Muslims know this and write about it. They know that only an end to the self-deception and a taking of responsibility will lead to change. They know that as long as the west treats them as unequal and irresponsible it is lending a hand not only to a racist attitude, but also, and mainly, to a continuation of their mass murder.

The genocide that Israel is not committing, that is completely libelous, hides the real genocide, the silenced genocide that Arabs and Muslims are committing mainly against themselves. The libel has to stop so as to look at reality. It is in the interest of the Arabs and the Muslims. Israel pays in image. They pay in blood. If there is any morality left in the world, this should be in the interest of whoever has a remaining drop of it in him. And should it happen, it will be small news for Israel, and great news, far greater news, for Arabs and Muslims.

 

Neues aus Londonistan

Die New York Times berichtet, daß die selbe islamische Schule südlich von London, in der Freitagnacht 14 Verdächtige festgenommen wurden, denen man Rekrutierung und Ausbildung von Terroristen vorwirft, zuvor von der Polizei aus Ausbildungsstätte für „Diversity Training“ benutzt wurde.
Während Polizisten sich in der Jamiah Islamiah Schule in Sussex in interkultureller Sensibilität unterrichten ließen, so der Verdacht, lief dort parallel Unterricht für aufstrebende Dschihadisten.
Die wohlmeinenden Polizisten studierten also den Koran, während sich sozusagen nebenan eine Gruppe junger Kämpfer auf „Märtyreroperationen“ vorbereitete?
Der britische Multikulturalismus zeigt sich immer mehr als eine Form organisierter Verantwortungslosigkeit.
Seit 1999 war bereits bekannt, daß der radikale Haßprediger Abu Hamza Kontakte zu der Schule pflegte.

 

Die „linke“ Rhetorik der Hisbollah


Hazem Saghieh, der große Liberale unter den arabischen Journalisten, schreibt in Al-Hayat vom 28. August eine ätzende Kritik der revolutionären Rhetorik der Hisbollah und ihres Führers Hassan Nasrallah (Foto rechts). Will solche kritischen Stimmen im Westen noch jemand wahrnehmen?
Für den „alten, korrupten, merkantilen Libanesen“, so Saghieh, sei kein Platz in der schönen neuen Welt, die der „historische Sieg“ der Hisbollah heraufbeschwört.
Saghieh, selber ein früherer Linker, fühlt sich durch die linke, „zweifellos progressive“ Rhetorik an alte Zeiten erinnert, weil man uns „wieder einmal aufzeigt, wer – wie der alte Lenin sagte – die Freunde und die Feinde des Volkes sind“.
„Unbedeutende korrupte Leute, die schlaflose Nächte in Sorge über irdischen Dingen verbringen, müssen jetzt Platz machen für Leute, die nur über der Frage der Geschichte schlaflos werden“, schreibt Saghieh mit Blick auf das aussichtslose Duell des Ministerpräsidenten Siniora mit dem Hisbollah-Führer Nasrallah um die moralischen Führerschaft im Libanon: „Diejenigen, die Tränen vergießen, wie Fouad Siniora, müssen denjenigen weichen, die nicht einmal bluten, wenn sie geschnitten werden.“
„Hitler, Stalin und Chomeini“, so Saghieh, waren von dieser Art.
Sie waren trunken von ihrer geschichtlichen Sendung. Sie waren nicht korrupt. Sie kannten keine Skrupel.
„Ohne Zweifel gehören Hassan Nasrallah und Hisbollah zu dieser Schule des Denkens.“

 

Schäuble, Islamismus, Israel


Der Bundesinnenminister schafft es irgendwie, in ein und demselben Interview in der ZEIT mehr Geld für den Verfassungsschutz zur Beobachtung von Islamisten zu fordern und Milli Görüs zur baldigen Islam-Konferenz einzuladen (siehe Link in der Titelzeile).
Zugleich nimmt er Israel in Schutz gegen die Propaganda, „dass die Ungerechtigkeit gegenüber den Muslimen in dieser Region geringer wäre, wenn es den Staat Israel nicht gäbe“. Schäuble nennt es eine „Lebenslüge eines Teils der arabischen Welt, zu glauben, die Existenz des Staates Israel sei die Ursache der Probleme und der Ungerechtigkeiten.“
Vor dem Hintergrund der Kofferbomben-Attentate und den Verbindungen der Täter in den Libanon sagt Schäuble: „Ich halte es für falsch, zu glauben, wir würden weniger bedroht, wenn wir uns nicht beteiligen – ob auf dem Balkan, in Afghanistan, am Horn von Afrika oder im Libanon.“

 

Der britische Flirt mit islamischen Radikalen

Jetzt blickt die Welt auf den gefährlichen Kurs der britischen Islampolitik zwischen Multikulturalismus und Anbiederung bei Extremisten: Der Journalist Martin Bright hat den Schmusekurs der britischen Regierung mit islamistischen Radikalen recherchiert. Die vollständige Recherche steht unter diesem Link.

 

Die Linke und Hisbollah

Hazem Saghieh – siehe das unten stehende Interview – setzt sich in einem Essay für Opendemocracy mit der finsteren Allianz der europäischen Linken und der Hisbollah auseinander. Die europäische Linke verrät ihre Wurzeln, wenn sie sich im Namen des Antiimperialismus mit den Gotteskriegern gemein macht. Es ist gut und schön, schreibt Saghieh, gegen Bush und Blair zu demonstrieren. Aber wenn dabei kein böses Wort über Scheich Nasrallah fällt, dann stimmt etwas nicht.

 

Hazem Saghieh über das Unbehagen der Araber in der Moderne

Interview mit Hazem Saghieh aus der ZEIT vom 17.8.2006

WARUM DIE WUT WEITER WACHSEN WIRD

DIE ZEIT: Herr Saghieh, die Welt ist schockiert von den Londoner Attentatsplänen . Welche Rolle spielt die Entwicklung im Nahen Osten für die jungen britischen Muslime, die sich dem Terrorismus verschreiben?

Hazem Saghieh: Man kann das gar nicht überschätzen. Die Wut und die Frustration der jungen Leute im Westen wird durch die Bilder von amerikanischen und israelischen Kriegsgräueln immer weiter angefacht. Alles wird dem bereits vorhandenen Weltbild »Wir gegen sie« eingefügt. Tschetschenien, Bosnien, Afghanistan, Irak, Palästina und Libanon bilden darin ein einziges Panorama muslimischen Leidens. Besonders beunruhigend: Die innermuslimischen Widersprüche spielen keine Rolle mehr. Im Irak bringen sunnitische Radikale Schiiten um. Im Libanon aber unterstützen sie die schiitischen Extremisten von Hisbollah gegen Israel.

ZEIT: Ihre Zeitung, Al Hayat, gilt als das liberale Flaggschiff der arabischen Presse. Wie wird der Libanon- Konflikt unter arabischen Meinungsmachern debattiert?

Saghieh: Die arabische Mehrheitsmeinung feiert Hisbollah. Zwar gibt es noch Kritik von nichtschiitischen Libanesen und einige wenigen arabischen Intellektuellen, die noch kontrafaktisch an Frieden und Verständigung glauben. Man kann das aber kaum eine Debatte nennen, weil sich die beiden Meinungslager nicht begegnen.

ZEIT: Wie sieht es unter den jungen Muslimen in
England aus?

Saghieh: Mich beunruhigt ihre Tendenz zur Selbststigmatisierung. Man inszeniert sich mehr und mehr genau so, wie das Vorurteil der Islamophoben die Muslime sieht: immer mehr Kopftücher, immer mehr äußerliche Zeichen des Andersseins. Man grenzt sich selber aus. Ich muss selbstkritisch sagen: Die arabischen Medien sind nicht sehr hilfreich für die Integration der Migranten in Europa. Al-Dschasira sagt den Leuten nicht, wie sie sich hier besser zurechtfinden, sondern wie sie sich besser von der Mehrheit unterscheiden können. Die mediale Globalisierung macht es Einwanderern durch Internet und Satellitenfernsehen sehr leicht, in der virtuellen Öffentlichkeit ihrer Herkunftsländer weiterzuleben, statt sich für ihre neue Heimat zu interessieren.

ZEIT: Ist diese Abschottung nicht eine Reaktion auf das Gefühl, unerwünscht zu sein?

Saghieh: Das mag sein. Aber ich halte die ganze Fixierung aufs Anderssein für sehr gefährlich. Britische Muslime reden gerne vom Recht auf kulturelle Differenz. Doch das meiste Gerede von Differenz und Identität ist leichtfertiges Geschwätz. Es führt die Migranten in eine Sackgasse, in ein selbst gewähltes Ghetto. Man darf dann nämlich nicht mehr vergleichen und werten, weil das schon eine Verletzung des Rechts auf Differenz ist. Das Beharren auf einer besonderen Identität führt in die selbst gewählte Unmündigkeit.

ZEIT: Zu Beginn des Krieges gab es in der arabischen Öffentlichkeit auch Kritik an Hisbollah.
Wie sehen Ihre Leser die Lage jetzt?

Saghieh: Ich fürchte, die große Mehrheit der Araber bewundert Hisbollah für einen vermeintlichen Sieg, wie ihn – so die Propaganda – arabische Armeen in vielen Kriegen nicht erzielen konnten. Scheich Nasrallah gilt in der arabischen Welt heute als zweiter Nasser. Es ist leicht zu verstehen, warum: Die Frustration durch die eigenen Regime, die Demütigung durch Amerika und Israel und das allgemeine Unbehagen in der Moderne suchen Ausdruck, und all das projiziert man auf den so genannten Widerstand von Hisbollah. Mich erschüttert, dass es den meisten dabei ziemlich egal ist, was aus meinem Heimatland, dem Libanon, wird. Durch diese Eskalation gibt es jetzt nur noch die Logik des »Wir gegen sie«. Und wenn dabei ein kleines Land namens Libanon draufgeht, dann ist das eben so.

ZEIT: Was bleibt von den Hoffnungen des letzten Jahres, als im Libanon die Zedernrevolution stattfand?

Saghieh: Wir wissen nicht, was vom Libanon überhaupt noch übrig bleiben wird. Mindestens ein Fünftel der Bevölkerung wurde vertrieben, die Infrastruktur wurde zerstört. Der Libanon bezahlt die Rechnung für die Fehler der modernen arabischen Geschichte. Wir haben 17 verschiedene Religionsgruppen mit 17 verschiedenen Versionen der libanesischen
Geschichte und ebenso vielen Vorstellungen davon, was es heißt, Libanese zu sein. Wenn das Land überleben soll, müssen drei Dinge in Angriff genommen werden: Als multireligiöses Land brauchen wir politische Neutralität. Wir brauchen die Trennung zwischen Religion und Staat. Und das Problem von Hisbollah als Staat im Staate muss gelöst werden. Bleibt die Frage, ob der Libanon in der Lage sein wird, Hisbollah zu entwaffnen, ohne dabei in einen neuen Bürgerkrieg zu schlittern.

ZEIT: Wie geht es Ihren Verwandten und Freunden im Libanon?

Saghieh: Zum Glück wurde niemand verletzt. Manche haben ihre Häuser und ihre Habe verloren. Die israelischen Angriffe auf Zivilisten waren barbarisch. Sie werden eine schreckliche Langzeitwirkung auf die nachbarschaftlichen Beziehungen in der Region haben. Der Antisemitismus in der arabischen Welt wird abermals gestärkt werden.

ZEIT: Aber Israel konnte doch nicht hinnehmen, dass es von einer Terror-Miliz beschossen wird und die libanesische Armee zusieht?

Saghieh: Es ist eine schreckliche Logik am Werk: Je mehr Israel von den Arabern abgelehnt wird, umso harscher fallen seine Reaktionen aus. Die Israelis waren fürchterlich enttäuscht, als der Clinton/ Barak-Vorschlag in Camp David von Arafat verworfen wurde. Und als nach dem israelischen Rückzug aus dem Libanon der so genannte Widerstand von Hisbollah erst richtig losging, hat sich endgültig das Gefühl festgesetzt, dass Israel in der Region niemals willkommen sein wird.

ZEIT: Wo lag die libanesische Verantwortung für die Eskalation?

Saghieh: Mein Land bezahlt jetzt den Preis für die Inkompetenz seiner politischen Elite. Wir haben es nicht verstanden, einen Staat aufzubauen, der den Namen verdient. Hisbollah ist, wie jeder sehen konnte, viel stärker als der reguläre libanesische Staat. Sie hat Rückhalt unter den Schiiten, der größten Glaubensgruppe des Landes, und ist nach dem Staat der zweitgrößte Arbeitgeber im Lande. Im Libanon können Sie wie unter einem Vergrößerungsglas die arabische Unfähigkeit, sich mit dem Konzept des Nationalstaates zu versöhnen, beobachten. Die Menschen stellen ihre ethnisch-religiösen Zugehörigkeiten nicht für die Loyalität zu einem Staat zurück. Das Problem von Hisbollah – dass sich bei uns ein Staat im Staate gebildet hatte – hätten wir selber lösen müssen. Je länger die libanesische Regierung dies aufschob, umso harscher musste die israelische Reaktion ausfallen.

ZEIT: Stand dabei nicht auch die Angst vor der werdenden Atommacht Iran im Hintergrund, die Hisbollah unterstützt?

Saghieh: Sicher. Iran versucht im Libanon, mit Hilfe von Hisbollah, einen Coup gegen das geopolitische System des Nahen Ostens, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat. Iran will das Staatensystem des Nahen Ostens umstürzen, indem es Hisbollah und Hamas unterstützt. Früher entschieden die arabischen Staaten über Krieg und Frieden mit Israel. Heute versucht Iran, ihnen durch Hisbollah und Hamas die Souveränität in diesen Fragen zu nehmen – und stellt sich dabei gleichzeitig als Schutzmacht der arabischen Sache in Palästina dar. Seine neue Macht verdankt Iran allerdings nicht zuletzt Amerika, das seine Feinde in Afghanistan und im Irak beseitigt hat.

ZEIT: Konnte man diese Wendung schon vor dem Irak-Krieg voraussehen?

Saghieh: Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, dass ein Krieg mit dem Irak eine Stärkung Irans bedeutet. Der Krieg mit dem Irak war eine große Torheit. Die Europäer haben gut daran getan, sich nicht zu beteiligen. Es war geopolitisch verrückt, diesen Krieg vom Zaun zu brechen. Vielleicht steckt gar keine tiefe politisch Analyse hinter diesem Abenteuer, sondern die apokalyptische Idee von der schöpferischen Zerstörung – dass das gute Neue nur aus der Destruktion des schlechten Bestehenden erwachsen kann.

ZEIT: Teilen Sie als arabischer Liberaler nicht die Hoffnung auf Demokratie in der Region?

Saghieh: Man kann nicht in einer Despotie zu Bett gehen und am nächsten Morgen in der Demokratie aufwachen. Man braucht eine lange Übergangsperiode, in der es politische Stabilität gibt, Mittelschichten wachsen können, Frauenrechte respektiert werden. Schauen Sie: Vor dem Irak-Krieg war ich in Washington in einem regierungsnahen Think Tank eingeladen, über den Irak zu sprechen. Die Neokonservativen sahen die Befreiung des Iraks von Saddam Hussein in Analogie zum Sturz der totalitären Herrschaft in Mitteleuropa. Ich gab zu bedenken: Mitteleuropa war schon lange in einer unglücklichen Liebesgeschichte
der westeuropäischen Demokratie verbunden. Lesen Sie Kundera, Havel, Konrad! Die
Sowjetunion musste mit Gewalt verhindern, dass diese Liebe erfüllt wurde. Als die Regime fielen, kam die unterdrückte gute Gesellschaft zum Vorschein. Saddam Hussein dagegen hat teils sogar Leute unter dem Deckel gehalten, die noch viel fanatischer antiwestlich waren als er selbst. Beseitige den bösen Staat, und die gute Gesellschaft wird sich zeigen – dieses Konzept funktioniert im Nahen Osten nicht. Aber das wollte man in Washington nicht hören.

ZEIT: Warum unterstützen heute auch viele ehemalige Linke in der arabischen Welt die Islamisten?

Saghieh: Man sieht in den Islamisten die letzten erfolgreichen Kämpfer gegen das Imperium. Manche Linke – etwa in Ägypten – arrangieren sich wohl auch schon mit der kommenden Macht, wenn sie heute die Muslimbrüder unterstützen. Dabei arbeiten sie in Wahrheit ihren künftigen Henkern in die Hände. Wo Islamisten an die Macht kamen, wie in Iran und im Sudan, wurden die Linken eingesperrt und gefoltert. Das Trittbrettfahren manches Linken bei dem Islamisten ist auch ein Indiz für den katastrophalen Zustand der Zivilgesellschaftem im Nahen Osten. Die kritische Öffentlichkeit und die Intellektuellen sind in unseren despotischen Gesellschaften marginalisiert, die Politik ist in diesen Despotien von der Zivilgesellschaft völlig abgeschottet. Die Islamisten versprechen, dies aufzuheben. Das macht sie interessant. In einer Debatte mit einem arabischen Linken, der mit den Islamisten sympathisiert,
habe ich gesagt: Dein Handy ist aus dem Westen, dein Anzug ist westlich, die Art, wie wir hier
debattieren, ist westlich. Wie kannst du den Westen hassen? Er wusste keine Antwort.

ZEIT: Was ist Ihre Erklärung?

Saghieh: Es hat mehr mit Psychologie als mit Politik zu tun. Die Modernisten in unseren Gesellschaften – und das schließt die modernen Fundamentalisten ein – hassen den Westen mehr als die Traditionalisten.

ZEIT: Was steckt hinter diesem Selbsthass?

Saghieh: Gerade weil wir so viel vom Westen übernehmen – Technik, Wissenschaft, Mode, Lebensweise –, fühlen wir unsere Unterlegenheit. Wir hassen, wovon wir abhängig sind. Das ganze Gerede über die Größe der islamischen und arabischen Kultur vor tausend Jahren gehört auch in diesen Zusammenhang: Denn heute sieht es in unseren Gesellschaften durchweg finster aus. Es ist eine Tatsache, dass wir Araber in der modernen Welt nicht glücklich sind. Und ich glaube, wir sind vor allem darum nicht glücklich, weil wir uns mit der Tatsache nicht versöhnen können, dass der Westen diese Welt nach seinem Bild formt. Die politische Welt besteht aus Nationalstaaten nach westlichem Muster. Wir haben damit in der arabischen Welt kein Glück gehabt. Und die letzte Ideologie des Widerstands gegen diese Weltordnung, die sich durch die Globalisierung über den Erdball ausbreitet, ist in unserer Region der politische Islamismus. Mit seiner Fiktion der weltumgreifenden Umma, die nach der Scharia lebt, bietet er eine Gegenglobalisierung an.

ZEIT: Lässt sich das arabische Unbehagen in der Moderne nicht mit dem deutschen Antiwestlertum zwischen den Weltkriegen vergleichen?

Saghieh: Deutschland hat, nachdem es von den Alliierten besiegt wurde, die Moderne akzeptiert und aus der Niederlage moralische und politische Konsequenzen gezogen. Man hat die Niederlage nach einer Weile als Befreiung begriffen. Als Franco starb, wurde Spanien nahezu überganslos zur Demokratie, ähnlich auch Portugal und Griechenland, nachdem ihre Militärherrscher abtraten. Schauen Sie dagegen auf die arabische Welt: Nasser stirbt, Sadat stirbt, Hafis al-Assad stirbt – nichts verändert sich. Dies nicht wahrhaben zu wollen ist die große Torheit der Neokonservativen in der amerikanischen Regierung.

ZEIT: Wie steht es unter diesen Bedingungen um die moderaten Stimmen in der arabischen Öffentlichkeit? Werden sie durch die Kriegslogik gezwungen, zu schweigen oder sich mit den Radikalen zu solidarisieren?

Saghieh: Wir arabischen Liberalen sind sehr unter Druck. Es gab im Libanon auch unter schiitischen Intellektuellen starke Kritik an Hisbollah. Angesichts der vielen Opfer auf schiitischer Seite schweigen diese Stimmen. Hisbollah mag geschwächt sein, aber sie hat immer noch die Gewehre, den Einfluss und den Märtyrerstatus.

ZEIT: Wie ergeht es den verbliebenen kritischen Intellektuellen in Syrien?

Saghieh: Das Regime nutzt die Gunst der Stunde und geht mit Härte gegen seine Kritiker vor. Jede Kritik gilt als Landesverrat. Die Situation im Irak arbeitet Assad bei der Unterdrückung der Opposition in die Hände. Wer ihn kritisiert, wird als amerikanischer Spion verhaftet. Auf Forderungen nach Demokratie antwortet das Regime: Wollt ihr in Anarchie leben wie die arabischen Brüder im Irak?

ZEIT: Ist es sinnvoll, die Syrer ins Spiel zu bringen, wie es der deutsche Außenminister versucht?

Saghieh: Im Prinzip ist das richtig, denn im Libanon kann es keinen Frieden ohne Syrien geben. Aber ich fürchte, die Syrer werden einen Preis verlangen, den keiner zahlen kann, wie etwa die Rückgabe der Golan-Höhen durch Israel. Syrien und Iran haben ein rein instrumentelles Verhältnis zur Diplomatie. Diese Regime fühlen sich weder an Menschen- noch an Völkerrechte gebunden. Sie profitieren ihrer Natur nach von der Zuspitzung. Ich bin darum pessimistisch, ob sie an einer diplomatischen Lösung wirklich interessiert sind.

ZEIT: Kann eine internationale Friedenstruppe den Südlibanon befrieden?

Saghieh: Das hängt sicher von der Haltung der Iraner und Syrer ab. Welche europäische Armee wird sich ohne iranische oder syrische Garantien in den Libanon begeben, wo die Taktik des Selbstmordattentats bekanntlich erfunden wurde?

ZEIT: Was wird aus den reformerischen Kräften in der Region?

Saghieh: Sie sind schwächer denn je. Es fing mit Chatamis Entmachtung durch Ahmadineschad in Iran an, Abu Masen muss sich in Palästina gegen Hamas behaupten, Fuad Siniora im Libanon steht durch den Krieg mit dem Rücken zur Wand. Das sind alles nette, moderate Leute – aber sie können die Hoffnungen nicht erfüllen, die in sie gesetzt werden. Die Kombination der brutalen israelischen Kriegsführung mit der ohnehin schon explosiven Frustration in unserer Region ist dabei eine zerstörerische Kraft.

ZEIT: Sie klingen sehr finster.

Saghieh: Nun, immer noch stehen wir ratlos vor der Aufgabe, die Welt nach dem Kalten Krieg neu zu ordnen. Der Gegensatz der Weltmächte in der zweigeteilten Welt hatte die religiösen, nationalen und ethnischen Konflikte nur verdrängt, die wir jetzt bewältigen müssen. Und im Krieg gegen den Terrorismus wird leider die Frage der Gerechtigkeit in der Weltordnung zugunsten von Sicherheitsfragen an den Rand gedrängt. Das Erbe der Aufklärung, der Universalismus, ist sehr geschwächt. Der Westen selber hat Mitschuld daran: Er hat die Frage der Gerechtigkeit den Radikalen überlassen und zugleich in überzogener philosophischer Selbstkritik die Aufklärung unterminiert. Der Westen wird in der arabischen Öffentlichkeit heute sehr oft auf kulturelle Dekadenz und ökonomischen Imperialismus reduziert, als dessen Opfer sich Muslime nicht ganz zu Unrecht sehen. Das Versprechen des Westens bedeutet für mich aber auch Rechtsstaat, Frauenemanzipation, wissenschaftlicher Fortschritt und wirtschaftliche Dynamik. Der Preis für den Rückzug der Aufklärung ist hoch. Die meisten Araber und die große Mehrzahl der Muslime verabscheuen den Terrorismus. Sie müssen sich aber viel aktiver dagegen engagieren. Es wird immer schwieriger, das heute in der Öffentlichkeit, für die ich schreibe, zu vertreten. Die Logik des Krieges ist Gift für die Selbstkritik.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE JÖRG LAU
copyright DIE ZEIT

Hazem Saghieh
ist Meinungsredakteur von »Al Hayat«,
der zweitgrößten arabischen Zeitung.
Saghieh, 1951 im Libanon geboren, gilt
als die Stimme der arabischen Liberalen.
In seinen Kommentaren setzt er
sich kritisch mit Antisemitismus, Islamismus
und Terrorismus auseinander.
1997 erschien sein Buch »Verteidigung
des Friedens«. Saghieh lebt in London.
http://english.daralhayat.com