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Der unsichtbare Angeklagte

 

Es sollte der nächste große Auftritt der internationalen Strafjustiz werden. In der Besuchergalerie des Gerichtssaals hatte das diplomatische Corps hinter kugelsicherem Glas Platz genommen. Vor dem Gerichtsgebäude drängelten sich die Übertragungswagen – und dann erschien die Hauptperson einfach nicht.
Charles Taylor zog es zur Eröffnung seines Prozesses Montag morgen vor, in seiner Zelle zu bleiben. Sein Wahlverteidiger Karim Khan erklärte den sichtlich verblüfften Richtern, Staatsanwälten und Zuschauern, sein Mandant werde solange nicht am Prozess teilnehmen, bis sein Anwaltsteam finanziell und personell besser ausgestattet sei. Dann legte der Jurist sein Mandat nieder. Dem folgte ein einstündiges multiethnisches Wortgefecht zwischen dem Briten Khan, der Vorsitzenden Richterin Julia Sebutinde aus Uganda, ihrem Beisitzer aus Samoa sowie dem amerikanischen Chefankläger. Alle Spielarten der englischen Sprache schwirrten durch den Saal – es sei denn, der sierraleonische Simultandolmetscher hatte versehentlich die Kopfhörer aller Anwesenden auf Krio geschaltet, was die kreolische Hauptsprache in Sierra Leone ist. Schließlich rauschte Taylors Verteidiger unter Protest und mit wehender Robe aus dem Saal, was ihm nachträglich noch ein Verfahren wegen Missachtung des Gerichts einbringen dürfte. Sage keiner, dass internationale Strafjustiz nicht unterhaltsam sein kann. Ob die Menschen in Sierra Leone, die den ersten Prozesstag am Radio oder auf großen Videoleinwänden verfolgten, das komisch fanden, darf allerdings bezweifelt werden.
Das Problem ist: der Prozess gegen den ehemaligen liberianischen Präsidenten gilt schon qua Prominenz des Angeklagten als ein Prüftstein für die globale Strafgerichtsbarkeit. Einen solches Verfahren in Abwesenheit des Angeklagten und nur im Beisein eines Pflichtverteidigers zu führen, ist zwar möglich, macht aber – gelinde gesagt – keinen guten Eindruck.
Taylor ist der Kriegsverbrechen und Verbrechen in elf Fällen angeklagt, weil er die berüchtigste Rebellengruppe des sierraleonischen Bürgerkriegs mit Geld, Waffen und liberianischen Truppen unterstützt haben soll. Der Prozess vor dem internationalen Sondergericht in Sierra Leone war aus Sicherheitsgründen nach Den Haag verlegt worden, weil man befürchtet hatte, dass ein Verfahren in Freetown den fragilen Frieden in der Region hätte gefährden können. Taylor, das ewige Gespenst.
Nun zeichnet sich ein anderes Szenario ab: Taylor, der Unsichtbare. Der zweite Verhandlungstag ist für Ende Juni angesetzt. Dass die Anklagebank dann besetzt sein wird, ist unwahrscheinlich. Und am Montag abend wußte in Den Haag noch niemand so recht, wie es weitergehen soll.