Online und Offline – über das Leben in zwei Welten

Geschäftsmodell: Nett sein zu Piraten

Von 2. Oktober 2009 um 12:16 Uhr

In einem Interview mit Fora.TV beschreibt der WIRED-Chefredakteur Chris Anderson ein Geschäftsmodell, demzufolge man von Netzpiraten durchaus profitieren könne. Verhindern kann man illegale Kopien von Musik, Film, Spielen und Software sowieso nicht, dafür ist das Kopieren technisch zu einfach und zudem äußerst billig zu bewerkstelligen.

Anderson hat jüngst mit seinem Buch “Free” (hier der Link zum kostenlosen Audiobook) eine Bresche geschlagen für Geschäftsmodelle, die auf einer Kultur des Schenkens beruhen: Langfristig könnten sowohl Unternehmer als auch Künstler davon profitiert, wenn sie ihre Inhalte zunächst kostenlos heraus geben. Passend dazu will Anderson  jetzt auch eine Bresche schlagen für Software-Piraterie.

Als Beispiel nennt er den Software-Hersteller Microsoft. In Entwicklungsländern wie China kursieren derzeit vermutlich mehr illegale Microsoft-Kopien als lizensierte, und mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Der erste Reflex von Microsoft war anfangs, Druck auf Peking auszuüben und auf eine Bestrafung der Software-Piraten zu drängen.

Heute sieht die Situation völlig anders aus. Zwar halten die massiven Urheberrechtsverstöße an, aber Microsoft geht kaum noch ernsthaft gegen die Piraten vor. Bill Gates selbst hat dazu gesagt: “Der chinesische Markt entwickelt sich rasant. Wenn die Chinesen Software stehlen, dann ist es uns am liebsten, wenn sie wenigstens unsere Software stehlen.”

Dank kostenloser Software sänken die Kosten fürs Computing, was die wirtschaftliche Entwicklung beschleunige. Langfristig würden die Chinesen so in die Lage versetzt, für Software auch bezahlen zu können. Und dann wären Millionen bereits Kunde von Microsoft, und an die Produkte des Konzerns gewöhnt. Langfristig hat sich Microsoft damit also einen riesigen, neuen Markt erschlossen.

Heute behandelt Microsoft auch junge Firmen so: Start-ups, die weniger als 3 Jahre auf dem Markt sind und weniger als eine Million Dollar Umsatz machen, können Microsoft-Software kostenlos benutzen. Weil das ihre eigenen Infrastruktur-Kosten reduziert, werden die Firmen schneller in die Lage versetzt, zu expandieren. Und dann viele Lizenzen von Microsoft kaufen, so das Kalkül.

Könnte man diese These nicht auch auf jugendliche Netzpiraten anwenden? In der Tat laden vor allem junge Menschen Musik und Filme herunter. Junge Menschen, die in der Regel nur über ein knappes Taschengeld verfügen. Spielte Geld überhaupt keine Rolle – und wären offizielle Online-Shops benutzerfreundlich genug zu bedienen – trügen sicher viele von ihnen liebend gern dazu bei, dass Autoren und Musiker von ihrer künstlerischen Arbeit vernünftig leben könnten.

Die Branche klagt gerne über die durch Tauschbörsen entgangenen Einnahmen. Selten ist in den Gewinn-Verlust-Rechnungen der Unterhaltungsindustrie indes von den immensen Umsatzeinbußen die Rede, die die große Gruppe der Nicht-Musikhörer und Nicht-Kinogänger verursacht. Das schlimmstmögliche Szenario für die Branche wäre doch, wenn junge Menschen gar keine Musik mehr hörten, und keine Filme mehr guckten. An Kulturkonsum gewöhnt man die Jugendlichen am besten in frühen Jahren. Und vielleicht werden viele junge Piraten von heute dann schon morgen in der Lage sein, für ihre Leidenschaften auch zu bezahlen.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 9.

    zum thema ms und schulen:
    mir sind mehrere fälle bekannt, in denen schüler, die zu hause “nur” einen Rechner mit linux hatten, von ihren informatiklehrern aufgefordert wurden, sich bis zur nächsten woche einen rechner mit windows zu besorgen, um hausaufgaben erledigen zu können. was berechtigt einen lehrer dazu dies zu fordern?

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    • 4. Oktober 2009 um 11:57 Uhr
    • teh
  2. 10.

    “Langfristig würden die Chinesen so in die Lage versetzt, für Software auch bezahlen zu können.”

    Die westlichen Konzerne haben immer noch nicht verstanden, dass der Chinese nie und nimmer aufhören wird Raubkopien zu erstellen. Auch alle sonstigen Produkte wird er immer wieder fälschen und kopieren. Momentan ist der Chinese noch stark von unseren Entwicklungen abhängig, da er nicht imstande ist selbständig etwas zu erschaffen. Doch auch das wird sich eines Tages ändern und dann werden wir alle einen gewaltigen Tritt in den Hintern kassieren.

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    • 4. Oktober 2009 um 16:28 Uhr
    • Berthold
  3. 11.

    @teh: Vielleicht sollte man die Lehrer darauf ansprechen. Openoffice-Dokumente sind immerhin ein ISO-Standard. Leider ist allerdings auch so, dass man sich auf vielleicht ein oder zwei Formate einigen muss.
    Ich hatte noch keine Hausaufgaben in der Schule auf dem Computer zu erledigen, aber während der Studienzeit und jetzt halte ich immer so, dass ich verwende was ich möchte, meistens freie Software (Linux, Latex, Openoffice), solange jemand anders meine Dokumente lesen kann. Das endet dann meistens in PDF. Aber ich arbeite auch in der Uni, da ist glücklicherweise mehr Freiheit erlaubt.
    Mir ist es allerdings beim Bewerben passiert, dass Firmen mich aufgefordert haben meinen Lebenslauf (PDF, Latex) nochmals in Word zu schicken. Wozu bitte?
    Ich werde jedenfalls alles tun, dass freie Software eine Chance bekommt, auch wenn es manchmal anstrenged ist.

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    • 5. Oktober 2009 um 08:37 Uhr
    • dcrabs
  4. 12.

    Sehr guter Artikel! Informiert, ohne beeinflussend zu wirken(aber vllt. nur auf mich ;D ).
    Das hier dann allerdings wieder die Neider und Microsoft-Hater angezogen werden war ja klar xD

    mfg

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    • 5. Oktober 2009 um 12:47 Uhr
    • kingt
  5. 13.

    So, So!
    Die Einstellung, verschenken wir doch unsere Leistungen, dann kommen der Rest später, ist doch nichts anderes als eine miese Methode neue, innovative Unternehmen den Marktzugang schlicht zu versperren. Was nützt es einem Start up- Unternehmen die Verwaltungsprogramme umsonst zu bekommen, aber seine Internetinnovationen nicht verkaufen zu können, da Multis Ihre Marktmacht derart ausnutzen. Das ist schlimmer als Dumpingpreise. Hüten wir uns davor, dass in ein paar Jahren Firmen wie google und Gates mit seinem Laden, alle Leistungen die im Internet zur Verfügung stehen liefern und dafür heftig abkassieren werden.

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  6. 14.

    oh mann, mal ehrlich:

    “wären offizielle Online-Shops benutzerfreundlich genug zu bedienen” ist seit einigen jahren wohl echt kein argument mehr. bei amazon, itunes music store etc. findet wohl auch ein dressierter affe schnell das, was er sucht und hat’s mit 2 klicks gekauft.

    “Ich selbst bin dazu übergegangen mir gebrauchte CD’s zu kaufen (Flohmarkt, Plattformen) und/oder zu tauschen” – herzlichen glückwunsch. klappt wahrscheinlich super auch bei neuen veröffentlichungen.

    “Dass man sich mit runtergeladenen Songs eine goldene Nase verdienen hat, hat u.a Apple eindrucksvoll gezeigt.” nein, apple hat wohl eher gezeigt, dass man sich mit dem verkauf von ipods eine goldene nase verdienen kann – nicht musik.

    “Stattdessen wird man als zahlender Kunde gezwungen, sich mit Cracksoftware eine Kopie von der gekauften CD zu machen, um diese am PC oder MP3-Player anhören zu können (DRM).” ehm, nein. einfach MP3s online kaufen. (DRM ist übrigens auch bereits geschichte bei musik CDs)

    ganz generell wird hier im artikel und in den kommentaren mal einfach und unbedarft das wiedergegeben, was man in den letzten jahren so zum thema aufgeschnappt hat. super auch, das als eigene meinung zu verkaufen. was damals vollkommen richtige punkte waren, ist schon LANGE nicht mehr so.

    der vergleich zwischen software und musik ist bei diesem thema auch mehr als unangebracht und hinkt. wenn kids sich aktuelle songs aus einer tauschbörse o.ä. ziehen, dann kaufen sie doch nicht zwangsläufig auch zukünftige tracks dieser künstler. und warum sollten sie zukünftig bezahlen, wenn sie doch gelernt haben, dass es umsonst geht?

    ps: @berthold: super formulierung, “der chinese”.

    smh

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    • 5. Oktober 2009 um 15:12 Uhr
    • pwnd
  7. 15.

    die link-fails sagen eigentlich schon alles zur kompetenz der autorin zum thema.

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    • 5. Oktober 2009 um 15:18 Uhr
    • pwnd
  8. 16.

    Das ganze ist doch ganz einfach. Es gibt hier und in der gesitteten Welt ein Urheberrecht und wer dagegen vertößt ist ein Rechtsbrecher, der verfolgt werden muss, ebenso wie Ladendieb, Falschparker oder Insolvenzbetrüger. Dass es eine Technik gibt, urheberrechtlich geschütztes Material zu kopieren wie es ebenso Techniken gibt Auto- oder Wohnungstüren zu öffnen, gibt den jeweiligen Technikanwendern keinerlei Recht Content oder Autos zu stehlen oder Wohnungen auszuräumen, weil man angeblich ein Recht auf freie Nutzung von Content hat, bei Auto- oder Wohnungsnutzung durch Fremde würden wahrscheinlich auch viele Piraten aufjammern. Auf dieser Ebene sollte mal die Diskussion stattfinden. Nebenbei die meisten Piraten wurden hingerichtet.

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  9. Kommentar zum Thema

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