Im letzten Monat war ich auf einem Podium mit Flemming Rose, dem Redakteur der Jyllands Posten, der seinerzeit die Karikaturen in Auftrag gegeben hatte, die dann einen weltweiten Skandal auslösten. Wir diskutierten beim Berliner Literaturfestival über Blasphemie und Meinungsfreiheit. Ich war der Moderator des Abends. Den Veranstaltern hatte ich geraten, als Muslimvertreter Aiman Mazyek einzuladen. Mazyek kam dann auch, es hätte eine interessante Debatte werden können. Irgendwie hat es nicht funktioniert. Vielleicht war es meine Schuld. Schade, eine verpasste Gelegenheit. Rose und Mazyek waren sich schon einmal in Washington begegnet. Die beiden haben sich durchaus etwas zu sagen.
Wie dem auch sei: Es war gut, Flemming Rose wieder zu sehen. Ich hatte ihn seinerzeit in Kopenhagen getroffen, als ich über die Karikaturen-Affäre recherchierte. Er kann mittlerweile wieder seinem Beruf nachgehen, er ist Auslandschef der JP, er tritt nicht oft auf, Berlin war eine Ausnahme. Zwei sehr breitschulterige Herren begleiteten ihn. Die JP muss viele Millionen für Sicherheit ausgeben, das Gebäude in Kopenhagen hat mehrere Schleusen. Immer wieder gibt es glaubhafte Drohungen. Es ist irre, dass man das in unseren Zeiten für normal hält.
Die Zeichnung, die am meisten Erregung ausgelöst hat, ist bekanntlich die von Kurt Westergaard angefertigte, die einen Mann mit Turban zeigt, in dem Turban eine Bombe. Westergaard selber ist vor gar nicht langer Zeit einem Anschlag knapp entkommen, weil er einen “panic room” in seinem Haus hat.
Diese Zeichnung war mir vor einigen Wochen wieder eingefallen, als ich über die Ermordung des afghanischen EX-Präsidenten Rabbani las. Der Attentäter hatte die Bombe in seinem Turban zu Rabbani geschmuggelt, der die Friedensgespräche mit den Taliban leitet. Unglaublich, dachte ich, wie von Westergaard gezeichnet! Das ist es, was Westergaard anprangert! Nicht Mohammed als Terroristen, wie immer behauptet wurde: sondern der Mißbrauch der Religion (hier eines Kleidungsstücks, das mit dem Islam identifiziert wird) für den Terrorismus. Warum, dachte ich, regen sich die Muslime nicht über diese reale Entweihung ihrer Religion auf, statt sich über eine Zeichnung zu erregen? (Nun ja, manche tun es. Aber lauter sind die Typen, die Westergaard für das Übel halten und über die realen Turban-Killer schweigen.)
Heute, endlich, fand ich in der New York Times einen Aufsatz, der eben dies tut: die Schande zu reflektieren, die in dem Mißbrauch der Religion, hier des Turbans als Symbols für religiöse Vertrauenswürdigkeit, liegt. Es sei, schreibt die Autorin, als wollte das Leben die Kunst Westergaards nachahmen. Zitat:
LAST month in Kabul, a man posing as a Taliban peace emissary managed to pass checkpoints, iron gates, and security guards with explosives tucked away in the folds of his turban, on his way to meet former President Burhanuddin Rabbani in his home.
Mr. Rabbani, head of the High Peace Council in Afghanistan, offered his guest a welcoming hug and unsuspectingly triggered the deadly bomb. Similarly, in July, the mayor of Kandahar, Ghulam Haider Hamidi, and a few days earlier, a top religious leader in southern Afghanistan, were assassinated by bombs concealed in turbans. The latter detonated in a mosque.
It is as though life is imitating art and these terrorists are acting out the Danish cartoons that prompted violent, sometimes deadly riots in more than a dozen Islamic countries in 2006. At the heart of the violent fury was an offensive representation of the turban. Some of the 12 controversial cartoons conjoined the turban with the sword, or with its modern counterpart, the bomb. This was identified by Anders Fogh Rasmussen, then the Danish prime minister, as his country’s worst international crisis since World War II.
Gut, dass das einmal ausgesprochen ist. Der nächste Schritt fehlt noch: Flemming Rose ist großes Unrecht geschehen. Er hat Anspruch auf eine Entschuldigung, mindestens ein Wort des Bedauerns. Von wem? Von allen Muslimen, deren moralischer Kompass noch funktioniert, und die beurteilen können, wer den Islam beleidigt: Der Mann, der einen Turban mit Bombe druckt, oder der Mann, der eine Bombe im Turban trägt? Der Artikel in der Times beweist, dass es welche gibt, denen diese Unterscheidung nicht schwer fällt.
Der bayerische Landesvorsitzende der Partei “Die Freiheit”, Christian Jung, hat sich in einem Videoblog mit meinem Kommentar zum verdienten Untergang seiner Partei bei der Berlin-Wahl beschäftigt. Herr Jung wiederholt in seinem Kommentar den Vorwurf, ich hätte mit dem Wort von der “blonden Bestie aus Limburg” Geert Wilders das Menschsein abgesprochen. Das ist Humbug. Man soll seine Witze nie erklären, beziehungsweise: wenn sie erklärt werden müssen, waren sie meist nicht gut.
Dennoch: Mir ging es um mehr als einen Witz. Es handelt sich bei der blonden Bestie um ein Nietzsche-Zitat aus der “Genealogie der Moral”. Das große Manifest Nietzsches gegen das “Gutmenschentum” (wie man heute gerne sagt) präsentiert die “blonde Bestie” als positives Gegenmodell zu dem von der christlichen “Sklavenmoral” verzwergten “zahmen und zivilisierten Haustier” des modernen Menschen.
Nun passt diese Anspielung auf den Herrn Wilders eigentlich recht gut, wenn man den Anspielungskontext kennt, und nicht nur wegen der Haarfarbe: “blondierte Bestie” wäre da vielleicht noch besser gewesen. Ist es denn nicht ein immer wiederkehrender Refrain der rechtspopulistischen Moralkritik, dass die Weichheit der (im Gutmenschentum verallgemeinerten) christlichen Sklavenmoral uns dem unzügelbaren Machtwahn der eben nicht durch diese Moral gebremsten Muslime ausliefert (die wissen noch, was ein Wille zur Macht ist, und der Koran ist doch ihr “Mein Kampf”, wie Wilders sagt…)?
In gewisser Weise sind nämlich die Muslime im Blick der “Islamkritiker” auch “blonde Bestien” (wie Nietzsche den Begriff verstand, der übrigens explizit auch den “arabischen Adel” dazu rechnete). Sie sind eben noch nicht verzwergte Gutmenschen, sondern (nietzscheanische) Barbaren mit einer (politischen) Barbarenreligion, die sie stärker macht als die abendländisch-christlichen Gutmenschen je sein können. So wird es doch in den entsprechenden Foren fortwährend dargestellt. Es liegt eine geheime Bewunderung für die vermeintlich barbarisch ungezügelt machtwilligen Muslime in der islamkritischen Suada: Es ist dies die Bewunderung, die Nietzsche für die “blonde Bestie” aufbrachte, für die
frohlockende(n) Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheusslichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermuthe und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei.
Herr Jung bestätigt in seinem Videobeitrag, dass ich damit nicht falsch liege, wenn er zwar einräumt, dass die Ahmadiyya dem Dschihad abgeschworen haben mögen (Aha! Aber war denn der Proteste gegen deren Moschee trotzdem richtig?) – dann aber postuliert, dass dies im Umkehrschluss ja heißen müsse, dass es “ansonsten zum Islam dazugehört, eine Politikreligion zu sein und den Dschihad auch zu betreiben, also den Kampf gegen Ungläubige zur Verbreitung der Religion”. Die wissen noch, wie man kämpft! Die sind durch nichts von ihrem Welteroberungsplan abzubringen!
Wer wollte bestreiten, dass “das” (Dschihad, Machtstreben) zum Islam “dazugehört”! (Dieses Blog ist entstanden, um daran nochmal zu erinnern, um einen iranischen Dissidenten zu unterstützen, der von den Ajatollahs eingesperrt wurde.) Nur wie gehört es dazu? Ist es identisch mit “Islam”, ist es der unwandelbare Kern?
Die gesamte rechtspopulistische “Islamkritik” kommt ohne die dekadenzkritische Denkfigur Nietzsches aus der “Genealogie der Moral” nicht aus, und – das zeigen die empörten Reaktionen auf meine Anspielung – sie weiß das nicht einmal: Der Westen, wird da suggeriert, werde an seinem Moralismus, seiner Bedenkenträgerei (Rechtsstaat) und seiner Naivität eingehen und im Dhimmitum enden, während ein vormoralisches Volk, getrieben von einer auf Herrschaft um jeden Preis angelegten Religion sich anschickt, sich und seinem Gott, der eigentlich nichts ist als Wille zur Macht, die Welt zu unterwerfen. Das ist das Weltbild von Wilders, Freysinger, PI und “Freiheit”, und darum war meine Pointe mit der “blonden Bestie”eben kein Versuch, dem blondierten Herrn aus Limburg sein Menschsein abzusprechen – sondern vielmehr, im ironischen Gestus einen Hinweis auf seine ideologischen Grundlagen zu geben.
Soll man nicht tun, Ironie funktioniert nicht in der Blogosphäre. Ich weiß. Aber manchmal muss es doch sein. Und ich habe aus den Reaktionen durchaus etwas gelernt.
In dem Al-Kaida-Hochglanzmagazin “Inspire” (das sich vor allem an englischsprachige Dschihadis im Westen richtet) setzt sich die Propagandatruppe des Terrornetzwerks mit den Verschwörungstheorien des iranischen Präsidenten über 9/11 auseinander.
So etwas kann sich kein Satiriker ausdenken: Al-Kaida ist verschnupft, dass Achmadinedschad dem Netzwerk die Autorschaft an den Attentaten abspricht. Machmud A. ist bekanntlich der Überzeugung, die auch viele Politparanoiker im Westen teilen, dass die Amerikaner selber die Türme gesprengt haben, um einen Vorwand für die folgenden Kriege zu haben.
Die Dschihadisten drehen nun den Spieß um und attestieren dem Iraner Neid auf den tätigen Antiamerikanismus der Al-Kaida. Ihr quatscht nur, aber wir handeln, und wir haben die “größte Spezialoperation aller Zeiten vollbracht”. Das könnt ihr Schiiten nicht aushalten. Im übrigen habt ihr (Schiiten) den Amerikanern im Nordirak gegen Saddam geholfen. Und jetzt kommt ihr mit Verschwörungstheorien, um uns unsere größte Leistung kaputtzumachen:
The Iranian government has professed on the tongue of its president Ahmadinejad that it does not believe that al Qaeda was behind 9/11 but rather, the U.S. govern- ment. So we may ask the question: why would Iran ascribe to such a ridiculous be- lief that stands in the face of all logic and evidence?
Since the start of the Iranian revolution, Iran wanted to project an image of anti- Americanism. This would serve as a rally- ing call for the millions of Muslims around the world who despise America for its aggression against them. Iran played this card very well and garnered a lot of support among the Muslims as being the country that is willing to stand up to America.
If Iran was genuine in its animosity towards the U.S., it would be pleased to see another entity striking a blow at the Great Satan but that’s not the case. For Iran, anti-Americanism is merely a game of politics. It is anti-America when it suits it and it is a collaborator with the U.S. when it suits it, as we have seen in the shameful assistance Iran gave to the U.S. in its invasion of Afghanistan and in the Shi`a of Iraq, backed by Iran, bringing the American forces into the country and wel- coming them with open arms.
Therefore with 9/11, the Iranians saw a great operation that had brought dam- age to the U.S. like nothing they had ever dreamed of causing during their two decades in power. For them, al Qaeda was a competitor for the hearts and minds of the disenfranchised Muslims around the world. Al Qaeda, an organization under fire, with no state, succeeded in what Iran couldn’t. Therefore it was necessary for the Iranians to discredit 9/11 and what better way to do so? Conspiracy theories.
Iran and the Shi`a in general do not want to give al Qaeda credit for the greatest and biggest operation ever committed against America because this would expose their lip-service jihad against the Great Satan.
Ich fürchte, dass auch diese Intervention unsere westlichen Crazies nicht überzeugen wird, dass es nicht doch die Amis oder der Mossad waren.
Jedenfalls: Mit diesem Al-Kaida-Beitrag hat die Wirklichkeit die Satire eingeholt. Onion hat vor Jahren dieses Video veröffentlicht:
Morgen erscheint in der ZEIT ein Dossier mit dem Titel “Das gelobte Land”, in dem ich zusammen mit drei Kollegen der Frage nachgehe, wie Deutschland, unbemerkt von den Deutschen, zu einem Sehnsuchtsort für Menschen aus aller Welt werden konnte. Ich habe in diesem Zusammenhang den israelischen Maler Eldar Farber getroffen. Hier mein Part vorab:
Vor fünf Jahren stand der israelische Maler Eldar Farber auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück vor einem mächtigen Baum, als ihm eine merkwürdige Frage durch den Kopf ging: „Kennt dieser Baum meinen Vater?“
Farber beschloss, den Baum zu malen. Bäume sind seine Spezialität. In Israel war Farber schon ein gefeierter Landschaftsmaler, als er sich 2005 entschloss, nach Deutschland zu reisen. Er war 35, und es war sein erster, lange heraus geschobener Besuch in Deutschland. Seine Eltern hatten beide als Kinder den Holocaust überlebt, der Vater war in Ravensbrück Häftling gewesen, bevor ihn die Sowjetarmee später im Lager Sachsenhausen befreite.
60 Jahre danach fand sich Eldar Farber auf dem KZ-Gelände hinter Leinwand und Staffelei. Wie malt man einen solchen Ort, dem der Vater nur mit Glück entkommen ist und von dem man abends am Kinderbett, wenn die Eltern vom Krieg erzählten, schreckliche Dinge hörte? Über den weiten uckermärkischen Himmel schoben Schulen von Kumuluswolken dahin.
Eldar Farber ging mit Ravensbrück um, als wäre es ein Ort wie jeder andere. Es gibt kein Zeichen des vergangenen Schreckens auf dem Bild, überhaupt kein Drama, außer dem der Wolken, die hell leuchtend über der öden Hoffläche zwischen den Baracken dahinschieben. Ein schöner, stiller, herrlicher Sommertag in Deutschland: Eldar Farbers Bild ist das Dokument einer bestandenen Mutprobe. Er war da gewqesen, an jenem Ort, und er hatte sich nicht überwältigen lassen. Der Ort hatte keine Macht über ihn. Und damit konnte er anfangen, Deutschland zu mögen.
Viele tausende, vorwiegend junge Israelis haben sich dauerhaft in Deutschland, vor allem in Berlin niedergelassen. Man schätzt sie auf mindestens 3.000. Geringe Lebenshaltungskosten und eine coole Kunst- und Musikszene spielen natürlich eine Rolle, wie für Tausende anderer junger Leute aus aller Welt. Viele israelische Linke kommen auch, weil sie das politische Klima daheim zunehmend unerträglich finden. Aber etwas Besonderes tritt hinzu, und Eldar Farbers Ravensbrück-Bild zeugt davon: In Deutschland – und hier vor allem in Berlin – lässt sich für Israelis erleben, dass die Vergangenheit, die nicht vergehen will, eben doch keine Macht mehr über einen hat. Das ist eine euphorisierende und befreiende Erfahrung, von der Farber in seinem Atelier an der Stargarder Straße im Prenzlauer Berg kaum aufhören kann zu erzählen.
„Wenn ich meine Leinwand vor mir habe, kann mir nichts passieren. Sie ist mein Schild,“ sagt Farber. Er war eigentlich nicht nach Deutschland gekommen, um Orte des Schreckens zu malen. Im Gegenteil. Seit seinen Kindertagen in Tel Aviv hatte er eine Sehnsucht nach dem deutschen Wald. Als Junge hatte er sich ausgemalt, unter Bäumen zu leben: Sich eine Hütte bauen, Beeren pflücken, jagen. In Israel gibt es keine Wälder, in denen man sich verlieren kann. Der deutsche Wald aber kann auch sehr unheimlich sein.
Bei seinem ersten Besuch brauchte Farber die Leinwand fast ein bisschen mehr als Schutzschild denn als Arbeitsmittel. Er kam jedoch in den folgenden Jahren immer wieder. Heute teilt er sein Leben zwischen Tel Aviv, Jerusalem und Berlin auf. Er verbringt die warmen Monate hier und arbeitet weiter an seinem großen Projekt der „Deutschen Landschaften“.
Wenn man seine israelischen Bilder anschaut, ist man verblüfft, wie mitteleuropäisch die Natur bei ihm aussieht. „Deine Bilder sehen überhaupt nicht israelisch aus“, hat man ihm damals vorgehalten. Er glaubt fest daran, dass ihm das Bildgedächtnis seiner Eltern, die in Polen aufwuchsen, vererbt worden sei: „Der Wald ist in meinen Genen.“
In seinem Berliner Atelier an der Stargarder Strasse im Prenzlauer Berg steht ein neues Bild, das er soeben angefangen hat, eine smaragd- bis olivfarben schillernde Waldszene aus dem Tiergarten. Ein Sehnsuchtsort, an dem man sich auch verlaufen könnte. Man würde sich nicht wundern, ein Hexenhaus im Hintergrund zu sehen.
Aber da ist kein Haus. Eldar Farber findet den Urwald oder die Savanne mitten in der Hauptstadt. Nur sehr selten malt er Objekte oder Strukturen, die an den Menschen erinnern. Er hatte eine schwer fassbare Angst vor Deutschland, als er zum ersten Mal herkam. Mit jedem Bild, das er malte, nahm sie ab. Seine Eltern waren, anders als viele Überlebende, sehr offen mit ihren Erlebnisse umgegangen. Es gab keine Geheimnisse.
Erst als er in Berlin ankam, stellte er fest, dass diese Stadt in seiner Vorstellung bis dahin schwarzweiß gewesen war, wie in alten Wochenschau-Aufnahmen.
Als er vom Flughafen Tegel aus mit dem Taxi nach Mitte fuhr, erwischte er sich bei dem Gedanken, dass das Licht an einem langen Berliner Sommerabend wunderschön ist: „In Israel gibt es dieses weiche Licht nicht. Die Kontraste sind bei uns viel härter. Aber hier in Deutschland waren sogar in den dunklen Tönen lauter Nuancen zu erkennen.“
Er begann seine Sommer im „sanften Berliner Licht“ zu verbringen, wenn die gnadenlose Sonne in Tel Aviv das Arbeiten unmöglich machte: „In Israel herrscht dann die brutale Alternative gleißenden Lichts und schwärzesten Schattens.“ Er lässt immer ein deutsche Bild unvollendet, bevor er im Herbst zurückgeht. Das Bild wartet dann den Winter über auf ihn, und so kommt er immer wieder zurück. Er will kein Deutscher werden. Berlin zieht ihn an, weil er hier ohne Angst anders sein kann.
„Zu meinem eigenen Erstaunen“, sagt Eldar Farber, fühle er sich „bei den Deutschen auf eine verrückte und zugleich natürliche Art wohl“: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage. Aber ich liebe die Ordnung hier, dass sich die Leute an Regeln halten.“
Zugleich ist es gerade das Undeutliche und Unfertige an den heutigen Deutschen, das ihn anzieht. Farber verfolgt die Debatten mit Interesse: Deutschland ist immer noch verstört von seiner Vergangenheit. Nun muss es in eine neue Rolle hineinwachsen. Es muß Kriege führen, den Euro retten, soll die Vereinigten Staaten von Europa schaffen. Das Land ist verwirrt, weil die Lektion der Geschichte, das „Nie wieder“, keine Antwort auf die neuen Herausforderungen ist.
Eldar Farber gefällt es, in einem Land mit unsicherer Identität zu leben. Israel ist viel zu belagert, um sich so viel Unbestimmtheit leisten zu können wie Deutschland heute. Israel muss sich stets behaupten. Viele Feinde zu haben, ist Teil seiner Identität. Deutschland ist ironischer Weise vom Feind der Menschheit zu einem Land ohne Feinde geworden, das nur noch von Freunden umgeben ist.
Es passiert ihm immer noch, dass neue Bekannte merkwürdig beklommen werden, wenn sie feststellen, dass er Jude und Kind von Überlebenden ist. Er macht sich nicht lustig über die beflissene und gewissenhafte Art, mit der die Deutschen auch in der dritten Generation der Normalisierung widerstehen. „Ich bewundere das. Man kehrt da nicht unter den Teppich, sondern setzt sich wirklich auseinander mit der Vergangenheit. Und zwar, weil man es selber braucht, nicht um meinetwillen.“
Seine deutsche Freundin, mit der er Englisch spricht, hat sich einmal fürchterlich geschämt, als sie ein unpassendes Wort für die Kollaboration der Europäer bei der Judenvernichtung gebraucht hatte: „Sie hatte gesagt, die Deutschen hätten damals viel ‘outsourcing“ betrieben. Sie meinte die vielen Lager in ganz Europa. Ich musste über das Wort sehr lachen, aber sie hat fürchterlich geweint. Das war für mich ein befreiender Moment.“
Farbers „Deutsche Landschaften“ wurden letztes Jahr in Tel Aviv gezeigt. Viele alte „Jeckes“ – Israelis deutschen Ursprungs – kamen zur Vernissage. Alle Bilder wurden verkauft, bis auf das Bild aus dem Lager Ravensbrück.
Eldar Farber hat es seinem Vater geschenkt. Nun hängt es zuhause in Tel Aviv. Sein Vater liebt das Bild. Ein großer alter Baum steht im Zentrum, und der Himmel über Ravensbrück ist blau.
Es war eine interessante Erfahrung, hier auf diesem Blog einen digitalen Flashmob zu erleben, der von Herrn “kewil” von PI ausgesandt worden war. Ich hatte meine Genugtuung über das schlechte Abschneiden der “Freiheit” bekundet. War das der Grund für die hoch kochenden Gefühle, oder mehr noch die Einschätzung, dass der Rechtspopulismus in Deutschland auf absehbare Zeit marginal und ungefährlich bleiben wird?
Ich wollte eigentlich etwas Anti-Alarmistisches schreiben, habe aber eben damit Alarm in der Szene ausgelöst (die derzeit von den Enthüllungen durch die Journalisten der Dumont-Gruppe arg gebeutelt wird).
Merkwürdig: So interessant und erhellend ich die Interna finde, die von FR und Berliner Zeitung ausgegraben wurden (es gibt offenbar ein Leck oder einen Maulwurf bei PI), so wenig überzeugt mich der dräuende Ton: Ich bleibe dabei, das ist ein unangenehmer, häßlicher Spuk, der politisch weitgehend folgenlos bleiben wird. Dieses Land läßt sich nicht verrückt machen. Populismus funktioniert in Deutschland nur (noch) links. Und nicht mal dort, siehe den Niedergang der Linkspartei.
Gut so!
Von einigen der Kommentare war ich aber doch einigermaßen bestürzt. Kaum verhüllte Mordphantasien. Persönliche Anspielungen auf meine Familie. Kenntnisfreie Anklagen, ich wolle die Scharia einführen oder dergleichen.
Es ist doch recht unangenehm zu erleben, wie sich virtuelle Gruppen so schnell enthemmen können. Keine Frage, dass da auch Radikalisierungsprozesse möglich sind, wie wir sie etwa aus der Salafistenszene kennen. Nicht unmöglich, dass verwirrte einzelne da irgendwann gewalttätig werden.
Das meiste allerdings ist doch wohl eher entlastende und entspannende Meinungsmasturbation. Eine Art – Pardon! – politpornografisches Kreiswichsen. Man überbietet den Vorredner immer wieder in Beschimpfungen des Linksfaschisten Lau, des schlimmsten Journalisten seit Goebbels…. Also bitte: Wenn’s danach besser geht: be my guest!
Einige der Hereingeschneiten wunderten sich darüber, dass ihr Zeugs hier nicht wegzensiert wurde. Manche schrien geradezu danach, dass man sie löschen möge, damit das Weltbild wieder stimmt, dass man in diesem Land die Wahrheit nicht mehr sagen kann.
Tja, was nun? Es steht alles da, in seiner ganzen selbst entlarvenden Erbärmlichkeit.
Ich bleibe dabei, dass diese Szene politisch keine Zukunft hat in Deutschland. Der Mundgeruch des Ressentiments stößt dann doch viele ab, gerade auch jene, die sich zu Recht sorgen machen um das Einwanderungsland D.
Für mich ist das ein Grund dafür, stolz auf dieses Land zu sein.
Ich kann aber auch verstehen, dass es anderen, die ähnlichen Hassattacken ausgesetzt sind, nicht so leicht fällt, dergleichen mit einem Achselzucken abzutun. Wäre ich Moslem, wäre ich Türke oder Araber, ich hätte schwächere Nerven nach solchen Attacken.
Genau wie Seyran Ates, die umgekehrt die Hassattacken von jenen Türken, Arabern, Muslimen nicht so leicht abtun kann, die sie als Nestbeschmutzerin angreifen. Oder wie Henryk Broder, der immer wieder fieses antisemitisches Zeugs ertragen muß.
Ich aber werde nicht zu irgendeiner Minderheit gerechnet, daher habe ich es ziemlich einfach, ruhig zu bleiben.
Ratlos lassen mich viele der fast 1.000 Kommentare zurück, was die segensreiche Wirkung (Hallo Piraten!) des Internets angeht. Von selbst kommt sie nicht, und es ist im Gegenteil auch Fürchterliches darin möglich. Das Netz ist auch ein sehr gutes Mittel zur Selbst- und Gruppenverhetzung.
Ich denke (hoffe), dass auch unter den Schreibern viele sind, die sich im wirklichen Leben schämen (würden) für das, was sie da absondern. Sie würden so etwas wohl nicht auf Papier schreiben und zur Post bringen, mit Absender und Briefmarke. Das zeigt, dass unser Internet-Ethos unter den Möglichkeiten des Mediums bleibt.
Verbote und Zensur können den Weg aus dem Schlamm von Ressentiments und Hass nicht weisen. Die besondere Form der Enthemmung, die online möglich ist, spricht dafür, dass das Netz viele Leute doch immer noch überfordert. Es ist ein Medium für Erwachsene – mit einer gewissen Triebkontrolle und Selbststeuerungsfähigkeit.
Und übrigens auch Bereitschaft zur Selbstkritik. Wo wir schon dabei sind: das Wort “verachtenswert” hätte nicht sein müssen. Und auch dass ein breites Publikum die ironische Referenz auf Nietzsche (“blonde Bestie”, übrigens ein positiver Begriff!) nicht versteht, wenn doch der Gemeinte nur blondiert ist, hätte ich wissen müssen.
Heute morgen habe ich den bevorstehenden Showdown im Sicherheitsrat im Deutschlandradio kommentiert. Auszug:
Und damit droht, was Diplomaten fürchten wie der Teufel das Weihwasser: eine Stunde der Wahrheit. Wenn die Palästinenser es in New York zum Schwur kommen lassen, werden die Deutschen sie abblitzen lassen müssen, obwohl es das erklärte Ziel ihrer Politik ist, dass der Staat Palästina Wirklichkeit wird. Deutschland wird also gegen das Ziel seiner eigenen Nahostpolitik abstimmen, und seine Diplomaten werden Schwierigkeiten haben, dies der Welt zu erklären.
Dabei sind die Motive nicht so geheimnisvoll: Man will zum einen Amerika nicht alleine lassen auf der Bank der Neinsager – nicht so kurz nach der Libyen-Entscheidung schon wieder ein deutscher Sonderweg! Vor allem aber will Deutschland sich vor Israel stellen, das derzeit in völliger Isolation zu vereinsamen droht.
Deutschland kann in dieser Lage nur mit Israel stimmen, und das heißt hier: gegen eine Aufnahme Palästinas als Vollmitglied der UNO. Auch die danach wahrscheinliche Kompromisslösung wird Deutschland verwerfen: eine Aufwertung des palästinensischen Status bei der Uno zum “Nichtmitgliedsstaat”. Israel akzeptiert auch dies nicht, erstens weil auch in dieser Formel das Wort Staat enthalten ist. Und zweitens weil es die Palästinenser in die Lage versetzen würde, vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Israels Besatzung zu klagen.
Heimlich werden aber sowohl die Amerikaner wie die Deutschen denken: Was wir hier machen, ist nicht richtig. Niemand versteht das. Es waren doch die Israelis, die im letzten Jahr die Verhandlungen torpediert und die andere Seite damit erst auf diese Schiene gesetzt haben. Benjamin Netanjahu hatte Präsident Obama vor aller Welt gedemütigt, als er den Siedlungsbau wieder aufnehmen ließ. Und nun ist Obama gezwungen, Netanjahu zu stützen, obwohl er dessen Politik für schädlich hält. Merkel geht es nicht anders: Sie hat die Israelis angefleht und gedrängt, im eigenen Interesse mutige Schritte zum Frieden zu tun. Sonst würde man vom Arabischen Frühling überrollt. Vergebens.
Der Westen ist in Gefahr, den Rest an Glaubwürdigkeit zu verspielen, den er in der Region noch hat: Wenn Freiheit und Selbstbestimmung in Tunis, Tripolis und Kairo möglich sind, warum dann eigentlich nicht in Ramallah? …
Der Iran profitiert von den Unruhen in der arabischen Welt – zumindest indirekt, indem die Aufmerksamkeit von der Ungerechtigkeit abgelenkt wird, der Oppositionelle und Angehörige religiöser Minderheiten wie der Baha’i unterworfen sind. Hier eine aktuelle Aktion gegen das Vergessen: