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Kampf um Symbole

 

PEDRO REY/AFP/Getty Images
Russischer MI-24-Kampfhubschauber (c) PEDRO REY/AFP/Getty Images

Der Nato-Abzug aus Afghanistan ist beschlossene Sache. Jetzt geht es darum, wie man diesen interpretiert: Als Sieg, als Niederlage, oder als keines von beidem. Welche Interpretation sich durchsetzt, hängt sehr stark von Symbolen ab. Der Abschuss eines Chinook-Hubschraubers mit 30 toten US-Elitesoldaten ist so ein Symbol — es spricht dafür, dass der Afghanistan-Krieg verloren ist.

Hubschrauber sind für den Krieg in Afghanistan eine entscheidende Waffe – das galt für die Russen, die das Land von 1979 bis 1989 besetzt hielten, und es gilt für die US-Armee, die mit den Alliierten seit zehn Jahren am Hindukusch im Einsatz ist. Deswegen traf es die US-Armee wie ein Schock, als ein Chinook-Hubschrauber mit 38 Elitesoldaten an Bord offensichtlich von den Taliban abgeschossen wurde. Noch ist nicht klar, wie das geschehen konnte, doch unter den Befehlshabern herrscht größte Unruhe. Denn wer Hubschrauber vom Himmel holt, kann das Blatt im Krieg wenden. Das ist die beunruhigende Botschaft.

Ein Rückblick in die Geschichte ist da lehrreich. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war die Rote Armee drauf und dran, die afghanischen Mudschaheddin zu besiegen. Die Wunderwaffe der Sowjets war ihr Kampfhubschrauber Mi-24. Mit ihm konnten sie schnell, flexibel und mit überlegener Feuerkraft zuschlagen. Die Mudschaheddin mussten einen Weg finden, diesen Hubschrauber unschädlich zu machen. Sie bekamen die Waffe dazu aus den USA – sie heißt Stinger. Diese Rakete kann von einem einzelnen Kämpfer abgeschossen werden, sie wird per Infrarot gesteuert und trifft ihr Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit. Der CIA lieferte Hunderte dieser Raketen via Pakistan nach Afghanistan. Die Stinger war tödlich für den sowjetischen Kampfhubschrauber. Die Stinger brachte die Wende im Krieg.

Als die USA sich 2001 zur Intervention entschlossen, sandte man im Vorfeld Späher aus, die überprüfen sollten, ob die Taliban vielleicht noch auf Stinger-Raketen aus den achtziger Jahren Zugriff hatten, angeblich sollten seinerzeit mehr als hundert davon noch im Umlauf sein. Wir wissen nicht, ob die Späher fündig geworden sind. Doch die Tatsache, dass sie ausgesandt wurden, zeigt, wie groß die Sorge war.

Jetzt haben die Taliban nach fast zehn Jahren zum ersten Mal einen US-Hubschrauber abgeschossen — mit welchen Mitteln, das ist Teil einer Untersuchung. Der Verlust von 38 Soldaten bei einem einzigen Angriff ist dramatisch, doch schlimmer noch ist die symbolische Niederlage.

Denn der Hubschrauber wird zu einem Zeitpunkt abgeschossen, da die Nato ihren Abzug bis zum Jahr 2014 beschlossen hat. Die Nato versucht alles, diesen Abzug nicht als Niederlage erscheinen zu lassen. Doch sollte es den Taliban in Zukunft öfter gelingen, Hubschrauber abzuschießen, wird ihr das schwer fallen. Denn das Bild hat hohe Symbolkraft – manche mögen sich dabei auch an Vietnam erinnert fühlen. Aus diesem Krieg wiederum gibt es ein Bild, das die bittere Niederlage der USA in Vietnam sehr effektvoll zusammenfasst: Es ist das Foto eines Hubschraubers. Er steht am 30. April 1975 auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon. In letzter Sekunde evakuiert er US–Bürger aus der Botschaft. Stunden später war Saigon in den Händen der Vietcong.

Freilich, Kabul ist nicht Saigon und die Taliban sind nicht die Vietcong. Doch wir reden von einem Bild, das uns eine Geschichte erzählt. Und der abgeschossene Hubschrauber mit 38 toten Soldaten aus den USA und Afghanistan erzählt sicher nicht die Geschichte eines Sieges.