‹ Alle Einträge

Der Sandelf (Folge 12)

 

Der letzte Wunsch

Diesmal haben sich Cyril, Anthea, Robert und Jane wirklich ganz genau überlegt, was sie haben wollen: ein Pony für jedes Kind! Doch wieder kommt alles anders – und schlimmer, als sie dachten…
Illustration: Sabine Friedrichson

Am nächsten Tag hatten die Geschwister die verlockendsten Einfälle. Während es ihnen in den vergangenen Wochen schwergefallen war, auf einen vernünftigen Wunsch zu kommen, steckten sie jetzt auf einmal voll von prächtigen Ideen. »So ist es immer«, stellte Jane später fest.

Sie waren an diesem Morgen früh aufgestanden und besprachen ihre Pläne im Garten vor dem Frühstück. Das alte Verlangen nach hundert Pfund in moderner Währung stand immer noch an erster Stelle, aber es gab inzwischen noch andere Wünsche, die es fast verdrängten. Der beliebteste: ein Pony für jedes Kind. Dieser Wunsch schien viele Vorteile zu haben. Man konnte sich morgens das Pony wünschen, den ganzen Tag darauf reiten, ließ es bei Sonnenuntergang verschwinden und wünschte es sich am nächsten Morgen wieder. Das war wegen Stall und Futter überaus praktisch.

Der Sandelf – Von Edith NesbitDer SandelfIllustration: Sabine Wilharm

Aber beim Frühstück ereignete sich zweierlei. Zunächst kam ein Brief von Mutter. Es ging der Großmutter besser, und Mutter und Vater hofften, noch am selben Nachmittag nach Hause zu kommen. Die Geschwister brachen in Jubelschreie aus und verwarfen dieser Nachricht wegen alle Pläne, die sie vor dem Frühstück geschmiedet hatten. Denn jetzt war ja sonnenklar, dass sich der Wunsch des Tages auf etwas beziehen musste, was der Mutter und nicht ihnen Vergnügen bereitete. »Wenn ich nur wüsste, was sie wirklich gern möchte«, überlegte Cyril. »Dass wir brav sind«, sagte die artige Jane. »Ja, aber das ist für uns so grässlich langweilig«, sagte Cyril, »und außerdem sollte man annehmen, dass wir das auch ohne die Hilfe des Psammed fertigbringen.«

»Denkt an gestern«, sagte Anthea warnend. »Vergesst nicht, dass sich unsere Wünsche jetzt immer schon dann erfüllen, wenn wir ›ich wünschte‹ sagen. Wir wollen nicht wieder in irgendeine Dummheit schlittern, ausgerechnet heute nicht.« – »Gut, gut«, antwortete Cyril, »du brauchst mir das aber nicht immer wieder unter die Nase zu reiben.« Da tauchte Martha gerade mit einem Krug voll heißem Wasser für den Tee auf und schaute die Kinder bedeutungsvoll an.

»Es ist ein wahres Wunder, dass wir noch heil und gesund frühstücken können«, sagte sie düster. »Wieso? Was ist denn passiert?«, fragten alle durcheinander. »Oh, nichts«, antwortete Martha, »man muss nur offensichtlich heutzutage schon froh sein, wenn man nicht in seinem Bett ermordet wird.« – »Wieso?«, erkundigte sich Jane, der es kalt den Rücken herunterlief. »Ist jemand in seinem Bett ermordet worden?« – »Das nicht direkt«, antwortete Martha, »aber es hätte leicht geschehen können. Drüben im Schloss haben sie eingebrochen. Bill hat es mir gerade erzählt. Sie haben den ganzen Schmuck von Lady Chittenden mitgehen lassen, alle Diamanten und Juwelen, und was sie sonst noch hat. Und sie fällt von einer Ohnmacht in die andere, zwischendurch hat sie nur immer gerade genug Zeit, um ›Ach, meine Diamanten!‹ zu jammern. Und Lord Chittenden ist ausgerechnet jetzt nicht da. Er ist nach London gefahren.«

»Lady Chittenden«, murmelte Anthea, »die haben wir doch neulich gesehen. Sie trug ein rotweißes Kleid. Eigene Kinder hat sie nicht, und anderer Leute Kinder kann sie nicht ausstehen.« – »Ja, das ist sie«, sagte Martha, »und deshalb versucht sie sich mit Geld und Reichtümern zu trösten, und da kann man mal sehen, wie weit man damit kommt. Es heißt, dass die Diamanten und der andere Kram Tausende und Abertausende von Pfund wert sind. Ein Halsband war dabei, und eine Tia… Tia… na, wie das heißt, und so viele Armbänder, dass man sie nicht zählen konnte. Aber jetzt steh ich herum und schwatze, und dabei muss ich doch alles saubermachen, ehe eure Mutter kommt.«

»Ich weiß gar nicht, warum die so viele Diamanten haben soll«, bemerkte Anthea, nachdem Martha hinausgerauscht war. »Ich finde, sie war eine ziemlich unangenehme Dame. Mutter hat überhaupt keine Diamanten, eigentlich noch nicht mal Schmuck. Die Topaskette und der Saphirring, den Vati ihr zur Hochzeit geschenkt hat, und der Granatstern und die kleine Perlenbrosche mit Urgroßpapas Locke drin, das ist alles.«

»Wenn ich groß bin, dann kauf ich Mutter ganze Haufen Diamanten«, verkündete Robert. »Jedenfalls, wenn sie welche haben will. Dann bin ich Forscher in Afrika, und damit verdiene ich so viel Geld, dass ich sowieso nicht weiß, was ich damit anfangen soll.« – »Wär das nicht schön«, sagte Jane träumerisch, »wenn Mutter all diese herrlichen Sachen hier vorfinden könnte, die Halsbänder und Diamantenanhänger und Tias?« – »Das heißt Tiara«, korrigierte Cyril. »Na meinetwegen, Tiaras. Stellt euch vor, die und alles andere Geschmeide von dieser Lady, das wartete hier im Zimmer auf Mutter, wenn sie nach Hause käme! Ach, ich wünschte, das wäre alles für sie da.«

Die Geschwister starrten sie entsetzt an. »Und ob es da sein wird«, sagte Robert. »Du hast es dir eben gewünscht, meine beste Jane, und jetzt können wir nur hoffen, dass wir das Psammed finden; und wenn es zufällig einmal gute Laune haben sollte, dann besteht die schwache Hoffnung, dass es den Wunsch umtauscht. Wenn nicht, na, der Himmel mag wissen, was uns dann erwartet. Die Polizei auf alle Fälle und… So heul doch nicht, du Dummkopf! Wir lassen dich nicht im Stich. Vater sagt immer, man hat nichts zu fürchten, wenn man nichts Böses tut und bei der Wahrheit bleibt.« Cyril und Anthea schauten sich bei diesen Worten trübselig an. Sie erinnerten sich nur zu gut daran, wie wenig überzeugend die Wahrheit über das Psammed damals auf die Polizei gewirkt hatte.

Es war ein richtiger Pechtag. Sie konnten das Psammed natürlich nicht aufstöbern. Und den Schmuck fanden sie auch nicht, sooft sie das Zimmer ihrer Mutter auch von oben bis unten durchsuchten. »Das ist ja ganz klar«, sagte Robert, »nicht wir sollen das Geschmeide finden, sondern Mutter wird diejenige sein, die es sieht. Vielleicht denkt sie, das Zeugs hat hier immer schon gelegen, und kommt gar nicht auf die Idee, dass es in Wirklichkeit gestohlene Sachen sind.« – »Großartig«, fuhr ihm Cyril über den Mund, »dann ist Mutter eine Hehlerin, und du weißt ganz genau, dass das noch schlimmer ist.« Sie durchsuchten die Sandkuhle noch einmal ganz gründlich, aber das Psammed blieb unauffindbar. Die Geschwister zogen langsam und niedergeschlagen wieder nach Hause.

Mir ist das egal«, sagte Anthea tapfer. »Wir erzählen Mutter eben, wie das Ganze gekommen ist, und wenn sie die Juwelen dann einfach wieder zurückgibt, ist alles in Ordnung.« – »Bildest du dir das wirklich ein?«, fragte Cyril. »Meinst du, dass sie uns glauben wird? Kann denn überhaupt jemand an ein Psammed glauben, wenn er es nicht gesehen hat? Sie wird denken, dass wir uns das alles nur eingebildet haben. Nein, es hat keinen Sinn, Mutter etwas davon zu sagen.«

»Aber es ist doch wahr«, widersprach Jane. »Natürlich ist es wahr, aber wenn es Erwachsene glauben sollen, dann ist es eben nicht wahr genug«, sagte Anthea. »Cyril hat recht. So, und jetzt stellen wir Blumen in alle Vasen und denken nicht mehr an die Diamanten. Schließlich hat alles ja auch sonst ein gutes Ende gefunden.« Sie pflückten also Astern und Zinnien und die späten Rosen von der Mauer im Hof und füllten alle Vasen damit, bis das ganze Haus wie eine Blumenlaube aussah.

Und fast unmittelbar nachdem das Mittagessen abgeräumt worden war, traf Mutter ein und wurde von acht liebevollen Armen umschlungen. Es fiel den Kindern schwer, nicht sofort vom Psammed zu erzählen, denn sie hatten die Angewohnheit, ihr immer alles brühwarm zu berichten. Aber sie schafften es diesmal, den Mund zu halten. Mutter war über die Blumenpracht im Haus ganz entzückt, und jetzt, da sie wieder daheim war, schien den Geschwistern alles so normal und friedlich zu sein, dass sie schließlich dachten, sie hätten vom Psammed nur geträumt.

Als Mutter aber auf die Treppe zuging, um sich oben in ihrem Schlafzimmer etwas frisch zu machen, da umklammerten sie acht Arme mit verzweifelter Heftigkeit. »Geh nicht hinauf, Herzensmami«, sagte Anthea. »Lass mich doch deine Sachen hinaufbringen.« – »Das kann ich auch machen«, bot sich Cyril an. »Du musst unbedingt gleich mit hinauskommen und die Rosenhecke anschauen«, rief Robert dazwischen. »Ach, bleib unten!«, flehte Jane hilflos. »Was für ein Unsinn«, antwortete Mutter. »Ich bin doch keine alte Frau, die ihre Garderobe nicht selber wegpacken kann. Außerdem muss ich mir die Hände waschen. Sie sind schwarz.« Mit diesen Worten lief sie hinauf, und die Geschwister warfen einander unheilverkündende Blicke zu. Mutter setzte ihre Reisekappe ab, eine bildhübsche Kappe, die mit weißen Rosen geschmückt war. Danach ging sie zum Ankleidetisch hinüber, um sich die Haare zu richten. Auf dem Tisch lag ein grünes Lederetui zwischen den Nadelkissen und der Ringschale. Mutter machte es überrascht auf. »Oh, wie entzückend!«, rief sie aus. Es war ein Ring mit einer großen Perle, die von funkelnden Diamanten umgeben war. »Woher kommt das denn?«, fragte Mutter und steckte den Ring an den Finger. Er passte wie angegossen. »Wie ist er hierhergekommen?«

»Das wissen wir nicht«, antworteten alle Kinder wahrheitsgemäß und wie aus einem Munde. »Vater muss Martha beauftragt haben, ihn hierherzulegen«, vermutete Mutter. »Ich werde sie gleich fragen.« – »Lass ihn mich doch anschauen«, bat Anthea, die genau wusste, dass Martha den Ring nicht sehen konnte. Und als Martha gefragt wurde, stritt sie natürlich ebenso wie die Köchin ab, dass sie den Ring dorthin gelegt hatte.

Mutter ging ins Schlafzimmer zurück und war sehr aufgeregt und erfreut wegen des Ringes. Als sie jedoch die Schublade des Ankleidetisches aufzog und darin ein langes Etui entdeckte, das ein unschätzbar wertvolles Diamanthalsband enthielt, da stieg ihre Aufregung zwar noch, aber dafür verschwand die Freude. Dann entdeckte sie im Schrank eine Tiara und verschiedene Broschen, und im Laufe der nächsten halben Stunde tauchte das übrige Geschmeide an den verschiedensten Stellen des Raumes auf. Die Geschwister schauten immer verlegener drein, und schließlich begann Jane zu schluchzen.

Mutter schaute sie mit großem Ernst an. »Jane«, sagte sie, »ich bin davon überzeugt, dass du irgendetwas hierüber weißt. Denk jetzt bitte nach, ehe du den Mund aufmachst, und sag mir dann die Wahrheit.« – »Wir haben einen Elf gefunden«, antwortete Jane gehorsam. »Bitte, keinen Unsinn«, sagte ihre Mutter scharf. »Sei nicht albern, Jane«, rief Cyril rasch dazwischen. Dann fuhr er verzweifelt fort: »Wirklich, Mutter, wir haben die Sachen noch nie gesehen, aber vorige Nacht ist der Lady Chittenden im Schloss drüben der ganze Schmuck gestohlen worden. Ob er das nicht sein könnte?« Alle stießen einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Sie fühlten sich gerettet. »Aber wie sollten die Einbrecher den Schmuck hierhergebracht haben? Und warum hätten sie das tun sollen?«, fragte Mutter.

Hast du die letzte Folge verpasst? Du findest sie unter hier.

Der Sandelf aus der Feder der britischen Autorin Edith Nesbit (1858 bis 1924) erscheint im Herbst 2008 in der neuen ZEIT Kinder-Edition. Wir drucken vorab Auszüge (in der Übersetzung von Sybil Gräfin Schönfeldt).