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Illegale Downloads und fragwürdige Zahlen – ein offener Brief an die Musikindustrie

Von 27. Januar 2010 um 16:23 Uhr

Lieber Herr Michalk,

vor einiger Zeit haben wir uns bei einer Konferenz kennen gelernt, bei der ich mich zum Verhalten der Kulturindustrie im Allgemeinen und der Musikindustrie im Besonderen äußern durfte. Ich echauffierte mich darüber, wie manipulativ Lobbyisten der Verwertungsindustrie mit Zahlen hantieren, wenn es darum geht zu zeigen, wie Urheberrechtsverletzungen ihnen zu schaffen machen (gern als “Piraterie” oder “Raubkopien” bezeichnet, um zu suggerieren, dass es sich um ein Verbrechen handelt, bei dem Menschen Gewalt angetan wird; oder auch mit organisierter Gewaltkriminalität und gar Terrorismus in Zusammenhang gebracht).

Demnach sollen den Rechteinhabern (nicht den Urhebern!) durch Verletzungen von Imaterialgüterrechten 200 bis 250 Milliarden Dollar an Einnahmen verloren gehen und es würden 750.000 Jobs gefährdet. Das Problem an den Zahlen ist nicht allein, dass nicht klar ist, worauf sie sich beziehen. Gehen diese Jobs und diese Einnahmen pro Jahr verloren? Oder kumulativ? Über welchen Zeitraum?

Sondern dass bislang auch unklar blieb, wie diese Zahlen zustande kamen. Wer hat sie erhoben? Mit welcher Methode?

Zum Glück gibt es Blogs. Daher können wir beide den Machern von Ars Technica dankbar sein, die für einen wunderbaren Beitrag mit dem Titel “750,000 lost jobs? The dodgy digits behind the war on piracy” aufwändig recherchiert haben, was dran ist an den Zahlen. Ein Hinweis bietet schon der Untertitel: “A 20-year game of Telephone”, sinngemäß “20 Jahre stille Post”.

Die Antwort: nichts ist dran an den Zahlen. Ausgedacht, weitererzählt, zitiert, dann wieder zitiert, dann nochmal zitiert, und schon hat man Quelle über Quelle, auf die man sich berufen kann – völlig unabhängig davon, dass es nie eine belastbare Aussage gab.

Sie waren bei der Konferenz mit meinen Einlassungen nicht einverstanden und haben mir in Ihrer freundlichen Art (keine Ironie, ich finde Sie sehr sympathisch!), gesagt, dass wir uns unbedingt zusammensetzen sollten um darüber zu reden, woher denn die Zahlen kommen. Daran hätte ich großes Interesse, sagte ich und schickte Ihnen den Link zum Artikel von Ars Technica, den Sie aber nie kommentiert haben.

Ebenfalls großes Interesse hatte ich kurz nach der Konferenz am Artikel eines Kollegen des Guardian Illegal downloads and dodgy figures, der die Zahlenspiele der Musikindustrie im Besonderen unter die Lupe genommen hatte. Sein Fazit: “As far as I’m concerned, everything from this industry is false, until proven otherwise.” Er ist übrigens Wissenschafts-, nicht Musikjournalist.

Es dauerte dann noch mehr als ein halbes Jahr, bis wir uns tatsächlich trafen, nicht ganz unpassend im Einstein unter den Linden, wo sich Lobbyisten und Journalisten eben treffen. (Ich habe mein Frühstück selbst bezahlt.) Wir redeten kaum über Zahlen. Es ging vielmehr darum, wie es in Zukunft weitergehen wird mit Internet und Digitalisierung, was die Aufgabe der Verwerter sein kann und wovon Kreative leben sollen. Es war ein angenehmes Gespräch, und ich habe Sie als klugen und differenzierten Beobachter empfunden. Dass wir bei den meisten Themen nicht einer Meinung waren, hat mich nicht überrascht (und Sie bestimmt auch nicht). Wir sind ja erwachsen und können damit leben, dass es unterschiedliche Auffassungen gibt in dieser Welt.

Kürzlich habe ich dann in meinem Posteingang eine Email mit folgendem Bestreff gefunden: “Bundesverband Musikindustrie veröffentlicht Positionspapier zur Kulturflatrate”. Und was lese ich da?

Der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) hat ein Positionspapier mit zehn Argumenten gegen die Kulturflatrate veröffentlicht. “Bei Diskussionen um das Urheberrecht in der digitalen Welt fällt immer wieder das Schlagwort von der Kulturflatrate, obwohl eigentlich niemand genau weiß, was damit genau gemeint ist”, so Stefan Michalk, BVMI-Geschäftsführer. “Was von den Befürwortern als Lösung aller Probleme gesehen wird, wäre letztlich nichts anderes als die Kapitulation der Politik vor der Komplexität des Urheberrechts in der digitalen Welt”, so Michalk weiter.

In zehn Thesen, “Argumente” genannt, wird dann erläutert, warum die Kulturflatrate eine Kapitulation der Politik vor der Komplexität des Urheberrechts wäre.

Der Blogger Simon Columbus Markus Beckedahl hat diese Thesen bei netzpolitik.org sofort zur Diskussion gestellt. Und auch sonst ist viel über die Flatrate geschrieben worden. Keine Angst, ich will sie nicht überzeugen, dass sie eine tolle Idee ist – darum geht es gar nicht.

Denn ich bin ohnehin nur bis zu Punkt drei ihrer “Argumente” gekommen. Da steht:

Die Kulturflatrate führt zu einer unverhältnismäßig hohen Belastung aller Konsumenten und benachteiligt sozial Schwache. Mit fortschreitender Digitalisierung und zunehmendem Ausbau der Bandbreiten sind immer mehr Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft vom unrechtmäßigen Gebrauch ihrer Produkte betroffen. Eine Kulturflatrate müsste mittelfristig nicht nur Musik, Filme oder Bücher erfassen, sondern würde alle Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft betreffen. Nach Schätzungen der Bundesjustizministerin kämen auf jeden Verbraucher mit Internetanschluss zusätzliche Kosten in Höhe von 50 Euro pro Monat zu. Gerade sozial Schwache können sich das nicht leisten.

Schätzungen der Bundesjustizministerin? Das ist interessant. Können Sie mir dafür eine Quelle nennen? Sie meinen doch hoffentlich nicht die Interviews, in denen die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries sagte, dass die Kosten für jeden Einzelnen bei fünfzig Euro im Monat liegen könnten, oder? Weil, wenn Sie das meinen, dann muss ich Ihnen leider sagen, dass da ein Missverständnis vorliegt.

Frau Zypries hat einfach irgendwelche Zahlen genommen, die von den Befürwortern der Kulturflatrate ins Spiel gebracht worden waren. Aber die können für sie ja keine Relevanz haben, da “eigentlich niemand genau weiß, was damit genau gemeint ist”, wie sie sagen, so dass genaue Zahlen nach Ihrer Ansicht gar nicht existieren können. Schon gar nicht, wenn diese Schätzung der Befürworter offenbar noch mit einem Faktor zwischen fünf und zehn multipliziert wurde.

Wie Frau Zypries darauf kam, hat sie nicht verraten, musste allerdings recht schnell ihre Aussage zurücknehmen und erwähnte anschließend gar keine Zahlen mehr. Sie waren wohl etwas vage.

Nicht zu vage allerdings, um von Ihnen acht Monate später als “Schätzungen der Bundesjustizministerin” verkauft zu werden.

Mich machen solche Tricks misstrauisch. Als Journalist lernt man, wenn Namen und Zahlen nicht stimmen, verspielt man die Glaubwürdigkeit des gesamten Artikels. Und irgendwann auch die Glaubwürdigkeit der Institution, die sie veröffentlicht hat.

Trotzdem bin ich nicht sehr optimistisch, was die “Schätzungen der Bundesjustizministerin” angeht. Ich fürchte, es wird weiter abgeschrieben werden. Und irgendwann werden eine Menge Menschen davon ausgehen, dass die Kulturflatrate jeden Bürger fünfzig Euro im Monat kostet und glauben, dass der Bundesverband Musikindustrie sich für die sozial Schwachen in unserer Gesellschaft einsetzt.

Ich hoffe, ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass es dazu nicht kommt. Und schließe mich dem Kollegen des Guardian an: Ich gehe (weiterhin) davon aus, dass alles, was von dieser Industrie kommt, als falsch betrachtet werden muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Mit freundlichen Grüßen
Matthias Spielkamp

Stefan Michalk ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), Matthias Spielkamp ist Journalist, Blogger und Gründer von iRights.info, einer Seite, die sich mit Urheberrechten in der digitalen Welt beschäftigt.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 41.

    ..immer noch kein Wort zu CreativeCommons .. ich fasse es nicht.

    Millionen, wirklich MILLIONEN geistiger Erzeugnisse sind inzwischen so lizensiert.

    Und die Print-Zeit stellt Lawrence Lessig nur mal ganz versteckt (& irgendwie irreführend) als Jemanden vor, der einen Vorschlag der Grünen in Deutschland unterstützen würde.

    *seufz*

    Antworten

  2. 42.

    Es ist auch interessant sich die anderen Zahlen, wie z.B. den Umsatz mal anzuschauen.
    Es fällt dann nämich auf, dass es sich eigentlich um einen geradezu winzigen Wirtschaftszweig handelt, der es schafft, nur durch lautes, konsequentes Jammern, jede Menge Aufmerksamkeit in der Presse und beim Gesetzgeber zu bekommen.
    Umsatz an CDs/DVDs etc. 2008: 1,5 Mrd.
    Zum Veregleich der Umsatz von Daimler: 95,9 Mrd.

    Antworten

    • 8. Februar 2010 um 10:41 Uhr
    • Michael
  3. 43.

    Ein Label brauch ich nicht.

    Weil ich selbst Digitalvertreibe Tunecore(itunes,.,.,).

    Gema brauch ich nicht.

    Weil das System veraltet ist u. mich im Digital-Zeitalter aufhält.

    Alles was ich bruach ist jemand der mir seine Dienste anbietet für weniger kosten u. noch mehr Leistung.

    Das Internet hat den Spieß umgedreht:-).

    peace.

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    • 18. März 2010 um 07:52 Uhr
    • Binjam
  4. 44.

    Lieber Herr Spielkamp,

    Glückwunsch zu ihrem gelungenen Artikel. Es ist unglücklich Zahlen zu nehmen die man nicht belegen kann, dass gibt Fläche für Angriffe wie den Ihrigen.

    Denn: Es gibt Dinge, die man leider nicht vollständig mathematisch erheben kann! Genauso wenig wie es möglich ist, wissenschaftlich zu belegen, dass eindeutig 800.000 Liter Öl pro Tag momentan aufgrund der Ölkatastrophe ins Meer fließen, genauso wenig können wir sagen, wie groß der Schaden durch illegale Downloads ist.

    Daher bringt es nicht viel über solche Fakten zu diskutieren. Da Sie ja eindeutig ein Zahlen-Daten-Fakten Mensch sind, schenke ich Ihnen dennoch ein paar Zahlen:

    1.) Die Umsätze der Musikindustrie sind drastisch gesunken und zwar in den letzten 10 Jahren in Deutschland um rund 40%. Die genaue Zahl gibt der Verband der Musikindustrie heraus.

    2.) Die Mitarbeiterzahl der großen Majorlabel in Deutschland ist um mehr als die Hälfte gesunken seit 2000.

    3.) Mal ein Zahlenbeispiel für die Kulturflatrate: Allein die Musikindustrie hat in den Zeiten vor dem Internethype rund 2,4 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland erwirtschaftet. Nehmen wir diesen Umsatz als Basis und rechnen es mal kalkulatorisch auf 25 Millionen deutsche Haushalte, so haben wir schon 8 Euro pro Monat und Haushalt allein für die Tonträgerindustrie. Die Musikverlage werden in etwa den gleichen Anspruch erheben, sodass man allein für die Musikindustrie pro Haushalt rund 16 Euro Netto verlangen müsste. Ich glaube man muss nicht viel Verständnis für Zahlen haben um sich ausmahlen zu können, in welche Richtung der Endpreis tendiert, wenn man Buchverlage, weitere Kreativbereiche und einen Verwaltungsapparat mit einkalkuliert. Warum also keine realistische Zahl nennen?

    Leider fühlen viele Menschen sich von der Musikindustrie angegriffen. Sie scheinen dazu zu gehören. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass Sie eine ganz andere Perspektive erhalten werden, wenn ihr Job in Gefahr ist.

    Ein deutscher Rapper hat mal gesagt: “Musik ist Kunst und Kunst hat einen Preis”. Den auch zu zahlen ist einfach nur fair.

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    • 12. Mai 2010 um 18:48 Uhr
    • Colin
  5. 45.

    Es könnte alles so viel einfacher gehen. Für viele Menschen hat Musik definitiv auch in der jungen, internetnativen Generation einen Wert.

    Über Blogs, last.fm und andere Einrichtungen lernt man Musik kennen, die man sonst unter keinen Umständen zu Ohren bekommen hätte. Man muss unbekanntere Künstler nicht erst mit dem Risiko eines Fehlkaufs kennenlernen. Ein riesiges Meer an Musik offenbart sich dem (jungen) Hörer. Und das anznehmende ist geschehen, es gibt eine neue Generation von Musikliebhabern, ja fast eine neue Art der Musikverehrung. Man muss nicht mehr Teil einer “Szene” sein, um an bestimmte Musikempfehlungen dran zu kommen, man ist freier. Bands gehen um den Globus, ohne das auch nur ein Wort über sie gedruckt wird.

    Und da liegt der Grund für meine Einleitungsthese: Diese Musikliebhaber verstehen auch, dass kleine Bands ohne ihre Unterstützung nicht überleben können. Aber nicht nur das, viele wissen auch das Erlebnis eines haptischen erfassbaren Tonträgers zu schätzen. Ich zum Beispiel finde das Erlebnis einen ein neues Album in der Post zu haben, bis nach der Arbeit zu warten, den Tonträger einzulegen, die Texte im Booklet verfolgen und das Artwork auf mich wirken zu lassen ist tatsächlich einiges Wert.

    Und genau hier setzen meine Verbesserungvorschläge an. Die Zahl der Alben, die ich mir gekauft habe, ist drastisch gestiegen, seit ich in England wohne. Warum? Alben kriegt man online und zum Beispiel bei HMV für (teils deutlich) weniger als 10 Pfund. Für Neuerscheinungen bezahle ich meist zwischen 6 und 8 Pfund, alte Alben sind meist unter der 5-Pfund-Marke. Alte Alben kriegt man in Kombipaketen für sehr wenig Geld. Das sind Preise, die ich bereit bin zu zahlen und die ich mit meinen bescheidenen Finanzverhältnissen auch bezahlen kann. Musik darf kein Luxus sein!

    Außerdem ist Musikliebhaberei auch ein Bildungsprozess. Irgendwann will man wissen, wo die Wurzeln seiner favorisierten Bands liegen. Das führt einen dann unter Umständen Jahrzehnte zurück. Meist werden diese Stücke von den Firmen, die deren Rechte in ihrem Katalog haben, verwertet – ohne dass es noch einen Künstler gibt, der auf diese Einnahmen angewiesen wäre, weil er auch mit neuen Alben noch genug Geld verdient, schon genug hat oder ohnehin schon tot ist. Ich sehe kein Verbrechen irgendeiner Art darin, wenn sich ein Schüler mit einem Interesse für alternative Musik sich beispielsweise das Debütalbum von The Clash runterlädt um damit seinen Horizont auch in die Vergangenheit zu erweitern.

    Natürlich gibt es auch in dieser Generation einen Haufen von Leuten, die die Musik an sich eigentlich nicht viel interessiert, die Berieselung suchen. Für die Musik nur Unterhaltung ist. Ja, die laden sich diese dann vielleicht gigabyteweise runter. Aber im Ernst, wären diese Leute in anderen Generationen die gewesen, die ihr Taschengeld für Schallplatten zusammenkratzen?

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    • 13. Mai 2010 um 00:39 Uhr
    • Nils
  6. 46.

    Ein Nachtrag zu meinem vorherigen Kommentar:
    Das Internet bietet für Kreative neben dem Verkauf ihrer Kunst viele weitere Möglichkeiten des Unterhaltsverdienens. Im (wachsenden) Bereich regelmäßig erscheinender Internetcomics ist das Produkt selbt frei und ohne jegliche Gebühr zu betrachten. Dennoch verdienen (zumindest die erfolgreichen) Künstler durch den Verkauf von T-Shirt, Postern, Orinaldrucken, etc. ihren Lebensunterhalt. Das Bedürfnis seine Vorlieben für Kunst nach außen zu tragen scheint mir deutlich gestiegen in einer Generation, wo “Szenen” unwichtiger oder zumindest undurchschaubarer werden. Die T-Shirts und Poster aktueller Bands sind auch nicht mehr zu vergleichen mit einem ollen ACDC-Shirt, sie sind oftmals selber Kunst.

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    • 13. Mai 2010 um 00:51 Uhr
    • Nils
  7. Kommentar zum Thema

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