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Schaurig schön

 

Totenköpfe faszinieren Menschen seit Jahrhunderten/ © Getty Images

Auf Piratenflaggen, als Glücksbringer und als Zeichen der Macht – seit der Steinzeit sind Menschen fasziniert von Totenköpfen. Was ist so toll an unserem Schädel?

Von Urs Willmann

Er sitzt ganz oben am menschlichen Skelett, ist aber vor allem aus Beinen zusammengesetzt: aus dem Hinterhauptbein, dem Scheitelbein, dem Schläfenbein, dem Keilbein, dem Stirnbein, dem Jochbein, dem Zwischenkieferbein, dem Nasenbein, dem Tränenbein, dem Gaumenbein, dem Pflugscharbein und dem Siebbein. So heißen einige der rund zwei Dutzend Knochen, aus denen der menschliche Schädel besteht. Wir können uns mit all den Beinen nicht fortbewegen, aber seit Urzeiten ist es der Teil des Skeletts, der uns Menschen am meisten fasziniert.

In der Steinzeit war das runde Knochengebilde sehr nützlich. Ein Fund aus der Nähe der Stadt Koblenz zeigt, dass Neandertaler die Schädeldächer ihrer Artgenossen als Schalen verwendeten – vielleicht als Trinkgefäß, vielleicht als Suppenschüssel. Heute findet man Totenköpfe auch als modische Verzierung auf Kleidung, an Wänden sieht man zuweilen Graffiti mit Totenköpfen, und wer mag, kann sich zu Weihnachten sogar Christbaumkugeln mit dem Motiv an die Tanne hängen.

Dass der Schädel von allen Gebeinen die weitaus größte Bedeutung genießt, liegt vermutlich daran, dass unter seiner Decke das Hirn liegt und in seinen Öffnungen wichtige Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nase) stecken. Unser Kopf erscheint uns als der wichtigste Teil unseres Körpers. In ihm wohnen die Erinnerung, die Fantasie, unser Geist. »Ich denke, also bin ich«, sagte schon vor rund 400 Jahren der französische Philosoph René Descartes. Im Kopf schmecken wir, aus dem Kopf heraus reden wir, in seinem Zentrum träumen wir oder hecken Streiche aus. Und der Kopf sorgt auch dafür, dass sich der Körper beim Tanzen geschickt bewegt und dass er nach einem Sprung wieder auf den Füßen landet, meistens jedenfalls.

Da der Kopf also quasi unser Cockpit ist, solange wir leben, verwundert es eigentlich nicht, dass die Faszination für den Totenkopf in allen Zeiten und überall auf der Welt so groß war. In Indien wurden Schädel kunstvoll bemalt oder mit Büffelhörnern dekoriert. In Neuguinea verzieren die Menschen heute noch Totenköpfe mit Muscheln, Perlen und Federn. Bei den Asmat, einer Bevölkerungsgruppe im südlichen Teil der Insel Neuguinea, sollen die Schädel der Ahnen ein Schutz sein, sie begleiten die Menschen im Alltag: In der Nacht dienen sie als (nicht besonders weiches) Kopfkissen, tagsüber tragen viele die Knochen an einer Halskette. In Europa fand man Tongebilde aus der Bronzezeit von vor etwa 4000 Jahren: Starb jemand, dekorierten die Angehörigen dessen Schädel mit Modelliermasse, vermuten Wissenschaftler. So gaben die Menschen dem Verstorbenen nach seinem Tod wieder ein Gesicht.

Es gibt auch düstere und blutrünstige Bräuche: Die Kelten zum Beispiel hängten sich die abgeschlagenen Häupter ihrer Feinde als Trophäen an den Pferdesattel. Und ihre verstorbenen Verwandten ehrten sie, indem sie deren Köpfe mit einem langen Nagel an den Türbalken schlugen.

Vielen ist der Totenschädel besonders als Symbol der Piraten bekannt. Wenn die über die Meere segelten, erkannte man sie oft an einer Flagge mit Schädel. Da Piraten anderen Seeleuten Angst einjagen und deren Schiffe ausrauben wollten, wählten sie Motive, die an den Tod erinnerten – etwa Totenschädel und gekreuzte Knochen.

Von dieser Furcht ist heute nicht mehr viel geblieben. Wer in Hamburg ein Fußballspiel der Zweiten Bundesliga besucht, sieht Fans des FC St. Pauli im Stadion Fahnen mit Totenköpfen schwenken, dazu tragen sie Mützen und T-Shirts mit dem Motiv. Der Verein will gern ein bisschen wild sein, so wie einst die Piraten, Angst macht der Schädel im Stadion allerdings kaum einem. Im Gegenteil, Totenköpfe gelten als cool. Zum Beispiel auch bei sogenannten Gruftis, die sich schwarz kleiden und sich zu Hause eine Totenkopf-Klobürste ins Bad stellen. Vielleicht jagt der Schädel dem ein oder anderen dabei einen wohligen Schauer über den Rücken.

Dass Tod, Skelette und Totenköpfe gar nicht unheimlich sein müssen, kann man in Mexiko beobachten. Die Menschen dort gedenken jedes Jahr im Herbst am Tag der Toten ihrer Verstorbenen. Dann basteln sie Skelette aus Pappmaschee und Gips, tafeln ausgiebig auf den Friedhöfen zwischen den Gräbern und lutschen Bonbons oder futtern Kuchen in Schädelform.

Ob man Totenköpfe cool oder interessant findet, ob es einen gruselt oder ekelt, wenn man sie betrachtet – das hängt also sehr davon ab, wie und wo man groß wird. Und wie die Menschen in einer Kultur mit dem Tod umgehen. Eine Sache allerdings steht fest: Ein Totenkopf hat noch nie jemandem etwas zuleide getan.

Die unterschiedlichen Formen des Schädelkults zeigt noch bis 29. April eine Ausstellung der Reiss Engelhorn-Museen in Mannheim. Mehr Informationen, auch zu besonderen Angeboten für Kinder, findest Du im Internet: www.rem-mannheim.de