Von Kabul bis Kinshasa

Mia, Madonna und die armen Afrikaner

Von 7. Mai 2009 um 15:00 Uhr

Seit elf Tagen hungert die amerikanische Schauspielerin Mia Farrow für Darfur. Seit mehreren Monaten versucht die Pop-Sängerin Madonna, ein zweites Kind aus Malawi zu adoptieren. Farrow beschreibt ihr Fasten gegen Völkermord täglich auf ihrer Website und schildert mit der unbeirrbaren (Mit)Leidensfähigkeit einer Mutter Teresa, was der Hausarzt zu ihrem Gewichtsverlust sagt und was Barack Obama gefälligst endlich zur Regierung im Sudan sagen soll. Madonna lässt regelmäßig durch ihre PR-Agenten ausrichten, dass sie mit Adoptionen “Kinder aus dem Elend” retten will und im übrigen mit ihrer Hilfsorganisation “Raising Malawi” auch alle übrigen Waisen im Land.

Zwei berühmte Frauen mit so vielen guten Absichten! Warum bloß schwillt einem der Hals, wenn man sie reden hört?

Okay, es ist nicht fair, Mia Farrow und Madonna in einen Topf zu werfen. Die eine engagiert sich seit Jahren in Darfur, fährt in Flüchtlingslager, sammelt Geld, schreckt Kongress-Abgeordnete auf und protestiert nun mit Nahrungsverweigerung gegen die Ausweisung von 13 internationalen Hilfsorganisationen aus Darfur. Madonna hingegen rauschte erstmals 2006 auf einem ihrer Ego-Trips gen Malawi, setzte sich mit den Allüren einer Queen Almighty und vermutlich reichlich Geld über die nationalen Adoptionsgesetze hinweg und nahm einen Halbwaisen namens David, zu dem sie eine kosmische Beziehung zu verspüren glaubte, heim in ihren Kabbala-Fitness-Zirkus. Jetzt möchte sie ein malawisches Mädchen – koste es, was es wolle.

Mia Farrow, Madonna, Bono, Bob Geldof, Brangelina, George Clooney – die Liste der weißen Afrika-Freunde ist lang. Manche finanzieren sinnvolle Projekte, bei anderen darf man das bezweifeln. Manchen ist es ernst mit ihrem Engagement, andere schmücken sich mit Auftritten im Karitas-Jet-Set. Wenn sich David Bowie oder Gwyneth Paltrow mit aufgemalten “Stammeszeichen” im Gesicht unter dem Motto “I am African” fotografieren lassen, und das Ganze als Kampagne zur Rettung von Kindern in Afrika verkauft wird, dann ist das eben keine Form der Aufklärung, sondern der Rassismus der Gutmenschen. In diesem Fall der echt coolen Gutmenschen.

Pop-und Politstars bereisen Katastrophengebiete und adoptieren schwarze Babies “ungefähr so, wie meine New Yorker Freunde und ich ins Tierheim fahren, um Hunde zu adoptieren.” Das schrieb Uzodinma Iweala, amerikanischer Schriftsteller und Sohn nigerianischer Eltern, im Sommer 2007 in einem viel beachteten Kommentar mit dem schönen Titel “Stop Trying To Save Africa”. Zu deutsch: Hört endlich auf, Afrika retten zu wollen.

Nichts gegen Solidarität und Hilfe für afrikanische Krisengebiete, sagt Iweala. “Aber man fragt sich wirklich, ob diese Hilfe aufrichtig ist oder ob damit die Überlegenheit der eigenen Kultur demonstriert werden soll.” Er habe die Schnauze voll von Benefizkonzerten, Spendenmarathons und Wohltätigkeit-Galas, bei denen erst die afrikanischen Katatstrophen aufgezählt werden und dann irgendwelche weißen Prominenten berichten, was sie alles für Afrika getan haben.

Mia Farrow gehört nicht in diese Kategorie der edlen Selbstdarsteller. Sie gehört in die Kategorie der selbstdarstellenden Edlen. “Wenn die Medien durch mich einen Aufhänger haben, um an das Sterben in Darfur zu erinnern,” schreibt sie in ihrem Blog, “dann hat sich die Sache schon gelohnt.”

Genau das ist ja das Problem. Wir brauchen immer noch weiße Gesichter, um Afrika zu sehen. Erst waren es die Missionare und Kolonialherren, jetzt sind es die VIP-Wohltäter. Wenn es um Menschenrechtsverletzungen in Russland, Birma oder dem Iran geht, identifizieren wir uns problemlos mit Betroffenen aus diesen Ländern, mit einer Anna Politkowskaja, einer Aung San Suu Kyi oder einer Shirin Ebadi. Das heisst: wir erkennen an, dass diese Menschen nicht nur Opfer sind, sondern auch Handelnde. Wenn es um den Kongo, um Darfur oder Malawi geht, brauchen wir Angelina Jolie, Mia Farrow oder Bono. Als ob es dort keine Aktivisten gäbe, die sich wehren, sich kümmern, sich engagieren. Als ob dort nur eine Masse der Hilf-und Wehrlosen, der Infantilen vor sich hindämmert, denen weiße Amerikaner und Europäer unter die Arme greifen müssen.

“Raising Malawi – Malawi groß ziehen” – so hat Madonna ihre Organisation genannt. Stellen wir uns doch mal vor, Youssou N’Dour, der Weltstar aus dem Senegal, würde in Deutschland eine Stiftung gegen Kinderarmut mit dem Namen “Raising Germany” gründen und sich mit väterlichem Lächeln und weißen Babies im Arm fotografieren lassen? ‘Was bildet der sich ein’, würden wir sagen. ‘Der spinnt wohl.’

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Leser-Kommentare
  1. 1.

    Frau Böhm,
    Sie können doch nicht Deutschland mit Afrika vergleichen. Finde ich unmöglich der Satz: “Was wäre wenn ein afrikanischer Popstar in Deutschland eine Stiftung für Kinder gründen würde….”

    Wir müßten eigentlich in der Lage sein uns selbst zu helfen, das ist pure Ironie.

    Hört sich so an, als ob Sie etwas gegen Madonna haben, die nur helfen möchte und deshalb ein Waisenhaus gründete. Der Zeitpunkt ist doch uninteressant, oder? Ob 2006 oder 1930…

    Glauben Sie, sie hat die Fotografen nach Afrika bestellt um alles zu dokummentieren?!
    Das hat sie gar nicht nötig, im Gegenteil, sie sagte einmal, dass es leider normal ist, dass sie ständig unter Beobachtung (gemeint sind Fotografen) stehe und dies eben der hohe Preis ist den sie zahlen muss, weil berühmt ist … (Andere sog. Stars können nicht so gut damit umgehen – siehe z. B. Britney Spears)

    Ich finde jede Adoption klasse, um Waisenkindern zu helfen, egal von welchem Kontinent…

    Ich würde es auch tun, anstatt selbst ein Kind in diese Welt zu setzen…

    • 8. Mai 2009 um 10:54 Uhr
    • Sandra
  2. 2.

    Aber Sandra, Sie sind doch nicht etwa eine Rassistin und meinen, Afrikaner können sich nicht auch selbst helfen?
    Sie könnten schon, wenn sie müssten und die Entwicklungspolitik nach unserem Maßstab nicht mehr zerstörte als hilft.
    PS Ich finde Adoption in einen anderen Kulturkreis hinein bedenklich.

    • 9. Mai 2009 um 22:47 Uhr
    • Grummel
  3. 3.

    [...] Böhm in Mia, Madonna und die armen Afrikaner Madonna hingegen rauschte erstmals 2006 auf einem ihrer Ego-Trips gen Malawi, setzte sich mit den [...]

  4. 4.

    “Genau das ist ja das Problem. Wir brauchen immer noch weiße Gesichter, um Afrika zu sehen. Erst waren es die Missionare und Kolonialherren, jetzt sind es die VIP-Wohltäter.”

    Ich möchte mich da nicht anschließen – ich finde das, was diese VIP-Wohltäter tun, eher lächerlich.

    Das Problem ist halt, daß man von hier aus nichts über lokale “Helden” erfährt. Gibt es welche?

    “Als ob es dort keine Aktivisten gäbe, die sich wehren, sich kümmern, sich engagieren. Als ob dort nur eine Masse der Hilf-und Wehrlosen, der Infantilen vor sich hindämmert, denen weiße Amerikaner und Europäer unter die Arme greifen müssen.”

    nennt erst mal keine.

    Youssou N’Dour ist womöglich einer? Ein, zwei Sätze über ihn hätten sicher nicht geschadet.

    • 19. Mai 2009 um 16:09 Uhr
    • Jens
  5. 5.

    was die frau böhm auch nur macht, ist die aufrichtigkeit des handelns von madonna und co zu hinterfragen, was ohne zweifel möglich sein muss. mir fällt es ein wenig schwer, den stars bei adoptionen die aufrichtigkeit abzuerkennen, da es schließlich langfristige auswirkungen auf ihr persönliches leben hat. die wirkung eines damit zusammenhängenden kurzfistigen mediengacks ist wohl kaum damit zu vergleichen.
    ich sehe solche adoptionen auch kritisch, und erst recht ein höherstellen der eigenen kultur über andere. und die schuldfrage, warum afrika so arm ist, wie es das jetzt ist, brauche ich hier wohl auch nicht stellen. fakt ist, dass afrika arm ist, und dass es hilfe benötigt, und fakt ist auch dass deutschland THEORETISCH in der lage ist, sich selbst zu helfen (das es praktisch an manchen stellen nicht der fall ist, ist auch klar).
    in sofern würden wir eine solche hilfsaktion, wie von frau böhm beschrieben, wenn ein senegalese ein weisses kind adoptiert usw. als schlecht empfinden, weil das soziale engagement an der falschen stelle kommt (aus unserer sicht)
    insofern sollte man schon genauer sagen, was man eigentlich meint.
    was uns bleibt, ist immer alles kritisch zu hinterfragen und uns über alles eine so präzise eigene unabhängige meinung zu bilden wie möglich.
    das nennt man dann wohl aufklärung

    • 21. Mai 2009 um 17:33 Uhr
    • lucas
  6. 6.

    Mir hat genauso wie jens ein oder zwei Beispiele von Andrea Böhm gefehlt, aber dann habe ich an ihre Berichte über Herrn Kibala gedacht, die man oben lesen kann. Ich selbst war vor ein paar Jahren in Malawi mit einer Hilfsorganisation und wir haben auch Projekte der dort lebenden afrikanischen Frauen besucht. Mit einfachen Mitteln, aber viel Engagement und Kreativität machen sie das beste aus ihrer Situation. Jemand sagte mal, die Frauen in Afrika tragen den Kontinent auf ihren Schultern. Wenn wir davon nichts erfahren, dann wohl deshalb, weil sie zu arm sind, um auf sich aufmerksam zu machen. Deswegen brauchen wir gute Journalisten, die sie ausfindig machen und über sie berichten.

    • 22. Mai 2009 um 23:14 Uhr
    • Dana
  7. 7.

    [...] Dienstag 02.06.2009 Afrika Nieder mit der Entwicklungshilfe? Von Andrea Böhm | 22:54 Von Madonna und ihren Adoptionsplänen in Malawi gibt es nichts Neues zu berichten. Wohl aber von der [...]

  8. Kommentar zum Thema

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