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»Wir wohnen in der Schule«

 

Ist es wie bei Hanni und Nanni? Oder ganz anders? Theo und Anna besuchen ein Internat auf der Insel Spiekeroog, weit weg von zu Hause. Wie lernen sie? Was machen sie am Nachmittag? Und vor allem: Was tun sie gegen Heimweh?
Von Katrin Hörnlein

Anna und Theo liegen zwischen Dünengras im Sand: Zwei Kinder im Urlaub, könnte man denken. Doch Anna und Theo leben immer dann auf der Insel Spiekeroog, wenn keine Ferien sind. Sie gehen hier auf das Internat Hermann Lietz-Schule – weit weg von ihren Eltern, denn Anna kommt aus Bayern, Theo aus Nordrhein-Westfalen. Etwa hundert Schüler besuchen die Hermann Lietz-Schule, 20 Lehrer gibt es dort und 20 andere Mitarbeiter. Das Schulgeld beträgt rund 2000 Euro pro Monat, eine teure Angelegenheit. Anna ist zehn Jahre alt, Theo ist zwölf – bis zu den Sommerferien waren sie die beiden Jüngsten. Nach dem Sommer beginnt ihr zweites Schuljahr auf der Insel. Spiekeroog ist etwa zehn Kilometer lang, Autos sind verboten, alle fahren Rad. Es gibt ein Dorf mit einem Supermarkt, einer Drogerie, einigen Restaurants. Die Hermann Lietz-Schule liegt außerhalb, in den Dünen; bis zur achten Klasse besuchen die Schüler die Dorfschule, gemeinsam mit den Inselkindern.

Im »Albatroshaus« wohnen Anna und Theo dort zusammen mit den anderen »Nordlichtern«. So werden die Schüler aus der fünften, sechsten und siebten Klasse genannt. Im Erdgeschoss haben die Mädchen ihre Zimmer, auf dem oberen Flur die Jungen. Im Gemeinschaftsraum gibt es eine gemütliche Ecke mit vielen Kissen, Regale mit Spielen und Büchern. Und es gibt einen Fernsehapparat – allerdings ohne Fernbedienung. Ferngesehen wird nur nach Absprache – eigentlich. »Wir bekommen den trotzdem zum Laufen«, flüstert ein Schüler. Immer zwei Jungen oder Mädchen teilen sich ein Zimmer. Drei Poster darf jeder im Albatroshaus an seine Wand hängen. »Deine Zimmernachbarin – es ist, als ob sie deine Schwester wäre«, sagt Anna. Manchmal ist es auch anstrengend, dass immer andere um einen herum sind. »Ich sag dann: ›Stopp!‹ – das heißt rausgehen. Und mach meine Zimmertür zu«, erzählt Theo. Sein Zimmernachbar versteht, wenn Theo seine Ruhe haben will.Wenn es doch mal Streit gibt, schlichtet die Betreuerin Maren. Sie kümmert sich um die Nordlichter, tröstet, meckert auch mal und hilft. »Wie bügele ich ein T-Shirt? Wie mache ich mein Bett? Und nach der Schule zeigen mir viele ihre Noten«, erzählt sie.

Im Internat zu leben, das heißt auch, ganz viele Dinge allein zu machen. »Man muss auf einmal richtig selbstständig werden«, sagt Anna. Maren kontrolliert jeden Morgen: Ist das Bett gemacht? Liegt die Wäsche im Schrank? Ist der Schreibtisch aufgeräumt? Wenn nicht, finden die Schüler mittags kleine gelbe Klebezettel an ihren Türen. Bei fünf Zetteln muss man zur Strafarbeit anrücken. Diesmal hat es Theo erwischt. Der Boden in seinem Zimmer lag voll mit seinem Kram, und die Putzfrau konnte nicht wischen. Deshalb muss Theo nachmittags Sandsäcke für den Schuldeich schleppen. Doch er nimmt’s gelassen: »Na, irgendwann muss ich das mit der Ordnung ja mal lernen.«

Ob ein Schüler Probleme oder Sorgen hat, darauf achten auch die Heimfamilien. »Du hast hier so eine Art zweite Eltern«, erklärt Anna. Immer ein Lehrer – oft mit seiner eigenen Familie – bildet mit bis zu zehn Schülern eine Heimfamilie. Sie haben einen gemeinsamen Tisch im Speisesaal, machen Spielabende und Ausflüge.

Trotzdem hat man manchmal Heimweh, gesteht Theo. »Dann ruft man auch mal seine Eltern zu Hause an und sagt: ›Ich hab Heimweh.‹ Und dann schicken sie vielleicht ein kleines Paket. Da freut man sich total – auch bevor das Päckchen da ist.« Oder man redet mit den Zimmernachbarn. »Die haben nämlich komischerweise immer zur selben Zeit auch Heimweh«, erzählt Anna.

Viel Zeit zum Traurigsein bleibt ohnehin nicht: Morgens um halb sieben klingeln die Wecker. Um sieben gibt es Frühstück. Um halb acht strampeln die Nordlichter mit den Rädern in die Dorfschule. Um Viertel vor acht beginnt die erste Stunde. Insgesamt sind in drei Jahrgängen nur so viele Schüler, wie anderswo oft in einer Klasse sitzen. Zum Mittagessen treffen sich alle Lietzer wieder im Speisesaal des Internats.

Nachmittags ist dann häufig noch einmal Unterricht. Und zwischen fünf und halb sieben wird gebüffelt: Arbeitsstunde. Alle Nordlichter sitzen an ihren Schreibtischen, machen Hausaufgaben und lernen. Nach der Arbeitsstunde schallt es laut »Essen!« durchs Haus, und alle flitzen über das Schulgelände in den Speisesaal. Auch beim Essen gibt es Regeln: Wer zuerst da ist, deckt für seine Familie den Tisch. Wer die Marmelade leer macht, steht auf und füllt die Schale nach.

Nachmittags und abends haben Anna, Theo und die anderen oft noch »Gilde« oder »AG«, Arbeitsgemeinschaft. Die Gilde übernimmt Arbeiten für die Schulgemeinschaft – hält zum Beispiel die Fahrräder in Schuss oder pflegt die Deiche. Die AG ist zum eigenen Spaß: Anna geht reiten, spielt Handball und Theater. Theo spielt Fußball und macht in der Kunst-AG mit. Bei solch einem Programm ist es schnell halb neun, und alle Nordlichter trudeln im Albatroshaus sein. Eine Stunde später ist Nachtruhe. Anna und Theo freuen sich darauf, im nächsten Jahr zu den Großen zu gehören. »Man darf länger aufbleiben und hat nicht so viele Verbote«, sagt Theo. Ab Klasse acht müssen sie auch nicht mehr in die Dorfschule radeln. Der Unterricht ist dann im Internat. »Später wohnst du halt richtig in deiner Schule!«, sagt Anna.

1 Kommentar

  1.   Anonym

    Ich lebe auch auf einem Internat und finde den Beitrag sehr interessant.Im Internat zu leben ist schwer,besonders der Anfang.Doch dann wird es immer besser.Auf Spiekeroog stelle ich es mir sehr schön vor,ich war schon mal dort.Ich wünsche Theo und Anna alles Gute und viel Glück in der Schule und dass das Heimweh bald vorbeigehen mag,aber das wird es bestimmt.Ausserdem finde ich es wirklich sehr sehr mutig,mit 10 bzw.12 Jahren auf ein Internat zu gehen.Viele,darunter auch ich,hätten das nie geschafft.